{"id":26090,"date":"2021-10-26T18:06:30","date_gmt":"2021-10-26T16:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/offensiv-anarchistisch\/"},"modified":"2021-12-06T02:23:18","modified_gmt":"2021-12-06T00:23:18","slug":"offensiv-anarchistisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/offensiv-anarchistisch\/","title":{"rendered":"Offensiv anarchistisch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Samstagabend, der 14. August. Der Kongress tanzt. Singer-Songwriter Jo Hetscher und Aktivist Uri Gordon haben sich vom Publikum zu einer letzten Zugabe \u00fcberreden lassen. Mehr als einhundert Menschen sind hier am Hafen M\u00fcnster versammelt, alt und jung und bunt. Sie lauschen alten und neuen Liedern der anarchistischen Bewegung, singen lauthals mit und nehmen teilweise sogar selbst auf der B\u00fchne Platz \u2013 so wie Uri, der sich spontan an die Trommel gesetzt hat. Und jetzt schallt es noch einmal durch den ganzen Hafen: \u201eBella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao &#8230;\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_26253\" aria-describedby=\"caption-attachment-26253\" style=\"width: 561px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26253\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Demokongress.jpg\" alt=\"\" width=\"561\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Demokongress.jpg 561w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Demokongress-300x160.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Demokongress-150x80.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 561px) 100vw, 561px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26253\" class=\"wp-caption-text\">Demozug zum Start des KongressA &#8211; Foto: A.A. Graf<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast ein Jahr lang haben sich Aktivist*innen aus M\u00fcnster mit der Planung und Organisation des KongressA besch\u00e4ftigt. Der schwarzrote Liederabend ist Teil eines dreit\u00e4gigen Programms mit zahlreichen Vortr\u00e4gen, Workshops und Diskussionen.<br \/>\nUrspr\u00fcnglich zum 100. Jahrestag der Beerdigung des anarchistischen Theoretikers <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/wohlstand-fuer-alle\/\">Pjotr Kropotkin<\/a> am 13. Februar 2021 geplant, musste der Kongress coronabedingt um ein halbes Jahr verschoben werden. \u201eKropotkins Beerdigung markiert das letzte Aufb\u00e4umen der anarchistischen Bewegung in der Sowjetunion; sie war ein starkes Zeichen f\u00fcr den freiheitlichen Sozialismus. Insofern war es ein wenig schade, dass wir zum eigentlichen Jubil\u00e4um nur eine kleine Gedenkfeier abhalten konnten\u201c, reflektiert das Orga-Team. \u201eDaf\u00fcr hatten wir jetzt aber Sonne satt. Und das Jubil\u00e4um war ja eh mehr ein Anlass f\u00fcr den Kongress.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Anarchismus in die Offensive!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freitagabend, der 13. August. Genau einhunderteinhalb Jahre nach Kropotkins Beerdigung ziehen mehrere hundert Menschen durch M\u00fcnsters Innenstadt und feiern eine Idee, die anscheinend nicht totzukriegen ist: Die Herrschaftsfreiheit. Unter dem Motto \u201eAnarchismus in die Offensive! Globalen Krisen libert\u00e4r begegnen\u201c fordern Redebeitr\u00e4ge unter anderem eine Aufhebung des Patentschutzes bei Corona-Impfstoffen f\u00fcr den globalen S\u00fcden, ein Ende patriarchaler Gewalt und eine Welt ohne Nationalstaaten, ohne ihre Grenzen, ihre Konkurrenz und ihre Kriege. Vorangegangen war ein einf\u00fchrender Vortrag zur Frage \u201eWas ist das \u2013 herrschaftsfrei?\u201c Erreicht die Demo aber auch jene Menschen, die an diesem Vortrag nicht teilgenommen haben? Werden unsere knappen Slogans der oft so komplexen (und komplizierten) Theorie und Praxis der Herrschaftsfreiheit gerecht? Vielleicht geben wir einigen der Einkaufsbummler*innen ein paar Denkanst\u00f6\u00dfe, immerhin.<br \/>\nManche Menschen lassen sich vielleicht auch besser mit k\u00fcnstlerischen Mitteln erreichen. Am Hafenplatz wird eine Open Stage errichtet. Ralf Burnicki tr\u00e4gt Anarcho-Poetry vor, Sybille Lengauer begeistert mit geradezu sprechgesangartiger Vortragsweise (\u201eGeld? Geil! Geld? Geil! Geil!\u201c), AndySubstanz regt zum Nachdenken an, und mit Vergissmeinnicht und NeoC beweisen gleich zwei lokale Acts, dass politische Musik nicht platt sein muss. Ob es Kropotkin gefallen h\u00e4tte? Ganz bestimmt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Theorie und Praxis verbinden<\/h5>\n<figure id=\"attachment_26251\" aria-describedby=\"caption-attachment-26251\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26251\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/KongressBuch.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"378\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/KongressBuch.jpg 250w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/KongressBuch-198x300.jpg 198w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/KongressBuch-99x150.jpg 99w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26251\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Bernd Dr\u00fccke<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim KongressA ging es grunds\u00e4tzlich darum, die historische und theoretische Reflexion des Anarchismus mit der Reflexion aktueller und internationaler anarchistischer Praxis zu verbinden. Zun\u00e4chst einmal stand also die Vielfalt anarchistischer Theorie und Praxis auf dem Programm. Sie wurde auch in den vier Themenstr\u00e4ngen \u201eTheorieA\u201c, \u201eFeministA\u201c, \u201eHistoriA\u201c und \u201eAktivistA\u201c deutlich: Stadtteilarbeit, Queerness und Tierbefreiung waren genauso Thema wie aktuelle K\u00e4mpfe in Kurdistan oder die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/amparo-poch-y-gascon\/\">Mujeres Libres<\/a> in der Spanischen Revolution. Viele der Beitr\u00e4ge sind auch als Stream bei Youtube verf\u00fcgbar; so bei \u201eM\u00fcnster Digital Radikal\u201c und \u201eM\u00fcnster Tube\u201c. Trotz der Komplexit\u00e4t vieler Themen bem\u00fchten sich die Referent*innen mehrheitlich, ihre Beitr\u00e4ge so verst\u00e4ndlich und auch so unterhaltsam wie m\u00f6glich zu pr\u00e4sentieren. Zum Beispiel Bernd Dr\u00fccke, der seinen historischen Vortrag \u00fcber anarchistische Presse mit einem Interview zur Lage der G\u01cei D\u00e0o auflockerte und daf\u00fcr sowohl den ersten als auch den aktuellen (und hoffentlich nicht letzten) Redakteur der Zeitschrift befragte \u2013 und es sich zum Schluss nicht nehmen lie\u00df, ein Liedchen der Anarcho-Kabarettgruppe \u201eDie 3 Tornados\u201c zum Besten zu geben. Auch die AG Feministische K\u00e4mpfe der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) Dresden hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen: Ihr Vortrag zum spannungsvollen Verh\u00e4ltnis zwischen Syndikalismus und Feminismus (\u201eSyndi\u201c und \u201eFem\u201c) geriet erst zur szenischen Lesung und wurde dann durch eine \u201eZeitreisende\u201c unterbrochen, die sich \u00fcber die merkw\u00fcrdigen Gebr\u00e4uche im Jahr 2021 wunderte: Lohnarbeit? Ehe? <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/gender-binaer-oder-queer\/\">Bin\u00e4re Geschlechterordnung<\/a>? Zumindest in einer m\u00f6glichen Zukunft ist die Menschheit da schon ein St\u00fcckchen weiter.<br \/>\nAndere Vortr\u00e4ge waren akademischer, aber deswegen nicht weniger spannend: So referierte Andreas Hellgermann vom Institut f\u00fcr Theologie und Politik \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Kapitalismus und Religion, w\u00e4hrend Uri Gordon seine anarchistische Sozialtheorie wegen technischer Schwierigkeiten rein m\u00fcndlich vortragen musste und den Englischkenntnissen seines Publikums dabei einiges abverlangte. Die anschlie\u00dfende engagiert gef\u00fchrte Diskussion zeigte aber, dass sich die M\u00fche gelohnt hat. Nach drei Themenslots und leckerer K\u00fcche f\u00fcr Alle endete der Tag beim anarchistischen Liederabend am Hafen bzw. in der Szenekneipe Leo:16.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Jetzt geht es darum, diese Energie in die Stadtviertel, die Betriebe und auf die Stra\u00dfe zu tragen. Und wer wei\u00df, vielleicht organisierst du ja den n\u00e4chsten KongressA in deiner Stadt?<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz der langen Sommernacht ging es dann am Samstagvormittag genauso enthusiastisch weiter wie am Samstag: Von marxistischer Kritik am Anarchismus \u00fcber eine anarchistische Ethik des M\u00fcssens in der F\u00fcrsorge bis hin zur Geschichte und Aktualit\u00e4t der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/06\/zapatistischer-berg-auf-hoher-see-richtung-europa\/\">Zapatistas<\/a> war das Programm ebenso breit aufgestellt wie am Vortag. Lokale Akzente setzten ein Vortrag zum M\u00fcnsteraner Anarchisten und NS-Opfer <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/paul-wulf-ns-opfer-antifaschist-aufklaerer\/\">Paul Wulf<\/a> sowie die abschlie\u00dfende Podiumsdiskussion \u00fcber die Verbindung lokaler K\u00e4mpfe. Aktivisten (leider ausschlie\u00dflich cis-M\u00e4nner) der Gruppe Rosa, der Interventionistischen Linken M\u00fcnster, des Tierrechtstreffs und der FAU er\u00f6rterten unter reger Beteiligung des Publikums, wie wir emanzipatorische K\u00e4mpfe, die der Sache nach bereits zusammenh\u00e4ngen, auch praktisch enger verbinden k\u00f6nnen. Ob ein Podium das richtige Format f\u00fcr Strategiedebatten bietet, sei einmal dahingestellt. Deutlich wurde aber, dass die Verbindung und Ausweitung unserer K\u00e4mpfe \u00fcber den engen Kreis von Aktivist*innen hinaus nur dann gelingen kann, wenn auch Reproduktionsarbeit und die Befriedigung menschlicher Bed\u00fcrfnisse st\u00e4rker in unsere politische Praxis integriert werden. Ein Genosse aus dem Publikum stellte daf\u00fcr einen vielversprechenden Ansatz vor, der gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit von revolution\u00e4ren Anarchist*innen verdient: solidarnetz.org. Neben den konkreten Inhalten wurde in der Diskussion aber vor allem sp\u00fcrbar, welche Energie von einem ganzen Wochenende voll anarchistischer Theoriearbeit ausgeht \u2013 sie dr\u00e4ngt zur Praxis. Nicht nur in Form zahlreicher Neueintritte in die beteiligten Organisationen (besonders in die FAU) \u2013 jetzt geht es darum, diese Energie in die Stadtviertel, die Betriebe und auf die Stra\u00dfe zu tragen. Und wer wei\u00df, vielleicht organisierst du ja den n\u00e4chsten KongressA in deiner Stadt?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Stephan und Nox von<\/strong><br \/>\n<strong>der KongressA-Orga<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstagabend, der 14. August. Der Kongress tanzt. Singer-Songwriter Jo Hetscher und Aktivist Uri Gordon haben sich vom Publikum zu einer letzten Zugabe \u00fcberreden lassen. Mehr als einhundert Menschen sind hier am Hafen M\u00fcnster versammelt, alt und jung und bunt. 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