{"id":26091,"date":"2021-10-26T18:06:30","date_gmt":"2021-10-26T16:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/vom-kult-der-gewalt-zur-kultur-des-friedens\/"},"modified":"2021-11-03T12:25:35","modified_gmt":"2021-11-03T10:25:35","slug":"vom-kult-der-gewalt-zur-kultur-des-friedens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/vom-kult-der-gewalt-zur-kultur-des-friedens\/","title":{"rendered":"Vom Kult der Gewalt zur Kultur des Friedens"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Ellen, du hast eine unglaublich spannende Lebensgeschichte. Ich will deshalb heute gar nicht so viele Fragen stellen, sondern dich bitten, einfach zu erz\u00e4hlen. Du hast viel erlebt und politische Arbeit geleistet. Erz\u00e4hl bitte mal, wie alles anfing. Wie hast du dein Leben gelebt? Wie hast du dich politisiert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ellen Diederich: Ich wurde 1944 in Dortmund geboren, das war das Jahr, in dem das Ruhrgebiet besonders schwer zerbombt worden ist. Das hat mich sehr gepr\u00e4gt, auch wenn ich noch ein Baby war. Meine Mutter hat mir sehr viel berichtet \u00fcber die N\u00e4chte und ihre Schwangerschaft. Die N\u00e4chte meines ersten Lebensjahres verbrachten wir in Bunkern. Ich habe mich sehr fr\u00fch mit der Kriegssituation besch\u00e4ftigt. Meine Mutter hat mit einer Kindergruppe ein Theaterst\u00fcck gegen den Krieg gemacht. Ich war vier Jahre alt, und sie erz\u00e4hlte mir davon. Den Text konnte ich auswendig und habe das in der K\u00fcche nachgespielt. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Mein Vater und die m\u00e4nnlichen Vorfahren waren Bergarbeiter. Mein Vater war im Widerstand gegen Hitler. Er musste nicht Soldat werden, weil er eine Beinverletzung hatte.<br \/>\nWir zogen in eine ausgebombte Schule, die meine Eltern wieder aufgebaut haben. Zun\u00e4chst war es ein Haus, in dem sich Menschen aus verschiedenen L\u00e4ndern trafen und versuchten, die Feindbilder abzubauen. Als ich sechs Jahre alt war, wurde es ein Haus f\u00fcr junge M\u00e4nner, die im Krieg und danach straff\u00e4llig geworden waren, die das Elternhaus verloren hatten. Die sind dann, wenn sie aus dem Knast kamen, zu uns gekommen. Wir waren immer so 30, 40 Menschen zu Hause. Meine Eltern haben sich gek\u00fcmmert um diese jungen M\u00e4nner, meine Mutter hat gekocht f\u00fcr alle, mein Vater war sehr engagiert. Das Haus geh\u00f6rte den Falken [Sozialistische Jugend Deutschlands \u2013 Anm. Red.]. Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher kam noch zur Er\u00f6ffnung. Fr\u00fch ist mein Vater mit der Arbeiterwohlfahrt in Verbindung gekommen, das hei\u00dft, es waren Hilfsaktionen, die von uns ausgegangen sind. Ich bin in diese politische Situation hineingewachsen. Wir waren nie so eine Kleinfamilie, es war immer etwas los, also die Schicksale dieser jungen M\u00e4nner, die dann in der Stadt eine Ausbildung gemacht und bei uns gewohnt haben.<br \/>\nIch bin fr\u00fch bei den Falken aktiv gewesen, meine Eltern haben da Sommerzeltlager gemacht. Ich habe die mitgemacht und fand das spannend, also ein Zeltlager, das organisiert war wie ein Dorf mit B\u00fcrgermeister, mit Abgeordneten usw. Das fand ich interessant, bis zum ersten Ostermarsch. Fr\u00fch wurden mir die Gefahren der atomaren Bedrohung bewusst. Ich las \u00fcber die Erfahrungen der Opfer von Hiroshima und Nagasaki. Von den Gefahren der oberirdischen Atombombenversuche. Als ich 15 Jahre alt war, habe ich am ersten Ostermarsch im Ruhrgebiet teilgenommen. Wir gingen von Duisburg nach Dortmund. In dem Jahr sind die Falken noch mitgegangen, aber ein Jahr sp\u00e4ter wurden wir ausgeschlossen bei den Falken, weil wir an den Vorbereitungen der Osterm\u00e4rsche teilgenommen haben. Viele junge Leute sind damals ausgeschlossen worden. F\u00fcr mich war das vollkommen unverst\u00e4ndlich. Mein Idol war Bertrand Russell. Mich hat beeindruckt, wie der etwa 80-J\u00e4hrige sich wegtragen lie\u00df bei einem der ersten Osterm\u00e4rsche in England.<br \/>\nIch konnte nicht verstehen, warum wir nicht mehr mitmachen sollten. Die SPD war umgeschwenkt und wollte sich nun doch an der NATO beteiligen. Das hatte zur Folge, dass diejenigen, die gegen diesen Kurs waren, ausgeschlossen wurden. Ich bin auch ausgeschlossen worden.<br \/>\nZu dieser Zeit machte ich eine Lehre in einem Rechtsanwaltsb\u00fcro. Ich war gescheitert am Gymnasium, aber die Volkshochschule (VHS) wurde meine neue Ausbildungsst\u00e4tte. Die VHS in Dortmund war sehr gut, es waren viele politische Veranstaltungen da, die hatten ein tolles Kinoprogramm. F\u00fcr 50 Pfennig konnte man die besten Filme der Welt sehen. Es war eine runde Sache. Ich lernte andere Sprachen, Englisch, Schwedisch und Franz\u00f6sisch.<br \/>\nIn der Zeit kam dann aus einem der Zimmer in der VHS eine wunderbare Musik. Ich kannte diese Lieder nicht, aber fand sie faszinierend. Aus diesem Raum kamen einige junge M\u00e4nner raus, und ich fragte: \u201eWer seid ihr denn?\u201c Sie sagten: \u201eWir sind die Jungenschaft vom 1. November 1929, die dj.1.11\u201c, also die einzige Gruppe der B\u00fcndischen Jugend, die sich w\u00e4hrend des Faschismus mit den Linken zusammengetan hatte. Ich fand das faszinierend, fand die Lieder toll, und ich fragte, ob ich mal gucken k\u00f6nnte, was sie so machen. Aber bis dahin hatten die keine M\u00e4dchen aufgenommen. Gro\u00dfz\u00fcgigerweise haben sie das gestattet, und von da an bin ich in eine sehr interessante Welt gekommen. Wir waren jedes Wochenende unterwegs, hatten bemalte Zelte wie die Samen in Schweden, Finnland und Norwegen. Wir sind durch halb Europa getrampt, haben Lieder aus der ganzen Welt gesammelt, sind zusammen zum Ostermarsch gegangen. Es war eine ungew\u00f6hnliche Art und Weise, so die Freizeit zu verbringen. Wir haben Theater gespielt, St\u00fccke von Bertolt Brecht nachgespielt. Das war ein wichtiger Schritt in meiner Entwicklung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Dein Leben ist stark verkn\u00fcpft mit dem Leben von Fasia Jansen. Kannst du bitte erz\u00e4hlen, wer Fasia war, wie ihr euch kennengelernt habt, was ihr dann gemacht habt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Fasia zum ersten Mal beim ersten Ostermarsch geh\u00f6rt. Sie war vom ersten Ostermarsch an dabei. Da ist einiges entstanden nach dem Krieg, auch neue Lieder. Sehr viele Volkslieder waren total missbraucht worden von den Nazis. Mit dem Ostermarsch hat sich etwas entwickelt, dass neue Lieder gemacht wurden, gegen die Atombewaffnung, aber auch Friedenslieder. Wir haben dann die gro\u00dfen Friedensm\u00e4rsche zusammen gemacht von Kopenhagen nach Paris, von Berlin nach Wien, von Dortmund nach Br\u00fcssel. W\u00e4hrend dieser M\u00e4rsche haben wir viele Lieder gesammelt. Fasia wollte immer, dass alle mitsingen konnten. Unterwegs haben wir Liederb\u00fccher gemacht.<br \/>\nFasia habe ich bei meinem ersten Ostermarsch zuerst geh\u00f6rt und war vollkommen fasziniert von ihrer wunderbaren Stimme. Sie war eine Schwarze Deutsche, konnte eigentlich keine Noten lesen, sondern hat alles nach Geh\u00f6r gemacht, konnte sehr gut Gitarre spielen, konnte ein Akkordeon in die Hand nehmen und fing an zu spielen. Sie hatte ein unglaubliches Ohr f\u00fcr Musik. Ich habe sie aus der Ferne kennengelernt als S\u00e4ngerin des Ostermarsches, habe mir Platten gekauft von \u201ePl\u00e4ne\u201c [Schallplattenlabel \u2013 Anm. Red.], die damals viele Widerstandslieder aus allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern zusammengestellt und Schallplatten herausgegeben haben. Was ich toll fand: Alle Sachen wurden \u00fcbersetzt, also aus Italien, Frankreich, Gro\u00dfbritannien usw. Das war eine gro\u00dfe Freude und Hilfe.<br \/>\nWiedergetroffen habe ich Fasia dann beim ersten gro\u00dfen Friedensmarsch von Kopenhagen nach Paris 1981. Das war eine Fraueninitiative aus Skandinavien. Wir sind insgesamt sechs Wochen gelaufen, etwa 1.400 Kilometer. Als wir in Kopenhagen losgegangen sind, waren wir etwa 400 Leute, und etwa 10.000, als wir in Paris ankamen, was nicht einfach war. Wenn du unterwegs bist mit 10.000 Menschen, die brauchen z. B. eine Toilette, also hatten wir einen Toilettenwagen besorgt, das war wichtig. Das war teuer. Eine Frau hatte das Geld aufgetrieben, hat ihre Eigentumswohnung verkauft, um diesen Toilettenwagen zu finanzieren, und sp\u00e4ter dann, das war die Zeit, als die Feindbilder sich langsam etwas aufgel\u00f6st haben, wurde von diesem Marsch auch in der Sowjetunion berichtet. Als dort bekannt wurde, dass diese Frau ihre Wohnung verkauft hat, hat man dort Geld gesammelt, und sie konnte ihre Wohnung zur\u00fcckkaufen. Das fand ich sch\u00f6n.<br \/>\nWir waren Menschen aus allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern, von Frauen initiiert. M\u00e4nner und Kinder waren herzlich eingeladen mitzukommen, aber die Frauen haben die Organisation in der Hand behalten. Was auch interessant war, weil, also wenn man sonst vielleicht beim Ostermarsch oder anderen Friedensdemonstrationen war, dann hie\u00df es immer relativ aggressiv: \u201eWas stehst du da am Stra\u00dfenrand? Reih\u02bc dich ein als Demonstrant!\u201c Die Frauen haben das anders gemacht, sie haben gewunken, wenn da Menschen am Fenster gesessen haben, so lange, bis die zur\u00fcckgewunken haben. Es war interessant, welche Wohnungen auf einmal aufgingen, wo wir schlafen konnten. Das war am Beginn der gro\u00dfen Friedensbewegung in den 1980ern, eine sehr lebendige Sache. Da war eine Musikgruppe aus England, \u201eThe Fallout Marching Band\u201c, die viele Lieder mitgebracht hat. Damit alle mitsingen konnten, haben wir versucht, w\u00e4hrend des Laufens ein Liederbuch zu machen. Das war Fasia wichtig. Sie hatte keine Scheu, ging unterwegs in die Rath\u00e4user und hat gesagt: \u201eWir brauchen 1.000 Kopien, wir m\u00fcssen dieses Liederbuch zustande bekommen\u201c. Das klappte dann auch meistens.<br \/>\nFasia stand morgens schon fr\u00fch auf, hatte entweder ihr Akkordeon oder die Gitarre in der Hand und ist herumgegangen. Wir haben h\u00e4ufig in Zelten geschlafen. Sie war ein so lebendiger und freundlicher Mensch, auch bei den Schwierigkeiten des Lebens, die sie gehabt hat als Schwarzes Kind. Das kann man sich vorstellen, im faschistischen Deutschland, in Hamburg ist sie ab 1929 aufgewachsen. Ihr Vater war einer der ersten afrikanischen Diplomaten in Europa. Er hat in Hamburg gelebt und dort als liberianischer Generalkonsul gearbeitet. Ihre Mutter war Kinderm\u00e4dchen bei dieser afrikanischen Diplomatenfamilie. Dann hat sich eine Beziehung entwickelt zwischen dem afrikanischen Vater und der deutschen Mutter. Die afrikanische Familie musste zur\u00fcck nach Liberia. Sie wollten Fasia mitnehmen, aber die Mutter wollte, dass Fasia bei ihr bleibt. Das war dann ein sehr schwieriges Leben. Fasias Mutter war alleinerziehend, das Kind war nicht in einer Ehe geboren, sie war alleine mit dem Kind, und dann ein Schwarzes Kind. Sie ist sehr verzweifelt gewesen, irgendwann wollte sie in die Elbe gehen mit Fasia. Zum Gl\u00fcck hat sie das nicht gemacht. Sie hat dann einen deutschen Mann gefunden, der auch im Widerstand gegen die Nazis war, der leider eine Zeit lang ins Gef\u00e4ngnis gekommen ist aufgrund seiner Widerstandsaktionen, aber der liebevoll mit Fasia umgegangen ist und eine St\u00fctze war, sodass sie doch einigerma\u00dfen leben konnten. Als Fasia 14 Jahre alt war \u2013 damals war es \u00fcblich, dass die M\u00e4dchen im Alter von 14, 15 Jahren ein Jahr in einem Haushalt arbeiten mussten \u2013, sagte man dann, dass einer deutschen Familie ein dunkelh\u00e4utiges M\u00e4dchen nicht zuzumuten sei. Sie sollte entweder in einem Keller mit an der R\u00fcstung oder in der K\u00fcche im Au\u00dfenlager des Konzentrationslagers Neuengamme arbeiten. Da ist sie dann hingekommen. Da waren vor allem Kriegsgefangene aus der Ukraine und anderen L\u00e4ndern, die auch in dieser K\u00fcche gearbeitet haben. Die Frauen, die im KZ waren, waren polnische J\u00fcdinnen. Fasia musste dann mit den anderen zusammen Kartoffelschalen kochen. Das war furchtbar. Dann hat man Fasia aufgefordert, zu einem Arzt zu gehen. Der hat ihr etwas gespritzt, von dem sie sehr krank geworden ist. Bis heute wei\u00df keiner, was ihr da gespritzt wurde. Die Arbeit in dieser Lagerk\u00fcche ist sehr anstrengend gewesen, auch psychisch. Sie hat sich angefreundet mit Kriegsgefangenen, die dort gearbeitet haben. Zum Gl\u00fcck hat sie \u00fcberlebt. Als der Krieg zu Ende war, hatte sie lange Zeit damit zu tun, wieder einigerma\u00dfen gesund zu werden.<br \/>\nSie war w\u00e4hrend ihres ganzen Lebens vielleicht f\u00fcnf oder sechs Jahre immer wieder in Krankenh\u00e4usern, weil diese starke Herzkrankheit auch immer wiedergekommen ist. Das hat sie nicht davon abgehalten, S\u00e4ngerin zu werden.<br \/>\nSie war erst in einem antifaschistischen Chor in Hamburg, wo sie gelernt hat, zu singen und mit der Musik umzugehen. Das Geld hat sie sich verdient, indem sie auf Ausflugsschiffen in Hamburg Akkordeon gespielt hat. Dann hat sie sich entschieden: \u201eIch m\u00f6chte S\u00e4ngerin werden.\u201c<br \/>\nBei verschiedenen Treffen hat sie Anneliese Althoff aus Oberhausen kennengelernt, die aus einer antifaschistischen Familie kam; der Vater war im Widerstand. Die beiden haben sich angefreundet, und f\u00fcr Fasia war es trotz der nicht so guten Luft im Ruhrgebiet besser, nach Oberhausen zu gehen. Die Familie von Anneliese hat sie liebevoll aufgenommen. Anneliese und einige andere haben in der Zeit viel politische Arbeit gemacht. Sie waren in der kommunistischen Bewegung, sollten dann teilweise auch wieder verhaftet werden. Anneliese war kurz im Gef\u00e4ngnis, aber es ging dann so aus, dass sie doch weitermachen konnten mit ihrer Arbeit. Sie haben Friedensaktionen gemacht.<br \/>\nFasia lernte andere S\u00e4nger kennen wie Dieter S\u00fcverkr\u00fcp, mit dem sie viel zusammengearbeitet hat. Sie haben die Lieder der Franz\u00f6sischen Revolution zusammen gesungen, Friedenslieder gemacht, vor allem auch Lieder gegen die Atomgefahr. Bei den Osterm\u00e4rschen sind sie zusammen gegangen und haben viel Bewegung in diese M\u00e4rsche gebracht. Fasia war ein sehr freundlicher, fr\u00f6hlicher Mensch. Sie konnte andere mitrei\u00dfen. \u201eLos, komm mit!\u201c, das war einer ihrer S\u00e4tze, die sie oft gesagt hat. Man konnte sich ihr nicht entziehen, sie war so positiv gestimmt, dass man mitgehen wollte. Bei diesem langen Friedensmarsch haben wir uns dann wieder n\u00e4her kennengelernt. Meine Tochter war auch mit, die beiden haben sich angefreundet. Nachdem wir mit dem Friedensmarsch in Paris waren, kam die Buchmesse in Frankfurt. Ich wohnte damals in Frankfurt, und Fasia hat in unserer Wohngemeinschaft \u00fcbernachtet, bei uns gewohnt.<br \/>\nFasia hatte die ganzen Jahre im Ruhrgebiet in den Arbeitsk\u00e4mpfen auch viel gemacht. Es war die Zeit, wo die Zechen und Metallbetriebe geschlossen wurden, auch Frauen-Betriebe. Fasia hatte die K\u00e4mpfe mitgemacht bei Hoesch, beim Schalker Verein usw.<br \/>\nIch war eingeladen von den \u201eRuhrfestspielen\u201c [das \u00e4lteste und zugleich eines der gr\u00f6\u00dften und renommiertesten Theaterfestivals Europas \u2013 Anm. Red.] zu einer Friedensveranstaltung, sollte einen Vortrag halten, und dann fragten mich die Leute, ob ich eine Idee f\u00fcr eine gro\u00dfe Frauenveranstaltung am 1. Mai bei den \u201eRuhrfestspielen\u201c h\u00e4tte. Da ich wusste, dass Fasia hier im Ruhrgebiet auch mit vielen Frauen-Initiativen gearbeitet hatte, habe ich das mit ihr besprochen, und dann hatten wir die Idee, dass wir eine Revue \u201eMit Herz und Verstand: Frauen aus dem Revier\u201c entwickeln k\u00f6nnten. Wir haben mit den Frauen-Initiativen Kontakt aufgenommen. Ich hatte eine Freundin aus Frankfurt, Hilde Wackerhagen, eine Schauspielerin und Kabarettistin, die ist zu allen Frauen-Initiativen gegangen und hat mit ihnen ihre Geschichte quasi als Theaterst\u00fcck entwickelt. Das kam zusammen, und wir haben das als gro\u00dfe Veranstaltung bei den \u201eRuhrfestspielen\u201c gemacht. Ein gro\u00dfer Erfolg, sehr sch\u00f6n.<br \/>\nIch hatte zwischendurch mein Abi nachgemacht und in Marburg studiert. Ich wollte lernen, wollte wissen, warum so viele Sachen, die wir versucht haben, nicht hundertprozentig geklappt haben. Ich habe den ersten antiautorit\u00e4ren Kinderladen im Ruhrgebiet initiiert, wollte Wissen zusammenbringen und habe dann in Marburg am Fachbereich 03 [Gesellschaftswissenschaften und Philosophie \u2013 Anm. Red.], wo viele bekannte Leute wie Wolfgang Abendroth gelehrt haben, ein Studium gemacht.<br \/>\nDas Studium ging zu Ende, und ich war auf der Suche nach einem Job, erst in Berlin, wollte bei der Frauenzeitschrift \u201eCourage\u201c anfangen, mit meinen Kindern zusammen nach Berlin gehen, aber dann bin ich stattdessen nach Offenbach gegangen zum Sozialistischen B\u00fcro (SB). Das SB war eine undogmatische linke Gruppe, hier hatten sich viele namhafte Intellektuelle organisiert, sie organisierten Aktionen und gaben B\u00fccher heraus. Das Diskussionszentrum war der \u201eClub Voltaire\u201c in Frankfurt. Dort habe ich zwei Jahre im B\u00fcro gearbeitet, habe viel gelernt, aber das war noch keine Situation f\u00fcr Frauen. Die ganze Linke war zu der Zeit nicht sehr frauenfreundlich. Dann bekam ich ein Angebot, in Oberhausen bei \u201eArbeit und Leben\u201c eine Stelle anzufangen. Ich hatte mit einem Stipendium der Gewerkschaft studiert und immer das Gef\u00fchl, dass ich auch wieder ein St\u00fcck zur\u00fcckgeben muss ins Ruhrgebiet.<br \/>\nAlso fand ich die Idee, wieder ins Ruhrgebiet zur\u00fcckzugehen, gut. Ich hatte mit Fasia inzwischen eine sehr liebevolle Beziehung. Wir sind ein Paar geworden, meine erste Beziehung zu einer Frau. Ich habe keine lesbische Identit\u00e4t, sondern immer mit M\u00e4nnern und Frauen Liebesbeziehungen gehabt. Aber mit Fasia, das wurde dann sehr intensiv. Wir haben von da an 16 Jahre lang bis zu Fasias Tod 1997 zusammen gearbeitet und gek\u00e4mpft. Wir waren bei den Weltfrauenkonferenzen in Nairobi und in Peking. Wir haben dort Orte geschaffen, wo Frauen aus so genannten Feindesl\u00e4ndern in den Dialog kommen konnten. Also, wir haben Zelte dort installiert und Dialoge organisiert von Frauen aus L\u00e4ndern, die im Krieg miteinander waren. Feindbilder abzubauen war eines unserer gro\u00dfen Ziele.<br \/>\nDann bekamen wir diesen Friedens-Bus geschenkt. Es war ein sch\u00f6nes Los. Ich hatte Kontakt bekommen zu einer Stiftung in Texas, die finanziert wurde von einer US-amerikanischen Million\u00e4rin, die ihr Geld in die internationale Frauenbewegung gegeben, viele Sachen unterst\u00fctzt und vor allem auch in Texas und Austin viele Aktionen organisiert hat. Das war beispiellos. Kurz vor der Frauenkonferenz hatte ich die Stiftung kennengelernt. Sie hatten mich zu einem Treffen nach Texas eingeladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ihr seid dann mit dem Frauen-Friedensbus durch Amerika und Europa gefahren und habt die afroamerikanische Feministin Angela Davis und andere Frauen besucht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es waren zwei verschiedene Busse, einer war in Europa, und einer war in den USA. Diesen Bus fanden wir wirkungsvoll und gut, wir wollten nie ein Haus haben, aber dieser Bus war ein bewegliches Haus, mit dem wir \u00fcberall hinfahren konnten, wo Hilfe gebraucht wurde, wo Aktionen stattfanden. Unser Ziel war nach der Weltfrauenkonferenz in Nairobi, wo viele Frauen noch aus den sozialistischen L\u00e4ndern waren, uns weiter kennenzulernen. Wir hatten festgestellt, dass viele Feindbilder entstehen, weil wir zu wenig voneinander wissen. Wir wissen nicht: Wie lebt ihr denn? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wie geht ihr mit den Kindern um?<br \/>\nDann haben wir gedacht, dass wir gerne da hinfahren und das wissen m\u00f6chten. Ich bin dann vorher \u00fcberall herumgefahren in die verschiedenen L\u00e4nder, habe versucht, Kontakte zu kn\u00fcpfen und zu gucken, ob die uns mit dem Bus empfangen w\u00fcrden, ob wir Ausstellungen und Veranstaltungen machen k\u00f6nnen.<br \/>\nDas ging alles. Losgefahren sind wir in England, von Greenham Common [eine Reihe von Protestcamps, die gegen die Aufstellung von Atomwaffen auf dem Milit\u00e4rgel\u00e4nde Greenham Common in Berkshire, England, errichtet wurden \u2013 Anm. Red.], wo Frauen schon seit neun Jahren jeden Tag Direkte Gewaltfreie Aktionen gegen die dortige US-Atombasis gemacht haben. Wir waren vorher schon mehrmals in England gewesen, weil dort der gro\u00dfe Bergarbeiterstreik 1984\/85 war und wir uns an den Protesten beteiligt haben. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher wollte die Form der Kohlebergwerke abschaffen und an deren Stelle atomare Bergwerke installieren. Damit waren wir nicht einverstanden.<br \/>\nWir haben uns dort mit den Frauen angefreundet und sie unterst\u00fctzt, haben von hier Lkws mit Lebensmitteln und Kleidern geschickt, weil es in England kein Streikgeld gab.<br \/>\nWir sind also erst einmal von Greenham zu den Bergarbeiterfrauen gefahren und von da aus weiter in die Niederlande, haben das Anne-Frank-Haus in Amsterdam besucht. Wir haben unterwegs auch Politiker getroffen, auch den holl\u00e4ndischen Au\u00dfenminister, dann sind wir durch die Niederlande gefahren. \u00dcberall gab es Aktionen und Veranstaltungen, die wir machen konnten. Von den Niederlanden sind wir dann in die Bundesrepublik gefahren, dort war die Premiere des ersten Filmes \u00fcber Fasia. Drei Jahre lang hat uns eine Filmcrew begleitet und daraus 1987 einen Film gemacht, \u00fcber das Leben von Fasia, \u00fcber ihre Geschichte, vor allem aber auch \u00fcber unsere Aktionen, die wir hier in der Bundesrepublik gemacht haben. Der Film hei\u00dft \u201eFasia \u2013 von trutzigen Frauen und einer Troubadoura\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fortsetzung in der Graswurzelrevolution Nr. 464.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Ellen, du hast eine unglaublich spannende Lebensgeschichte. Ich will deshalb heute gar nicht so viele Fragen stellen, sondern dich bitten, einfach zu erz\u00e4hlen. Du hast viel erlebt und politische Arbeit geleistet. Erz\u00e4hl bitte mal, wie alles anfing. Wie hast du dein Leben gelebt? Wie hast du dich politisiert? 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