{"id":26093,"date":"2021-10-26T18:06:31","date_gmt":"2021-10-26T16:06:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/vom-klimawandel-zum-aufstand-im-warschauer-ghetto\/"},"modified":"2021-11-01T14:44:14","modified_gmt":"2021-11-01T12:44:14","slug":"vom-klimawandel-zum-aufstand-im-warschauer-ghetto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/vom-klimawandel-zum-aufstand-im-warschauer-ghetto\/","title":{"rendered":"Vom Klimawandel zum Aufstand im Warschauer Ghetto?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMit dem SUV in die Klimakatastrophe\u201c \u2013 so lautete bei vielen Klimaaktivist*innen das Fazit zum Ergebnis der Bundestagswahlen, die zumindest eines klarmachen: Die Freie Demokratische Partei (FDP) als besondere Interessenvertreterin des Kapitals wird auf jeden Fall mit dabei sein und daf\u00fcr sorgen, dass es ein \u201eWeiter so\u201c mit etwas gr\u00fcner Rhetorik geben wird. Nun hatte kaum jemand von den Klimaaktivist*innen gro\u00dfe Hoffnungen in die Wahlen gesetzt. Viele der jungen Menschen bringen die Gr\u00fcnen wohl nicht mehr mit der Verarmung per Gesetz namens Hartz IV und den Bombenabw\u00fcrfen auf Belgrad im Jugoslawienkrieg in Verbindung. Daf\u00fcr haben sie erlebt, wie eine hessische Landesregierung, in der die Gr\u00fcnen mitregieren, den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/danni-bleibt\/\">Dannenr\u00f6der Forst<\/a> (Danni) f\u00fcr den Bau einer Autobahn r\u00e4umen lie\u00df. Bis heute sitzt eine Klimasch\u00fctzerin mit dem Alias-Namen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/06\/sanft-und-entschlossen-gegen-die-staatsgewalt\/\">Ella,<\/a> die ihren richtigen Namen auch vor Gericht nicht angab, deshalb im Gef\u00e4ngnis. Doch wenn auch die Hoffnung auf parlamentarische Ver\u00e4nderungen durch die Wahlen gering blieb, gab es unter Klimaaktivist*innen Entt\u00e4uschung \u00fcber die Ergebnisse der Parteien, die zumindest verbal mit Umweltthemen verbunden werden. W\u00e4hrend die Gr\u00fcnen zur dritten Kraft wurden, kam die Partei Die Linke nur durch drei Direktmandate in den Bundestag. Eine von manchen als kleinstes politisches \u00dcbel favorisierte Koalition zwischen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), den Gr\u00fcnen und den Linken kommt schon rechnerisch nicht zustande. Daf\u00fcr ist die FDP eben wieder mit dabei.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eFriedliche Sabotage\u201c?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gemengelage sorgt daf\u00fcr, dass sich in der Klimabewegung viele Menschen Gedanken dar\u00fcber machen, wie ihr Kampf weitergeht. Manche sagen, wir haben zwei Jahre f\u00fcr das Klima demonstriert, und es hat sich nichts ge\u00e4ndert. Das f\u00fchrte bei Klimaaktivist*innen zu verschiedenen Konsequenzen. So waren in einem Berliner Klimacamp mehrere junge Menschen in einen Hungerstreik getreten und forderten ein Gespr\u00e4ch mit den drei Kanzlerkandidat*innen (SPD, CDU, Gr\u00fcne) \u00fcber einen Klimanotstand. Gr\u00f6\u00dfere Teile der Klimaaktivist*innen wollen den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/ungehorsam\/\">zivilen Ungehorsam<\/a> radikalisieren und sich nicht mehr mit Gro\u00dfdemonstrationen begn\u00fcgen. Die Debatte \u00fcber die Frage, ob die Klimabewegung radikaler werden muss, l\u00e4uft schon l\u00e4nger, hat aber nach den Wahlen noch mal an Fahrt aufgenommen. In einem Interview mit der Tageszeitung taz vom 17. August 2021 brachte der Klimaaktivist Tadzio M\u00fcller, der zeitweilig f\u00fcr die Rosa-Luxemburg-Stiftung arbeitete, auch Mittel der \u201efriedlichen Sabotage\u201c ((1)) gegen umweltsch\u00e4dliche Einrichtungen in die Diskussion. Diese Aktionen versteht M\u00fcller als Teil des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/peter-grottian-soziale-bewegungen-praktizieren-zu-wenig-zivilen-ungehorsam\/\">zivilen Ungehorsams<\/a>. Er zog die Grenze bei Gewalt gegen Personen, die er klar ablehnte.<br \/>\nSchon warnt der gr\u00fcnennahe Bewegungsforscher Dieter Rucht, dass die Klimaaktivist*innen ihre Sympathie verspielen w\u00fcrden, wenn die Bewegung radikaler w\u00fcrde. Der schwedische Human\u00f6kologe Andreas Malm zielt mit seinem im Verlag Matthes und Seitz herausgekommenen Buch mit dem programmatischen Titel \u201eWie man eine Pipeline in die Luft jagt\u201c ((2)) \u2013 auf die Frage, wie sich die Klimabewegung in ihren K\u00e4mpfen k\u00fcnftig positionieren soll. Der Untertitel \u201eK\u00e4mpfen lernen in einer Welt in Flammen\u201c zeigt schon an, dass Malm von einer Dringlichkeit in diesen K\u00e4mpfen ausgeht, die auch die Aktionen bestimmen soll. In der Einleitung ist diese apokalyptische Weltsicht gut beschrieben. \u201eWir sprechen vom Aussterben und davon, dass es keine Zukunft mehr gibt. Aber das business as usual geht weiter\u201c. ((3)) Dann stellt Malm die Frage, die auch Tadzio M\u00fcller aufgeworfen hat. \u201eWann also eskalieren wir? Wann gelangen wir zu der Einsicht, dass es an der Zeit ist, auch zu anderen Mitteln zu greifen? Wann fangen wir an, die Dinge, die unseren Planeten ruinieren, physisch anzugreifen, mit unseren K\u00f6rpern, mit unseren eigenen H\u00e4nden zu zerst\u00f6ren?\u201c ((4)) In seinem Text versucht Malm zu begr\u00fcnden, warum die Bewegung zu radikalen Mitteln greifen muss. Dabei geht er aber nicht auf die jahrzehntelangen Diskussionen \u00fcber die unterschiedlichen Formen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/gewaltfreie-widerstandsbewegungen\/\">gewaltfreien Widerstands<\/a> ein, der sich durchaus nicht an den Grenzen der Legalit\u00e4t orientiert. Vielmehr will Malm der Klimabewegung die pazifistischen Flausen austreiben und bleibt mit seinen Argumenten oft sehr an der Oberfl\u00e4che. So zitiert Malm aus einem Essay des britischen Schriftstellers John Lanchester: \u201eEs ist seltsam und erstaunlich, dass Klimaaktivisten bisher noch keinen einzigen Terrorakt ver\u00fcbt haben. Schlie\u00dflich stellt Terrorismus f\u00fcr den Einzelnen die bei Weitem effektivste Form des politischen Handelns innerhalb der modernen Welt dar und Klimawandel einen Sachverhalt, zu dem die Menschen eine ebenso entschiedene Meinung haben wie beispielsweise zu den Rechten der Tiere\u201c.\u00a0((5)) Dabei rekurriert Lanchester auf militante Aktionen von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/ziviler-ungehorsam-oder-demokratie\/\">Tierrechtler*innen<\/a>, die es vor einigen Jahren vor allem in Gro\u00dfbritannien gab. Anschlie\u00dfend sinniert Lanchester dar\u00fcber, wie einfach es doch sei, \u201eTankstellen in die Luft zu jagen oder SUVs mutwillig zu besch\u00e4digen\u201c. ((6)). Nun k\u00f6nnte dieser Essay tats\u00e4chlich der Einstieg in eine Debatte \u00fcber Aktionsformen des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/die-folgen-des-zivilen-ungehorsams\/\">zivilen Ungehorsams<\/a> sein. Da m\u00fcsste man dar\u00fcber diskutieren, wie hier v\u00f6llig beliebig vom \u201eTerrorismus des Einzelnen\u201c ((7)) \u00fcber die Besch\u00e4digung von SUVs bis zum Sprengen von Tankstellen gesprochen wird, mit dem einzigen Ma\u00dfstab, \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Nur unter dieser Pr\u00e4misse kann Lanchester vom Terrorismus des Einzelnen \u201eals bei Weitem effektivste Form des politischen Handelns\u201c reden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Rhetorik der Apokalypse<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Politische Kriterien spielen bei Lanchester keine Rolle. Nun h\u00e4tte man von Malm eigentlich erwarten k\u00f6nnen, dass er an diesem Punkt ansetzt und eine politische Diskussion f\u00fchrt. Doch Fehlanzeige. Er weist nur darauf hin, dass Lanchester den Essay zehn Jahre vor der Hurrikansaison 2017 geschrieben hat. Im Anschluss z\u00e4hlt er weitere Klimakatastrophen der letzten zehn Jahre auf. Schon die Wortwahl, die er benutzt, passt zur Unter\u00fcberschrift \u201eK\u00e4mpfen lernen in einer Welt in Flammen\u201c. Da schreibt Malm von \u201eHitzewellen, die Europa zwei aufeinanderfolgende Sommer lang r\u00f6steten\u201c, von Temperaturen am Persischen Golf, \u201edie f\u00fcr den menschlichen K\u00f6rper kaum mehr zu ertragen sind\u201c.\u00a0((8)) Die apokalyptische Aufz\u00e4hlung schlie\u00dft Malm mit den S\u00e4tzen: \u201eUnd dennoch hat sich an der Taktik, mit der auf diese Verh\u00e4ltnisse reagiert wird, nichts ge\u00e4ndert\u201c. Das sei besonders verwunderlich, weil nach Malm tats\u00e4chlich der Weltuntergang droht. \u201eNahezu alle Lebewesen im Himmel und auf der Erde\u201c ((9)) seien vom Aussterben bedroht. Durch diese Aneinanderreihung von Weltuntergangsszenarien bleibt in seinen Buch kein Platz f\u00fcr eine politische Auseinandersetzung auch mit unterschiedlichen Aktionsformen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Regressiver Antizionismus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die apokalyptische Weltsicht Malms f\u00fchrt in seinem Buch dann auch zu irritierenden historischen Vergleichen. So zieht er unter der \u00dcberschrift \u201eAus der Geschichte lernen\u201c Parallelen zwischen dem Kampf der Klimabewegung und der Situation der Aufst\u00e4ndischen im Warschauer Ghetto. Das Kapitel leitet er mit einem positiven Bezug auf die j\u00fcdischen Aufst\u00e4ndischen im Warschauer Ghetto ein. Mit ihrem Kampf in aussichtsloser Lage h\u00e4tten die Aufst\u00e4ndischen noch deutlich gemacht, dass sie sich nicht kampflos ermorden lassen. Damit leitet Malm das Szenario einer Erde im Klimawandel ein: \u201eStellen wir uns nun vor, der letzte Rest der menschlichen Bev\u00f6lkerung fristet sein Dasein in der N\u00e4he der Pole. Ein paar Jahrzehnte bleiben ihnen noch. Und manche ihrer Nachkommen haben vielleicht sogar die Chance, etwas l\u00e4nger zu \u00fcberdauern. Was w\u00fcrden wir ihnen mitteilen wollen? Dass die Menschheit ihr Ende vollkommen einm\u00fctig herbeigef\u00fchrt hat? Oder dass manche Menschen doch gleich jener J\u00fcdinnen und Juden k\u00e4mpften, die um ihre bevorstehende Ermordung wussten?\u201c ((10))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da muss man sich schon fragen, ob Malm zwischen dem antisemitischen Mordprojekt der Nazis und dem menschengemachten Klimawandel keinen Unterschied sieht. Malm ist freilich nicht der erste bekannte Klimaaktivist, der die Shoah mit dem Klimawandel gleichsetzt. Doch Extinction-Rebellion-Mitbegr\u00fcnder Roger Hallam wurde 2019 f\u00fcr seinen Vergleich der Klimakrise mit dem Holocaust in Deutschland auch von Umweltgruppen scharf kritisiert. ((11)) Malms Gleichsetzung der Klimaaktivist*innen mit den K\u00e4mpfer*innen im Warschauer Ghetto wurde bisher weitgehend ignoriert. Einen Eklat l\u00f6ste erst eine Diskussionsrunde am 14. Mai 2021 aus, bei der Malm \u201edie Helden des Widerstands in Gaza, angef\u00fchrt von Mohammed Deif\u201c, dem milit\u00e4rischen Anf\u00fchrer der Hamas, lobte und als \u201eglobales Modell\u201c f\u00fcr politischen Kampf bezeichnete. Als der Philosoph Anselm Jappe dies nicht hinnehmen wollte und Malms antiisraelische Rhetorik kritisierte, reagierte Malm mit dem Kommentar: \u201eDu bist Deutscher, oder?\u201c ((12))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re zu fragen, ob ein oft regressiver <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/antisemitismus-in-deutschland-2\/\">Antizionismus<\/a> verbunden mit einer apokalyptischen Weltsicht daf\u00fcr verantwortlich ist, dass bei Malm die Unterschiede zwischen einer menschengemachten Klimakrise und der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik eingeebnet werden. Auch damit sollte sich eine Klimabewegung auf der Suche nach einer politischen Perspektive auseinandersetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMit dem SUV in die Klimakatastrophe\u201c \u2013 so lautete bei vielen Klimaaktivist*innen das Fazit zum Ergebnis der Bundestagswahlen, die zumindest eines klarmachen: Die Freie Demokratische Partei (FDP) als besondere Interessenvertreterin des Kapitals wird auf jeden Fall mit dabei sein und daf\u00fcr sorgen, dass es ein \u201eWeiter so\u201c mit etwas gr\u00fcner Rhetorik geben wird. 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