{"id":26094,"date":"2021-10-26T18:06:31","date_gmt":"2021-10-26T16:06:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/lied-ohne-furcht\/"},"modified":"2021-11-17T15:34:52","modified_gmt":"2021-11-17T13:34:52","slug":"lied-ohne-furcht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/lied-ohne-furcht\/","title":{"rendered":"Lied ohne Furcht"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/VLLyzqkH6cs\" width=\"100%\" height=\"300\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im August 2008 verschwindet die 16-j\u00e4hrige Rub\u00ed in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Ju\u00e1rez. Monate sp\u00e4ter wird ihre zerst\u00fcckelte und verbrannte Leiche gefunden. Der mutma\u00dfliche M\u00f6rder, Sergio Rafael Barrazo, wird kurzzeitig verhaftet, vor Gericht aber trotz erdr\u00fcckender Beweise freigesprochen. F\u00fcr Rub\u00eds Mutter, Marisela Escobedo Ortiz, ist es unertr\u00e4glich, dass der Mord an ihrer Tochter unges\u00fchnt bleibt. Sie entschlie\u00dft sich, f\u00fcr Gerechtigkeit zu k\u00e4mpfen. Auf juristischem Wege, mit Eingaben und Petitionen, durch politischen Druck. Sie schlie\u00dft sich der Organisation \u201eJusticia para nuestras hijas\u201c (dt. \u201eGerechtigkeit f\u00fcr unsere T\u00f6chter\u201c) an. Mit Demos, Mahnwachen und gewaltfreien Protestaktionen brechen die M\u00fctter get\u00f6teter Frauen und M\u00e4dchen das Schweigen und prangern die Straflosigkeit an. Sie schaffen \u00d6ffentlichkeit und fordern Gerechtigkeit f\u00fcr ihre T\u00f6chter. W\u00e4hrend einer ihrer Kundgebungen im Dezember 2010 f\u00e4hrt ein Auto vor, ein Mann steigt aus, t\u00f6tet Marisela mit einem Kopfschuss und flieht. Dass er von Barrazo beauftragt wurde, wird vermutet, kann aber nicht bewiesen werden.<br \/>\nIm Februar 2020 wird die 25-j\u00e4hrige Ingrid Escamilla von ihrem Partner in der gemeinsamen Wohnung in Mexico City brutal ermordet. Vielleicht w\u00e4re ihr Tod ein trauriger Fall unter tausenden geblieben, aber f\u00fcr die Sensationspresse geht Auflage vor Pressekodex: Sie titelt mit rei\u00dferischen Schlagzeilen und Fotos der verst\u00fcmmelten Frauenleiche. Die mediale Ausschlachtung der Bluttat f\u00fchrt zu einer Welle der Emp\u00f6rung im Land. Tausende gehen auf die Stra\u00dfen und fordern ein Ende der Gewalt gegen Frauen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Einzelf\u00e4lle mit System<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei ermordete Frauen \u2013 drei Einzelf\u00e4lle? VertreterInnen von Regierung und Justiz setzen vielfach auf diese These, auch wenn in Mexiko jedes Jahr rund 4.000 Frauen ermordet werden und die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der T\u00e4ter straffrei ausgeht. Der Protest nach Ingrids Tod richtete sich auch gegen das von Generalstaatsanwalt Alejandro Gertz verk\u00fcndete Projekt, den zwischenzeitlich im mexikanischen Strafgesetzbuch verankerten Straftatbestand des Femizids wieder zu streichen, da der Begriff alles nur verkompliziere und die Strafverfolgung erschwere. Begriffe wie Mord und Totschlag seien ausreichend und zweckm\u00e4\u00dfiger.<br \/>\nDiese Argumentation ist f\u00fcr die Betroffenen blanker Hohn. M\u00e4dchen, die in einem Klima der Angst aufwachsen; Frauen, f\u00fcr die Gewalterfahrungen Alltag sind; die Angeh\u00f6rigen der Opfer, die oft jahrelang und unter Einsatz ihres Lebens darum k\u00e4mpfen, dass Beh\u00f6rden und Gerichte endlich t\u00e4tig werden, sehen ganz andere Ursachen f\u00fcr die ihnen entgegengebrachte Ignoranz: Tr\u00e4gheit, Desinteresse, Korruption, den langen Arm der Drogenkartelle und Menschenh\u00e4ndler \u2013 und den \u201epatriarchalen Pakt\u201c des Machismo.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Den patriarchalen Pakt brechen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den vergangenen Jahren organisieren sich mehr und mehr Frauen, um diesen Pakt zu brechen und ihr Recht auf Leben und Selbstbestimmung durchzusetzen. Zu Gro\u00dfdemonstrationen auf dem Paseo de la Reforma in Mexico City, aber auch in anderen St\u00e4dten im ganzen Land str\u00f6mten in den Jahren 2019 und 2020 Tausende von Menschen. In Hermosillo, der Hauptstadt der Provinz Sonora, wo die Zahl der Femizide seit 2018 besonders dramatisch gestiegen war, gab es in den ersten Monaten des Jahres 2020 mehrere Demonstrationen aufgebrachter Frauen. Zwei davon endeten mit entglasten Fenstern und einem Sturm auf den Justizpalast bzw. die Kathedrale. \u201eLeider reagiert die Regierung erst dann, wenn wir etwas kaputtmachen, was ihr wichtig ist\u201c, kommentierte eine Demonstrantin lakonisch.<br \/>\nAm 8. M\u00e4rz 2020, dem Internationalen Frauentag, demonstrierten in der Hauptstadt 80.000 Menschen \u2013 die breite Mobilisierung hatte auch zahlreiche M\u00e4nner sowie Familien mit Kindern auf die Stra\u00dfe gebracht, um ein Zeichen gegen die Gewalt an Frauen zu setzen. Am Tag darauf, einem Montag, waren die Frauen unsichtbar: Sie streikten unter dem Motto \u201eEin Tag ohne Frauen\u201c. Frauen gingen nicht zur Arbeit, gingen nicht einkaufen, nutzten nicht mal die Sozialen Medien.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Eine feministische Hymne<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der k\u00e4mpferischen Aufbruchsstimmung jener Tage entstand \u201e<a href=\"https:\/\/vimeo.com\/425756240\">Canci\u00f3n sin miedo<\/a>\u201c (dt. \u201eLied ohne Furcht\u201c). Vivir Quintana, mexikanische S\u00e4ngerin und Aktivistin, schrieb das Lied f\u00fcr einen gemeinsamen Auftritt mit ihrer ber\u00fchmten chilenischen Kollegin Mon Laferte auf dem Festival \u201eTiempo de Mujeres\u201c (dt. \u201eZeit der Frauen\u201c) am Vorabend des 8. M\u00e4rz 2020. Das Lied traf den Nerv der Bewegung. Es nahm die aktuellen Geschehnisse auf und endete mit einer feministisch-utopischen Variation der kriegerisch-m\u00e4nnlichen mexikanischen Nationalhymne.<br \/>\nBereits vor dem Auftritt ging ein Video des Songs viral, so dass bei der eigentlichen Urauff\u00fchrung auf dem Z\u00f3calo, dem zentralen Platz von Mexico City, Tausende von Konzertbesucherinnen einstimmen und jede Zeile mitsingen konnten. Eine feministische Hymne war geboren.<br \/>\nSeitdem sind zahlreiche <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ehvpj0xFWpU\">Coverversionen<\/a> in verschiedenen L\u00e4ndern Lateinamerikas entstanden, die Texte wurden an die jeweiligen lokalen Situationen und Erfahrungen angepasst. Unter anderem gibt es kolumbianische, chilenische und argentinische Variationen. Und der Dokumentarfilm \u201eDie drei Tode der Marisela Escobedo\u201c, der die eingangs beschriebenen Ereignisse aufarbeitet, endet mit Vivir Quintanas Lied.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/2vsHHKwqPD8\" width=\"100%\" height=\"300\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie fast allen sozialen Bewegungen hat die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/femizide-und-haeusliche-gewalt-in-zeiten-von-corona\/\">Coronapandemie<\/a> auch der mexikanischen Frauenbewegung einen D\u00e4mpfer verpasst. Ein Gro\u00dfteil der Aktionen zum Internationalen Frauentag 2021 wurde notgedrungen von der Stra\u00dfe in den virtuellen Raum verlegt. Dabei ist es nach wie vor bitter n\u00f6tig, den politischen Druck aufrechtzuerhalten. Im Februar 2021 gab es heftige Proteste gegen Salgado Macedonio, einen Politiker aus dem Bundesstaat Guerrero, dem sexueller Missbrauch und Vergewaltigung in mehreren F\u00e4llen vorgeworfen wurden. Pr\u00e4sident L\u00f3pez Obrador, der unbeirrt an seinem Parteifreund festhielt, lie\u00df sich mit den Worten zitieren: \u201eIch h\u00f6re jetzt \u00fcberall dieses \u201aBrich den Pakt, brich den Pakt\u2018 \u2013 ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich wei\u00df erst seit f\u00fcnf Tagen, was das bedeuten soll, dieses \u201aBrich den Pakt\u2018. Ich habe es mir von meiner Frau erkl\u00e4ren lassen. Ich hab sie gefragt, und sie sagte mir: \u201aSie meinen den patriarchalen Pakt. Du sollst aufh\u00f6ren, die M\u00e4nner zu unterst\u00fctzen.\u2018 \u2013 Aber ich breche den Pakt doch schon.\u201c Nicht sonderlich ausgeschlafen f\u00fcr einen Mann, der sich der lateinamerikanischen Linken zurechnet und 2018 sein Amt mit dem Versprechen antrat, er werde Korruption und Straflosigkeit im Land bek\u00e4mpfen. Mexikos Frauen werden noch einen langen Atem brauchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\ufeff\ufeff\ufeff Im August 2008 verschwindet die 16-j\u00e4hrige Rub\u00ed in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Ju\u00e1rez. Monate sp\u00e4ter wird ihre zerst\u00fcckelte und verbrannte Leiche gefunden. Der mutma\u00dfliche M\u00f6rder, Sergio Rafael Barrazo, wird kurzzeitig verhaftet, vor Gericht aber trotz erdr\u00fcckender Beweise freigesprochen. 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