{"id":26101,"date":"2021-10-26T18:06:33","date_gmt":"2021-10-26T16:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/todesgrenze\/"},"modified":"2022-01-12T19:52:25","modified_gmt":"2022-01-12T17:52:25","slug":"todesgrenze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/todesgrenze\/","title":{"rendered":"Todesgrenze"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die wei\u00dfrussische Route soll vermeintlich der einfachste Weg f\u00fcr Gefl\u00fcchtete aus den kriegsgebeutelten Teilen der Welt sein, um nach Deutschland und Frankreich zu gelangen. Sie sei kurz, sicher und vor allem billig und ermutigte ganze Familien, sich auf den Weg zu machen und ihren Platz in einer besseren Welt zu suchen. Sie wurde jedoch f\u00fcr viele zum Grab.<br \/>\nAls der wei\u00dfrussische Pr\u00e4sident Alexander Lukaschenko vor zwei Monaten als Reaktion auf die von der EU verh\u00e4ngten Sanktionen damit begann, die Visumspflicht f\u00fcr die meisten afrikanischen und asiatischen L\u00e4nder abzuschaffen, hatte niemand erwartet, dass die Dinge so schlecht ausgehen w\u00fcrden. In vielen armen L\u00e4ndern wie Jemen, Kongo und Irak wurden im Eiltempo Reiseb\u00fcros gegr\u00fcndet, die sehr g\u00fcnstige Reisen nach Belarus verkauften. Sie boten einen Flug, eine Besichtigungstour durch Minsk und eine Busfahrt zur Grenze an. Die Reiseprospekte informierten auch dar\u00fcber, dass es einfach sei, die EU zu durchqueren, und dass ein Taxi nach Berlin schon von der polnischen Seite aus genommen werden k\u00f6nnte. Im Vergleich zur Balkanroute schien dieser Weg ideal. Der \u201eReiseboom\u201c begann. Tausende von Tickets wurden gekauft, und ganze Familien machten sich mit mehreren Generationen auf die Reise in die EU.<br \/>\nSie landeten in Minsk, bekamen eine kurze Stadtbesichtigung und wurden mit dem Bus zur Grenze gefahren. Hier stellte sich jedoch heraus, dass die Realit\u00e4t anders aussah, als ihnen versprochen worden war. Sie wurden dort von den Grenzbeamt:innen durchsucht und aller Geld- und Wertgegenst\u00e4nde beraubt, die sie bei sich trugen. Dann wurden sie in Gruppen in Richtung der polnischen gr\u00fcnen Grenze getrieben, die sie zwei Tage lang in der Hoffnung auf das sagenumwobene Eldorado zu Fu\u00df \u00fcberquerten. Doch die polnischen Beh\u00f6rden, die die Gefl\u00fcchteten nicht hereinlassen wollen, errichteten Stacheldrahtz\u00e4une und schickten Armee und Polizei an die Grenze. Der Befehl lautete, niemanden hereinzulassen, alle in den Niemandsland-Streifen zu bringen und \u00fcber den Stacheldraht nach Wei\u00dfrussland zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. In einem zehn Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze wurde der Ausnahmezustand verh\u00e4ngt.<br \/>\nJournalist:innen, Hilfsorganisationen und Rettungsdiensten ist der Zutritt untersagt. Damit wurde Aktivit\u00e4ten freien Lauf gelassen, die gegen alle internationalen Rechtsnormen und Vereinbarungen versto\u00dfen. Tausende von Menschen sitzen in der Falle, denn sobald sie den Grenzstreifen betreten haben, k\u00f6nnen sie diesen nicht mehr verlassen. Auf polnischer Seite patrouillieren Einheiten mit Sp\u00fcrhunden, Hubschraubern und Gel\u00e4ndewagen mit Nachtsichtger\u00e4ten in der Sperrzone, und wenn Gefl\u00fcchtete oder deren Leichen gefunden werden, werden sie auf die belarussische Seite gedr\u00e4ngt bzw. gebracht. Laut lokalen Augenzeug:innen und Gefl\u00fcchteten werden Leichen von der polnischen Seite auf Wagen gesammelt und \u00fcber den Grenzzaun geworfen oder in den W\u00e4ldern liegengelassen und dort teils mit Bl\u00e4ttern und \u00c4sten bedeckt, um sie zu tarnen, so dass sie im Winter von Tieren gefressen werden. Die lebenden Menschen werden mit Milit\u00e4r- oder Zivilfahrzeugen zur wei\u00dfrussischen Seite gebracht. Die Wei\u00dfruss:innen reagieren darauf, indem sie Gefl\u00fcchtete schlagen und in Wellen zur\u00fcck nach Polen dr\u00e4ngen. Laut j\u00fcngsten Berichten nutzen sie dabei Taser. Nach Angaben von Gefl\u00fcchteten werden Gruppen von bis zu 300 Menschen gesammelt und an Stellen gefahren, die auf polnischer Seite weniger bewacht sind, wo sie wieder zum Grenz\u00fcbertritt gezwungen werden. Manche wurden bereits 15 Mal von beiden Seiten abgewiesen. Viele w\u00fcrden am liebsten nach Minsk zur\u00fcckkehren, aber dieser Weg ist ihnen versperrt. Die Grenzpatrouillen auf beiden Seiten nehmen alles Wertvolle an sich, was sie finden. Die Menschen beginnen vor Ersch\u00f6pfung zu sterben, und ihre Leichen liegen entlang der Grenze. Am schlimmsten ist die Situation der Kinder, die sich oft in den W\u00e4ldern verirren und deren Schreie man nachts h\u00f6ren kann.<br \/>\nEntlang des Streifens, \u00fcber den der Ausnahmezustand verh\u00e4ngt wurde, versuchen einige Nichtregierungsorganisationen, Lebensmittel und Wasser zu verteilen. So auch das anarchistische \u201eNo Borders Team\u201c, das aus \u00fcber 50 Personen aus ganz Polen besteht, von denen sich nach dem Rotationsprinzip immer etwa ein Dutzend vor Ort befindet und 24 Stunden am Tag Hilfe leistet.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Auf polnischer Seite patrouillieren Einheiten mit Sp\u00fcrhunden, Hubschraubern und Gel\u00e4ndewagen mit Nachtsichtger\u00e4ten in der Sperrzone, und wenn Gefl\u00fcchtete oder deren Leichen gefunden werden, werden sie auf die belarussische Seite gedr\u00e4ngt bzw. gebracht.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Dies ist ein Bericht, der ein paar Stunden ihrer Arbeit beschreibt:<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir erhalten die Information, dass sich mehrere Personen aus dem Jemen in den W\u00e4ldern bei Lipsk versteckt halten. Sie sind ersch\u00f6pft und werden vielleicht in Polen um Asyl bitten. Wir schreiben auf Zettel: \u201eI want asylum in Poland. I want international protection in Poland\u201c. Wenn wir die Gefl\u00fcchteten finden, sollen wir ein Video von ihnen drehen, w\u00e4hrend sie ihren Asylantrag m\u00fcndlich stellen und dabei diesen Zettel halten. Dies ist oft der einzige Beweis daf\u00fcr, dass eine Person existiert hat. Wenn sie nur die Asyldokumente ausf\u00fcllen, k\u00f6nnen die Grenzbeamt:innen diese zerrei\u00dfen und wegwerfen. So funktioniert das Asylverfahren in Polen.<br \/>\nWir sind 150 Kilometer von unserem Ziel entfernt, die Fahrt dauert anderthalb Stunden, unterwegs passieren wir eine Patrouille der Sperrzone \u2013 die Polizei kontrolliert uns bei der Ein- und Ausfahrt aus der Zone. Wir erkl\u00e4ren, dass wir von Teremiski zu unserer Privatunterkunft in Lipsk zur\u00fcckkehren. Wir sind zu viert \u2013 Freund:innen, Pilzsammler:innen, Tourist:innen. Sie lassen uns passieren. Man kann den Transit nehmen, wenn \u201eder Polizist einen mag\u201c \u2013 wenn du ihm nicht gef\u00e4llst, wirst du abgewiesen. Die Gesetze besagen, dass man durch die Sperrzone fahren darf, es sei denn &#8230; man erweckt Verdacht.<br \/>\nWir halten auf einem schmalen Pfad zwischen Feldern an, die mit Metalldraht eingez\u00e4unt sind. Es ist fast 23 Uhr. Wir betreten den Wald mit Kopflampen und Rucks\u00e4cken, die mit unseren \u201eLebensrettungspaketen\u201c gef\u00fcllt sind: Thermodecke, Nutridrink, Riegel, etwas Salziges, Stiefelw\u00e4rmer, Socken und eine Flasche Wasser. Unsere Kolleg:innen finden drei junge Erwachsene. Sie sind m\u00fcde, sie leben seit 15 Tagen im Wald, sie wurden vier Mal von Belarus Richtung Polen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt.<br \/>\nRami, ein junger Programmierer aus dem Jemen, erz\u00e4hlt uns, wie er und andere Gefl\u00fcchtete von wei\u00dfrussischen Grenzsoldaten in den Fluss gesto\u00dfen wurden. Die Soldaten sagten, das Wasser sei seicht, aber er sp\u00fcrte keinen Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Er lie\u00df seinen Rucksack mit all seinen Habseligkeiten fallen, darunter auch sein Telefon, mit dem er seine Familie kontaktieren und den Standort an Helfer:innen \u00fcbermitteln konnte. In nassen Kleidern und bei Temperaturen von knapp \u00fcber Null Grad machten sich Rami und seine Gruppe auf den Weg zur polnischen Seite. Sie hatten die Wei\u00dfrussen gebeten, sie in den Jemen abzuschieben. Sie verstanden, dass die Transitroute durch Wei\u00dfrussland und Polen unm\u00f6glich war und dass alle anderen noch schlimmeren Migrationsrouten eine bessere Chance boten. Die Einreise nach Polen bedeutet, im Wald zu sterben.<br \/>\nWir setzen uns auf die Wiese und f\u00fcllen drei Asylantr\u00e4ge aus. All dies geschieht im Licht der US-amerikanischen ABC-Fernsehkameras, die hinzugekommen sind. Dank dieses Lichts kann ich sehen, was ich schreibe. Ich sehe mir ihre P\u00e4sse an und trage ihre Namen ein. Rami spricht hervorragend Englisch und erkl\u00e4rt seinen Begleitern, dass heute ein guter Zeitpunkt ist, um Asyl zu beantragen. Wir haben ein internationales Fernsehteam dabei. Dadurch kann es nicht unter den Teppich gekehrt werden. Diese Menschen wurden bereits gefilmt, es ist also klar, dass sie existiert haben. Die Journalist:innen versichern uns, dass sie das Thema nicht ruhen lassen, dass sie Rami, Momen und den 19-j\u00e4hrigen Turki nicht vergessen werden. Turkis Schuhe sind kaputt, Momen tr\u00e4gt nur noch Socken. Wir sagen, dass wir trotz der Anwesenheit des Fernsehens nicht versprechen k\u00f6nnen, dass die polnischen Grenzsch\u00fctzer:innen sie nicht gleich zum f\u00fcnften Mal 200 Kilometer weit wegbringen und im Wald zur\u00fccklassen werden. Wir haben bereits Aktivist:innen getroffen, die weinten, wenn sie daran dachten, wie die Gefl\u00fcchteten sie um Rettung anflehten und sie nichts tun konnten. Es gibt viele solcher Geschichten. Der Schrei eines Kindes, den man im Wald auf der wei\u00dfrussischen Seite h\u00f6rt und auf den man nicht m\u00fctterlich, schwesterlich oder einfach menschlich reagieren kann. Wenn man auf die andere Seite wechselt, k\u00f6nnen die belarussischen Grenzbeamt:innen eine:n erschie\u00dfen.<br \/>\nWir sind zum ersten Mal hier und voller Hoffnung, und deshalb verstehen wir zun\u00e4chst nicht, dass der 19-j\u00e4hrige Turki beschlie\u00dft, in den Wald zur\u00fcckzukehren. Er versteckt den gefalteten Asylantrag auf seiner Brust und sagt, dass er zur\u00fcckgeht, zu seinem Bruder &#8230; der auf der anderen Seite zehn Kilometer entfernt in Wei\u00dfrussland im Wald geblieben ist.<br \/>\nWir packen ihm einen Rucksack, Milit\u00e4rrationen, Powerbanks, Schlafs\u00e4cke und Zelte. Der Rucksack ist sehr schwer. Wir geben ihm eine M\u00fctze, Ewelina ihre Handschuhe, Albert seine Schuhe, wodurch diesmal er in Socken im Wald zur\u00fcckbleibt, aber dank dieser Schuhe hat Turki eine bessere Chance, nachts zehn Kilometer durch den Wald zu laufen. Er muss sehr vorsichtig sein, denn die Wei\u00dfrussen haben angek\u00fcndigt, dass sie ihn t\u00f6ten werden, wenn sie ihn noch einmal erwischen.<br \/>\nDas amerikanische Fernsehteam ist ger\u00fchrt von Alberts Geste, und am Ende dieser Nacht fragen sie uns, warum wir das tun, warum wir helfen. Ich antworte, wenn meine Tochter im Wald w\u00e4re, w\u00fcrde ich mich auch f\u00fcr sie einsetzen. Wenn mein Bruder im Wald w\u00e4re, ersch\u00f6pft und vor K\u00e4lte und Hunger sterbend, w\u00fcrde ich mich auch f\u00fcr ihn einsetzen. Dass sie gleichwertige Menschen sind \u2013 die T\u00f6chter, Br\u00fcder, M\u00fctter, V\u00e4ter von jemand anderem.<br \/>\nTurki pr\u00fcft sein Telefon. Wenn er Kontakt zu seinem Bruder h\u00e4tte, k\u00f6nnte er ihm schreiben, dass er Asyl beantragt, dass wir ihm einen Rucksack unter einem Baum platziert haben und ihm den Standort durchgeben, aber das Telefon ist tot, denn die Leute auf der wei\u00dfrussischen Seite haben nur ein Handy und einen sehr schwachen Akku. Turki geht in den Wald. Der Kontakt bricht ab. Ich frage mich, wer er war, was er mochte, wovon er tr\u00e4umte. Der 19-j\u00e4hrige Turki.<br \/>\nWir rufen die Grenzbeamt:innen an und sagen ihnen, dass wir mit Gefl\u00fcchteten und dem amerikanischen Fernsehteam warten. Wir warten mehrere Stunden auf ihre Ankunft. Sie rufen an und sagen, dass sie uns nicht finden k\u00f6nnen, obwohl wir ihnen einen Standort mitgeteilt haben. Schlie\u00dflich gehen wir zu ihrer Station, um sie abzuholen. Sie geben sich sehr viel M\u00fche und sind menschlich. Wir haben nur schlechte Geschichten geh\u00f6rt, \u00fcber Schreie und Drohungen, \u00fcber die Gleichg\u00fcltigkeit. Jetzt behandeln sie jeden mit Respekt. Wir wissen nicht, ob das an den internationalen Kameras liegt oder einfach an den menschlichen Reflexen. Das spielt keine Rolle. Rami und Momen sind vom Wild wieder zu Menschen geworden \u2013 jemenitische Staatsb\u00fcrger, die in Polen internationalen Schutz suchen.<br \/>\nWir kehren um 7 Uhr nach Hause zur\u00fcck. Es hei\u00dft, Aktivist:innen schlafen nicht. Das ist wahr. Ein weiterer Tag bedeutet, in Lipsk anzurufen, um Informationen \u00fcber die Situation unserer Jemeniten zu erhalten. Asylverfahren werden er\u00f6ffnet. Ich bin ihre Bevollm\u00e4chtigte und werde daher von den Grenzschutzbeamt:innen problemlos \u00fcber die Ereignisse informiert. Wir vereinbaren einen Termin f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag in Lipsk, 150 Kilometer von unserem Standort entfernt. Wir d\u00fcrfen Kleidung und Hygieneartikel f\u00fcr Rami und Momen mitbringen. Ich bin dankbar. Ich habe das Gef\u00fchl, dass es vielleicht klappen wird.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Unmenschliche Gesichter<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am zweiten Tag unseres Einsatzes werden wir informiert, dass eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe kongolesischer Gefl\u00fcchteter in der Bibliothek in Gr\u00f3dek aufgetaucht ist. Wir fahren hin. Die Polizei und der Grenzschutz informieren uns, dass wir uns den Ausl\u00e4nder:innen nicht n\u00e4hern sollen, da bei einem von ihnen Covid diagnostiziert wurde und wir in Quarant\u00e4ne m\u00fcssten.<br \/>\nEin M\u00e4dchen liegt regungslos auf dem nassen Gras. Wir werden von einem franz\u00f6sischsprachigen Journalisten von Onet [Online-Infoportal \u2013 Anm. d. \u00dcbers.] begleitet. Es stellt sich heraus, dass das M\u00e4dchen Am\u00e9lie hei\u00dft, 16 Jahre alt und seit seinem sechsten Lebensjahr krank ist. Das M\u00e4dchen bewegt sich nicht, und ich frage, ob ein Krankenwagen gerufen wurde. Ein Grenzschutzbeamter erkl\u00e4rt, dass Am\u00e9lie keinen Bedarf angemeldet hat. Es ist schwierig, Bedarf anzumelden, wenn man unter Schmerzen und kaum bei Bewusstsein auf dem nassen Boden liegt. Ich rufe den Notdienst an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch m\u00f6chte einen Krankenwagen f\u00fcr ein 16-j\u00e4hriges M\u00e4dchen rufen, das vor der Bibliothek in Gr\u00f3dek liegt\u201c, beginne ich.<br \/>\n\u201eAtmet sie?\u201c, fragt mich die Mitarbeiterin.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df es nicht.\u201c<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr Menschen!\u201c Sie ist entr\u00fcstet \u00fcber meinen Mangel an Empathie. \u201eBitte gehen Sie zu ihr und \u00fcberpr\u00fcfen Sie das!\u201c, weist sie mich an.<br \/>\n\u201eAber ich kann nicht, weil die Grenzbeamten mich nicht zu ihr lassen &#8230;\u201c<br \/>\nStille kehrt ein.<br \/>\n\u201eIst sie keine Polin?\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df es nicht &#8230;\u201c, antworte ich, weil ich schon sp\u00fcre, dass niemand kommen wird, wenn die 16-J\u00e4hrige keine Polin ist. In Polen, in der Region Podlasie, kommen die Krankenwagen nur zu polnischen Kindern.<br \/>\n\u201eWenn die Grenzschutzbeamten da sind und nicht um Hilfe gerufen haben, bedeutet das, dass sie nicht gebraucht wird!\u201c<br \/>\n\u201eAber das M\u00e4dchen ist bewusstlos und friert, ich bestehe darauf, dass der Krankenwagen kommt.\u201c<br \/>\n\u201eNun, er wird kommen, aber ich wei\u00df nicht wann, denn wir haben viele Anrufe!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gespr\u00e4ch endet. Sp\u00e4ter, als das M\u00e4dchen bereits zum Grenzschutzwagen geschleppt wird, bekomme ich einen Anruf vom Rettungsdienst. Mein Anruf sei ungerechtfertigt gewesen. Ich m\u00fcsste lernen, in welchen Situationen ich einen Krankenwagen rufen muss! Ich frage, wann der Anruf gerechtfertigt sei, wenn nicht im Fall einer bewusstlos auf dem Boden vor der Bibliothek liegenden Jugendlichen?<br \/>\nGrenzbeamt:innen und Polizist:innen werden still, wenn TVN [polnischer Privatsender \u2013 Anm. d. \u00dcbers.] seine Kameras einschaltet. Die Kameras wirken wie ein Beruhigungsmittel. Unsere Personalien werden wieder aufgenommen, die Kongoles:innen werden nach Bobrowniki zur\u00fcckgetrieben, und ihre Spur verschwindet. Ich frage mich, wer sie war, was sie mochte, wovon sie tr\u00e4umte. Die 16-j\u00e4hrige Am\u00e9lie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<style> #Kasten {color: #ffffff; background-color: #007F4E; border-radius: .5em;}<\/style>\n<div id=\"Kasten\">\n<h4 style=\"text-align: center;\">SPENDENAUFRUF<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify; margin: 2em 1.5em 1em .5em;\">Wir sind eine Gruppe von Aktivist:innen aus Polen, die seit Anfang Oktober 2021 Menschen in der Fl\u00fcchtlingskrise an der polnisch-wei\u00dfrussischen Grenze helfen. Wir brauchen dringend Geld f\u00fcr den Kauf lebensrettender Pakete: Winterjacken, Schuhe, Hose, Rucks\u00e4cke, Energieriegel, N\u00fcsse, Konserven, Wasser, Thermoskanne, Powerbanks, SIM-Karten, Telefone.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; margin: 2em 1.5em 1em .5em;\">Ihr k\u00f6nnt unsere Arbeit mit den Spenden unterst\u00fctzen: <a style=\"color: white;\" href=\"https:\/\/www.firefund.net\/borderofshame\">firefund.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; margin: 2em 1.5em 1em .5em;\">Bitte nicht mehr als 4.000 Zloty (ca. 860 Euro) auf einmal einzahlen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die wei\u00dfrussische Route soll vermeintlich der einfachste Weg f\u00fcr Gefl\u00fcchtete aus den kriegsgebeutelten Teilen der Welt sein, um nach Deutschland und Frankreich zu gelangen. Sie sei kurz, sicher und vor allem billig und ermutigte ganze Familien, sich auf den Weg zu machen und ihren Platz in einer besseren Welt zu suchen. 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