{"id":26102,"date":"2021-10-26T18:06:33","date_gmt":"2021-10-26T16:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/zukunft-drohnenkrieg-statt-bodentruppen\/"},"modified":"2021-11-25T01:20:33","modified_gmt":"2021-11-24T23:20:33","slug":"zukunft-drohnenkrieg-statt-bodentruppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/zukunft-drohnenkrieg-statt-bodentruppen\/","title":{"rendered":"Zukunft Drohnenkrieg statt Bodentruppen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">fsIm \u201ePlanungspapier Luftmacht 2030\u201c der Bundeswehr-Luftwaffe schrieb Generalleutnant Karl M\u00fcller schon 2012: Der verst\u00e4rkte Einsatz von Kampfdrohnen sei \u201emilit\u00e4risch sinnvoll\u201c, da sonst der \u201eAppetit der Politik\u201c abnehmen werde, \u201esolche Eins\u00e4tze wie Afghanistan zu wiederholen.\u201c ((1))<br \/>\nAls der Abzug aus <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/realitaetsverweigerung\/\">Afghanistan<\/a> vor kurzem zu Ende war, mit all den 240.000 Toten ((2)) und dem Drama um die noch vor Ort verbliebenen Menschen \u2013 fr\u00fcher mal im linken Jargon \u201eKollaborateure\u201c, heute \u201eOrtskr\u00e4fte\u201c genannt \u2013, da erkl\u00e4rte Joe Biden eine Epoche der westlichen Kriegsf\u00fchrung f\u00fcr beendet, n\u00e4mlich die imperiale Kriegsf\u00fchrung zur Sicherung der Rohstoffwege und zur Terrorismusbek\u00e4mpfung per Bodentruppen. Was aber kommt danach? Nun wird die milit\u00e4rische Interessendurchsetzung via Drohnenkrieg propagiert. Gleichzeitig wird der Drohnenkrieg als \u201esauber\u201c, mit nicht mehr nur wenigen, sondern gar keinen Verlusten \u2013 nat\u00fcrlich auf eigener Seite \u2013, effizient und angeblich arm an Kollateralsch\u00e4den, also zivilen Opfern, \u00f6ffentlich schmackhaft gemacht. Die b\u00fcrgerliche Presse, nehmen wir einmal Matthias Koch vom \u201eRedaktionsNetzwerk Deutschland\u201c, entbl\u00f6det sich in j\u00fcngsten Artikeln sogar nicht, im Drohnenkrieg \u00e4sthetische Sch\u00f6nheit zu entdecken: \u201eBesonders elegant wird es, wenn man gewinnt, ohne zu k\u00e4mpfen.\u201c ((3))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die verschwiegene Wirklichkeit des Drohnenkriegs: \u201eElegant\u201c?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts k\u00f6nnte falscher sein. Drohnenkriege sind nicht etwa neu, sondern sie begleiteten bereits die bisherigen konventionellen Kriege seit Ende der Neunzigerjahre. Besonders dort, wo aus diplomatischen Gr\u00fcnden eine Besetzung mit Bodentruppen bei der Terrorismusbek\u00e4mpfung nach dem 11. September 2001 verzwickt war, wurde der Krieg nur noch durch Drohnen gef\u00fchrt. So wurden Drohnen \u00fcber Jahrzehnte hinweg zum Beispiel parallel zur Afghanistan-Besetzung im westpakistanischen Waziristan eingesetzt, wohin sich die Taliban zeitweise zur\u00fcckzogen oder wo sie ihren Nachschub organisierten. Pakistan ist offiziell westlicher Verb\u00fcndeter, da kommt eine Truppenbesetzung am Boden nicht gut, im Drohnenkrieg sind aber B\u00fcndniskonstellationen \u00fcberhaupt kein Problem. Die Wirklichkeit dieses \u201esauberen Krieges\u201c sah dort weit weniger \u201eelegant\u201c aus, wie es Drohnenkriegsforscherin Medea Benjamin anhand von Hunderten von Berichten nachwies, hier nur ein sehr typischer aus Waziristan: \u201eManche Bomben trafen wegen menschlichen oder technischen Versagens oder unrichtiger Informationen auch das falsche Ziel. In einem Dorf hielten die Amerikaner eine Hochzeitsgesellschaft f\u00fcr eine Versammlung der Taliban. Gerade noch feierten 43 Verwandte ein fr\u00f6hliches Fest, im n\u00e4chsten Augenblick hingen ihre Gliedma\u00dfen in den B\u00e4umen.\u201c ((4))<br \/>\nSo sieht sie aus, die \u201eEleganz\u201c des Drohnenkrieges. Nachdem Drohnen von NATO und USA noch im Kosovo 1999, in Afghanistan 2001 und im Irak 2003 unter George W. Bush nur als Erg\u00e4nzung zum konventionellen Personenkrieg eingesetzt wurden, beobachteten US-Friedensaktivist*innen \u201emit Entsetzen, wie diese Scharfsch\u00fctzen am Himmel sich von Afghanistan und Irak bis nach Pakistan, dem Jemen, Somalia, auf die Philippinen und nach Libyen ausbreiteten. Statt die Gei\u00dfel des Krieges einzud\u00e4mmen, ver\u00e4nderte die Armee unter dem Friedensnobelpreistr\u00e4ger Pr\u00e4sident Obama lediglich ihre Taktik und setzte anstelle von Bodentruppen nun Attent\u00e4ter in der Luft ein.\u201c ((5))<br \/>\nDer Drohnenkrieg wendet die Praxis der Kriegsf\u00fchrung noch einmal um in ein besonderes moralisches Desaster: \u201eJeder Mann im wehrf\u00e4higen Alter, der in einem Gebiet lebt, in dem die USA Drohnen einsetzt, wird automatisch als K\u00e4mpfer definiert. (&#8230;) Das Prinzip der Unschuldsvermutung bis zum Beweis der Schuld wurde also in ein Schuldprinzip bis zum postumen Beweis der Unschuld umgewandelt\u201c ((6)) \u2013 wie schon in Guantanamo. Die Kriegsf\u00fchrung der USA und anderer intervenierender Westm\u00e4chte, die sich dabei Demokratie und Menschenrechte auf ihre Fahnen schrieben, nahm sich also durch Drohnen das Recht heraus, \u201ejeden beliebigen Menschen an jedem beliebigen Ort anzugreifen.\u201c ((7))<br \/>\nDie Drohnen hei\u00dfen heute \u201ePredator\u201c, \u201eReaper\u201c, \u201eGlobal Hawk\u201c oder \u201eStalker\u201c \u2013 und der sexistische Name ist bereits moralisches Programm. Zun\u00e4chst gab es noch einen Vorlauf in Form des Einsatzes von Drohnen f\u00fcr Aufkl\u00e4rungszwecke; beim NATO-Krieg im Kosovo 1999 wurden sie erstmals mit Raketen in Killer-Drohnen umger\u00fcstet; eine explosionsartige Vermehrung gab es dann nach dem 11. September 2001. Von 2002 bis 2010 vermehrte sich der Drohnen-Bestand der US-Luftwaffe um das Vierzigfache. Selbst w\u00e4hrend der Finanzkrise nach 2008 mussten US-Steuerzahler*innen 3,9 Milliarden Dollar f\u00fcr den Ankauf von unbemannten Drohnen aufbringen, wobei CIA und Heimatschutzministerium noch nicht mitgerechnet sind, die ebenfalls Kriegsdrohnen einsetzen. Die CIA setzt sie vor allem in \u201enicht erkl\u00e4rten Kriegen in L\u00e4ndern wie Pakistan und dem Jemen\u201c ein und bestreitet die daf\u00fcr n\u00f6tigen Kosten aus einem geheimen \u201eschwarzen Budget\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26228\" aria-describedby=\"caption-attachment-26228\" style=\"width: 325px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26228\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Predator_and_Hellfire.jpg\" alt=\"\" width=\"325\" height=\"168\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Predator_and_Hellfire.jpg 325w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Predator_and_Hellfire-300x155.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Predator_and_Hellfire-150x78.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 325px) 100vw, 325px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26228\" class=\"wp-caption-text\">Eine Drohne vom Typ General Atomics MQ-1 feuert eine Hellfire-Rakete ab (Zitat Wikipedia) &#8211; Foto: Brigadier Lance Mans, Deputy Director, NATO Special Operations Coordination Centre, Public domain, via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Einsatzzeit ist viel l\u00e4nger als bei Kampfflugzeugen: \u201eDer Reaper kann etwa 18 Stunden lang ohne Unterbrechung fliegen. (&#8230;) In Afghanistan und im Irak waren Predator-Drohnen und Reaper 7 Tage die Woche 24 Stunden lang in der Luft. Und sie schossen Tausende von Hellfire-Raketen ab, von denen jede 68.000 Dollar kostete.\u201c Drohnen sind sogar ein Wachstumsmarkt f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze: Es \u201esind bedeutend mehr Menschen erforderlich, um unbemannte Luftfahrzeuge zu bedienen, als f\u00fcr traditionelle Kriegsflugzeuge. (&#8230;) Angaben der US-Luftwaffe zufolge ist die unglaubliche Zahl von 168 Personen erforderlich, um nur einen Predator 24 Stunden lang in der Luft zu halten.\u201c ((8))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Drohnen schaffen erst durch ihre Brutalit\u00e4t Terrorist*innen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lebensalltag der Menschen in Waziristan war entsetzlich, denn sie lebten unter st\u00e4ndiger Bedrohung durch Drohnenangriffe. \u201eManchmal sieht man sie bedrohlich \u00fcber sich herumfliegen. Manchmal verschwinden sie wieder, aber man kann noch lange ihr be\u00e4ngstigendes Brummen h\u00f6ren.\u201c Vielerorts verursachte dieser st\u00e4ndige Drohnenl\u00e4rm posttraumatische Belastungsst\u00f6rungen, doch in der westlichen Presse wurde dar\u00fcber nicht berichtet. Was passierte deshalb also? \u201eDie Taliban profitieren jedes Mal von dem Blutbad und k\u00f6nnen neue K\u00e4mpfer rekrutieren.\u201c ((9)) Noor Bahram, ein pakistanischer Fotograf, berichtete \u00fcber seine Bilder und Erlebnisse nach Drohnenangriffen: \u201eNach einem Drohnenangriff liegen nur Fleischfetzen herum. Man findet keine Leichen. Und so sammeln die Einheimischen die Fleischfetzen ein und verfluchen Amerika. Die Amerikaner t\u00f6ten uns in unserem eigenen Land, in unseren eigenen H\u00e4usern, und sie sagen, nur, weil wir Muslime sind.\u201c ((10))<br \/>\nL\u00e4ngst hat die Praxis ins Kriegsgeschehen Eingang gefunden, Bodentruppen aus einem Gebiet herauszuziehen oder gar nicht erst zu intervenieren, sondern den Krieg per Drohnen zu f\u00fchren, nicht nur in Waziristan, sondern auch im Jemen, in Somalia, \u00fcberhaupt in afrikanischen L\u00e4ndern der Sahelzone, in Gaza oder j\u00fcngst auch beim Krieg Aserbaidschans gegen Armenien. Und das Wahnsinnigwerden durch st\u00e4ndiges Kreisen und Brummen \u00fcber den K\u00f6pfen der Bewohner*innen scheint heute technologisch \u00fcberwunden. Im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan 2020 setzte vor allem Aserbaidschan, gut ausger\u00fcstet durch die T\u00fcrkei, modernste Kampfdrohnen ein, die kriegsentscheidend waren. Betroffene vor Ort berichteten nun eher von \u201elautlos in der Luft herumh\u00e4ngenden Drohnen\u201c, die dann pl\u00f6tzlich angriffen. ((11)) Auch private Sicherheitsfirmen wie die ber\u00fcchtigte Firma \u201eBlackwater\u201c setzte im Afghanistankrieg ferngesteuerte Drohnen zur T\u00f6tung ein.<br \/>\nSchon 2011 schrieb die Zeitung der Drohnenlobby, \u201eUnmanned Daily News\u201c (der Name kommt vom Drohnen-K\u00fcrzel UAV f\u00fcr \u201eunmanned aerial vehicle\u201c): \u201eObwohl die USA planen, sich innerhalb der n\u00e4chsten Jahre vollst\u00e4ndig aus ihren beiden Kriegen zur\u00fcckzuziehen, werden die amerikanischen UAV\u2019s noch jahrzehntelang \u00fcber dem Irak und Afghanistan pr\u00e4sent sein.\u201c ((12)) Im Irak hatte sich ein Teil der US-Truppen bereits 2011 zur\u00fcckgezogen; doch die multiplen Drohnenbomben, die Trump w\u00e4hrend seiner Pr\u00e4sidentschaft im Irak explodieren lie\u00df \u2013 und nicht nur gegen hochrangige iranische Milit\u00e4rs \u2013 zeigten bereits, dass Trump nun \u00fcberhaupt kein Antikriegspolitiker war, sondern nur fr\u00fcher auf die Trendwende in der modernen Kriegsf\u00fchrung reagiert hat.<br \/>\nEin Vorl\u00e4ufer dieser Trendwende war der R\u00fcckzug israelischer Truppen aus Gaza und die gleichwohl beibehaltene Kontrolle Gazas per israelischem Drohnenkrieg:<br \/>\n\u201eAngeblich beendete Israel seine milit\u00e4rische Besetzung des Gazastreifens im Jahr 2005, aber dank der modernen Drohnentechnologie ben\u00f6tigt es keine Bodentruppen, um das Leben der Pal\u00e4stinenser zu beherrschen. (&#8230;) \u201aDrohnen bedeuten f\u00fcr uns Tod\u2019, sagte Hamdi Shaqqura vom Pal\u00e4stinensischen Zentrum f\u00fcr Menschenrechte der Washington Post. Seiner Organisation zufolge wurden zwischen 2006 und 2011 mindestens 825 Personen von israelischen Drohnen get\u00f6tet, die meisten davon Zivilisten.\u201c ((13)) Auch der Krieg gegen Libyen 2011 wurde bereits zu gro\u00dfen Teilen ohne westliche Bodentruppen, sondern mit Drohnen gef\u00fchrt.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich fordern die riesigen Investitionen in die Drohnenindustrie im Westen und den USA auch Drohnenentwicklungen in anderen L\u00e4ndern als Antwort heraus, nicht nur in Russland und China, sondern auch in der T\u00fcrkei oder im Iran. Auch allerlei Milizen und Guerillas setzen bereits heute Kampfdrohnen ein. Die Huthis im Jemen erwarben sie f\u00fcr nur 14.000 Euro das St\u00fcck: \u201eDrohnen sind die Raketen des kleinen Mannes\u201c ((14)) und verewigen schlimmste B\u00fcrgerkriege.<br \/>\nUnd im eigenen Landesinnern werden Drohnen bereits weitgehend zur sozialen Kontrolle eingesetzt, um deren Legitimation durch \u201ezivile Nutzung\u201c zu st\u00fctzen, in den USA also bei Polizei, Feuerwehr, Strafverfolgung, Verkehrsrettung und auch gegen Protestbewegungen. In einem Bericht des US-Kongresses hei\u00dft es zur st\u00e4ndigen technologischen Fortentwicklung, bald w\u00fcrden Drohnen in der Lage sein, \u201edurch W\u00e4nde und Zimmerdecken zu sehen\u201c. ((15))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Neue Pilot*innen weit entfernt: Rekrutierung von M\u00f6rder*innen im Playstation-Milieu<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch den Drohnenkrieg ist eine neue Art von Pilot*innen entstanden, die so gar nichts mehr mit Jagdbomberpilot*innen vor Ort zu tun haben. Das sind Familienv\u00e4ter und -m\u00fctter, High-Tech-Ausgebildete, die morgens in irgendeinen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt in den USA zur \u201eArbeit\u201c fahren, den lieben langen Tag per Drohnen Menschen umbringen und dann gem\u00fctlich abends wieder nach Hause fahren.<br \/>\nDiese neuen \u201ePilot*innen\u201c sind Leute, \u201edie mit den Computerspielen und dem Multitasking des 21. Jahrhunderts gro\u00df geworden sind.\u201c In seinem Buch \u201eWired for War\u201c meint Autor P. W. Singer: \u201eLeute, die selbst intensiv mit den UAV-Programmen der Armee befasst sind, sagen, es sei ihr erkl\u00e4rtes Ziel, an die Computerspielkultur der Jugendlichen anzukn\u00fcpfen.\u201c Und er zitiert einen Robotik-Experten der US-Marines: \u201eWir haben die Kontrollstationen nach dem Vorbild der Playstation gestaltet, denn mit so etwas haben diese 18-j\u00e4hrigen, 19-j\u00e4hrigen Marines ihr Leben lang gespielt.\u201c ((16))<br \/>\nDas T\u00f6ten per Drohnen, meist von Zivilist*innen, die von den M\u00f6rder*innen am Joystick in einer Entscheidung per Sekundenschnelle angeblich von wirklichen K\u00e4mpfer*innen unterschieden werden sollen \u2013 was f\u00fcr eine Arroganz der Macht \u2013, l\u00e4uft juristisch vollkommen straffrei ab, die T\u00e4ter*innen m\u00fcssen sich aus Prinzip nie vor irgendeinem Gericht verantworten. Und die Opfer sind oft genug kaum mehr identifizierbar; es wird \u00fcber sie nicht mal eine Liste gef\u00fchrt; ihre Angeh\u00f6rigen haben keine M\u00f6glichkeit zu juristischen Verfahren oder auch nur Schadenersatz im T\u00e4terland, \u00fcber Tausende von Kilometern hinweg.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Drohnen hei\u00dfen heute \u201ePredator\u201c, \u201eReaper\u201c, \u201eGlobal Hawk\u201c oder \u201eStalker\u201c \u2013 und die (teils sexistischen) Namen sind bereits moralisches Programm.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt im Drohnenkrieg die abscheuliche Praxis der \u201eDouble Taps\u201c, d. h. eines Wiederholungsangriffs auf dasselbe Ziel nur wenige Minuten oder eine halbe Stunde nach dem ersten Schlag. Gerade in der Zeit, in der sich Zivilist*innen und \u00c4rzt*innen, so vorhanden, langsam n\u00e4hern, um zu sehen, ob sie Verwundeten noch helfen k\u00f6nnen. Das hat folgende Konsequenz: \u201eWeil die Retter bei ihren Bem\u00fchungen, den Verletzten zu helfen, immer wieder selbst get\u00f6tet wurden, wagen Rettungskr\u00e4fte und Gemeindemitglieder es oft nicht, den Verwundeten zu helfen.\u201c So erh\u00f6hen sich die Todeszahlen oft genug, weil die zahlreichen Verletzten verbluten oder ihr zerfetztes Bein nicht sofort amputiert wird. F\u00fcr die Menschen vor Ort zerst\u00f6rt der Drohnenkrieg die kommunalen Sozialbeziehungen. \u201eViele Waziris glauben, dass bezahlte Informanten der CIA helfen, potentielle Ziele zu identifizieren und sogar kleine Peilsender, sogenannte Chips, in Fahrzeugen oder H\u00e4usern anbringen. (&#8230;) Nachbarn verd\u00e4chtigen ihre Nachbarn, f\u00fcr den amerikanischen oder pakistanischen Nachrichtendienst oder f\u00fcr die Taliban zu spionieren.\u201c ((17))<br \/>\nWas f\u00fcr ein Ausma\u00df der Brutalit\u00e4t und der Zerst\u00f6rung, \u00fcber die in westlichen Medien bis heute nahezu nie berichtet wird, oder wenn, dann als \u201eEleganz\u201c! Die Unm\u00f6glichkeit, in einem Drohnenkriegsgebiet weiter leben zu k\u00f6nnen, f\u00fchrt zu massiven Fluchtbewegungen, im Falle Waziristans in die pakistanische Millionenstadt Karatschi, wo es wiederum zu ethnischer Gewalt zwischen den rund eine Million Gefl\u00fcchteten und den 18 Millionen bereits dort lebenden Stadtbewohner*innen kam.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Eine weltweite Bewegung gegen Drohnen ist gefordert<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 2012 formiert sich jedoch Widerstand, besonders von Menschenrechtsorganisationen oder auch antimilitaristischen Gruppen einer in Ans\u00e4tzen wieder erwachenden US-Friedensbewegung. Viele Aktivit\u00e4ten gegen Drohnenkriege gehen vom Zusammenhang \u201eVoices for Creative Nonviolence\u201c aus, der auch schon Protestreisen nach Afghanistan durchf\u00fchrte, vor allem aber Direkte Aktionen vor den Toren von Drohnen-Produktionsfirmen, von denen die wichtigste General Atomics hei\u00dft und ihren Sitz im s\u00fcdkalifornischen San Diego hat. Immer wieder hat das antimilitaristische Netzwerk vielf\u00e4ltige und phantasievolle gewaltfreie Aktionen durchgef\u00fchrt, um die verschiedenen Dimensionen der Drohnenkriege anzugreifen, von denen hier nur eine beispielhaft genannt wird:<br \/>\nDebra Sweet und ihre Anti-Kriegs-Gruppe \u201eThe World Can\u2019t Wait\u201c sprechen direkt in Junior Highschools und Highschools vor: \u201eSweet besucht die Sch\u00fcler, spricht mit ihnen \u00fcber den Krieg und erkl\u00e4rt ihnen, dass die Regierung st\u00e4ndig auf der Suche nach Videospiel-Freaks ist, die sie als Drohnenpiloten rekrutieren kann. H\u00e4ufig bringt sie Veteranen aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak mit, die der Organisation \u201aWe Are Not Your Soldiers\u2019 angeh\u00f6ren und von ihren pers\u00f6nlichen Erlebnissen berichten.\u201c ((18))<br \/>\nUnd die BRD? Die Airbase Rammstein dient dem US-Drohnenkrieg. Doch das \u201ePlanungspapier Luftmacht 2030\u201c von 2012 ist heute noch nicht in Ans\u00e4tzen umgesetzt worden: Am 18. M\u00e4rz 2021 wollte Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die ersten beiden Kriegsdrohnen f\u00fcr die Bundeswehr einsatzbereit machen, scheiterte aber wegen anhaltend kritischer interner Diskussionen zum Drohnenkrieg. Immerhin sind neue Waffensysteme in der BRD heute noch mit einer kulturell antimilitaristisch bedingten Zustimmungsverz\u00f6gerung in der \u00f6ffentlichen Meinung verbunden, was dazu f\u00fchrt, dass sich viele Politiker*innen noch nicht so trauen, wie sie wollen. Die Versp\u00e4tung in Entwicklung und Ausstattung bei der Bundeswehr kann heute mit rund einem Jahrzehnt beziffert werden. Der langj\u00e4hrige verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Fritz Felgentreu, totaler Drohnenfan, legte sein Amt entnervt im Dezember 2020 nieder. ((19)) Aber keine Sorge: \u201eScholz packt das an!\u201c SPD und Gr\u00fcne haben ja damals auch Kosovo und Afghanistan \u201eangepackt\u201c!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>fsIm \u201ePlanungspapier Luftmacht 2030\u201c der Bundeswehr-Luftwaffe schrieb Generalleutnant Karl M\u00fcller schon 2012: Der verst\u00e4rkte Einsatz von Kampfdrohnen sei \u201emilit\u00e4risch sinnvoll\u201c, da sonst der \u201eAppetit der Politik\u201c abnehmen werde, \u201esolche Eins\u00e4tze wie Afghanistan zu wiederholen.\u201c ((1)) Als der Abzug aus Afghanistan vor kurzem zu Ende war, mit all den 240.000 Toten ((2)) und dem Drama um &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/zukunft-drohnenkrieg-statt-bodentruppen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":26225,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Zukunft Drohnenkrieg statt Bodentruppen? - graswurzelrevolution","description":"fsIm \u201ePlanungspapier Luftmacht 2030\u201c der Bundeswehr-Luftwaffe schrieb Generalleutnant Karl M\u00fcller schon 2012: Der verst\u00e4rkte Einsatz von Kampfdrohnen sei \u201emilit"},"footnotes":""},"categories":[1560,1025],"tags":[1527,1489],"class_list":["post-26102","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-463-november-2021","category-die-waffen-nieder","tag-afghanistan","tag-kampfdrohnen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26102","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26102"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26102\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}