{"id":2614,"date":"1999-04-01T00:00:17","date_gmt":"1999-03-31T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2614"},"modified":"2022-07-26T14:17:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:01","slug":"sozial-oder-lebensstilanarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/04\/sozial-oder-lebensstilanarchismus\/","title":{"rendered":"Sozial- oder Lebensstilanarchismus?"},"content":{"rendered":"<p>In der GWR (Nr. 236, Februar) schreibt Oskar Lubin, dass er an ein &#8222;Aufleben der Basisdemokratie&#8220; von Murray Bookchins politischem Ansatz eines libert\u00e4ren Kommunalismus nicht glaubt. Stattdessen k\u00f6nne &#8222;der Schl\u00fcssel f\u00fcr ein realistischeres Bild von Gesellschaft&#8220; in &#8222;der Summe aller Lebenswelten an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit&#8220; liegen. Nach Lubin k\u00f6nnen Menschen politisch nur &#8222;in der Gestaltung ihrer pers\u00f6nlichen Lebenswelten&#8220; funktionieren &#8211; anscheinend bloss als eine pers\u00f6nliche Wahl &#8211; und &#8222;nicht (&#8230;) in geschichtlich entbundener Subjektform&#8220;, als Teil irgendeiner sozialen Entwicklung.<\/p>\n<p>Sicherlich stammt Lubins Ansicht zum grossen Teil von Stirner und dem Anarcho-Individualismus und stellt deshalb wenig Neues f\u00fcr die anarchistische Debatte dar. Aber er scheint auch von einer neueren Debatte beeinflusst zu sein, die seit vier Jahren im englischen Sprachraum abl\u00e4uft. Weil diese Debatte den GWR- LeserInnen nicht bekannt sein d\u00fcrfte, beschreibe ich sie hier.<\/p>\n<h3>Zur Kritik des Lebensstilanarchismus<\/h3>\n<p>Die Spannung zwischen Individualismus und Kollektivismus ist im Anarchismus tief verwurzelt. Bereits 1995 beobachtete Murray Bookchin beunruhigt, dass viele AnarchistInnen jetzt den Anarchismus von der revolution\u00e4ren Tradition trennen und ihn in eine apolitische Lebensstil-Subkultur ver\u00e4ndern wollen &#8211; in eine sozial harmlose Ideologie f\u00fcr pers\u00f6nliche Autonomie und Selbstdarstellung. Vor diesem Ansatz braucht, Bookchin zufolge, das B\u00fcrgertum keine Angst haben; im Gegenteil passt diese Str\u00f6mung mit dem heutigen Privatismus und Personalismus b\u00fcrgerlicher Kultur v\u00f6llig zusammen. Obgleich sich dieser &#8218;Lebensstilanarchismus&#8216; jetzt in den USA am auff\u00e4lligsten bemerkbar macht, macht es Bookchin Sorgen, dass er sich auch international verbreiten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Deshalb kritisierte er diese Str\u00f6mung 1995 in einer Flugschrift &#8222;Sozialanarchismus oder Lebensstilanarchismus: Eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Kluft&#8220;, worin er den Lebensstilanarchismus mit mehreren Hauptmerkmalen beschreibt:<\/p>\n<p>Statt Sozialuntersuchungen, Programmen und politischen Organisationen (um gemeinsam nach sozialen Freiheiten zu streben) zu schaffen, haben LebensstilanarchistInnen die Tendenz, sich vor allem um das Streben nach &#8222;der Autonomie&#8220; des souver\u00e4nen Individuums zu k\u00fcmmern. Ironischerweise ist dieses in Stirners Metaphysik des &#8218;Ichs&#8216; und seines &#8218;Eigentums&#8216; verwurzelte Ideal mit der Laissez-faire-Wirtschaft und dem Liberalismus Lockes und Mills kompatibel. Aber ausser dieser Vereinbarkeit wird im Anarcho- Individualismus dem autonomen &#8218;Ich&#8216; eine autonome Subjektivit\u00e4t zugeschrieben und die F\u00e4higkeit, seine eigene Wirklichkeit zu erschaffen. So schreibt Hakim Bey in seinem Buch &#8222;T.A.Z.&#8220;:<\/p>\n<p>&#8222;Wir schaffen die Gesetze f\u00fcr unsere eigenen Dom\u00e4nen. (&#8230;) &#8218;L&#8217;Etat, c&#8217;est moi.&#8216; (&#8230;) Wenn wir von Ethik oder Moralit\u00e4t gebunden sind, sind sie notwendigerweise welche, die wir uns selbst eingebildet haben.&#8220;<\/p>\n<p>Hier wird das Ich zum h\u00f6chsten Tempel der Realit\u00e4t, und die Erf\u00fcllung seiner Begehren wird zur endlichen Erf\u00fcllung der Befreiung.<\/p>\n<p>Laut Bookchin suchen LebensstilanarchistInnen nicht soziale Freiheit, aber pers\u00f6nliche Selbstverwirklichung. &#8222;Im Lebensstilanarchismus wie in der Psyhotherapie&#8220;, schrieb Bookchin, &#8222;ist das Ego dem kollektiven Selbst, der Gesellschaft, entgegengesetzt &#8211; das Pers\u00f6nliche dem Gemeinschaftsleben.&#8220; Dieser Personalismus ist mit der Privatisierung der gr\u00f6sseren Gesellschaft und ihrer Fixierung auf die pers\u00f6nlichen Angelegenheiten und das innere Leben sehr kompatibel, er ist mit den psychotherapeutischen, New Age-, Ich-orientierten Lebensstilen vergleichbar.<\/p>\n<h3>Lebensstil: Ablehnung der sozialen Revolution, Abneigung gegen Theorie<\/h3>\n<p>Lebensstilanarchismus lehnt die Aussicht auf soziale Revolution \u00fcberhaupt ab, sowie die Praxis, je Organisationen zu bilden. Stattdessen tritt er f\u00fcr mehr vielgestaltige Widerstandsvorstellungen ein, besonders den &#8218;pers\u00f6nlichen Aufstand&#8216;. Aber solche Taten, warnt Bookchin, sind nur symbolisch ausgedr\u00fcckte Gesten gegen die Macht &#8211; von der Voraussetzung ausgehend, dass symbolische Gesten irgendwie gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen schaffen k\u00f6nnen. Am h\u00e4ufigsten geht es dabei um blosse Eingenommenheit von sich selbst und um abenteuerliche Episoden, die doch nur Gesten bleiben. Zu oft verfallen LebensstilanarchistInnen ins Suchen nach Erregung und pers\u00f6nlicher Selbstbest\u00e4tigung, von radikaler Rhetorik erf\u00fcllt, aber ohne eine eigentliche Herausforderung der Sozialordnung. &#8218;Vor\u00fcbergehende autonome Zonen&#8216; sind definitionsgem\u00e4ss vor\u00fcbergehend. Symbolische Gesten allein k\u00f6nnen keine gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen erschaffen.<\/p>\n<p>Noch ein typisches Merkmal von Lebensstilanarchismus ist seine &#8222;Abneigung gegen Theorie&#8220;, auch gegen Befreiungstheorien, daf\u00fcr wird eine theoretische Zusammenhanglosigkeit gefeiert. Gleich h\u00e4ufig ist ein Misstrauen oder eine &#8222;Abneigung gegen Vernunft&#8220;, die irgendwie mit Autorit\u00e4t und Herrschaft identifiziert wird. Als Alternative feiern sie &#8218;Intuitionen&#8216; &#8211; und sehr oft auch Magie, Spiritualismus, Mystizismus und \u00f6stliche Religionen, sowie Schamanismus und Hexerei. Das Streben nach &#8218;Ekstase&#8216; &#8211; sexuelle, von Drogen herbeigef\u00fchrte oder andere &#8211; ist grundlegend. Hakim Bey zum Beispiel fordert &#8222;eine praktische Art &#8218;mystischen Anarchismus&#8216; (&#8230;), eine Demokratisierung von Schamanismus, berauscht &amp; ruhig.&#8220; David Watson von der Zeitschrift &#8222;Fifth Estate&#8220; verlangt eine Lebensumorientierung &#8222;zu immer wiederkehrenden, klassischen und urspr\u00fcnglichen Weisheitsmanifestationen&#8220; &#8211; einschliesslich Traum, Ritual und Schamanismus.<\/p>\n<p>Irgendwie sollen wir diese nicht-rationalen Bewusstseinszust\u00e4nde direkt gegen Kapitalismus, Hierarchie, Herrschaft und Ausbeutung anwenden. Bey zum Beispiel fordert seine LeserInnen auf, &#8218;Hexerei&#8216; einzusetzen, &#8222;um die erw\u00fcnschten Folgen herbeizuf\u00fchren&#8220; &#8211; als ob Hexerei \u00fcberhaupt Folgen haben k\u00f6nnte. &#8222;Fifth Estate&#8220; fordert, dass wir &#8222;den magischen Kreis werfen, in die Ekstase-Trance eintreten, die alle-Macht-aufl\u00f6sende Hexerei feiern&#8220; &#8211; als ob magischer Gesang wirklich gesellschaftliche Herrschaft ausschliessen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3>Libert\u00e4re Verteidigung der Vernunft<\/h3>\n<p>Schliesslich achten LebensstilanarchistInnen die &#8222;Vorstellungskraft&#8220; sehr, sie wird selbst zum Programm statt nur ein Teil davon. Die Vorstellungskraft in Verbindung mit Vernunft wurde fr\u00fcher einmal von Links- Libert\u00e4ren benutzt, um die existierende Sozialordnung zu bek\u00e4mpfen und um sich Utopien vorzustellen. Aber allein verwendet liegt sie quer zum sozialistischen oder kommunistischen Engagement des Anarchismus. Wie der Maler Goya einmal mahnte: Einbildung ohne Vernunft erschafft Ungeheuer.<\/p>\n<p>Alle diese Kennzeichen des Lebensstilanarchismus sind mit einem Wunsch nach unvermittelten Erfahrungen assoziiert. Die Subjektivit\u00e4t des autonomen Ichs sieht \u00fcber die intim alle Individuen bindenden sozialen &#8222;Vermittlungen&#8220; hinweg. Das Abenteurertum sucht &#8222;unvermittelte&#8220; Erregungen und verachtet die anstrengende, oft langweilige Organisierungsarbeit. Der Irrationalismus sucht direkte emotionale Highs &#8211; sucht Ekstase, Trance, Einbildung &#8211; unbeeinflusst von der Kritik der Vernunft. Alles reflektiert eine Begierde nach Unmittelbarkeit, &#8222;f\u00fcr eine naive eins-zu-eins-Beziehung zwischen Geist und Realit\u00e4t&#8220;, statt \u00dcberlegung, Erfahrung und Wissen.<\/p>\n<p>In die anglo-amerikanische Welt erstreckt sich der Lebensstilanarchismus und diese Begierde nach Unmittelbarkeit auf eine Romantisierung vorgeschichtlichen Lebens. Bookchin nannte dieses Ph\u00e4nomen &#8222;prelapsarianism&#8220;, eine Identifizierung mit &#8222;der Zeit oder den Verh\u00e4ltnissen vor dem S\u00fcndenfall.&#8220; &#8218;Prelapsarianer&#8216; sehnen sich nach einer R\u00fcckkehr in ein urspr\u00fcngliches, sogenanntes &#8222;Goldenes Zeitalter&#8220; von unvermittelter Freude, bevor die Geschichte, die komplexen Gesellschaften und die Sprachen entstanden sind. Ihnen ist eine Weltanschauung zueigen, voll unverantwortlicher, immer kindischer Freude, mit keinen Anstrengungen f\u00fcr nachdenkliches, verantwortliches Benehmen oder f\u00fcr Voraussetzungen menschlicher Interdependenz.<\/p>\n<p>LebensstilanarchistInnen sehen die gesellschaftlichen Misst\u00e4nde nicht im Kapitalismus oder in der Ausbeutung, Hierarchie oder Herrschaft, sondern in der Zivilisation selbst. Der soziale Aufstieg der Zivilisation war der grosse Fehler der Menschheit, ihr S\u00fcndenfall; Zivilisation besteht nur aus einem Abstieg in die &#8218;industrielle Gesellschaft&#8216;. Unsere Menschlichkeit kann, nach dieser Meinung, nur mit einer R\u00fcckkehr zur Vorgeschichte, oder wenigstens ihrer vermuteten Weltanschauung, wiedergewonnen werden.<\/p>\n<p>David Watson (Fifth Estate) zum Beispiel lehnt &#8222;Zivilisation im grossen&#8220; ab und hat seit vielen Jahren einen Primitivismus bef\u00fcrwortet. Er romantisiert die urspr\u00fcngliche Gesellschaft als die &#8222;Urwohlstandsgesellschaft&#8220;, worin Anspr\u00fcche angeblich gering waren und W\u00fcnsche leicht erf\u00fcllt wurden. Weil Jagen und Sammeln angeblich viel weniger M\u00fche als die Arbeit heute bedurfte, war die urspr\u00fcngliche Gesellschaft, Watson zufolge, fast &#8222;arbeitsfrei&#8220;. Stattdessen war sie &#8222;eine tanzende Gesellschaft, eine singende Gesellschaft, eine feiernde Gesellschaft, eine tr\u00e4umende Gesellschaft&#8220;, harmonisch mit der Natur aufgrund der reichen Naturgrossz\u00fcgigkeit. So freudig waren die urspr\u00fcnglichen Leute, so mit dem Leben in unvermittelte Gl\u00fcckseligkeit verliebt, dass sie sogar &#8222;Technik ablehnten&#8220;.<\/p>\n<h3>Gegen die Idylle von der unschuldigen urspr\u00fcnglichen Kultur<\/h3>\n<p>Laut John Zerzan bestand &#8222;das Leben vor der Domestikation\/Landwirtschaft eigentlich aus Freizeit, Naturintimit\u00e4t, sinnlicher Weisheit, der Gleichheit der Geschlechter, und aus Gesundheit.&#8220; Den Menschen &#8211; homo habilis &#8211; war bewusst, dass &#8222;Arbeitsteilung, Domestikation und symbolische Kultur&#8220; m\u00f6glich waren, aber sie &#8222;lehnten es ab&#8220;, diese anzuwenden. Die Menschen waren, laut Zerzan, schon wirklich emanzipiert, weil sie ganz ohne Sprache oder andere symbolische Vermittlungen lebten. Nach Zerzan war es &#8222;die Entstehung symbolischer Kultur&#8220;, mit ihrem vermuteten &#8222;eigenen Willen, zu manipulieren und kontrollieren&#8220;, die die T\u00fcr zu Landwirtschaft und damit zu repressiver Gesellschaft heute \u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Bookchin weist die Ansicht zur\u00fcck, dass irgendeine &#8218;unschuldige&#8216; urspr\u00fcngliche Kultur vor dem &#8218;S\u00fcndenfall&#8216; der Menschheit existierte. Was den &#8218;Urwohlstand&#8216; angeht, zeigte die neueste Anthropologie, dass die Lebenserwartung in urspr\u00fcnglichen Gesellschaften kurz war, und dass Hunger h\u00e4ufig wiederkehrte. Loren DeVore, einer der AnthropologInnen, die in den sechziger Jahren die &#8218;Urwohlstand&#8216;-These f\u00f6rderten, weist diese jetzt zur\u00fcck. &#8222;Wir waren ein bisschen romantisch&#8220;, sagt er. &#8222;Unsere Annahmen und Auslegungen waren gar zu einfach.&#8220; Zerzans Anprangerung der Landwirtschaft war, laut Bookchin, bloss ein antihumanistischer Wunsch, die Erde zu entv\u00f6lkern.<\/p>\n<p>Heute geh\u00f6rt es, folgt man\/frau Bookchin, zu einer linksradikalen Untersuchung, nicht &#8218;Zivilisation im grossen&#8216; abzulehnen, sondern zu trennen, was in der Geschichte und Zivilisation gesch\u00e4tzt, gerettet und bewahrt werden soll, und was verdammt und nicht wiederholt werden soll. Ausserdem glaubt er, dass wenn wir die Zivilisation als inh\u00e4rent repressiv denunzieren, die Sozialverh\u00e4ltnisse verschleiert werden, die die Ausbeuter \u00fcber die Ausgebeuteten und die Herren \u00fcber die Unterworfenen stellen.<\/p>\n<p>Der Prelapsaraianismus lehnt auch &#8218;Technik&#8216; ab. Nach seinen Vertretern hat die Technik gewaltige Macht, Sozialverh\u00e4ltnisse zu formen &#8211; sogar sie zu bestimmen. Bookchin behauptet im Gegenteil, dass obgleich einige Technologien &#8211; wie Atomkraft &#8211; die Verh\u00e4ltnisse stark beeinflussen und abzulehnen sind, am h\u00e4ufigsten das Kapital bestimmt, wann und zu welchem Zweck Technologien benutzt werden. Hier solidarisiert er sich mit Kropotkins Anarchokommunismus, welcher von &#8222;Weiterentwicklungen in der Technik und zunehmender Produktivit\u00e4t abh\u00e4ngig&#8220; war: &#8222;Dieselben Maschinen, die das B\u00fcrgertum um &#8218;Arbeitskosten&#8216; zu reduzieren jetzt verwendet, k\u00f6nnten, in einer rationalen Gesellschaft, Menschen von hirnloser M\u00fche befreien, zugunsten kreativer und pers\u00f6nlich lohnenderen Aktivit\u00e4ten.&#8220;<\/p>\n<h3>Verteidigung des Sozialanarchismus und die kritische Diskussion in den USA<\/h3>\n<p>Gegen die Unmittelbarkeit und den Prelapsarianismus des Lebensstilanarchismus setzt Bookchin, dass der Sozialanarchismus in der heutigen Welt bewahrt und erweitert werden soll. Er identifiziert vier spezifische Merkmale, die f\u00fcr ein heutiges links-libert\u00e4res Programm am wichtigsten sind: &#8222;eine Konf\u00f6deration dezentralisierter Kommunen; einen unersch\u00fctterlichen Widerstand gegen Etatismus; einen Glauben an direkte Demokratie und eine Vision einer libert\u00e4r-kommunistischen Gesellschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Bookchin fordert &#8222;einen Sozialanarchismus, der Freiheit durch Struktur und gegenseitige Verantwortlichkeit zu erschaffen sucht.&#8220; Er fordert daher Koh\u00e4renz in der Theorie, eine engagierte Sozialbewegung, seri\u00f6se Organisationen, linksradikale Politik und \u00f6ffentliche Beteiligung. Er fordert die Institutionalisierung der Macht der Unterdr\u00fcckten durch die Schaffung selbstverwalteter Strukturen, die zu Sozialrevolution gegen Kapitalismus und Hierarchie f\u00fchren. Heutiger S\u00e4kularismus, die Naturwissenschaft und viele Technologien bieten potentiell die Hoffnung auf eine rationale und emanzipierende Sozialordnung an. Besonders brauchen wir die Vernunft als notwendige Anleitung, um Fortschritt und R\u00fcckfall, Notwendigkeit und Freiheit, Gut und \u00dcbel, Zivilisation und Barbarei voneinander zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Bookchins Flugschrift &#8222;Sozialanarchismus und Lebensstilanarchismus: Eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Kluft&#8220; verursachte &#8211; das ist nicht \u00fcberraschend &#8211; unter den LebensstilanarchistInnen (die meisten lehnten dieses Etikett ab) einen Protest.<\/p>\n<p>Erwiderungen sind in den Zeitschriften &#8222;Anarchy&#8220;, &#8222;Fifth Estate&#8220; und &#8222;Social Anarchism&#8220; ver\u00f6ffentlicht worden, aber, anstatt seri\u00f6se Gefechte mit Bookchins Kritik auszutragen, haben diese KritikerInnen meistens den Autor selbst angegriffen, ihm finstere pers\u00f6nliche Motivationen zugeschrieben. Tats\u00e4chlich reflektiert diese Suche nach Bookchins Motivationen die Schwierigkeit unter LebensstilanarchistInnen, in nicht-pers\u00f6nlicher Weise zu denken.<\/p>\n<p>Einige diffamieren Bookchin als an einer Geisteskrankheit &#8211; wie Paranoia oder Gr\u00f6ssenwahn &#8211; leidend. Viele andere folgen Bob Black und betrachten Bookchin als machthungrig oder dass er einen machiavellischen Griff nach der Macht mache, um &#8222;f\u00fcr seine Stellung als f\u00fchrender Theoretiker zu k\u00e4mpfen.&#8220; Eine Kritikerin gruppierte ihn unter die &#8222;alten M\u00e4nner, die nach Zuneigung hungern, indem sie radikaler Theorie ihren Stempel aufdr\u00fccken wollen, ehe sie abkratzen.&#8220;<\/p>\n<p>Aber bei weitem die h\u00e4ufigste Taktik ist es, Bookchin als autorit\u00e4r zu karikieren &#8211; besonders als Marxist oder Stalinist. Seine Verteidigung der libert\u00e4ren sozialrevolution\u00e4ren Linken &#8211; oft gegen den Marxismus &#8211; wird irgendwie in eine boshafte Verteidigung des Stalinismus verzerrt. Bookchin, der mit dem Marxismus in den vierziger Jahren brach, wird als &#8218;Generalsekret\u00e4r&#8216; und &#8218;grosser Vorsitzender&#8216; gekennzeichnet. Ein anarchistischer Kritiker nahm sich als Zielgruppe Bakunin, Bookchin und Lenin: er wirft Bookchin vor, ein &#8218;Bakunist (anarcho-Leninist)&#8216; zu sein.<\/p>\n<p>All die kritischen Antworten aber sind nicht ad hominem Phantasien gewesen. David Watson geht der Kritik an Bookchin im Detail in seinem 1996 erschienenen Buch &#8222;Beyond Bookchin&#8220; (&#8222;\u00dcber Bookchin hinaus&#8220;) nach, dabei verteidigt er Antizivilisationismus, Primitivismus, Irrationalismus und Technophobie heftig. Die Inhalte dieses Wortwechsels sind zu kompliziert, um hier zusammengefasst zu werden. Er feiert urspr\u00fcngliche Subjektivit\u00e4t &#8211; Schamanismus, Tr\u00e4ume und Rituale &#8211; und lobt (angeblich) Ur- Wahrnehmungsweisen, in denen &#8222;alles von den Sinnen wahrgenommen, gedacht, gef\u00fchlt und getr\u00e4umt, existiert.&#8220; Bookchin antwortete darauf, Watson bef\u00fcrworte eine &#8222;Epistemologie, in welcher Traum und Realit\u00e4t wesentlich nicht unterscheidbar sind.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Beyond Bookchin&#8220; ist eigentlich von Spiritualismus und Mystizismus durchzogen. Menschen sollen &#8222;sich vor der ganzen Sch\u00f6pfung erniedrigen&#8220;, laut Watson, &#8222;vor der geringsten Ameise, ihr eigenes Nichts erkennend.&#8220; Bookchin erwidert, &#8222;dass die selbstausl\u00f6schende Apathie widerhallt, die von Religionen und Despotien \u00fcberall eingepr\u00e4gt ist.&#8220; Die Titelseite tr\u00e4gt ein Zitat des Zen-Meister Dogen aus dem 13. Jahrhundert. &#8222;Sich vorw\u00e4rts zu tragen und Myriaden von Dingen zu erfahren, ist Wahnvorstellung. Aber Myriaden sich meldend und sich selbst erfahrend ist Erwachen.&#8220; Bookchin nennt dieses Zitat ein &#8222;Rezept f\u00fcr Quietismus&#8220;: &#8222;Der Inhalt von Dogens Zitat widerlegt die Widerspenstigkeit, die f\u00fcr eine gesellschaftsver\u00e4ndernde Bewegung notwendig ist, und ersetzt sie v\u00f6llig mit Verzicht.&#8220;<\/p>\n<p>Unter den KritikerInnen wird die Trennung zwischen Sozial- und Lebensstilanarchismus leider zu einer Trennung zwischen \u00e4lterer und j\u00fcngerer Generation umgedeutet. Bookchin betrachtet jedoch den Sozial- wie den Individual-Anarchismus als in der Vergangenheit und in der Gegenwart existent. Kingsley Widmer, unter anderen, schreibt den Sozialanarchismus ausschliesslich der nicht wiederfindbaren Vergangenheit zu und behauptet, dass Primitivismus und Individualismus einfach die Inhalte des heutigen Anarchismus seien.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sozialanarchismus einzutreten ist, laut Widmer, ein Anachronismus: &#8222;in einsamer Pracht&#8220; stehend, &#8222;auf den gespenstischen Schultern von Bakunin, Kropotkin und ihren Nachkommen unter den spanischen AnarchistInnen vor schon mehr als zwei Generationen.&#8220; Sozialanarchismus ist, Widmer zufolge, historisch vorbei: &#8222;Bookchins Ansatz scheint ein manchmal lobenswerter aber jetzt enger und d\u00fcnner Libertarismus, der einer fr\u00fcheren Zeit, einem fr\u00fcherem Ort, und fr\u00fcheren Verh\u00e4ltnissen angeh\u00f6rt.&#8220; Das heisst: Revolution, Organisation und Programm geh\u00f6ren der Vergangenheit an und sind f\u00fcr den Anarchismus heute irrelevant. Widmers Ansicht wird besonders dadurch gef\u00e4hrlich, weil er einen politischen Unterschied in einen Generationenkonflikt umdichtet.<\/p>\n<p>Der Streit um Lebensstilanarchismus ist symptomatisch f\u00fcr die fast \u00fcberall vorhandene verheerende Str\u00f6mung nach rechts. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass der Sozialanarchismus als ein historisches \u00dcberbleibsel, eine arch\u00e4ologische Antiquit\u00e4t eingestuft wird. Trotz der jetzigen kulturellen Konterrevolution m\u00fcssen wir einen sozialen, organisierten, programmatischen Links- Libertarismus aufrechterhalten und erweitern. Auf dem Spiel steht die fortgesetzte Existenz der revolution\u00e4ren libert\u00e4ren Linken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der GWR (Nr. 236, Februar) schreibt Oskar Lubin, dass er an ein &#8222;Aufleben der Basisdemokratie&#8220; von Murray Bookchins politischem Ansatz eines libert\u00e4ren Kommunalismus nicht glaubt. 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