{"id":26447,"date":"2021-12-20T19:08:48","date_gmt":"2021-12-20T17:08:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/12\/die-rache-der-loser\/"},"modified":"2022-02-11T13:48:58","modified_gmt":"2022-02-11T11:48:58","slug":"die-rache-der-loser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/12\/die-rache-der-loser\/","title":{"rendered":"Die Rache der \u201eLoser\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Niemand hatte sich die Corona-Pandemie 2019ff. bestellt, und alle m\u00f6glichen gesellschaftlichen Interessen haben unter der politischen Bew\u00e4ltigung Schaden genommen. Dabei haben viele Staaten die Bew\u00e4ltigung der Pandemie auch ihren Bev\u00f6lkerungen zur Aufgabe und zum Problem gemacht: Per Kontaktbeschr\u00e4nkungen im Freizeitleben sollte die Ausbreitung des Covid-19-Virus beschr\u00e4nkt werden.<br \/>\nW\u00e4hrend darunter eigentlich jede*r Einzelne auf die eine oder andere Art und Weise gelitten hat, wurden ausgerechnet harte Ma\u00dfnahmen wie Lockdowns auf Foren wie Reddit oder 4chan von sog. Incels begr\u00fc\u00dft: In f\u00fcr diese Szene typischem Zynismus wurde die Pandemie etwa als \u201eSt. Coranavirus\u201c gepriesen, da er nun auch alle anderen in der Gesellschaft in die Lage br\u00e4chte, in der sich <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/wie-aus-einer-selbsthilfegruppe-eine-szene-entstanden-ist\/\">Incels<\/a> ohnehin bef\u00e4nden: sozial isoliert, f\u00fcr soziale Aufmerksamkeit auf die Online-Welt verwiesen. Mit Genugtuung wurde dort genossen, dass mit den Kontaktbeschr\u00e4nkungen Gelegenheitssex f\u00fcr \u201eStacys\u201c und \u201eChads\u201c (abwertende Begriffe f\u00fcr als attraktiv geltende und sexuell aktive Personen weiblichen und m\u00e4nnlichen Geschlechts) und promiskuitiver Lebensstil nun ein Ende h\u00e4tten. Diese aus Sozialneid geborene H\u00e4me ((1)) verweist auf ein beleidigtes Bewusstsein eines sozial Zukurzgekommenen: Was Incels sonst permanent \u201everwehrt\u201c bliebe, k\u00f6nnten nun also alle anderen auch nicht mehr \u201ehaben\u201c. Manche Incels \u2013 dar\u00fcber ist diese Community \u00fcberhaupt erst bekannt geworden \u2013 haben dieses \u201eUnrechtsgef\u00fchl\u201c zum Anlass f\u00fcr frauenfeindliche Amokl\u00e4ufe genommen, mit denen sie sich r\u00e4chen und anderen ein Vorbild sein wollten. Angesichts dessen, dass sich w\u00e4hrend der Pandemie auch diese Szene online weiter gefestigt hat, soll mit dem folgenden Text die falsche Logik der Weltanschauung der Incel-Szene dargestellt werden. Damit soll nicht f\u00fcr Verst\u00e4ndnis, sondern f\u00fcr Kritik geworben werden, bei der sich auch zeigen wird, an wie viele gesellschaftlich leider sehr verbreitete Vorstellungen und Ma\u00dfst\u00e4be die frauenfeindliche Ideenwelt der Incels und ihre z. T. <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/hanau-und-maenner-crash\/\">m\u00f6rderischen Konsequenzen<\/a> ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Sexlosigkeit als Unwert-Urteil<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Name \u201eIncels\u201c (engl. \u201eInvoluntary celibates\u201c) gibt einerseits Auskunft \u00fcber einen Umstand, der als Leiden empfunden wird: So genannte Incels ((2)) haben keinen Sex, wollen aber welchen. Zugleich dr\u00fcckt die selbst gew\u00e4hlte Bezeichnung auch eine Stellung der betreffenden M\u00e4nner zu ihrem Leiden aus: Sie nehmen es f\u00fcr so existenziell, dass sie ihre ganze Person damit identifizieren. Am Ma\u00dfstab \u201eSex haben\u201c oder \u201enicht haben\u201c sehen Incels n\u00e4mlich die Menschen auseinandersortiert, an ihm entscheide sich, wer etwas in der Welt gelte und wer nur Verachtung erfahre. Sich selbst sehen und erleben sie demnach als von der Gesellschaft Ausgemusterte und Gedem\u00fctigte.<br \/>\nDabei beziehen sich Incels auf den Umstand, dass Sex in der modernen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft so etwas wie einen Gl\u00fccks- und Erfolgsmesser im privaten Wettbewerb um Anerkennung darstellt. In dieser Perspektive gilt er eben nicht nur als sch\u00f6ne Sache aneinander genossener und miteinander geteilter Lust, sondern als das Ideal eingel\u00f6sten Gl\u00fccks und zugleich als eine Art Leistungsauskunft \u00fcber die Person:<br \/>\nAls Frage des Gl\u00fccks soll Sex demnach f\u00fcr eine Art Totalbefriedigung sorgen, weswegen es auch so stark darauf ankommt, dass und wie man welchen hat. Einerseits wird so die Frage gegenseitiger Wertsch\u00e4tzung auf einen pur physischen Vorgang reduziert, andererseits wird dieser dann aber auch total \u00fcberh\u00f6ht, indem von ihm das generelle Gelingen von Leben und Partnerschaft abh\u00e4ngig gemacht wird. So \u2013 als Gl\u00fccksgarant aufgefasst \u2013 zeigt sich die traurige Rolle, die Sexualit\u00e4t am Ende in unserer freien Welt spielt: Sie soll das Leben insgesamt irgendwie ins Positive bringen, also f\u00fcr die im Alltag offenbar anfallenden negativen Erfahrungen entsch\u00e4digen, ohne dass gegen deren Gr\u00fcnde vorgegangen wird.<br \/>\nAls Frage des Erfolgs soll Sex zur Selbstbest\u00e4tigung und Selbstdarstellung taugen: Sich selbst und Sexualpartner*innen sexuelle Befriedigung zu verschaffen, wird zur Leistungsanforderung, an deren Erf\u00fcllung sich die eigene st\u00e4ndig unter Beweis zu stellende Attraktivit\u00e4t best\u00e4tige und an deren schierer Menge sich die eigene Potenz zeige. So gilt Sex-Haben als ein Art Ausweis, ein zu eigenem Erfolg f\u00e4higer Mensch zu sein. Deswegen wird Sex-Haben dann auch zu einer Frage des Selbstwerts \u2013 wie umgekehrt Keinen-Sex-Haben zum Ausdruck von Unattraktivit\u00e4t, Erfolglosigkeit und Unwert der Person wird.<br \/>\nIncels bemerken diesen Wettbewerb um Attraktivit\u00e4t, Sexual- und Beziehungspartner*innen und halten an ihm in erster Linie ihr schlechtes Abschneiden in ihm fest. So nehmen sie \u2013 wie ja viele andere auch \u2013 ihr relatives Abschneiden auf diesem Feld der Anerkennungssuche als Auskunft \u00fcber ihre Person. Und wo Sex-Haben zu einer Frage des \u201eWerts\u201c der Person geworden ist, wird daraus schlie\u00dflich auch \u2013 wenn der \u201eSelbst-Wert\u201c wegen Sexlosigkeit als nicht vorhanden beurteilt wird \u2013 eine Existenzfrage: Ihr eigenes an gesellschaftlichen Ma\u00dfst\u00e4ben und Normen gebildetes Unwert-Urteil \u00fcber sich selbst haben zumindest die bekannten Incel-Attent\u00e4ter derart ernst genommen, dass sie ihre eigene unw\u00fcrdige Existenz nicht mehr aushalten wollten und sich im Anschluss an ihre Taten das Leben genommen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Incels bleiben nicht dabei, ihr \u201eUngl\u00fcck\u201c zu bedauern und sich f\u00fcr Versager zu halten. Sie betrachten den Umstand des \u201eFehlens\u201c von Sex und wof\u00fcr er stehen soll n\u00e4mlich als eine Art Rechtsbruch. Ihr (ideelles) Recht auf Gl\u00fcck, Beachtung und Respekt sehen sie verletzt, wenn sie die eigene Sexlosigkeit und ihr Singledasein betrachten. Mit dieser Einbildung, so etwas wie einen Anspruch auf Erfolg und Zufriedenheit zu haben, sind Incels nicht allein: Viele Menschen verwechseln die rechtliche Erlaubnis des b\u00fcrgerlichen Staates, sich um den Erfolg der eigenen Interessen und Lebenspl\u00e4ne zu k\u00fcmmern, mit einer Art Erfolgsversprechen und f\u00fchlen sich dann in der Regel von ihren Mitmenschen, Chef*innen oder der Politik betrogen, wenn sich Misserfolge einstellen \u2013 wof\u00fcr die b\u00fcrgerliche Welt mit ihrer allseitigen Konkurrenz in Beruf, Politik und Privatleben viele \u201eGelegenheiten\u201c bietet.<br \/>\nDieses eingebildete Recht auf Kompensation sehen Incels nun vom weiblichen Geschlecht, dem ihr sexuelles Interesse gilt, missachtet.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das Verbrechen der Frauen: Nicht-Beachtung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Frauen, von denen sie nicht beachtet werden, f\u00fchlen sich Incels n\u00e4mlich aktiv zur\u00fcckgewiesen. Aus einem Nicht-Verh\u00e4ltnis wird so ein bewusster Wille zur Ignoranz, der auf Zur\u00fcckweisung und Degradierung des Gegen\u00fcbers ziele.<br \/>\nDiese absurde Deutung zeugt davon, dass Incels nicht nur den Wunsch nach Kontakt zu bestimmten Personen des weiblichen Geschlechts haben, sondern sich einen allgemeinen Anspruch auf Beachtung durch Frauen einbilden. Denn: Nur insofern man ohnehin Frauen lediglich unter der Forderung wahrnimmt, dass sie f\u00fcr M\u00e4nner da zu sein h\u00e4tten, wird aus einem nicht bestehenden Verh\u00e4ltnis ein \u201eAngriff\u201c und aus einer Abweisung eine \u201etraumatisierende Grausamkeit\u201c ((3)). Aus dem Umstand, in keinem Zuneigungs- oder Sexualverh\u00e4ltnis mit einem Incel zu stehen bzw. stehen zu wollen, wird in der Incel-Perspektive eine Verweigerung, welche auf die dem\u00fctigende Botschaft abziele, Incels als Versager zu stempeln.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die zweifelhafte \u201eSexnatur\u201c der Frau und die biologische Sexwert-Hierarchie der Menschen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u2013 in der Incel-Deutung \u2013 auf Dem\u00fctigung zielenden Frauen, welche sich offenbar zu schade f\u00fcr Incels sind, aber gar nicht im Allgemeinen auf Sex verzichteten, werden allein schon deswegen, weil sie nicht mit Incels schlafen, der \u201eOberfl\u00e4chlichkeit\u201c und \u201eSexbesessenheit\u201c bezichtigt.<br \/>\nDiese moralischen Beschwerden gegen Frauen, die nicht tun, was sie sollen, bauen Incels zu einer richtigen \u201eTheorie\u201c aus. Dabei lassen sie sich streng von der Frage leiten: Wie kann sein (Sexlosigkeit), was nicht sein darf (Sexlosigkeit)? Insofern fragen sie von vornherein nach Hinderungsgr\u00fcnden f\u00fcr das, worauf sie sich einen Anspruch einbilden. Diese Gr\u00fcnde sollen ihnen die \u201eNotwendigkeit\u201c ihres Scheiterns plausibel machen.<br \/>\nDabei \u00fcberlegen sie sich die Sache so: Es herrsche unter Menschen wie unter Tieren ein \u201eWettbewerb\u201c um Sexualpartner*innen. Der wird sich biologistisch vorgestellt, n\u00e4mlich als Frage von Reiz-Reaktions-Mechanismen ((4)). Zwar wird so betrachtet eigentlich der weibliche Wille zum Sex ganz herausgek\u00fcrzt, dennoch wird Frauen der Vorwurf der Oberfl\u00e4chlichkeit gemacht. Incels beklagen weiter, dass Frauen lediglich darauf aus seien, m\u00f6glichst viel Sex zu haben. Gleichzeitig wollen sie aber auch erkannt haben, dass die \u201eSexnatur\u201c der Frau nur durch ganz bestimmte K\u00f6rpermerkmale reizbar sei: Einen speziellen K\u00f6rperbau, Sch\u00e4delform etc. pr\u00e4feriere der Sextrieb der Frau angeblich. So wird der doppelte Vorwurf gegen das weibliche Geschlecht erhoben, gleichzeitig sexbesessen bzw. zu oberfl\u00e4chlich und viel zu anspruchsvoll zu sein. Und um den Widerspruch komplett zu machen, wird Frauen zus\u00e4tzlich zur Naturtriebhaftigkeit auch noch ganz viel Berechnung nachgesagt: Dann n\u00e4mlich, wenn sich eine Frau mit einem nicht so attraktiven Mann \u201eabgibt\u201c \u2013 dann sei sie ganz materialistisch nur auf \u201eGeschenke\u201c von ihm erpicht, also darauf aus, ihn auszunutzen. ((5)) Alles in allem ergibt sich aus jeder der einander widersprechenden \u201eEigenschaften\u201c das Urteil \u00fcber die Frau als einer moralisch verkommenen Gestalt: Als halbes Tier kaum f\u00e4hig zur Verbindung mit vern\u00fcnftigen Menschen, als Egoistin unwillens zur Gemeinschaft.<br \/>\nNach dem Grad oder der Menge hervorgerufener sexueller \u201eReaktionen\u201c bei Frauen ergibt sich f\u00fcr Incels dann eine Hierarchie zwischen M\u00e4nnern, auf die sich vom \u201eChad\u201c oder \u201eAlphamann\u201c an der Spitze \u00fcber den \u201eNormie\u201c bis zum \u201eIncel\u201c am Ende unterschiedlich physiologisch und charakterlich definierte Typen von M\u00e4nnern verteilten.<br \/>\nWeil sie Begehren als blo\u00df physiologische Angelegenheit auffassen, ist f\u00fcr Incels die Frage von Attraktivit\u00e4t mit dem Vorhandensein oder Fehlen von k\u00f6rperlichen Merkmalen entschieden. Ihre Physiologie stempele sie damit zu Verlierern, und da sie an dieser nur sehr bedingt etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen, betrachten sie ihre \u201eUnterlegenheit\u201c und ihren daraus sich ergebenden Verliererstatus als un\u00fcberwindbar.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das Selbstbild als anst\u00e4ndiger und intellektueller Au\u00dfenseiter<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Statt den gesellschaftlichen Wettbewerb im Allgemeinen und den um Attraktivit\u00e4t und die Bedeutung von Sex f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Selbstwert im Besonderen als sch\u00e4dliche Verkehrung der Konkurrenz in eine Frage der F\u00e4higkeiten der Personen zu kritisieren, sehen sich Incels von ihrem (vermeintlich) schlechten Abschneiden im Wettbewerb um Partnerschaft und Sex gekr\u00e4nkt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>W\u00e4hrend darunter eigentlich jede*r Einzelne auf die eine oder andere Art und Weise gelitten hat, wurden ausgerechnet harte Ma\u00dfnahmen wie Lockdowns auf Foren wie Reddit oder 4chan von sog. Incels begr\u00fc\u00dft: In f\u00fcr diese Szene typischem Zynismus wurde die Pandemie etwa als \u201eSt. Coranavirus\u201c gepriesen, da er nun auch alle anderen in der Gesellschaft in die Lage br\u00e4chte, in der sich Incels ohnehin bef\u00e4nden: sozial isoliert, f\u00fcr soziale Aufmerksamkeit auf die Online-Welt verwiesen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eigenen Kr\u00e4nkung entspricht dann umgekehrt die Verachtung der anderen: Oberfl\u00e4chlich, sexversessen, animalisch. Den Urteilen \u00fcber die Restgesellschaft, die sie angeblich vom Sex ausschlie\u00dfe, ist zu entnehmen, dass Incels sich von ihr positiv abgrenzen wollen: Sie seien nicht einfach animalisch ihrer Natur ausgeliefert, sondern h\u00e4tten Geist. So lie\u00dfen sie sich nicht von blo\u00dfen \u00c4u\u00dfer- und Oberfl\u00e4chlichkeiten leiten, sondern seien irgendwie tiefgr\u00fcndiger, ernsthafter, innerlicher und netter. ((6)) Diese eingebildeten Abhebungen vom sexbesessenen Rest zeigen, dass Incels das mit der Sexlosigkeit vermeintlich \u00fcber sie gesprochene Unwert-Urteil nicht einfach gelten lassen wollen: Ihrem Selbstbild entspricht das angenommene gesellschaftliche Urteil n\u00e4mlich nicht. Zwar betrachten sich Incels durchaus als ziemliche Versager, erkl\u00e4ren im n\u00e4chsten Schritt allerdings das ganze Feld der Sexualit\u00e4t zu einem unwesentlichen, \u00fcber das sie als moralische Individuen und unangepasste Intellektuelle ohnehin erhaben seien. So kontern sie ihr eigenes Versager-Urteil mit einem kompensatorischen Selbstideal. In dieser Perspektive k\u00f6nnen sie sich dann als ganz besonders herausgehobene Individuen genie\u00dfen, die \u2013 obwohl deren \u201eOpfer\u201c \u2013 \u201eden Normies\u201c moralisch und intellektuell haushoch \u00fcberlegen sind. Die vermeintliche \u00dcberlegenheit der anderen \u2013 wegen Attraktivit\u00e4t und sexueller Erfahrung \u2013 entwertet sich damit, indem sie den Incels moralisch und geistig als ziemlich minderwertig gelten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die \u201eErkl\u00e4rung\u201c f\u00fcr die Lage: Feminismus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Incels erheben nicht nur gegen\u00fcber den einzelnen Frauen, die sie zur\u00fcckgewiesen haben, sondern der ganzen Gesellschaft gegen\u00fcber den Vorwurf, die falschen \u201eoberfl\u00e4chlichen\u201c und \u201esexbesessenen\u201c Ma\u00dfst\u00e4be zu setzen. Das sei fr\u00fcher noch anders gewesen: Da sei n\u00e4mlich jedem Mann eine seinem \u201eAttraktivit\u00e4tslevel\u201c entsprechende Frau in lebenslanger Ehe garantiert gewesen (engl. \u201eLooksmatch\u201c). Dieser Zustand geh\u00f6re nunmehr aber der Vergangenheit an. Heutzutage seien Frauen einem Anspruchsdenken verfallen, nach welchem ihnen eigentlich nur noch \u201eChads\u201c gen\u00fcgten \u2013 egal wie \u201eunattraktiv\u201c sie selbst seien. Das habe zu einem \u201eUngleichgewicht\u201c gef\u00fchrt, so dass einige wenige Alpham\u00e4nner (die \u201eChads\u201c) Zugriff auf den Gro\u00dfteil der Frauen h\u00e4tten und ein immer gr\u00f6\u00dfer werdender Teil der M\u00e4nner einfach \u201eleer\u201c ausginge. Abgesehen von dem grotesken Besitzanspruch, der sich in dieser ausgemalten \u201eNormalverteilung\u201c vom \u201eGut\u201c Frau auf M\u00e4nner offenbart, geben Incels mit ihrer Sicht auf die \u201eungerechten\u201c aktuellen Geschlechterverh\u00e4ltnisse kund, dass ihr \u00c4rgernis grundlegend aus dem Umstand besteht, dass Frauen \u00fcber einen freien Willen verf\u00fcgen und sich in Sachen Partner- und Beziehungswahl im Vergleich zu fr\u00fcheren Geschlechterarrangements entscheiden k\u00f6nnen.<br \/>\nF\u00fcr diese \u201eFehlentwicklung\u201c und \u201eUngerechtigkeit\u201c gegen\u00fcber weniger attraktiven M\u00e4nnern machen Incels <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/a-feminismus-von-unten\/\">Feminismus<\/a> und \u201eKulturmarxismus\u201c verantwortlich: Durch sie w\u00e4ren Frauen so sehr in ihrem Selbstbewusstsein gest\u00e4rkt worden, dass sie \u2013 in den Augen der Incels \u2013 viel zu hohe Anspr\u00fcche in Bezug auf potenzielle m\u00e4nnliche Partner entwickelt und eine generelle Machtposition gegen\u00fcber M\u00e4nnern erworben h\u00e4tten, welche sich f\u00fcr M\u00e4nner letztlich darin \u00e4u\u00dfert, von ihrer Wahl abh\u00e4ngig zu sein. Objektiv machen Incels den Grund f\u00fcr ihre \u201eLage\u201c als \u201eOpfer\u201c also darin aus, dass Frauen als Rechtssubjekte vom Staat anerkannt worden sind und als solche sowohl \u00fcber das Abschlie\u00dfen von Vertr\u00e4gen, Eingehen und Aufl\u00f6sen von Ehen und den eigenen K\u00f6rper und ihre Sexualit\u00e4t bestimmen d\u00fcrfen ((7)).<br \/>\nDiese Ver\u00e4nderungen stellen sich in der Incel-Ideologie im Resultat als f\u00fcr M\u00e4nner im Allgemeinen und Incels im Besonderen \u201euntragbare\u201c Verh\u00e4ltnisse dar: W\u00e4hrend Frauen als Berufst\u00e4tige und als Tr\u00e4gerinnen des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung in der Incel-Ideologie ihre Rolle als Frau verletzen, w\u00fcrden M\u00e4nner in den aktuellen, polit-moralisch verdorbenen Verh\u00e4ltnissen ihrer M\u00e4nnlichkeit entw\u00f6hnt, so dass sie sich die \u201eUnterdr\u00fcckung\u201c und \u201eAbh\u00e4ngigkeit\u201c von Frauen auch noch kollektiv gefallen lie\u00dfen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Antwort: Bestrafung des matriarchalen Unrechts per Femizid<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Analyse, dass sie mit ihrer sexlosen Lage Opfer eines einzigen feministischen Verbrechens sind, kommen Incels zum Bed\u00fcrfnis, das Unrecht zu vergelten. Ob als Phantasie oder \u2013 in bitterster Konsequenz \u2013 als Massenmord, leben sie dabei ein Strafbed\u00fcrfnis aus.<br \/>\nManche Incels fr\u00f6nen dabei etwa Verbotsphantasien, wonach sie es am liebsten h\u00e4tten, wenn nicht nur ihnen, sondern allen Sex verweigert w\u00fcrde, und andere wiederum ertr\u00e4umen sich ein staatlich zugesichertes \u201eRecht auf Vergewaltigung\u201c als Kompensation ihrer \u201eUnrechtslage\u201c herbei. ((8))<br \/>\nUnd schlie\u00dflich, und dar\u00fcber ist die Incel-Szene ja \u00fcberhaupt erst bekannt geworden, ziehen manche Incels in ihren ganz pers\u00f6nlichen t\u00f6dlichen Rachefeldzug. F\u00fcr das ihnen \u201eangetane Unrecht\u201c und die st\u00e4ndig \u2013 eben wahnhaft \u2013 erlittene Dem\u00fctigung verlangen diese Incels Vergeltung und \u201eWiedergutmachung\u201c. Das tun sie im Bewusstsein, Widerstand gegen die ihnen so feindliche Welt zu leisten (engl. \u201eBeta Male Uprising\u201c), die Menschen wie sie kleinhalten und unterdr\u00fccken wolle. ((9)) Der Massenmord an (v. a.) Frauen ist als Aufstand gegen das \u201eMatriarchat\u201c und als Mutmacher und Fanal f\u00fcr Gleichgesinnte gemeint.<br \/>\nIn Gewaltphantasien und -taten wird so die empfundene Ohnmacht (Frau als \u201eMachthaberin\u201c \u00fcber den Sex) und Dem\u00fctigung (Nicht-Gew\u00e4hrung von Sex) kompensiert. ((10)) Im Bewusstsein, sich gegen einen Unrechtstatbestand zur Wehr zu setzen, soll mit dem Gewaltakt eine \u201enat\u00fcrliche Ordnung\u201c \u201ewiederhergestellt\u201c oder zumindest mit herbeigef\u00fchrt werden, gegen die der Feminismus versto\u00dfen habe. Die eigene Gewaltt\u00e4tigkeit gilt Incels dabei als Reaktion, als legitime Gegenwehr gegen eine als Negation der eigenen Existenz empfundene Ablehnung: \u201eDie Ablehnung, die Frauen mir entgegenbringen, ist eine Kriegserkl\u00e4rung, und wenn sie Krieg wollen, sollen sie Krieg haben. Es wird ein Krieg sein, der in ihrer kompletten und totalen Vernichtung m\u00fcnden wird.\u201c\u00a0((11))<br \/>\nIm Grunde verh\u00e4lt es sich also so: Ihr durch Zur\u00fcckweisung und Sexlosigkeit gekr\u00e4nktes Anerkennungsbed\u00fcrfnis wollen diese Incels nicht auf sich sitzen lassen. Sie halten sich n\u00e4mlich f\u00fcr sehr anerkennungsw\u00fcrdige, ja eigentlich ziemlich liebensw\u00fcrdige und vor allem intelligente Menschen. Dass sie so au\u00dfergew\u00f6hnliche Menschen sind, die eigentlich nur Anerkennung verdient haben, wissen sie so sicher, dass sie das anderen im Gewaltakt demonstrieren wollen: \u201eEr w\u00fcrde jedem zeigen, dass er \u201ader \u00dcberlegene, das wahre Alpham\u00e4nnchen\u2018 sei.\u201c ((12)) Wer ihnen nicht per Einwilligung in Sex die Achtung und Anerkennung entgegenbringt, die ihnen zust\u00fcnde bzw. die sie zu verdienen meinen, geh\u00f6rt per Gewalt bestraft und untergeordnet. Sie demonstrieren mit dem Massenmord, dass sie achtungsw\u00fcrdige Gestalten sind, indem sie diejenigen umbringen, die ihnen das die ganze Zeit vermeintlich verwehren wollen w\u00fcrden.<br \/>\nAuch diese Denkweise ist nicht nur bei Incels anzutreffen, schlie\u00dflich k\u00f6nnen sie damit an ein verbreitetes Rechtsbewusstsein ankn\u00fcpfen: Wer sich ein ideelles Recht auf Erfolg und Anerkennung einbildet und angesichts von Misserfolg der Meinung ist, dass ihm die Welt oder die Partner*innen dieses schuldig bleiben, sieht sich missachtet und greift dann in der \u00dcberzeugung, im Recht zu sein, zur Gewalt, um sich den Respekt als anspruchsberechtigte Person zu verschaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niemand hatte sich die Corona-Pandemie 2019ff. bestellt, und alle m\u00f6glichen gesellschaftlichen Interessen haben unter der politischen Bew\u00e4ltigung Schaden genommen. Dabei haben viele Staaten die Bew\u00e4ltigung der Pandemie auch ihren Bev\u00f6lkerungen zur Aufgabe und zum Problem gemacht: Per Kontaktbeschr\u00e4nkungen im Freizeitleben sollte die Ausbreitung des Covid-19-Virus beschr\u00e4nkt werden. 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