{"id":2645,"date":"1999-04-01T00:00:36","date_gmt":"1999-03-31T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2645"},"modified":"2022-07-26T14:26:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:28","slug":"antikriegsbewegung-in-jugoslawien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/04\/antikriegsbewegung-in-jugoslawien\/","title":{"rendered":"Antikriegsbewegung in Jugoslawien"},"content":{"rendered":"<p>Ja, es gab und gibt sie: die Friedensbewegung in Jugoslawien! Die authentische Antikriegsbewegung im ehemaligen Jugoslawien wurde vom Staat weder finanziell noch sonstwie unterst\u00fctzt. In den jugoslawischen Medien wurde kaum einmal \u00fcber sie berichtet.<\/p>\n<p>Im Juli 1991 begann sie in Sarajevo mit einem Friedenskonzert, an dem 300.000 Menschen teilnahmen. Zu Beginn des Jugoslawien-Krieges war in Bosnien-Herzegowina die Antikriegsbewegung sehr stark. Hunderttausenden war bewu\u00dft, welche Trag\u00f6die ein beginnender Krieg in Jugoslawien mit sich bringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Im September 1991 kam es zu einer europ\u00e4ischen Friedenskarawane durch Jugoslawien, organisiert vom &#8222;Helsinki B\u00fcrgerkomitee&#8220;. Es sollten Kontakte zwischen den B\u00fcrgerInnen Europas und Jugoslawiens hergestellt werden und Alternativen zum Krieg entwickelt werden. Diese Friedenskarawane begann in Triest mit 400 Personen und reiste durch Lubljana, Zagreb, Subotica, Novi Sad, Belgrad bis nach Skopje. Es wurden Menschenketten mit Personen aus allen vier Hauptreligionen gebildet, KatholikInnen, Orthodoxen, MuslimInnen und Juden\/J\u00fcdinnen. Diese Karawane war sehr erfolgreich, denn daran anschlie\u00dfend wurden viele Gruppen gegr\u00fcndet, die bis heute aktiv geblieben sind, darunter die &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; in Belgrad, die Zagreber Antikriegskampagne, sowie verschiedene Zentren f\u00fcr Menschenrechte. Internationale Kontakte wurden hergestellt. Aus dieser Zeit r\u00fchren noch immer viele Kontakte zwischen den FriedensaktivistInnen, die jeweils in ihren Teilrepubliken gegen ihre Regimes k\u00e4mpfen. Von 13 verschiedenen Organisationen wurde ein Aufruf verfa\u00dft, in dem ausgedr\u00fcckt wird, es d\u00fcrfe kein Menschenleben geopfert werden, egal f\u00fcr welche politischen Ziele. Trotzdem waren die MitstreiterInnen der Friedensbewegung nicht allzu zahlreich, f\u00fchlten sich oft als Au\u00dfenseiterInnen und zweifelten an ihrer eigenen Kraft.<\/p>\n<p>Eine ihrer st\u00e4ndigen Aktionen war ein feierliches Anz\u00fcnden von Kerzen f\u00fcr alle, die im Krieg ihr Leben verloren hatten. Das fand vom 8.10.1991 bis zum 9.2.1992 vor dem Parlament in Belgrad statt. Zwischen 50 und 100 Menschen nahmen regelm\u00e4\u00dfig teil. Diese &#8222;Kerzenaktionen&#8220; f\u00fchrten zu weiteren Aktionen wie zum Beispiel der \u00dcbergabe von Petitionen f\u00fcr Miroslav Milenkovic.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Milenkovic stellt einen dramatischen Einzelfall im Widerstand dar, n\u00e4mlich einen Fall der Kriegsdienstverweigerung. Milenkovic wurde einberufen und dann nach Ostslawonien an die Front gebracht, wo ihm eine Waffe in die Hand gedr\u00fcckt wurde, mit der er fortan k\u00e4mpfen sollte. Da es ihm nicht &#8222;m\u00e4nnlich&#8220; erschien, diese Waffe abzulehnen, hat er sich vor der versammelten Mannschaft und vor den Offizieren selbst get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Die Antikriegsbewegung betreute viele F\u00e4lle von Fahnenflucht. In Belgrad waren es zeitweise weniger als 10 Prozent, die der Einberufung tats\u00e4chlich nachgekommen sind. Auch anderswo in Serbien kam es zu diesem Nichtbefolgen der Mobilmachung. Meist machten das st\u00e4dtische junge Menschen mit Ausbildung oder Kontakten zum Westen. Auf dem Lande bedeutete eine Nichtbefolgung immer noch eine Verletzung der patriotischen Pflicht. In der jugoslawischen Verfassung ist zwar garantiert, da\u00df der Wehrdienst aus Gewissensgr\u00fcnden abgelehnt werden kann. Der theoretisch vorgesehene Zivildienst dauert aber doppelt so lang. Und die Verweigerung aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden wird kaum anerkannt. Daf\u00fcr wird man vor einem Milit\u00e4rgericht zu einer Haftstrafe verurteilt. Bisher sind 300.000 st\u00e4dtische Jugendliche der Zwangsmobilisierung entgangen, indem sie das Land verlassen haben. Aber damit haben sie ihre Rechte auf R\u00fcckkehr, auch auf ein Erbe, verwirkt.<\/p>\n<p>Eine weitere Kampagne der Friedensbewegung war sp\u00e4ter die Forderung, da\u00df kein junger Mann f\u00fcr einen Einsatz au\u00dferhalb der Grenzen der Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien &amp; Montenegro) rekrutiert werden d\u00fcrfe. Es wurden fast 80.000 Unterschriften f\u00fcr eine Parlamentsdebatte \u00fcber diese Frage gesammelt. Obwohl im Prinzip 100.000 Unterschriften n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren, w\u00e4re wahrscheinlich auch dies f\u00fcr die Regierung kein Grund gewesen, diese sogenannten &#8222;Einberufungen zu Wehr\u00fcbungen&#8220; (damit waren Kriegseins\u00e4tze in Bosnien, Herzegowina und Kroatien gemeint) einzustellen. Aber diese Kampagne hatte doch einen gewissen Einflu\u00df auf die \u00f6ffentliche Meinung.<\/p>\n<p>Als die \u00dcberf\u00e4lle und Bombardierungen von Sarajevo waren, wurde in Belgrad von der &#8222;Organisation des Widerstands der B\u00fcrger&#8220; mit einem schwarzen Trauerflor dagegen demonstriert. Daran nahmen 100.000 Menschen teil. Es war eine der st\u00e4rksten und gr\u00f6\u00dften Demonstrationen gegen den Krieg. Daneben gab es aber auch Rockkonzerte unter dem Motto &#8222;Rechnet nicht mit uns!&#8220; oder p\u00e4dagogische Projekte vom &#8222;Zentrum f\u00fcr Antikriegsaktionen&#8220;, wie zum Beispiel eine wissenschaftliche Analyse der Schulb\u00fccher, bei der untersucht wurde, inwieweit die Schulb\u00fccher patriarchalischen und chauvinistischen Inhalts sind. Es ging auch um Konfliktl\u00f6sung oder die Weiterbildung von GrundschullehrerInnen in den Themenbereichen Toleranz und Vertrauensbildung.<\/p>\n<p>Seit Beginn des Krieges bis zum heutigen Tage organisieren die Belgrader &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; stille Proteste gegen Krieg, ethnische S\u00e4uberungen und die Verletzung von Menschenrechten. Lange Zeit trafen sie sich w\u00f6chentlich auf offener Stra\u00dfe. Gegenw\u00e4rtig versuchen sie im Geheimen, Deserteuren bei der Flucht zu helfen. Der &#8222;Belgrader Kreis&#8220;, eine weitere Antikriegsgruppe, organisiert jeden Sonntagabend Treffen kritischer Intellektueller zu ihrer Verantwortung f\u00fcr den Krieg. Auch er ist bis heute sehr aktiv und bringt B\u00fccher und Zeitschriften heraus. SOS-Telefone gibt es f\u00fcr die Opfer ethnischer und rassistischer Gewalt, ebenso einen SOS-Dienst f\u00fcr Frauen, Kinder und Opfer famili\u00e4rer Gewalt sowie rechtliche und psychologische Hilfe f\u00fcr die Bedrohten. Der Staat ist offensichtlich nicht daran interessiert, sich mit dieser Gewaltproblematik auseinanderzusetzen. Auch in kleineren St\u00e4dten wie Leskovac und Nis, in abgelegeneren Regionen von Montenegro und Serbien, in patriarchalischen, l\u00e4ndlichen Gebieten waren solche Telefone selbstorganisiert.<\/p>\n<p>Auch die unabh\u00e4ngige Gewerkschaft &#8222;Frieden, Brot und Demokratie&#8220; geh\u00f6rt zur Antikriegsbewegung. Sie versucht durch ArbeiterInnenbildung gegen die Propaganda der Machthaber vorzugehen und dem Gerede \u00fcber &#8222;nationale Interessen&#8220; und die &#8222;Gr\u00e4ber der Vorfahren&#8220; etwas entgegenzusetzen. Bis heute hat sich die unabh\u00e4ngige Gewerkschaft zu einer wahren Massenorganisation entwickelt und scheint ein wichtiger Pfeiler f\u00fcr den Aufbau einer politischen Alternative zu werden. Sie kann das Regime durchaus in die Zwickm\u00fchle bringen.<\/p>\n<p>Der StudentInnenprotest im Sommer 1992 war im Unterschied zu sp\u00e4teren StudentInnenunruhen ein reiner Antikriegsprotest, eindeutig antimilitaristisch. Die StudentInnen haben f\u00fcr Toleranz und internationalen Dialog geworben.<\/p>\n<p>Die Antikriegsbewegung wurde auch von engagierten K\u00fcnstlerInnen unterst\u00fctzt. Dabei m\u00f6chte ich die Gruppe &#8222;Magnet&#8220; besonders hervorheben. Mit Performances provozierte sie die \u00d6ffentlichkeit und wurde deswegen von der Polizei verfolgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, es gab und gibt sie: die Friedensbewegung in Jugoslawien! Die authentische Antikriegsbewegung im ehemaligen Jugoslawien wurde vom Staat weder finanziell noch sonstwie unterst\u00fctzt. In den jugoslawischen Medien wurde kaum einmal \u00fcber sie berichtet. Im Juli 1991 begann sie in Sarajevo mit einem Friedenskonzert, an dem 300.000 Menschen teilnahmen. Zu Beginn des Jugoslawien-Krieges war in &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/04\/antikriegsbewegung-in-jugoslawien\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Antikriegsbewegung in Jugoslawien - graswurzelrevolution","description":"Ja, es gab und gibt sie: die Friedensbewegung in Jugoslawien! 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