{"id":2657,"date":"1999-05-01T00:00:45","date_gmt":"1999-04-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2657"},"modified":"2022-07-26T13:34:04","modified_gmt":"2022-07-26T11:34:04","slug":"unschuld-selbstbewustsein-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/05\/unschuld-selbstbewustsein-verantwortung\/","title":{"rendered":"Unschuld, Selbstbewu\u00dftsein, Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>Eines Tages, Mitte April, preschen wieder eine ganze Reihe Panzer an meinem Fenster vorbei, britische Panzer, diesmal beflaggt und mehr an der Zahl, massiver auf den Tag verteilt und variantenreicher an Fahrzeugmodellen, als zu den normalen Man\u00f6verfahrten. Das Haus wird von leichten Vibrationen ger\u00fcttelt, der Imperialismus wirkt sich hier immerhin als leises Klirren der Gl\u00e4ser aus, die auf der Fensterbank zustauben. Auf geht&#8217;s, ins Kosovo\/a!, wie die Milit\u00e4rkolonne noch am gleichen Tag im Radio erl\u00e4utert wird. Ein metapherner Einstieg, dessen Quintessenz lauten soll: Der Krieg ist Alltag, aber imperialistische Politik nur ein subjektives Empfinden und: die Panzer fahren immer die anderen.<\/p>\n<p>Es wird wieder \u00f6fter das gemeinschaftliche &#8222;wir&#8220; gebraucht, wenn heute f\u00fcr den Krieg argumentiert wird. Philosophiestudenten w\u00e4gen bed\u00e4chtig Argumente ab f\u00fcr &#8222;unseren&#8220; Kriegseinsatz (wohlgmerkt f\u00fcr und nicht gegen). Da\u00df &#8222;wir&#8220; ja nicht zugucken d\u00fcrften bei den Menschenrechtsverletzungen im Kosovo\/a wird immer wieder vorgebracht. Und noch der bl\u00f6deste aller Einw\u00e4nde gegen KriegsgegnerInnen &#8211; &#8222;F\u00e4llt dir denn was besseres ein?&#8220; &#8211; steht hoch im Kurs. Wo die NATO als bewaffneter Arm von amnesty international gehandelt wird, wollen &#8222;wir&#8220; auch seine rechte Hand sein. Intellektuelle wie G\u00fcnter Grass und Micha Brumlik haben&#8217;s vorgemacht, nationale Politikberatung f\u00fchrt trotz und wegen aller Schockierungen auch mal zur Forderung von Bodentruppeneins\u00e4tzen, der Konsequenz wegen. Jetzt haben wir schon mal angefangen&#8230;.wenn schon, denn schon. Dabei sind &#8222;wir&#8220; nat\u00fcrlich die Guten, Serbien mu\u00df sterbien und von deutschen Interessen auf dem Balkan reden wir mal gar nicht, denn darum geht&#8217;s ja nicht, sondern um Verantwortung. Das neue Hegemonialstreben hei\u00dft jetzt Selbstbewu\u00dftsein, die Forcierung des ordnungs- und milit\u00e4rpolitischen V\u00f6lkerrechtsbruchs kann deshalb auch durchaus als Akt der vielbeschworenen Kontinuit\u00e4t in der deutschen Au\u00dfenpolitik betrachtet werden. Seit der fr\u00fchen Anerkennung von Kroatiens und Sloweniens Unabh\u00e4ngigkeit ist Deutschland auf dem Balkan nicht unt\u00e4tig geblieben.<\/p>\n<p>Der letzte ber\u00fchmte &#8222;Wiederg\u00e4nger Hitlers&#8220; (Enzensberger), Saddam Hussein, ist immer noch im Amt. Inzwischen zeigt sich, da\u00df der irakische Diktator nur die Luschi-Version der imaginierten Nazif\u00fchrer- Reinkarnation war. Denn in Serbien gibt es nicht nur Faschismus, sondern eine &#8222;barbarische Form von Faschis mus&#8220;(J.Fischer). Und Milosevic guckt nicht nur so wie Hitler, sondern baut auch noch KZs &#8211; sagt Scharping &#8211; und l\u00e4\u00dft auch so deportieren wie einstmals der Deutsche. Gerade Kriegsminister Scharping und Au\u00dfenminister Fischer lassen keine Gelegenheit aus, den Vergleich mit Nazi-Deutschland zur Legitimation des NATO-Angriffes heranzuziehen. Es wird so getan, als sollte mit dem Kosovo\/a ein zweites mal Auschwitz befreit werden. Dabei geht es den Menschen in Ex-Jugoslawien seit der NATO-Attacke eindeutig schlechter, Milosevic klebt fester am Regierungssessel als je zuvor, beide gro\u00dfen Kriegsziele des Westens sind also l\u00e4ngst verfehlt. Die einzige Befreiung erf\u00e4hrt das deutsche Gewissen von der Last der Verantwortung. Das Motto des SPD-Parteitages im April, &#8222;Verantwortung&#8220;, meint ja gerade nicht die Vergangenheit, sondern stellt den Begriff in die Dienste der gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen milit\u00e4rischen Au\u00dfenpolitik. Die deutsche Rechtfertigungslogik hat sich im Unterschied zum Golfkrieg von 1991 aber um mindestens eine Dimension erweitert. Zum Feindbild des teuflischen Diktators kommt die Identifikation mit den Opfern, die zum Gegenschlag herausfordert. Beide Strategien haben eins gemeinsam: Sie reproduzieren die Version von den unschuldigen Deutschen. Perfekt repr\u00e4sentiert wird die neue deutsche Politik insofern auch von &#8222;Joschka&#8220; Fischer. Einerseits steht er f\u00fcr die Generation, die ihre Eltern mit Auschwitz konfrontiert hat und taugt so besonders gut f\u00fcr die Rolle des &#8222;guten Deutschen&#8220;. Damit wird andererseits der dritte deutsche Angriff dieses Jahrhunderts auf Serbien als der ganz andere, eben &#8222;humanit\u00e4re&#8220; Milit\u00e4rschlag dargestellt, der nicht zuletzt im Sinne der 68er-Revolte geschlagen wird. Ein Feldzug mit &#8211; perverser geht&#8217;s kaum &#8211; Adorno im Tornister: &#8222;da\u00df Auschwitz sich nicht wiederhole&#8220;. Geschichtsentledigung im Zweierpack: Die Aggressionen des Kaiserreichs und Nazi-Deutschlands werden gemeinsam mit dem kulturellen Bruch von &#8217;68 ad acta gelegt.<\/p>\n<p>Noch in einem der wenigen, l\u00f6blichen Aufrufe deutscher Intellektueller gegen den Krieg ist Deutschland passiv, in den Krieg gerissen worden von den USA. Die ProfessorInnen und SchriftstellerInnen sch\u00e4men sich f\u00fcr dieses Deutschland, &#8222;das sich nach einer solchen Vergangenheit (&#8230;) unter einem sog. Sozialdemokraten durch die USA in einen dritten europ\u00e4ischen Krieg rei\u00dfen l\u00e4\u00dft&#8220; (taz, 16.04.99). Es ist sicher eine der ekelhaftesten Eigenschaften deutschen Nationalbewu\u00dftseins, sich in Momenten gr\u00f6\u00dfter Machtakkumulation als Opfer zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Tages, Mitte April, preschen wieder eine ganze Reihe Panzer an meinem Fenster vorbei, britische Panzer, diesmal beflaggt und mehr an der Zahl, massiver auf den Tag verteilt und variantenreicher an Fahrzeugmodellen, als zu den normalen Man\u00f6verfahrten. 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