{"id":268,"date":"1996-05-01T00:00:52","date_gmt":"1996-04-30T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=268"},"modified":"2022-07-26T14:26:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:38","slug":"die-eigentliche-herausforderung-wird-erst-noch-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/05\/die-eigentliche-herausforderung-wird-erst-noch-kommen\/","title":{"rendered":"Die eigentliche Herausforderung wird erst noch kommen"},"content":{"rendered":"<p>So weit ich wei\u00df, war die War Resisters&#8216; International (WRI) die erste internationale pazifistische Organisation, die ihre Opposition gegen jede Art von Krieg nicht nur in Worten ausdr\u00fcckte, sondern auch Individuen aller \u00dcberzeugungen &#8211; philosophisch, religi\u00f6s und politisch &#8211; dazu anregte, diese Opposition in Aktion umzusetzen. Ihre Mitglieder taten das selbst unter der Gefahr von Gef\u00e4ngnis- und sogar Todesstrafe. Nat\u00fcrlich gab es andere internationale Organisationen mit gleicherma\u00dfen entschiedener, vielleicht sogar gr\u00f6\u00dferer Opposition gegen jede Art von Krieg. Aber die hatten ihre besondere Anh\u00e4ngerInnenschaft. Der Internationale Vers\u00f6hnungsbund (VB) beispielsweise, der sehr aktiv und \u00e4lter ist als die WRI, richtete sich nur an Menschen christlichen Glaubens. Mitglieder anderer Religionen, AgnostikerInnen, AtheistInnen oder HumanistInnen konnten ihn nicht wirklich als ihre Basis betrachten.<\/p>\n<h3>Der Erste Weltkrieg<\/h3>\n<p>Der Erste Weltkrieg brachte den Menschen Europas die schrecklichsten Erfahrungen an Leiden und an Vernichtung von Leben und Besitz von ungeheuren Ausma\u00dfen. Das traf nicht nur ChristInnen, sondern alle Menschen Europas und viele in anderen Teilen der Welt, die kaum etwas mit dem Krieg zu tun gehabt hatten.<\/p>\n<p>1921 trafen sich in Bilthoven in den Niederlanden einige Mitglieder des VB mit anderen, die von der Notwendigkeit einer internationalen pazifistischen Organisation \u00fcberzeugt waren, die offen f\u00fcr alle Menschen ohne Unterschied von Glauben, Religion, \u00dcberzeugung oder politischer Meinung sein sollte, und gr\u00fcndeten eine Organisation mit dem Namen <cite>Paco<\/cite> &#8211; das Esperanto-Wort f\u00fcr Frieden. Sie w\u00e4hlten die folgende Erkl\u00e4rung als Grundlage f\u00fcr die Mitgliedschaft: <cite>&#8222;Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Wir sind daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterst\u00fctzen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten<\/cite>.&#8220;<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnder und Gr\u00fcnderinnen solcher Organisationen wie WRI und VB waren \u00fcberzeugt, da\u00df die Millionen von Menschen, die an immer besseren Waffen zum Massenschlachten ausgebildet werden, kein Verlangen danach haben, ihre Mitmenschen zu t\u00f6ten, und meist noch nicht einmal wissen, warum sie gezwungen werden, diese entsetzlichen Taten zu begehen. Menschen m\u00fcssen diese abscheulichen Taten begehen, weil sie den Befehlen ihrer Regierungen unterworfen sind. Und Tatsache ist, da\u00df die Existenz von Regierungen vom Bestehen bewaffneter Streitkr\u00e4fte abh\u00e4ngig ist. Daher sollte denen, die &#8211; freiwillig oder gezwungenerma\u00dfen &#8211; in eine Armee eintreten, klar gemacht werden, da\u00df der Schl\u00fcssel f\u00fcr das Ende des Militarismus zu einem betr\u00e4chtlichen Teil in ihren H\u00e4nden liegt.<\/p>\n<p>In Worten wie in Taten ging es den Gr\u00fcndern und Gr\u00fcnderinnen der WRI um die Wahrheit, von der Tolstoi auf dem schwedischen Friedenskongre\u00df 1909 gesprochen hatte: &#8222;Die Wahrheit ist in ihrer vollen Bedeutung darin enthalten, was vor tausenden von Jahren gesagt wurde&#8230; <cite>Du sollst nicht t\u00f6ten. <\/cite>Diese Wahrheit besagt, da\u00df der Mensch unter keinen Umst\u00e4nden und unter keinem Vorwand einen anderen t\u00f6ten soll oder darf. &#8230; Und deshalb denke ich, da\u00df wir, die hier auf dem Friedenskongre\u00df versammelt sind, wenn wir diese Wahrheit nicht klar und deutlich aussprechen, sondern uns an die Regierungen wenden und ihnen allerlei Ma\u00dfnahmen vorschlagen, um die \u00dcbel des Krieges zu verringern und die Kriege seltener zu machen, auf diese Weise jenen Menschen gleichen, die, obwohl sie den T\u00fcrschl\u00fcssel in der Hand haben, versuchen, durch die Mauern zu brechen, von denen sie wissen, da\u00df sie dazu viel zu dick sind. &#8230; K\u00f6nnen wir denn, die wir die Abschaffung des Krieges anstreben, nichts Zweckm\u00e4\u00dfigeres f\u00fcr unser Ziel finden, als den Regierungen, die nur durch die Armeen, also durch Krieg bestehen, Ma\u00dfnahmen vorzuschlagen, die den Krieg vernichten sollen? Sollen wir den Regierungen vorschlagen, sich selbst zu vernichten?&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Die praktische Antwort auf Tolstois Frage wurde von christlichen PazifistInnen sehr positiv gegeben, indem sie nicht in die Armee gingen und sich weigerten, die Idee des milit\u00e4rischen Zwangsdienstes zu akzeptieren. Was aber ist mit jenen Millionen, die keine ChristInnen waren? Viele von ihnen brauchten keinen Schutz unter einem religi\u00f6sen Dach, um zum T\u00f6ten ihrer Mitmenschen &#8222;nein&#8220; zu sagen. F\u00fcr sie war die Grundlage pazifistischer Werte ihr eigener Glaube &#8211; religi\u00f6s oder sonstwie &#8211; bzw. ihre \u00dcberzeugung, da\u00df der wichtigste Aspekt des Pazifismus im Glauben an die W\u00fcrde des Lebens im allgemeinen und des menschlichen Lebens im besonderen liegt. F\u00fcr sie war Leben heilig. Dar\u00fcberhinaus waren sie auch davon \u00fcberzeugt, da\u00df keine Person oder Gruppe f\u00fcr sich in Anspruch nehmen kann, die letzte Autorit\u00e4t in Sachen Wahrheit zu sein und daher dar\u00fcber auch nicht richten kann.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnderInnen der WRI und ihre NachfolgerInnen wu\u00dften, da\u00df Krieg eine Folge von falschen gesellschaftlichen und politischen Konzepten und falschem Management ist und da\u00df dies notwendigerweise mit der Macht des Staates und seinen Interessen verkn\u00fcpft ist. In dieser Hinsicht glaube ich, da\u00df die Position der WRI die eines aufgekl\u00e4rten Anarchismus ist, eine Formulierung, mit der Gandhi manchmal sein eigenes Verh\u00e4ltnis zur Staatsmacht beschrieb. &#8222;F\u00fcr mich&#8220;, schrieb er, &#8222;ist politische Macht nicht ein Ziel an und f\u00fcr sich, sondern eines der Mittel, mit dem Menschen ihre Lebensbedingungen in allen Bereichen verbessern k\u00f6nnen. Politische Macht bedeutet, nationales Leben durch nationale VertreterInnen zu regulieren. Wenn nationales Leben so vollkommen wird, da\u00df es sich selbst reguliert, wird Vertretung nicht mehr notwendig sein. Das ist dann der Zustand der aufgekl\u00e4rten Anarchie. In David Thoreaus Worten: &#8222;&#8230; diejenige Regierung ist die beste, die am wenigsten regiert&#8220;. \u00a0((2)) Es ist offensichtlich: Um eine Welt ohne Krieg zu schaffen, mu\u00df die Macht des Staates drastisch verringert, wenn nicht v\u00f6llig beseitigt werden.<\/p>\n<p>Die WRI (fr\u00fcher Paco) ging im M\u00e4rz 1923 nach England. Die Bezeichnung <cite>Widerstand gegen Krieg <\/cite>wurde zum ersten Mal gegen Ende 1922 gebraucht. Runham Brown, erster Sekret\u00e4r der Internationale, schrieb in <cite>Der<\/cite> <cite>Durchbruch<\/cite>: &#8222;Damals bestand nur eine Gesch\u00e4ftsstelle ohne Vorstand oder Komitee. Tag f\u00fcr Tag schrieben wir Briefe, lange Briefe, nicht \u00fcber theoretische Fragen, sondern Tatsachenberichte. &#8230; Der Widerhall war erstaunlich. &#8230;&#8220; ((3)) Antworten kamen aus allen Teilen der Welt, die beschrieben, wie dieselbe Idee Wurzeln in den K\u00f6pfen von M\u00e4nnern und Frauen schlug, die unter den unterschiedlichsten Bedingungen lebten.<\/p>\n<p>Menschen, die isoliert in unterschiedlichen Teilen der Welt lebten, stellten fest, da\u00df Krieg eine Perversion menschlichen Strebens nach Frieden und Freiheit ist und daher total verworfen werden mu\u00df. Es scheint, da\u00df die Geschichte darauf wartete, da\u00df einige Menschen die notwendige Initiative ergriffen, um die Isolierung zu durchbrechen. Innerhalb kurzer Zeit entstanden Widerstandsgruppen gegen Krieg in ganz Europa und Nordamerika. Im Laufe ihres Bestehens leisteten viele engagierte und \u00e4u\u00dferst erfahrene Menschen bedeutsame Beitr\u00e4ge f\u00fcr das Wachstum der WRI und ihre Aktivit\u00e4ten. Neben dem Gr\u00fcndersekret\u00e4r Runham Brown z\u00e4hlen dazu Bart de Ligt, Fenner Brockway, Wilfred Wellock und George Lansbury, um nur einige Namen zu nennen.<\/p>\n<p>Die erste internationale Konferenz wurde 1925 in Hoddesdon, England, abgehalten. Sie best\u00e4tigte die Erkl\u00e4rung, verabschiedete eine Satzung und w\u00e4hlte den ersten Internationalen Rat, der sich nicht aus VertreterInnen von Nationen zusammensetzte, sondern aus VertreterInnen verschiedener Denkrichtungen innerhalb der WRI. Diese Tradition ist seither stets befolgt worden, mit der Ausnahme, da\u00df mit dem Wachsen der Internationale gegen Ende der 60er Jahre die Notwendigkeit entstand, neben den 12 gew\u00e4hlten Mitgliedern VertreterInnen der Mitgliedsorganisationen im Rat zu haben.<\/p>\n<p>Kriegsdienstverweigerer jeden Glaubens und jeder \u00dcberzeugung aus allen Teilen der Welt schlossen sich der WRI an. Und obwohl es mehrere internationale Organisationen gab, die \u00e4hnliche Arbeit machten, bestand allgemein die Auffassung, da\u00df es nicht den leisesten Verdacht der Rivalit\u00e4t zwischen ihnen gab. In Anbetracht der Situation waren jedoch alle der Ansicht, da\u00df weitestgehende Zusammenarbeit erforderlich sei. Die WRI ergriff die Initiative und eine Gemeinsame Beratende Versammlung wurde geschaffen, der sieben internationale Organisationen angeh\u00f6rten. Sie hatten alle eine f\u00fcr sie typische Mitgliedschaft, die sich durch religi\u00f6se, politische oder sonstige \u00dcberzeugungen voneinander unterschied. Aber es gab vieles, das notwendigerweise gemeinsam getan werden sollte.<\/p>\n<p>Was die Dynamik des Widerstandes gegen Krieg angeht, m\u00f6chte ich zwei Punkte ansprechen. Der eine bezieht sich auf eine \u00c4nderung in der Formulierung der WRI-Erkl\u00e4rung. Die Generalversammlung traf nach dem 2. Weltkrieg die Entscheidung, das Wort &#8222;wir&#8220; in das Wort &#8222;ich&#8220; zu \u00e4ndern. Der Grund liegt darin, da\u00df die letzte Verantwortung f\u00fcr unser Handeln beim Individuum liegt und nicht bei irgendeiner Gruppe. Um bereit zu sein, eine abgegebene Verpflichtung als Individuum einzuhalten, ist es notwendig, das Wort &#8222;ich&#8220; und nicht &#8222;wir&#8220; zu gebrauchen. Ich bin der Ansicht, da\u00df die \u00c4nderung von &#8222;Wir sind daher &#8230;&#8220; zu &#8222;Ich bin daher &#8230;&#8220; aus psychologischen wie moralischen Gr\u00fcnden wesentlich war. Denn schlie\u00dflich ist das Individuum die grundlegende Einheit, auf die sich die sozialen Werte aufbauen. Die meisten sch\u00f6pferischen Aktionen beginnen beim Individuum.<\/p>\n<p>Tatsache ist jedoch, da\u00df ein einzelner Stein noch kein Haus ausmacht. Sp\u00e4ter, etwa in den 60er Jahren, wurde erkannt, da\u00df kollektive Aktion gemeinsam mit individueller Aktion einen wesentlichen Teil im Proze\u00df sozio- politischer Ver\u00e4nderung darstellt. An dieser Stelle will ich dieses Argument nicht weiterverfolgen, sondern lediglich die Rolle des Individuums als grundlegende Einheit der Gesellschaft betonen.<\/p>\n<p>Der zweite Punkt betrifft die Handlungsm\u00f6glichkeiten des Menschen im Widerstand gegen Krieg, der milit\u00e4rischen Zwangsdienst verweigert. Die WRI-Erkl\u00e4rung beinhaltet Totalverweigerung gegen Milit\u00e4rdienst als absolutes Konzept. Aber gegen Mitte der 20er Jahre wurde die Idee vom &#8222;Alternativdienst&#8220; eingebracht. War das eine richtige Entscheidung? Auf der einen Seite half er, die Sache bedeutend weiter zu verbreiten und machte einen weit gr\u00f6\u00dferen Teil junger M\u00e4nner mit den Problemen des Militarismus vertraut. Mit anderen Worten: Er wirkte als Methode, neue Rekruten f\u00fcr die <cite>Armee der Kriegsdienstverweigerer<\/cite> zu werben.<\/p>\n<p>Ich glaube, da\u00df dieses Konzept pragmatisch zun\u00e4chst richtig war. Aber die f\u00fchrenden PazifistInnen \u00fcbersahen die Wichtigkeit, den Kriegsdienstverweigerern die Theorie des totalen Widerstands gegen Krieg von Anfang an klar zu machen. Es w\u00e4re notwendig gewesen zu betonen, da\u00df Krieg total abgelehnt werden mu\u00df. Von Anfang an h\u00e4tten Kriegsdienstverweigerer lernen m\u00fcssen zu verstehen, da\u00df Alternativdienst nur ein vorbereitender Schritt in Richtung totaler Ablehnung des Krieges sein kann.<\/p>\n<h3>Der zweite Weltkrieg<\/h3>\n<p>Der 2. Weltkrieg brach einen Monat nach der Ratssitzung von 1939 in Basel aus. Obwohl der Rat wu\u00dfte, da\u00df der Krieg die weltweite Familie der Kriegsdienstverweigerer nicht zerst\u00f6ren w\u00fcrde, war ihm aber auch klar, da\u00df er neue Mauern schaffen, viele Kommunikationslinien zerst\u00f6ren und Zweifel bei vielen wecken w\u00fcrde, die die Erkl\u00e4rung vor fast 18 Jahren unterschrieben hatten. Ein wichtiges pers\u00f6nliches Beispiel daf\u00fcr war Albert Einstein, ein Mensch voller Mitgef\u00fchl. In fr\u00fcheren Jahren hatte er in gro\u00dfer Ernsthaftigkeit und romantischem Optimismus den Antimilitarismus der WRI mit viel Enthusiasmus und Engagement unterst\u00fctzt. Als die Wolken dann sichtbar wurden, gab er seinen Antimilitarismus auf und ermutigte gleichzeitig die Alliierten, immer t\u00f6dlichere Waffen zu entwickeln, um Hitler zu besiegen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Im Juli 1929 trat der Herausgeber des Christian Century an Einstein, der tiefe Bewunderung f\u00fcr Gandhi ge\u00e4u\u00dfert hatte, heran und befragte ihn \u00fcber seine eigenen pazifistischen Ansichten. Einstein sagte: Mein Pazifismus ist ein instinktives Gef\u00fchl. Ein Gef\u00fchl, das mich besitzt; und den Gedanken, einen anderen Menschen zu ermorden, verabscheue ich. Meine Haltung ist nicht das Ergebnis einer intellektuellen Theorie, sondern liegt in einer tiefen Antipathie gegen jede Art von Grausamkeit und Ha\u00df.&#8220; ((4))<\/p><\/blockquote>\n<p>Am 11. September 1933 schrieb Einstein jedoch in seiner Antwort auf einen Brief von G.C. Heringa: &#8222;&#8230; um zusammenzufassen: Unter gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nden sollten realistische Pazifisten nicht l\u00e4nger die Abschaffung aller Milit\u00e4rmacht fordern, vielmehr sollten sie ihre Internationalisierung anstreben. Nur wenn solch eine Internationalisierung erreicht ist, wird es m\u00f6glich sein, auf die Reduzierung milit\u00e4rischer Macht bis herunter zu einer internationalen Polizeimacht hinzuarbeiten.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Offensichtlich mu\u00df eine Erkl\u00e4rung, die von jemandem wie Einstein kam, dem Staat moralische Unterst\u00fctzung gegeben haben, noch st\u00e4rkere nationale Milit\u00e4rstreitkr\u00e4fte zu schaffen. Sie mu\u00df ebenfalls Anla\u00df f\u00fcr jene Leute gewesen sein, ihren Pazifismus aufzugeben, die die sozialen und politischen Implikationen des Widerstands gegen Krieg nicht wirklich erfa\u00dft hatten, obwohl sie die WRI-Erkl\u00e4rung unterschrieben hatten. Man kann die Tatsache nicht ignorieren, da\u00df die Liebe f\u00fcr das Mutterland und der Glaube an einen gerechten Krieg oder die Furcht vor der Macht des Staates viele dazu veranla\u00dft haben mu\u00df, ihren Pazifismus aufzugeben. Als die britische Sektion der WRI, die Peace Pledge Union, 1936 gegr\u00fcndet wurde, haben fast 140 000 M\u00e4nner und Frauen die Erkl\u00e4rung unterschrieben. Als aber der Krieg ausbrach, hielten nur wenige tausend an der Erkl\u00e4rung fest. Es war in der Tat ein R\u00fcckschlag f\u00fcr die Bewegung. Gleichzeitig \u00f6ffnete es jedoch die Augen.<\/p>\n<p>Mit dem, was ich zu dieser Frage gesagt habe, m\u00f6chte ich nur nochmals die Position der WRI wiederholen, da\u00df Krieg ein <cite>Verbrechen gegen die Menschheit<\/cite> ist und darum bedingungslos abgelehnt werden mu\u00df. Trotz des R\u00fcckschlags ermutigte die WRI auch weiterhin junge M\u00e4nner, nicht zur Armee zu gehen.<\/p>\n<p>Der Glaube an die Vorrangigkeit menschlicher W\u00fcrde veranla\u00dfte die WRI, sich den Opfern des Krieges zuzuwenden. Sie arbeitete in au\u00dferordentlich bewundernswerter Weise daran, vielen Kriegsfl\u00fcchtlingen praktische Hilfe zu geben, indem sie Heime f\u00fcr sie unterhielt, insbesondere f\u00fcr Waisenkinder. Sie organisierte vor allem die Lansbury Farm in England, die britischen KDVern die M\u00f6glichkeit alternativer Arbeit bot. Die WRI hat auch tausenden von Fl\u00fcchtlingen w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkrieges praktische Hilfe gegeben. Diese Arbeit war bewundernswert, nicht nur weil sie eine Tat der Menschlichkeit war und unter \u00e4u\u00dferst schwierigen und riskanten Bedingungen geleistet wurde, sondern sie war der richtige Schritt, um die Kerze am Brennen zu halten. Dar\u00fcber hinaus half sie, eher unterbewu\u00dft, eine andere wesentliche Seite des Pazifismus zu betonen: die sozio-\u00f6konomische Rekonstruktion der Gesellschaft. In mancher Hinsicht enthielt sie die Saat des gandhischen Kontruktiven Programms, eine der zwei Seiten von Gandhis Freiheitskampf &#8211; wobei die andere <cite>Satyagraha<\/cite> ist (gewaltloser Widerstand gegen Ungerechtigkeit).<\/p>\n<p>Von 1940 bis 1946 konnten regelm\u00e4\u00dfige Konferenzen und Ratssitzungen nicht stattfinden. Daher wurde 1945 der Vorschlag gemacht, regionale Konferenzen abzuhalten. Er besagte, da\u00df wieder ein Anfang f\u00fcr die gr\u00f6\u00dferen Aufgaben der Internationale gemacht werden m\u00fcsse. Den Menschen des Widerstandes gegen Krieg wurde klar, da\u00df es zur Beseitigung des Krieges aus der menschlichen Welt zwingend notwendig sei, da\u00df Widerstand gegen Krieg in seiner umfassendsten Bedeutung verstanden werden m\u00fcsse. Die Wichtigkeit der Arbeit, die vom WRI-B\u00fcro &#8211; dem Vorsitzenden Runham Brown und der Sekret\u00e4rin Grace Beaton &#8211; getan wurde, kann nicht genug hervorgehoben werden.<\/p>\n<h3>Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg<\/h3>\n<p>Zu den bemerkenswerten Entwicklungen dieser Zeit z\u00e4hlen:<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Die Menschen des Widerstands gegen den Krieg gingen mit neuem Elan an ihre Antikriegsarbeit, was vor allem Opposition gegen milit\u00e4rischen Zwangsdienst bedeutete, eine Institution, die es in den meisten L\u00e4ndern gab. Es war offensichtlich, da\u00df die WRI dieser Frage erneut gro\u00dfe Aufmerksamkeit widmete, da es Grundlage und Anfang aller WRI-Arbeit sein mu\u00df.<\/li>\n<li>Im Anschlu\u00df an eine Auswertung der vergangenen Erfahrungen und der Ereignisse rund um die Welt, fanden viele PazifistInnen, da\u00df es notwendig sei, die sozio-\u00f6konomischen Implikationen des Pazifismus mehr in den Vordergrund zu r\u00fccken. Das wichtigste Ereignis, das PazifistInnen beeinflu\u00dfte, war der Erfolg von Indiens Freiheitskampf unter der F\u00fchrung von Mahatma Gandhi, der neues Licht auf die Macht der Gewaltlosigkeit warf. Das Welttreffen der PazifistInnen 1948 in Indien war ein Schritt, der ernste Diskussionen \u00fcber die Zukunft der Bewegung in Gang brachte. Die WRI spielte eine bedeutende Rolle bei der Organisierung des Welttreffens der PazifistInnen. Ungl\u00fccklicherweise starb Runham Brown unmittelbar vor diesem PazifistInnentreffen.<\/li>\n<li>Kaum war der Krieg zuende, begann der Kalte Krieg &#8211; die Bildung der beiden Bl\u00f6cke. Es war eine weitere Herausforderung f\u00fcr die sozialen Revolution\u00e4rInnen gegen Krieg, um L\u00f6sungen f\u00fcr die Probleme zu finden, die durch den Kalten Krieg geschaffen wurden &#8211; n\u00e4mlich die Teilung der Welt in zwei Bl\u00f6cke. A.J. Muste arbeitete an dieser Frage, und in seiner Rede vor der Dreijahreskonferenz 1954 stellte er die Idee des Dritten Weges vor. Zur selben Zeit wurde das Konzept der Blockfreiheit geboren.<\/li>\n<li>Die wohl gr\u00f6\u00dfte und dringendste Frage, die das Denken all derer besch\u00e4ftigte, die sich um die Sicherheit der Menschheit sorgten, war die Atombombe. Obgleich die Kampagne f\u00fcr atomare Abr\u00fcstung genau genommen nicht aus einem pazifistischen Konzept heraus entstanden war, waren die meisten, die die Initiative zur Organisierung der Kampagne ergriffen, PazifistInnen. Zu Recht oder Unrecht verhielt sich die WRI ihr gegen\u00fcber ziemlich gleichg\u00fcltig. Trotz der Entwicklungen innerhalb der WRI, besonders auf philosophischer Ebene, die bedeuteten, da\u00df das Bewu\u00dftsein f\u00fcr ein umfassenderes pazifistisches Konzept f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderung gewachsen war &#8211; ein Konzept, wie es von Gandhi propagiert und demonstriert worden war &#8211; wagte es die WRI als ganze nicht, mit einem umfassenden Programm f\u00fcr Widerstand gegen Krieg und gesellschaftliche Ver\u00e4nderung hervorzutreten. Sie konnte weder eine aktive Beziehung zu den umfassenderen Konsequenzen der Antiatombewegung herstellen, noch die Situation <cite>nutzen<\/cite>, um Strategien f\u00fcr ein allumfassendes gewaltloses Konzept f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderung zu entwickeln.<\/li>\n<\/ol>\n<h3>Die sechziger und siebziger Jahre<\/h3>\n<p>Die 60er und 70er Jahre brachten weitere Elemente gewaltloser sozialer Revolution in das pazifistische Programm. In den USA verst\u00e4rkte die Arbeit von Martin Luther King und in Europa die von Danilo Dolci und Lanza del Vasto und anderen die Erfordernisse eines umfassenden Konzeptes f\u00fcr Frieden und Freiheit. Ein Mitarbeiter Gandhis \u00fcbernahm 1962 die Leitung des WRI-B\u00fcros. Er versuchte, Gandhis Perspektive in der Arbeit der Internationale zu verst\u00e4rken. In seiner bescheidenen Weise versuchte er, die Barrieren zwischen der westlichen Welt und dem, was die &#8222;Dritte Welt&#8220; genannt wurde, zu \u00fcberwinden, allerdings praktisch ohne Erfolg. Trotz mehrerer Erkl\u00e4rungen und guter Absichten gelang es der WRI nicht, wirkliche Beziehungen zur &#8222;Dritten Welt&#8220; herzustellen &#8211; weder zu ihrer Kultur und Geschichte noch zu ihren Bed\u00fcrfnissen. Sie versuchte weiterhin, den Menschen der Dritten Welt und ihrem Denken das Konzept des Antimilitarismus nahezubringen, in dem Glauben, da\u00df es dies ist, was die Welt eigentlich braucht.<\/p>\n<p>Die f\u00fchrenden PazifistInnen konnte nicht verstehen, da\u00df der Krieg als solcher nicht das eigentliche oder gar das gro\u00dfe Problem f\u00fcr die afro-asiatischen Gesellschaften darstellt. Es ist wahrscheinlich, da\u00df das Gef\u00fchl eines kolonialistischen \u00dcberlegenheitskomplexes, den der Westen gegen\u00fcber afrikanischen und asiatischen Gesellschaften entwickelt hatte, eine Blockade im Denken ihrer Menschen geschaffen hatte. Das gab ihnen wahrscheinlich ein Gef\u00fchl der Verantwortung, <cite>die Dritte Welt zu erziehen<\/cite>. Selbst einige der besten und verst\u00e4ndigsten PazifistInnen konnten ihr koloniales Denken nicht ablegen.<\/p>\n<p>Nach wie vor besteht eine breite Kluft zwischen der WRI und den afro-asiatischen L\u00e4ndern. Eine echte Schwester- und Br\u00fcderlichkeit zwischen ihnen mu\u00df erst noch hergestellt werden. Eine \u00c4nderung der Einstellung unter den westlich orientierten AktivistInnen und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Dynamik der Macht in den afro-asiatischen Gesellschaften mu\u00df erst noch entwickelt werden, wenn der radikale Pazifismus seine Rolle spielen soll, eine Welt ohne Krieg zu schaffen.<\/p>\n<p>Eine wichtige Aktion der WRI war, da\u00df die Kriegsdienstverweigerung auf die Tagesordnung der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen gesetzt wurde. Ein weltweiter Aufruf wurde in Gang gebracht und der Kommission mit 40 000 Unterschriften f\u00fcr die Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissengr\u00fcnden gegen Milit\u00e4rdienst als grundlegende Menschenrecht vorgelegt. Zweifellos hat dies zu einer Verbreiterung der KDV-Bewegung gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Zweifel daran, da\u00df in der Sache des Widerstands gegen die Institution des Krieges die WRI in der vordersten Front gewesen ist. Eine gewagte und einfallsreiche Aktion der WRI war das \u00f6ffentliche Verteilen von Flugbl\u00e4ttern, mit denen US-Soldaten aufgefordert wurden, sich zu fragen, ob der Krieg, den sie in Vietnam f\u00fchrten, in irgendeiner Weise gerechtfertigt werden k\u00f6nne.Wenn sie zu der Ansicht k\u00e4men, da\u00df er sinnlos und unmenschlich sei, sollten sie da nicht eine entschiedene Haltung dagegen einnehmen? Das wenigste, was sie dagegen tun k\u00f6nnten, w\u00e4re, sich zu weigern, an die Front zu gehen. Dies Flugblatt gab den desillusionierten und frustrierten US-Soldaten zus\u00e4tzliche St\u00e4rke und Vorstellungskraft. Fast eine Million gingen AWOL (Abwesenheit von der Truppe ohne Erlaubnis) oder desertierten von der Truppe. Es wird angenommen, da\u00df zu den wichtigsten Kr\u00e4ften und Faktoren, die zum Ende des US-Krieges in Vietnam f\u00fchrten, die massive Weigerung der Jugend Amerikas z\u00e4hlte, in Vietnam zu k\u00e4mpfen und ihr Leben f\u00fcr nichts und wieder nichts zu opfern.<\/p>\n<p>Die Freiheitsk\u00e4mpfe der unterdr\u00fcckten und ausgeraubten V\u00f6lker in vielen Teilen der Erde, besonders in Lateinamerika und die StudentInnenunruhen von 1968 in Europa und den USA stellten den PazifistInnen die Frage nach der Beziehung zwischen Frieden und Freiheit. Ich erinnere mich, da\u00df ich 1967 in Amerika war, als Martin Luther King verk\u00fcndete, da\u00df f\u00fcr ihn Frieden und Freiheit zwei Seiten derselben Medaille seien. Er war zu dieser Schlu\u00dffolgerung nach sechs Monaten meditativen Nachdenkens und Introspektion gekommen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Frage war: Ist K\u00e4mpfen f\u00fcr die eigene Befreiung ungerecht? Es war dasselbe Dilemma, dem sich Albert Einstein gegen\u00fcbersah. Einstein gab seinen Pazifismus auf. Sollten die PazifistInnen jetzt dasselbe tun?<\/p>\n<p>Das Dilemma zwang die WRI dazu, ihre Haltung in dieser Frage zu kl\u00e4ren. Auf seiner Sitzung in Wien 1968 gab der Rat der WRI eine Erkl\u00e4rung \u00fcber <cite>Freiheitsbewegungen und die WRI<\/cite> ((6)) ab. Sie begann wie folgt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die WRI ist in erster Linie eine Freiheitsbewegung. Wir arbeiten f\u00fcr das Recht des Menschen auf Freiheit: die Freiheit, ohne Hunger, Krieg und Seuchen zu leben; die Freiheit ohne wirtschaftliche, soziale, rassische und kulturelle Ausbeutung zu leben; die Freiheit des Individuum, sich zu entfalten und seine Anlagen als sch\u00f6pferische Wesen voll zu entwickeln; die Freiheit, soziale F\u00e4higkeiten zu entwickeln, F\u00e4higkeiten, die so oft durch autorit\u00e4re Strukturen gehemmt und entstellt worden sind und die den Menschen bef\u00e4higen, in Gemeinschaft zu leben und sich \u00fcber Egoismus zu erheben. &#8230;&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Titel der 13. Dreijahreskonferenz 1969 war <cite>Befreiung und Revolution &#8211; Gandhis Herausforderung<\/cite>. Jene Zeit war, verursacht durch den Vietnamkrieg, durchtr\u00e4nkt mit Frustration und Mi\u00dftrauen. Der gesamte Trend auf dieser Konferenz war eine Art von Fortsetzung desselben Dialogs: Worin besteht die Rolle pazifistischer Bewegungen heute? Es gab einige sehr gute Antworten, aber kein Aktionsprogramm kam zustande.<\/p>\n<p>Die anderen gewagten Aktionen der WRI waren:<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>der Widerstand gegen die Invasion der UdSSR in der Tschechoslowakei<br \/>\nund<\/li>\n<li>die Aktion gegen Pakistans Invasion in Bangladesch (Operation Omega).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Beide zeigten das Potential pazifistischer Bewegungen im allgemeinen und der WRI im besonderen, eine integrierte Perspektive f\u00fcr eine neue Welt zu schaffen &#8211; eine Welt ohne Krieg, eine Welt ohne <cite>Gro\u00dfe Br\u00fcder<\/cite> und eine Welt, in der Freiheit und W\u00fcrde des Lebens oberste menschliche Werte sind.<\/p>\n<p>Die Art und Weise wie die WRI gr\u00f6\u00dfer wurde und die Rolle, die ihre Gr\u00fcnderInnen und ErbauerInnen gespielt hatten, gaben die Richtung an, in die die Internationale gehen sollte und die die Erkl\u00e4rung von Wien 1968 so treffend mit den Worten formulierte: &#8222;Die WRI ist in erster Linie eine Freiheitsbewegung. &#8230;&#8220; Die Menschen, die die Bewegung steuerten, z.B. Runham Brown, Wilfred Wellock, Bart de Ligt u.a. waren Sozialrevolution\u00e4rInnen. Sie m\u00fcssen eine Welt vor Augen gehabt haben, die frei sein w\u00fcrde nicht nur vom Militarismus sondern auch von autorit\u00e4ren Strukturen, Ausbeutung und Ungleichheit. Wie k\u00f6nnen sie sonst diese Erkl\u00e4rung entworfen haben: &#8222;Ich bin daher entschlossen, &#8230; an der Beseitigung aller Ursachen des Krieges mitzuarbeiten.&#8220;<\/p>\n<p>Dar\u00fcberhinaus haben der Internationale Rat und die Generalversammlung mit den <cite>Implikationen der<\/cite> <cite>Erkl\u00e4rung<\/cite> von Anfang an beschrieben und immer wieder best\u00e4tigt was sie f\u00fcr die Kriegsursachen halten: <cite>Kolonialismus und wirtschaftlicher<\/cite> <cite>Imperialismus, Intoleranz, wirtschaftliche Ungerechtigkeit, st\u00e4ndige milit\u00e4rische Kampfbereitschaft, Nationalismus und der Staat als oberste Autorit\u00e4t.<\/cite> ((7))<\/p>\n<h3>Die achtziger Jahre<\/h3>\n<p>Die Geschichte ist ein eigenartig Ding. Es scheint, da\u00df sie st\u00e4ndig mit den Menschen spielt, aber gleichzeitig Lehren erteilt und Alternativen er\u00f6ffnet. Die Ereignisse in den L\u00e4ndern Osteuropas gegen Ende des vorigen und zu Beginn dieses Jahrzehnts haben, oder besser gesagt, sollten uns einige Lehren erteilt haben. Es schien mir, als h\u00e4tte die Sonne aus allen Richtungen geschienen, um der Menschheit die Torheiten zu zeigen, mit denen sie gelebt hat.<\/p>\n<p>Als wenn Gandhi mir im Traum mit einem Augenzwinkern gesagt h\u00e4tte. &#8222;Habe ich es nicht gesagt &#8230;&#8220;. Aber ich sollte nicht garstig zu ihm sein. Er w\u00e4re nie so egozentrisch gewesen. Er h\u00e4tte wahrscheinlich zu mir gesagt: &#8222;Mein Lieber, es war h\u00f6chste Zeit, da\u00df Du etwas aus der Sache lernst.&#8220;<\/p>\n<p>Ich bin beunruhigt, wenn ich h\u00f6re, da\u00df Menschen vom WRI-Podium aus ihre Freude \u00fcber den <cite>Tod<\/cite> der Sowjetunion zum Ausdruck bringen. Obgleich das Ende solch eines Regimes auf jeden Fall unvermeidlich und w\u00fcnschenswert war, ist es tragisch zu sehen, da\u00df manch ein\/e FriedensarbeiterIn es f\u00fcr den Tod des <cite>Sozialismus <\/cite>schlechthin h\u00e4lt und sich dar\u00fcber freut. Sie hielten die Sowjetunion f\u00fcr <cite>sozialistisch.<\/cite> In Wirklichkeit jedoch bot das Ende der Sowjetunion die Gelegenheit, die Realit\u00e4ten menschlicher Natur und Bed\u00fcrfnisse zu entdecken. Es war eine Gelegenheit zu verstehen, was wirklicher Sozialismus sein sollte. Ungl\u00fccklicherweise hat diese Art von Freude \u00fcber das Ende der sozialistischen\/kommunistischen Regime in den K\u00f6pfen vieler einfacher Menschen ein Gef\u00fchl erzeugt, da\u00df der Kapitalismus unvermeidlich und sogar w\u00fcnschenswert ist.<\/p>\n<p>Ich habe an der Konferenz \u00fcber Soziale Verteidigung in Bradford vor ein paar Jahren teilgenommen (die Konferenz wurde 1990 von der WRI zusammen mit dem Internationalen Vers\u00f6hnungsbund und der Bradford School of Peace Studies der Universit\u00e4t Bradford organisiert, d.\u00dcbers.). Ich war traurig, als ich h\u00f6rte, da\u00df mehrere TeilnehmerInnen, denen gro\u00dfe Ehre einger\u00e4umt wurde, \u00c4rger und Ha\u00df gegen den Sozialismus zum Ausdruck brachten. Ich w\u00fcnschte mir, die WRI w\u00e4re in ihrem Verst\u00e4ndnis von dem Zusammenbruch des Sowjetregimes etwas kl\u00fcger gewesen.<\/p>\n<p>Die Arbeit, die die WRI seit dem Zusammenbruch des Sowjetblocks getan hat, ist bewundernsw\u00fcrdig. Die Gr\u00fcndung von Gruppen von gewaltlosen AktivistInnen in Osteuropa ist ein ermutigender Anfang f\u00fcr eine Nie Wieder Krieg Bewegung in diesen L\u00e4ndern, die unter der repressiven sogenannten <cite>Diktatur des Proletariats<\/cite> lebten, wo die Freiheit des Gewissens des Individuums fast f\u00fcnfzig Jahre lang ermordet wurde. Ich sch\u00e4tze das WRI-Sekretariat aufrichtig f\u00fcr ihre Initiativen und harte Arbeit in dieser Richtung.<\/p>\n<h3>Aber die Frage bleibt: Wie soll es weitergehen?<\/h3>\n<p>Es scheint, da\u00df die Internationale einen Stand erreicht hat, in dem eine Erneuerung und Wiederbelebung ihrer Strategien ernsthaft \u00fcberlegt werden sollte.<\/p>\n<p>Es besteht kein Zweifel dar\u00fcber, da\u00df die aus tiefer \u00dcberzeugung kommenden Opfer hunderttausender M\u00e4nner und Frauen gegen milit\u00e4rische Zwangsdienste in den V\u00f6lkern \u00fcberall in der Welt ein gr\u00f6\u00dferes Bewu\u00dftsein von der Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit des Militarismus erzeugt hat. Und obwohl die meisten Menschen sich keine Alternative zum Krieg vorstellen k\u00f6nnen, verherrlichen sie Krieg nicht mehr als den Retter menschlicher Werte.<\/p>\n<p>Allerdings sollten wir daran denken, da\u00df sich der Charakter des Krieges besonders seit dem Vietnamkrieg, der sich zu einem <cite>elektronischen<\/cite> Krieg entwickelt hatte, drastisch ver\u00e4ndert hat. Von Staaten gef\u00fchrte Kriege erfordern heute keine Wehrpflichtarmeen mehr. Der Staat kann heute Kriege f\u00fchren, ohne den Massen Zwangsdienste aufzuerlegen. Sein Bedarf an Zwangsdiensten sieht heute anders aus. Darum m\u00fcssen auch die Strategien der WRI im Kampf gegen Zwangsdienste ge\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>Obwohl die WRI weiterhin gegen milit\u00e4rischen Zwangsdienst arbeiten wird, wird sie das nicht nur im Zusammenhang mit Militarismus tun, sondern alle Zwangsdienste als Werkzeug in der Hand des Staates ablehnen. Als Anfang und Mitte der 60er Jahre Wehrpflichtige \u00fcber die verschiedenen Ebenen der Opposition gegen milit\u00e4rischen Zwangsdienst diskutierten, sah sich die Rat veranla\u00dft, die Position der WRI in diesem Zusammenhang zu kl\u00e4ren. 1967 gab der Rat eine Erkl\u00e4rung, aus der ich hier zitiere:<\/p>\n<p>&#8222;Die WRI ist gegen alle Zwangsdienste &#8211; sei es f\u00fcr milit\u00e4rische oder zivile Zwecke &#8211; und fordert ihre v\u00f6llige Abschaffung. &#8230; Die WRI best\u00e4tigt nochmals, da\u00df ihre Kampagne gegen Zwangsdienste nur Teil ihres Kampfes gegen Krieg und seine Ursachen und f\u00fcr die Errichtung einer gewaltlosen Gesellschaftsordnung ist.&#8220; <a name=\"oben8\"><\/a><a href=\"#unten8\">(8)<\/a> Eine Studie der Geschichte der WRI zeigt klar, da\u00df die grundlegende Inspiration f\u00fcr die Gr\u00fcndung der WRI nicht der Antimilitarismus allein war. Letztenendes war es das Streben nach grunds\u00e4tzlicher Ver\u00e4nderung unserer sozio- politischen Ordnung, so da\u00df daraus schlie\u00dflich eine Welt ohne Krieg entstehen kann.<\/p>\n<p>Es mu\u00df allerdings zugegeben werden, da\u00df die WRI &#8211; und auch keine andere pazifistische Organisation &#8211; nicht einen Aktionsplan vorlegen konnte, um die Ver\u00e4nderungen zustande zu bringen, die zu einer gewaltlosen Gesellschaftsordnung f\u00fchren k\u00f6nnten. In den 30er Jahren war Bart de Ligt wahrscheinlich der entschiedendste Propagandist f\u00fcr eine gewaltlose Gesellschaftsver\u00e4nderung. Sein Briefwechsel mit Gandhi zeigt, wie hart er daran arbeitete, um den Proze\u00df f\u00fcr gewaltlose Gesellschaftsver\u00e4nderung in pazifistischen Kreisen voranzubringen. Das geschah so sehr, da\u00df er die Aktionen und Ideen Gandhis heftig kritisierte, die er &#8211; zu Recht oder Unrecht &#8211; f\u00fcr Kompromisse mit dem Staat hielt. Ich bin mir ganz sicher, da\u00df er wunderbare Absichten hatte und auch optimistisch war. Aber ich sehe auch, da\u00df er kein praktisches Programm hatte, dies Ziel zu erreichen.<\/p>\n<p>Ich mache niemandem die Hilflosigkeit zum Vorwurf, die viele in der gegenw\u00e4rtigen Situation f\u00fchlen. Ich schreibe dies Ph\u00e4nomen der Historizit\u00e4t der Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts zu. Ich betrachte dies als einen Schritt im Proze\u00df der menschlichen Entwicklung. Unsere Erfahrung hat geholfen, die Krankheit zu diagnostizieren. Aber wir haben die Heilmethode noch nicht gefunden. Die meisten DenkerInnen, die MarxistInnen eingeschlossen, haben ihre Utopien hochgehalten. Aber keiner von ihnen konnte den Weg zu seiner\/ihrer idealen Welt entdecken. Was die MarxistInnen f\u00fcr die D\u00e4mmerung des Sozialismus hielten, stellte sich als das gr\u00f6\u00dfte Desaster heraus und hat dem Sozialismus selbst geschadet.<\/p>\n<p>Vielleicht war Gandhi bis zu einem gewissen Grade erfolgreich. Er konnte eine einigerma\u00dfen klare Richtung angeben, welcher Weg zu gehen ist. Aber sobald Indien die ersten Schritte in diese Richtung nahm, kamen einige VerehrerInnen der sogenannten modernen Industrialisierung an die Spitze und sagten, da\u00df der Weg in Richtung gewaltloser Gesellschaftsver\u00e4nderung in der modernen Welt der Technik nicht mehr realistisch und erstrebenswert sei. Es war aber auch nicht der Weg, der ins Zeitalter des \u00dcberflusses f\u00fchrte, wie ihn ProphetInnen des Materialismus wie John Maynard Keynes oder Karl Marx versprochen hatten. Der Weg zur gewaltlosen sozialen Revolution war vorl\u00e4ufig blockiert.<\/p>\n<p>Ich will nicht den Fehler machen zu denken, da\u00df ich die Antwort habe. Aber ich wei\u00df, da\u00df einige vielleicht die Antwort haben. Auch bin ich der festen Ansicht, da\u00df die Antwort, nach der wir suchen sollten, nicht aus akademischen \u00dcbungen oder theoretischen Projektionen kommt. Sie wird von denen kommen, die entsprechende Erfahrungen haben und die ihre intellektuellen, rassischen, kulturellen, technischen, mystischen, religi\u00f6sen oder sonstigen Ichbezogenheiten ablegen k\u00f6nnen. Es wird eine kollektive Suche nach der Wahrheit des Lebens sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich habe festgestellt, da\u00df im Proze\u00df gewaltloser revolution\u00e4rer Ver\u00e4nderung Widerstand gegen Militarismus und Unrecht allein nicht genug ist. Es sollte ein anderes Element geben, das als integraler Bestandteil unseres Kampfes dazugeh\u00f6rt. Die Schaffung von Alternativen ist gleicherma\u00dfen wesentlich. Man kann es alternative Lebensweise nennen, die auf Werten aufbaut, die die menschlichen Gesellschaften miteinander und die menschliche Gesellschaft mit der Natur vereinen.<\/p>\n<p>Beide &#8211; Widerstand und Rekonstruktion &#8211; d\u00fcrfen nicht nebeneinander hergehen, sondern m\u00fcssen vollkommen miteinander integriert sein. Das ist es, wie ich die WRI-Erkl\u00e4rung verstehe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So weit ich wei\u00df, war die War Resisters&#8216; International (WRI) die erste internationale pazifistische Organisation, die ihre Opposition gegen jede Art von Krieg nicht nur in Worten ausdr\u00fcckte, sondern auch Individuen aller \u00dcberzeugungen &#8211; philosophisch, religi\u00f6s und politisch &#8211; dazu anregte, diese Opposition in Aktion umzusetzen. 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