{"id":2685,"date":"1999-05-01T00:00:50","date_gmt":"1999-04-30T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2685"},"modified":"2022-07-26T13:45:10","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:10","slug":"ich-bin-kein-beispiel-ich-bin-ein-vorspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/05\/ich-bin-kein-beispiel-ich-bin-ein-vorspiel\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich bin kein Beispiel. Ich bin ein Vorspiel.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die klare und eindeutige Stellungnahme gegen illegale Drogen geh\u00f6rt zu diesem Vorbildverhalten. Besonders gef\u00e4hrlich und verf\u00fchrend f\u00fcr Jugendliche ist es, wenn Menschen mit hohem Bekanntheitsgrad und gro\u00dfer Popularit\u00e4t &#8211; ob gelegentlich oder st\u00e4ndig &#8211; Drogen nehmen und propagieren. Niemand sollte sich scheuen, solche schlechten Beispiele anzuprangern.&#8220;<\/p>\n<p>Nun gibt es in der Bundesrepublik Millionen KifferInnen, und es w\u00e4re ein enormer Aufwand sie alle als &#8222;schlechte Beispiele anzuprangern&#8220;. Ich beschr\u00e4nke mich also auf ein &#8222;Beispiel&#8220;, das &#8222;ein Vorspiel&#8220; war.<\/p>\n<h3>&#8222;Der gesunde Menschenverstand ist reines Gift&#8220;<\/h3>\n<p>Der wohl bekannteste Kiffer Deutschlands, grandiose Spa\u00dfmacher und anarchische Wortspieler Wolfgang Neuss starb vor zehn Jahren, am 5. Mai 1989.<\/p>\n<p>Geboren wurde er am 3. Dezember 1923 in Breslau. Weitgehend vaterlos aufgewachsen, macht er nach Volksschule, Schlachterlehre und Maloche in der Landwirtschaft die Flatter. Er will Clown werden, landet aber unsanft in der Verwahranstalt am Berliner Alex. 1940 erh\u00e4lt er seine Einberufung zum Kriegsdienst. Ein Jahr sp\u00e4ter schie\u00dft sich der &#8222;Frontkomiker&#8220; den Zeigefinger der linken Hand ab, um wieder ins Lazarett zu kommen.<\/p>\n<p>In den F\u00fcnfzigern und Sechzigern wird Neuss ber\u00fchmt als &#8222;Mann mit der Pauke&#8220;. Seine Filme, z.B. &#8222;Wir Kellerkinder&#8220;, &#8222;Aus dem Tagebuch eines Kabarettisten&#8220; und &#8222;Genosse M\u00fcnchhausen&#8220;, sind ihrer Zeit weit voraus und seine Ein-Mann-Show &#8222;Das j\u00fcngste Ger\u00fccht&#8220; machen ihn zu &#8222;Deutschlands Kabarettist Nr. 1&#8220; (Der Spiegel).<\/p>\n<p>Als die Westberliner Massenmedien 1965 ihre LeserInnen auffordern, Geld f\u00fcr den amerikanischen Vietnam-Krieg zu spenden, reagiert er mit einer Extranummer seiner Zeitung &#8222;Neuss Deutschland&#8220;, dem &#8222;Organ des Zentralkomiker- Teams der Satirischen Einheitspartei Deutschlands&#8220;: &#8222;In Vietnam k\u00e4mpfen amerikanische Soldaten mit dem s\u00fcdvietnamesischen General Ky. Sein gr\u00f6\u00dftes Vorbild: A. Hitler&#8220;.<\/p>\n<p>Es folgt eine Hetzkampagne der Springerpresse und anonyme Drohungen (&#8222;Lebt ihr roten Hunde noch?&#8220;) gegen Neuss. Er ist der erste K\u00fcnstler, der in der BRD wegen &#8222;Linkspropaganda&#8220; ausgeblendet wird (der SFB t\u00e4uscht Sendeausfall vor). Die SPD, in die er soeben wegen Sympathie f\u00fcr den Kanzlerkandidaten Willy Brandt eingetreten war, schlie\u00dft ihn aus. Sein Kommentar: &#8222;Wer nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt aus der SPD raus.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich 1967\/68 die Ereignisse in Berlin \u00fcberschlagen, radikalisiert er sich als prominenter Aktivist der Au\u00dferparlamentarischen Opposition gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und Staatsterrorismus.<\/p>\n<p>1972 steigt er von Tabletten auf Cannabis um. Seine Medikamenten- und Alkoholorgien 20j\u00e4hrigen Ruhms kuriert der langhaarige und bald zahnlose Cannabole fortan mit Haschisch. Offen bekennt er von nun an immer und \u00fcberall, da\u00df er einen Teil seiner Zauberkunst dem Umgang mit Ekstase &#8211; mit Drogen verdanke.<\/p>\n<p>&#8222;Ich mache mich seit zehn Jahren in Berlin ein bisschen straff\u00e4llig, um die andere Million Gesetze richtig einzuhalten. Wie machen Sie&#8217;s?&#8220;<\/p>\n<p>1979 steht er wegen Cannabisbesitzes vor Gericht. Seine Schuldf\u00e4higkeit soll festgestellt werden: &#8222;Ich war immer unnormal, das ist meine Berufskrankheit. Im \u00fcbrigen f\u00fchle ich mich irre gesund. Achten sie auf das Wort &#8218;irre&#8216;. Wenn der Mensch sich sucht, ist er s\u00fcchtig.&#8220; Zahlreiche Ermittlungsverfahren wegen Haschischbesitzes folgen. Da\u00df er nichts anderes t\u00e4te, als den Strick zu rauchen, an dem er sonst h\u00e4ngen w\u00fcrde &#8211; n\u00e4mlich Hanf &#8211; vermag die RichtHerren nicht zu beeindrucken. Seine Meinung zur Sinnlosigkeit des Drogenkrieges und zu seinem &#8222;\u00dcberlebensmittel&#8220; sind nicht erw\u00fcnscht. Neuss wird mehrmals wegen Cannabiskonsums kriminalisiert. Von den b\u00fcrgerlichen Medien wird er als &#8222;Drogenwrack&#8220; gebrandmarkt, als &#8222;komische Nummer&#8220; verkannt: &#8222;Ungeheuer von Loch Neuss&#8220;.<\/p>\n<h3>&#8222;Bin soeben durchs soziale Netz gepurzelt. Endlich wieder unter Menschen.&#8220;<\/h3>\n<p>&#8222;Tunix ist besser als arbeitslos.&#8220;<\/p>\n<p>Der schlagfertige, linksradikale Kiffer verzichtet auf Cadillac und Gebi\u00df. Seine Zeit sei gekommen, &#8222;wenn sie wieder so zum Lachen ist, da\u00df es sich lohnt, dritte Z\u00e4hne anzuschaffen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aussteigen hei\u00dft ja nichts weiter wie: Einsteigen. Einsteigen in was? Na in sich. Sich selber suchen.&#8220;<\/p>\n<p>Der &#8222;Sensationshascher&#8220; lebt von Sozialhilfe und thematisiert Dinge, die in der deutschen B\u00fcrgerpresse einfach nicht thematisiert werden d\u00fcrfen, z.B. Recht auf Faulheit und Politik der Ekstase. Da\u00df solche &#8222;Unthemen&#8220; auch noch in anarchischer Form, in einem schnellen, nicht enden wollenden Monolog pr\u00e4sentiert werden, verschreckte in den Achtzigern die auf &#8222;seri\u00f6s&#8220; gedrillte Presse, w\u00e4hrend ich mich damals begeistern konnte f\u00fcr diesen liebenswerten B\u00fcrgerschreck.<\/p>\n<h3>&#8222;Wenn&#8217;s in der Sauna schneit, das ist Neuss&#8220;<\/h3>\n<p>&#8222;Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen&#8220;, so begr\u00fc\u00dft der \u00dcberraschungsgast Neuss 1983 den CDU-Kandidaten Richard von Weizs\u00e4cker in der &#8222;Talk-Show des Jahres&#8220; (Spiegel).<\/p>\n<p>Aus dem &#8222;Pr\u00e4sidenten-Duell&#8220; mit dem humorlosen Silberlocke geht Neuss als Sieger hervor: &#8222;Herr von Weizs\u00e4cker, wissen sie denn \u00fcberhaupt, da\u00df ich Bundespr\u00e4sident w\u00fcrde, wenn die Kinder w\u00e4hlen d\u00fcrften? &#8230; die Kinder w\u00e4hlen immer einen aus der Sesamstra\u00dfe.&#8220;<\/p>\n<p>Neuss, das ist Spa\u00dfguerilla, ein Redeschwall aus Klamotte und gro\u00dfer Kultur,Tagesgeschehen und Geschichte, Sinn und Unsinn, hemmungsloser, oft brillanter Witz, kurz: &#8222;beautiful noise&#8220;.<\/p>\n<h3>&#8222;Man erwartet etwas, wenn man &#8218;Neuss&#8216; h\u00f6rt &#8211; L\u00e4rm oder Neues.&#8220;<\/h3>\n<p>&#8222;Eine Frage schwirrt mir durchs Hirn: Kann man so geschickt schweigen, da\u00df man verstanden wird?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn man merkt, da\u00df die Witze auf der Stra\u00dfe gemacht werden und im Saal nicht mehr so gut ankommen &#8211; also, da habe ich mir gesagt: Es ist an der Zeit, langsam aufzuh\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren, nachdem er jahrelang vergebens versucht hatte, seinen Krebs wegzumeditieren, hat Wolfgang Neuss aufgeh\u00f6rt. Doch Neuss&#8216; Testament ist uns geblieben. Auf CD und Video k\u00f6nnen wir seine kr\u00e4chzige Stimme auch heute noch genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich frage mich, was Beautyful Neuss wohl in diesen Tagen sagen w\u00fcrde, wenn er leben w\u00fcrde und sehen m\u00fc\u00dfte, da\u00df deutsche Soldaten zum dritten Mal in diesem Jahrhundert einen Angriffskrieg gegen Jugoslawien f\u00fchren, diesmal als Teil der NATO?<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrde der Antimilitarist die Bundeswehrsoldaten an seine kurze Zeit als Wehrmachtssoldat erinnern und sie auffordern es ihm gleich zu tun:<\/p>\n<p>&#8222;Als ich siebzehn war, hab ich mir in Ru\u00dfland vor lauter Angst mal den Finger abgeschossen. War Krieg, und der Russe lag nur&#8217;n paar Meter entfernt von mir. Und ich wu\u00dfte: Ich bin so kurzsichtig, da\u00df ich sowieso nicht treffe. Eine Verletzung war die letzte Chance, aus dem Kessel rauszukommen. Ich nahm also den Karabiner 98K, lie\u00df mich in einen Wassergraben fallen, hielt auf den Zeigefinger der linken Hand und dr\u00fcckte ab. Die Angst trieb mich zum Fortschritt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die klare und eindeutige Stellungnahme gegen illegale Drogen geh\u00f6rt zu diesem Vorbildverhalten. Besonders gef\u00e4hrlich und verf\u00fchrend f\u00fcr Jugendliche ist es, wenn Menschen mit hohem Bekanntheitsgrad und gro\u00dfer Popularit\u00e4t &#8211; ob gelegentlich oder st\u00e4ndig &#8211; Drogen nehmen und propagieren. 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