{"id":26891,"date":"2022-02-01T13:26:08","date_gmt":"2022-02-01T11:26:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/luetzerath-lebt\/"},"modified":"2022-02-02T18:06:20","modified_gmt":"2022-02-02T16:06:20","slug":"luetzerath-lebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/luetzerath-lebt\/","title":{"rendered":"L\u00fctzerath lebt!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Weiler L\u00fctzerath liegt am Ende einer Sackgasse \u2013 ehemals eine Verbindungsstra\u00dfe zwischen D\u00f6rfern. Jetzt kommt direkt dahinter das Nichts. Riesige Bagger \u2013 die gr\u00f6\u00dften Maschinen der Welt \u2013 fressen sich systematisch durch das fruchtbare Land der Region, um Braunkohle abzubauen und den billigen Strom zu erzeugen, der die deutsche Industrie antreibt. Der Tagebau Garzweiler nahm Anfang der 1970er-Jahre den Betrieb auf, um eine zuverl\u00e4ssige Stromversorgung zu gew\u00e4hrleisten, nachdem Europa sich von der OPEC-\u00d6lkrise bedroht sah. Erst der Stromkonzern Rheinbraun und sp\u00e4ter RWE Power erhielten besondere Privilegien und das Recht, ein Dorf nach dem anderen zu zerst\u00f6ren, das Grundwasser abzupumpen und k\u00fcnftigen Generationen eine W\u00fcste zu hinterlassen. All dies galt damals als notwendig f\u00fcr das Gemeinwohl.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Profite kommen vor Klimawandel<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute offenbaren sich die Auswirkungen dieser Politik. Ganze Landstriche wurden abgetragen, um Millionen Tonnen von Braunkohle freizulegen, zu transportieren und zu verbrennen. Der CO2-intensivste fossile Brennstoff befeuert die Klimakrise immer weiter. Das Pariser Abkommen, den globalen Temperaturanstieg auf unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, hat nicht zur Schlie\u00dfung auch nur eines einzigen Tagebaus beigetragen. Auch die j\u00fcngsten verheerenden \u00dcberschwemmungen in Deutschland \u00e4nderten nichts. RWE konzentriert sich einfach darauf, immer mehr Kohle abzubauen.<br \/>\nAll dies macht deutlich, wie kaputt das System ist, das wir als Kapitalismus kennen. Viele in der Region sind sich dessen bewusst und k\u00e4mpfen seit Langem f\u00fcr die Schlie\u00dfung der Tagebaue. Mit der drohenden vollst\u00e4ndigen Zerst\u00f6rung der Reste des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/der-hambacher-forst-und-die-anarchie\/\">Hambacher Waldes<\/a> (Hambi) am Rand des benachbarten Tagebaus Hambach spitzte sich die Lage zu. Seit dem Jahr 2012 hielten Klima- und Natursch\u00fctzer*innen den Wald mit Baumh\u00e4usern besetzt. Im September 2018 wurden sie unter dem Vorwand unzureichenden Brandschutzes von der Polizei gewaltsam ger\u00e4umt. Keine Woche sp\u00e4ter flog die Farce auf, und der Wald wurde wieder besetzt, nachdem das Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster die Rodung f\u00fcr unzul\u00e4ssig erkl\u00e4rt hatte.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Proteste f\u00fcr den Erhalt von L\u00fctzerath<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der zun\u00e4chst erfolgreichen Kampagne zur Rettung des Hambi richtete sich die Aufmerksamkeit auf die bedrohten D\u00f6rfer am ebenfalls von RWE betriebenen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/groesser-lauter-resoluter\/\">Tagebau Garzweiler<\/a>. L\u00fctzerath, ein Dorf mit ehemals 90 Einwohner*innen, wurde schnell zum Schwerpunkt, da es am n\u00e4chsten an der Tagebaukante liegt. Viele Bewohner*innen der D\u00f6rfer hatten bereits die Hoffnung aufgegeben und sich auf Druck von RWE umsiedeln lassen, aber Eckardt Heukamp, der letzte Landwirt in L\u00fctzerath, beschloss, f\u00fcr seinen Hof zu k\u00e4mpfen. Er wurde dabei von immer mehr Aktivist*innen unterst\u00fctzt, die schnell begannen, ihr Lager aufzuschlagen und ein neues Dorf zu bauen. Ihr Ziel: Unr\u00e4umbar sein und sich nicht vertreiben lassen.<br \/>\nDie Aktivist*innen brachten viele Ideen f\u00fcr ein alternatives Leben aus anderen Besetzungen mit \u2013 auch aus dem Hambacher Wald. Viele von ihnen sind Teil der \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/fridays-for-future-saturdays-for-system-change\/\">Fridays for Future<\/a>\u201c-Bewegung, der LGBTQ-Community, BIPOC oder geh\u00f6ren anarchistischen Str\u00f6mungen an. Die Menschen in L\u00fctzerath sind jung, international und pflegen einen anarchistischen Lebensstil. Trotz eines weitgehenden Konsenses zur Gewaltfreiheit unter den Aktiven geht die Polizei oft repressiv gegen das Camp auf Heukamps Land vor. Viele Aktivist*innen haben auf Demonstrationen oder im Camp Gewaltanwendung durch Polizist*innen beobachtet oder selbst erlebt.<br \/>\nSeit den Klimakonferenzen in Paris und zuletzt in Glasgow ist den Aktivist*innen klar, dass uns nur noch <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/06\/ziviler-ungehorsam-als-leidensideologie\/\">ziviler Ungehorsam<\/a> retten kann. Wir brauchen Systemwandel, nicht Klimawandel. Gruppen wie Fridays for Future, Ende Gel\u00e4nde, Greenpeace und viele andere sehen in L\u00fctzi die letzte Chance, das System zu \u00e4ndern, bevor wir die 1,5-Grad-Grenze \u00fcberschreiten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Mehr als ein Protestcamp<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dadurch ist L\u00fctzi in den Augen vieler Aktivist*innen etwas Besonderes. Schon der Hambi war ein starkes Symbol. L\u00fctzerath ist nun ein Ort, an dem eine wachsende Zahl von Menschen (\u00fcber 300 bei der letzten Z\u00e4hlung) aktiv ein Leben au\u00dferhalb des Systems der Unterdr\u00fcckung leben kann, in dem sie bisher um Anerkennung und \u00dcberleben k\u00e4mpfen mussten. L\u00fctzi und Hambi sind keine vor\u00fcbergehenden Ph\u00e4nomene. Diese Orte sind wichtige Inspirationsquellen und Vorbilder f\u00fcr die Entwicklung eines zuk\u00fcnftigen Systems, in dem wir alle aufbl\u00fchen k\u00f6nnen.<br \/>\nL\u00fctzerath ist wichtig f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/agenda-fuer-klimagerechtigkeit\/\">Klimagerechtigkeitsbewegung<\/a> und den Kampf f\u00fcr soziale Gerechtigkeit. Ohne solche Orte bleiben uns nur Demonstrationen, die viel zu leicht ignoriert werden. Die Klimakrise l\u00e4sst sich jedoch nicht mehr ignorieren und wird so schnell nicht verschwinden \u2013 genauso wenig wie die Bewegung f\u00fcr Ver\u00e4nderung. Die Politik muss erkennen, dass es an der Zeit ist, das alte, zerst\u00f6rerische System aufzugeben und den Systemwechsel als Teil der L\u00f6sung anzunehmen, bevor so viel Zerst\u00f6rung angesto\u00dfen ist, dass unser Planet unbewohnbar wird. Noch haben wir die Wahl, am Ende der Sackgasse zu wenden und unsere Lebensweise massiv zu ver\u00e4ndern. Die Aktivist*innen in L\u00fctzerath leben vieles von dem vor, was uns retten kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der kleine Weiler L\u00fctzerath liegt am Ende einer Sackgasse \u2013 ehemals eine Verbindungsstra\u00dfe zwischen D\u00f6rfern. Jetzt kommt direkt dahinter das Nichts. Riesige Bagger \u2013 die gr\u00f6\u00dften Maschinen der Welt \u2013 fressen sich systematisch durch das fruchtbare Land der Region, um Braunkohle abzubauen und den billigen Strom zu erzeugen, der die deutsche Industrie antreibt. 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