{"id":26892,"date":"2022-02-01T13:26:09","date_gmt":"2022-02-01T11:26:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/die-macht-der-plattformen-und-internetgiganten\/"},"modified":"2022-02-04T14:25:42","modified_gmt":"2022-02-04T12:25:42","slug":"die-macht-der-plattformen-und-internetgiganten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/die-macht-der-plattformen-und-internetgiganten\/","title":{"rendered":"Die Macht der Plattformen und Internetgiganten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Diskussionen \u00fcber die Schattenseiten des Internets und die Marktmacht der gro\u00dfen Internetfirmen \u2013 Facebook, Amazon, Google und so weiter \u2013 werden h\u00e4ufig sehr moralisch gef\u00fchrt: Bei Amazon darf man nicht kaufen, auf Facebook sollte man eigentlich nicht sein, statt Google besser eine andere Suchmaschine benutzen. Doch der moralische Zeigefinger funktioniert bei diesem Thema als politische Strategie noch schlechter als sonst, und das hat Gr\u00fcnde.<br \/>\nDer Kulturwissenschaftler Michael Seemann analysiert in seinem Buch, woher die Macht der Internetgiganten kommt und welche Bedeutung das f\u00fcr \u00d6konomie und Politik hat. Es ist eine Doktorarbeit und entsprechend komplex in der Argumentation, aber trotzdem verst\u00e4ndlich geschrieben. Unterf\u00fcttert mit zahlreichen Beispielen erf\u00e4hrt die Leserin, wie sich die verschiedenen Plattformen entwickelt haben, was letztlich zu ihrem Durchbruch gef\u00fchrt hat, warum andere Plattformen hingegen nicht erfolgreich geworden sind.<br \/>\nDabei wird deutlich, wie eng politische und \u00f6konomische Faktoren hier zusammenwirken. Die Macht von Internet-Plattformen entsteht nicht auf dieselbe Weise, wie \u00f6konomische Macht im Kapitalismus herk\u00f6mmlicherweise entsteht, n\u00e4mlich dadurch, dass staatliche Gesetze die kapitalistischen Akteure st\u00fctzen, zum Beispiel ihre Eigentumsrechte sichern oder Streiks erschweren. Sondern Plattformen entwickeln Macht durch Netzwerkeffekte, was bedeutet, dass ihre Macht daraus entsteht, dass sehr viele Menschen sie nutzen, und zwar letzten Endes freiwillig. Wenn auf Apple-Computern eine bestimmte \u201eKiller-Applikation\u201c installiert ist, die alle Menschen haben wollen, dann werden die Kund:innen Apple-Computer kaufen, auch wenn andere Marken vielleicht besser und billiger sind. Wenn alle Leute, die ich kenne, auf Facebook sind, dann werde ich mich dort vernetzen und nicht woanders, wo Daten und Privatsph\u00e4re vielleicht besser gesch\u00fctzt w\u00e4ren. Die traditionellen Mechanismen der Konkurrenz um das bessere Produkt sind daher au\u00dfer Kraft gesetzt. Aber auch staatliche Politik hat gegen diese Netzwerkeffekte kaum eine Handhabe, jedenfalls keine demokratisch legitimierte \u2013 in China mag es anders sein. Aber in Demokratien haben Plattformen tendenziell sogar mehr Macht als Staaten, auch weil sie global agieren, w\u00e4hrend wir im politischen Bereich immer noch auf der Ebene von Nationalstaaten operieren.<br \/>\nInteressant fand ich Seemanns These, dass die Herrschaft, die Plattformen aus\u00fcben, besser analog zum Kolonialismus gedacht werden kann als zum Kapitalismus. Er beschreibt den Weg einzelner Plattformen zur globalen Vormachtstellung als \u201eLandnahme\u201c f\u00fcr einen bestimmten Lebensbereich: Facebook organisiert soziale Interaktion, Amazon den Einzelhandel, Google die Suchmaschinen und so weiter. Das hei\u00dft, alle diese Plattformen haben einen bestimmten Bereich menschlicher Interaktion gewisserma\u00dfen \u201ebesetzt\u201c und ihren eigenen Regeln unterworfen. Dieser Prozess der \u201eGraphnahme\u201c, wie Seemann ihn nennt, f\u00fchrt dazu, dass es, wenn ein Bereich erst einmal von einer Plattform \u00fcbernommen wurde, fast unm\u00f6glich ist, sich als Konkurrent hier noch zu bet\u00e4tigen. Neue Internetgiganten k\u00f6nnen eigentlich nur entstehen, wenn sie weitere, bislang noch \u201eunentdeckte\u201c Bereiche menschlicher Gesellschaft finden und der Plattformlogik einverleiben.<br \/>\nWenn man sich die Geschichte der vergangenen drei Jahrzehnte anschaut, haben alle Versuche, diese Dynamik staatlicherseits zu reglementieren, nur dazu gef\u00fchrt, dass die Plattformen immer m\u00e4chtiger wurden. Staatliche Kontrolle erweitert ihre Macht, anstatt sie zu begrenzen. Ein gutes Beispiel ist die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Deutschland, hinter der ja die Absicht stand, bestimmte Datenschutzvorgaben verbindlich durchzusetzen. Die Folge davon war eine St\u00e4rkung der Internetgiganten im Vergleich zu kleineren Konkurrenten: Denn um die staatlichen Vorgaben umzusetzen, mussten komplexe Anpassungen in den eigenen Programmen vorgenommen werden, was eine gro\u00dfe Plattform nat\u00fcrlich viel besser stemmen kann als ein kleines Unternehmen. So hat insbesondere der Versuch, die Macht von Google bei der Auswertung von Daten zu bremsen und zu reglementieren, in Wirklichkeit dazu gef\u00fchrt, dass Googles Konkurrenz aus dem Weg ger\u00e4umt wurde.<br \/>\nEtwas \u00c4hnliches beobachten wir derzeit mit Facebook als einer Plattform, die in politische Prozesse eingreifen kann, weil ihr Algorithmus die pers\u00f6nlichen Vorlieben der Nutzer:innen gezielt bedient. Aufgefallen ist das als Gefahr f\u00fcr die Demokratie sp\u00e4testens mit der Abstimmung zum Brexit und der Wahl von Donald Trump zum Pr\u00e4sidenten der USA. Diese Manipulation der \u00f6ffentlichen Debatte hat Facebook viel Kritik eingebracht. Aber als Folge dieser Bewusstwerdung wird Facebook derzeit zu einer Instanz ausgebaut, die demokratische Wahlen garantieren soll, etwa indem es Regularien ergreift und zum Beispiel Konten von Corona-Leugner:innen oder auch eben das von Donald Trump sperrt.<br \/>\nDiese Dynamik hat sich von den herk\u00f6mmlichen politischen Debatten gel\u00f6st, weil es hier um schlichte Fakten geht: Das Problem ist einfach da, und es gibt keine L\u00f6sung in Form von politischen Ma\u00dfnahmen. Laut Seemann besteht die Herausforderung nun darin, demokratische Strukturen zu entwickeln, die mit dieser Logik von Plattformen und Internetgiganten zurechtkommen. Wie das gelingen k\u00f6nnte, dazu gibt er am Ende einige Ausblicke. Seine Prognosen f\u00fcr die Zukunft der parlamentarischen Demokratie sind allerdings nicht sehr rosig. Dennoch eine inspirierende und wichtige Lekt\u00fcre f\u00fcr alle, die linke Gesellschaftskritik und Politik betreiben wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskussionen \u00fcber die Schattenseiten des Internets und die Marktmacht der gro\u00dfen Internetfirmen \u2013 Facebook, Amazon, Google und so weiter \u2013 werden h\u00e4ufig sehr moralisch gef\u00fchrt: Bei Amazon darf man nicht kaufen, auf Facebook sollte man eigentlich nicht sein, statt Google besser eine andere Suchmaschine benutzen. 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