{"id":26895,"date":"2022-02-01T13:26:11","date_gmt":"2022-02-01T11:26:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/ohne-hass-aber-ohne-vergessen\/"},"modified":"2022-02-04T14:04:53","modified_gmt":"2022-02-04T12:04:53","slug":"ohne-hass-aber-ohne-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/ohne-hass-aber-ohne-vergessen\/","title":{"rendered":"\u201eOhne Hass, aber ohne Vergessen\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eWir sind [\u2026] neun junge Frauen, die nicht sterben wollen, [\u2026] die bereit sind, zusammen daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, ins Leben zur\u00fcckzukehren \u2026\u201c (S. 32)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neun junge Widerstandsk\u00e4mpferinnen zwischen 20 und 29 Jahren aus Frankreich, Holland und Spanien werden unabh\u00e4ngig voneinander im Sommer 1944 verhaftet und lernen sich im Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck kennen. Von dort aus werden sie in das Au\u00dfenlager Leipzig-Sch\u00f6nefeld des Konzentrationslagers Buchenwald verlegt und m\u00fcssen in Zw\u00f6lf-Stunden-Schichten in der Munitionsfabrik HASAG (Hugo und August Schneider AG) arbeiten, bis sie am 14. April 1945 von der SS auf den Todesmarsch mit den anderen 5.000 Inhaftierten gezwungen werden.<br \/>\nHier beginnt der autobiographische Bericht von Suzanne Maudet, die die acht Tage dokumentiert, in denen die neun Freundinnen die Flucht ergreifen und ohne Essen, Landkarte oder Kenntnis dar\u00fcber, wo gerade die Front verl\u00e4uft, durch Sachsen laufen \u2013 mit dem Ziel, auf die Alliierten zu treffen und frei zu sein.<br \/>\nZu Beginn der Flucht verteilt die Gruppe Aufgaben untereinander: Mena und Zinka besorgen Essen und kochen, Nicole und Jos\u00e9e halten Ordnung (S. 56), Jos\u00e9e verwaltet au\u00dferdem das Geld (S. 37), Chris und Lon \u00fcbernehmen die Kommunikation mit den Deutschen \u2013 B\u00fcrgermeistern, Polizei, Bev\u00f6lkerung (S.\u00a053) \u2013 , und die Autorin, genannt Zaza, bekommt die Aufgabe, \u201ealles aufzuschreiben: \u201aUm es sp\u00e4ter unseren Kindern erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen\u2018\u201c, weil ihnen ihr \u201eAbenteuer [\u2026] so erstaunlich [erscheint]\u201c (S. 56).<br \/>\nDie Flucht ist aus mehreren Gr\u00fcnden lebensgef\u00e4hrlich, da sie von niemandem erkannt werden d\u00fcrfen: nicht von SS-Wachmannschaften der Todesm\u00e4rsche, nicht von deutschen Soldaten und Offizieren, nicht von deutschen B\u00fcrgermeistern und der Polizei (S. 55) und auch nicht von der deutschen Zivilbev\u00f6lkerung, die sich oft feindselig verh\u00e4lt \u2013 am ersten Tag, als sie noch auf dem Todesmarsch sind, schaut die Dorfbev\u00f6lkerung dem Marsch der KZ-H\u00e4ftlinge belustigt zu (S. 33), statt Mitleid mit den von SS-Aufseher*innen bewachten abgemagerten Frauen in schlechter Kleidung und fast ohne Gep\u00e4ck zu haben, und auf der Flucht wird ihnen oft die Bitte nach Essen abgeschlagen. Diese Verrohung der Deutschen erkl\u00e4rt sich f\u00fcr Maudet aus der nationalsozialistischen Entmenschlichung von Juden und J\u00fcdinnen: \u201e[e]ine gel\u00e4ufige Vorstellung, welche die Deutschen beruhigte; wenn es Juden sind, dann ist es ja egal\u201c (S. 83). Und neben der Lebensgefahr durch die Menschen, die sie als entflohene KZ-H\u00e4ftlinge identifizieren k\u00f6nnten, besteht die Gefahr, bei Bombenangriffen auf D\u00f6rfer, Br\u00fccken oder Felder zu sterben oder in Frontn\u00e4he erschossen zu werden.<br \/>\nDas Wichtigste ist der Zusammenhalt der neun Frauen; dieser hat ihnen schon in den gemeinsamen neun Monaten die Kraft gegeben, die Konzentrationslager zu \u00fcberleben (S. 17), und auf dem Todesmarsch und auf der Flucht unterst\u00fctzen sie sich gegenseitig, wenn eine nicht mehr kann, und singen gemeinsam alte Wanderlieder, um sich gegenseitig Mut zu machen (S.\u00a019, 26). Maudet beschreibt ihre \u201esehr gro\u00dfe Liebe zum Leben und Lebensfreude\u201c (S. 41).<br \/>\nDiese Lebensfreude l\u00e4sst sich fast im gesamten Fluchtbericht mitlesen. Die Sprache ist locker, unterhaltsam, lebendig und teilweise ironisch. Auff\u00e4llig ist, dass die grausamen Erfahrungen aus den Konzentrationslagern nur in Nebens\u00e4tzen auftauchen: Frauen wurden im Speisesaal gehenkt, andere beim Appell mit Stockschl\u00e4gen ermordet (S.\u00a075); Zinkas Baby France wurde im Gestapo-Lager Fresnes (bei Paris) geboren und ihr weggenommen; als France drei Monate alt war, durfte Zinka ihre Tochter einmal sehen, vor ihrem Abtransport nach Deutschland (S. 35, 40, 82). Als die neun Frauen auf der Flucht in einem NS-Kinderheim mitessen d\u00fcrfen und eine \u201efreundliche [\u2026] Atmosph\u00e4re\u201c herrscht, werden sie durch die Geranien an das KZ Ravensbr\u00fcck erinnert (S. 80) und durch den Gesang deutscher Lieder an die Gestapo-Haft in Fresnes (S.\u00a081).<br \/>\nAuch der Horror der Flucht wird meistens nur angedeutet oder taucht in Nebens\u00e4tzen beil\u00e4ufig auf, so die permanente Angst vor Entdeckung (S. 78), die Gefahr einer Vergewaltigung auf der Flucht (S. 89), das Weiterlaufen mit Hunger und im str\u00f6menden Regen, der sich mit den Tr\u00e4nen mischt (S. 106), und das Zittern vor K\u00e4lte (S. 109).<br \/>\nZwischen den vielen detaillierten und humorvollen Beschreibungen, wie sie sich immer weiter durchschlagen und die vielen gef\u00e4hrlichen Situationen meistern und es schaffen, immer wieder gute Entscheidungen zu treffen, erfahren wir auch etwas \u00fcber die Gr\u00fcnde ihrer KZ-Inhaftierung als politische Gefangene, dass n\u00e4mlich \u201edie meisten von uns in der R\u00e9sistance aktiv waren (zum Beispiel bei der Beschaffung von Informationen, Waffen und falschen Papieren)\u201c (S. 61). Ihre politische Aktivit\u00e4t setzen sie als KZ-H\u00e4ftlinge bei der T\u00e4tigkeit in der Munitionsfabrik HASAG fort, indem sie die \u201eFunktionsf\u00e4higkeit\u201c der dort produzierten Panzerf\u00e4uste \u201ewenn m\u00f6glich zerst\u00f6rten\u201c (S. 91\/92).<br \/>\nIn dem 1946 aufgeschriebenen Bericht zeigt sich Maudet besonders entt\u00e4uscht von der mangelnden W\u00fcrdigung ihres Widerstands nach Kriegsende: Franz\u00f6sische Kriegsgefangene mutma\u00dften, \u201e[d]ass wir uns sicher mehr oder weniger freiwillig f\u00fcr die Bordelle der freien Arbeiter aber auch der SS haben anwerben lassen. [\u2026] \u2028[W]ir k\u00f6nnen ihnen nicht beweisen, wie h\u00e4ufig wir unser Leben riskiert haben, indem wir Waffen geschmuggelt, Nachrichten entschl\u00fcsselt, Gesuchte untergebracht und versorgt haben [\u2026]. Allerdings ist diese Reaktion der Kriegsgefangenen sicherlich die gr\u00f6\u00dfte Erniedrigung, die wir in Deutschland erlitten haben\u201c (S.\u00a062).<br \/>\nDer von Maudet urspr\u00fcnglich gew\u00e4hlte Titel war \u201eOhne Hass, aber ohne Vergessen\u201c und entstammt einer Szene, in der Christine einer sehr empathischen deutschen B\u00e4uerin \u00fcber die KZ erz\u00e4hlt: \u201eSie erz\u00e4hlt mit ruhiger und unaufgeregter Stimme (nat\u00fcrlich auf Deutsch \u2013 aber da all die Qualen und all die Bestrafungen ausschlie\u00dflich deutsche Namen hatten, bereitet es uns keine gro\u00dfen Probleme und wir verstehen alles), eine kalte und automatische Stimme, ohne Hass, aber ohne Vergessen, die mehr trifft als eine emp\u00f6rte Anklage\u201c (S. 62).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch beinhaltet au\u00dfer Maudets Fluchtbericht die Einleitung der \u00dcbersetzerin Ingrid Scherf, das Nachwort von Patrick Andrivet, Maudets neun Jahre j\u00fcngerem Cousin, der f\u00fcr ihre Widerstandsgruppe Schreibarbeiten \u00fcbernommen hatte, und das Nachwort von Maudets Neffen Pierre Sauvanet. Sehr hilfreich ist die Karte der Fluchtroute (S. 16), auf der ich mich zu Beginn jeden neuen Kapitels orientiert habe.<br \/>\nEin sehr beeindruckendes Buch, gerade durch die Mischung aus Beschreibungen einerseits der entsetzlichen Realit\u00e4t des Nationalsozialismus und andererseits der jugendlichen Unbek\u00fcmmertheit, Scherze und gro\u00dfen Solidarit\u00e4t der jungen Frauen. Und gleichzeitig ein wichtiges Zeitzeugnis \u2013 das franz\u00f6sische Original wurde 1946 geschrieben, erst nach 58 Jahren 2004 ver\u00f6ffentlicht und steht nun nach 17 weiteren Jahren auch deutschsprachigen Leser*innen zu Verf\u00fcgung \u2013 dank Ingrid Scherf und der Assoziation A.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir sind [\u2026] neun junge Frauen, die nicht sterben wollen, [\u2026] die bereit sind, zusammen daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, ins Leben zur\u00fcckzukehren \u2026\u201c (S. 32) Neun junge Widerstandsk\u00e4mpferinnen zwischen 20 und 29 Jahren aus Frankreich, Holland und Spanien werden unabh\u00e4ngig voneinander im Sommer 1944 verhaftet und lernen sich im Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck kennen. 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