{"id":26898,"date":"2022-02-01T13:26:13","date_gmt":"2022-02-01T11:26:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/die-vielen-leben-der-graswurzelrevolution\/"},"modified":"2022-02-24T10:24:30","modified_gmt":"2022-02-24T08:24:30","slug":"die-vielen-leben-der-graswurzelrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/die-vielen-leben-der-graswurzelrevolution\/","title":{"rendered":"Die vielen Leben der Graswurzelrevolution"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als Horst Stowasser das (sein) <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/12\/projekt-a-plan-b\/\">Projekt A<\/a> plante und Mitte der 1980er-Jahre als Brosch\u00fcre herausbrachte, ging es auch um die Frage, wie anarchistische Ideen verbreitet werden k\u00f6nnen. Anarchismus hat bekanntlich nicht die beste Presse, wird mit Chaos in einem Atemzug genannt, und irgendwie h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig das Bild vom Bombenleger. Stowasser hat seinerzeit unterschieden zwischen einem internen Bulletin (einer Art Intranet) und einer eigenen lokalen Zeitung, die \u00fcber das Geschehen (aus anarchistischer Perspektive) berichtet. Im Prinzip leistet die Graswurzelrevolution beides. Und vielleicht verdankt sie ihren Erfolg genau dieser doppelten Funktion, dass sie sowohl der Verst\u00e4ndigung nach innen \u2013 innerhalb der gewaltfreien anarchistischen Szene \u2013 dient als auch der Mitteilung nach au\u00dfen. In der Tat wird die Graswurzelrevolution nicht nur in verschiedenen linken Kreisen gelesen, sondern auch im b\u00fcrgerlichen Milieu (und sogar abonniert). Gleichzeitig berichtet sie in Konkurrenz zu den b\u00fcrgerlichen Nachrichtenmedien (Zeitungen, Rundfunk), versteht sich als (links-)alternatives Medium, das Themen aufgreift, die anderswo vernachl\u00e4ssigt werden, das Meinungen ausdr\u00fcckt, die in anderen Medien unterdr\u00fcckt oder an den Rand gedr\u00e4ngt werden, das \u00fcber Menschen berichtet, die in der Mehrheitsgesellschaft als Au\u00dfenseiter*innen behandelt oder ignoriert werden.<br \/>\nKonnte man fr\u00fcher, in der Folge der 1968er, also in der Gr\u00fcndungszeit der Graswurzelrevolution (1972), bis weit in die 1990er-Jahre Alternativmedien prinzipiell als progressive, emanzipatorische Projekte verstehen, haben sich mittlerweile auch rechte, rechtsradikale Alternativmedien etabliert, die einen v\u00f6llig anderen Anspruch haben. Alternativ bedeutet im Allgemeinen einfach, \u201eanders als das Normale\u201c zu sein, egal wo das Andere steht. Es wird also zur Herausforderung, progressive Alternativmedien klar von regressiven Alternativmedien unterscheiden zu k\u00f6nnen. Wer einmal den Versuch gemacht hat, die Symbole der linken Autonomen eindeutig von den Symbolen der \u201eAutonomen Nationalisten\u201c zu trennen, wei\u00df, was ich meine. Die Trennungslinie verl\u00e4uft auch nicht eindeutig zwischen linker und rechter Gesinnung, denn es gibt auch jede Menge linker Gruppierungen und Medien, deren Gesinnung nicht freiheitlich, herrschaftskritisch oder gewaltfrei ist. Solche linksdogmatischen Medien sind oft Propagandaorgane autorit\u00e4rer kommunistischer Parteien.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Klare Linie statt Propaganda<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Impressum bekennt sich die Zeitung Graswurzelrevolution klar zu den Zielen eines <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/gewaltfreier-anarchismus-anarchistischer-pazifismus\/\">gewaltfreien Anarchismus<\/a> und formuliert als ihre Aufgabe, \u201eTheorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreiten und weiterzuentwickeln.\u201c Ist die GWR also auch ein Propagandamedium \u2013 nur eben f\u00fcr Gewaltfreiheit, Herrschaftskritik, Rassismuskritik usw.? Ja und nein: Etwas zu propagieren, klingt zun\u00e4chst neutral und ist selbstverst\u00e4ndlich legitim. Erst das Substantiv Propaganda hat einen negativen Beigeschmack, weil es durch einen Kommunikationsstil gekennzeichnet ist, der nicht vor Desinformation, Diffamierung und Denunziation zur\u00fcckschreckt. Staatliche Propaganda wird von Geheimdiensten gemacht und spielt eine herausragende Rolle in Kriegen, wenn die (eigene) Bev\u00f6lkerung auf Linie gebracht werden soll, um die Kriegsbeteiligung des eigenen Landes zu legitimieren. Ich w\u00fcrde \u00fcbrigens nicht jede Stellungnahme pro Krieg als Instrument in einem Konflikt f\u00fcr Kriegspropaganda halten, wenngleich eine solche Position aus pazifistischer Sichtweise eindeutig abzulehnen ist. Es ist in erster Linie eben der Stil und nicht unbedingt der Inhalt, der Kommunikation als Diskussion, Debatte auf der einen Seite charakterisiert oder als Propaganda auf der anderen Seite. \u201eIn erster Linie\u201c meint allerdings nicht \u201eimmer\u201c, denn es gibt Meinungen und Positionen, die inhaltlich so menschenverachtend sind, dass sie auch vom Kommunikationsstil gar nicht anders als von Hass gepr\u00e4gt und propagandistisch-manipulativ auftreten.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Was ein progressives Alternativmedium zudem ausmacht, ist die Organisation der Redaktion. Der Herausgeber*innen-Kreis der Graswurzelrevolution agiert kollektiv und ohne Hierarchie.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den b\u00fcrgerlichen Medien gibt es die so genannte redaktionelle Linie. Das ist die vom Verlag verfolgte politische Linie, die sich in der Berichterstattung niederschl\u00e4gt, jedoch ohne direkt die Position einer bestimmten Partei zu propagieren. Die Unabh\u00e4ngigkeit b\u00fcrgerlicher Medien wird dadurch gew\u00e4hrleistet, dass es sozusagen eine weltanschauliche Leitlinie gibt, die aber nicht zum Sprachrohr einer bestimmten Partei werden darf. So ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) konservativ, steht damit der CDU n\u00e4her als anderen Parteien, berichtet aber auch kritisch \u00fcber die CDU. Auch die Tageszeitung (taz) ist zwar im gr\u00fcnen Milieu verankert, berichtet aber durchaus kritisch \u00fcber B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen. \u00dcbertr\u00e4gt man diese liberale Vorstellung von Journalismus und Medien \u2013 zumindest von der Idee her \u2013 auf die libert\u00e4re Graswurzelrevolution, w\u00fcrde ich die weltanschaulichen Leitlinien (siehe Impressum) und das Einstehen f\u00fcr diese Ziele durch ihre Publikation gerade nicht als Propaganda einstufen. Der Kampf gegen Sexismus, Rassismus, Militarismus, Naturzerst\u00f6rung, Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung wird n\u00e4mlich kommunikativ als Diskurs und Debatte und nicht als Verk\u00fcndung, als autorit\u00e4re Vorgabe ausgetragen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Hierarchiefrei und selbstkritisch<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ein progressives Alternativmedium zudem ausmacht, ist die Organisation der Redaktion. Der Herausgeber*innen-Kreis der Graswurzelrevolution agiert kollektiv und ohne Hierarchie. Hier gibt es keine Chefredaktion wie in den b\u00fcrgerlichen Medien, die im Einzelfall durchsetzt, dass eine Tierbefreiungsaktion sprachlich als terroristischer Akt ausgedr\u00fcckt wird. Nat\u00fcrlich finden auch in der Graswurzelrevolution Auswahlprozesse statt: Einen anti-anarchistischen Artikel kann ich mir kaum vorstellen. Aber die Berichterstattung ist nicht nur kritisch gegen\u00fcber b\u00fcrgerlichen Ideologien (Neoliberalismus) oder autorit\u00e4ren Ideologien (neben faschistischen auch orthodox-kommunistischen), sondern \u2013 und genau das unterscheidet sie von Propaganda \u2013 auch selbstkritisch. Die Graswurzelrevolution ist kein unkritisches Sprachrohr egal welcher Richtung des Anarchismus. Und sie l\u00e4sst Basisinitiativen selbst zu Wort kommen. Sie ist also in verschiedenen Hinsichten binnenpluralistisch. Selbst das hat sie mit den qualitativ hochwertigen b\u00fcrgerlichen Medien gemein, wenngleich der Bereich des Sagbaren jeweils sehr unterschiedlich ist.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Arm, aber frei<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wichtiger Aspekt ist die Finanzierung: Hier liegen die gr\u00f6\u00dften Unterschiede zu den b\u00fcrgerlichen Medien, denn diese sind weitgehend gewinnorientiert. Selbst die \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind dem \u00f6konomischen Konkurrenzdenken verhaftet: Um die teuren \u00dcbertragungsrechte von sportlichen Gro\u00dfereignissen (Fu\u00dfball-WM, Olympische Spiele) zu erm\u00f6glichen, muss zus\u00e4tzliches Geld \u00fcber Werbung oder Sponsoring reinkommen, oder das Budget wird so umgewidmet, dass wichtige andere Aufgaben wie die kritische Berichterstattung unter den Tisch fallen oder an den Rand gedr\u00e4ngt werden. Die Abh\u00e4ngigkeiten von Finanzen und staatlichen Regulierungen (nicht nur in Diktaturen!) sind die gr\u00f6\u00dften Probleme f\u00fcr die Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit b\u00fcrgerlicher Medien.<br \/>\nBl\u00e4tter wie die Graswurzelrevolution sind arm, aber frei. Sie erk\u00e4mpfen sich, wenn\u2018s sein muss, mit zivilem Ungehorsam, diese Freiheit gegen Repressionen (Beobachtung durch Verfassungsschutz und alle m\u00f6glichen staatlichen Schikanen) und Missachtung. Sie sind in diesem Sinn auf der einen Seite autonom, aber auf der anderen Seite abh\u00e4ngig von ihrem Publikum und dessen Unterst\u00fctzung durch dauerhafte Nutzung der Zeitung, eventuell von finanziellen Zuwendungen \u00fcber das regelm\u00e4\u00dfige Abo hinaus. Publikationsorgane wie die Graswurzelrevolution sind zudem angewiesen auf kritische Reaktionen auf die Berichterstattung, sie brauchen die Szene, das Milieu, in dem sie existieren k\u00f6nnen, in dem sie sich bewegen und damit auch etwas bewegen.<br \/>\nDaf\u00fcr bekommt die Leser*innenschaft der Graswurzelrevolution jede Menge Leistungen: Informationen \u00fcber das eigene Milieu, weltanschauliche Theoriebildung, praktisches Anschauungsmaterial aus vielen aktivistischen Gruppierungen mit vielf\u00e4ltigen Aktionsweisen, Kritik an gesellschaftlichen Missst\u00e4nden in einer grundlegenden und radikalen Art und Weise, wie man sie in den b\u00fcrgerlichen Medien nicht finden wird. Wobei ich nicht ausschlie\u00dfen w\u00fcrde, dass der eine oder die andere Redakteur*in der Qualit\u00e4tspresse ((1)) Anregungen aus der Graswurzelrevolution f\u00fcr die eigene Berichterstattung bekommt. Damit sind wir bei einem Punkt, der f\u00fcr die Leser*innen von besonderem Wert ist oder sein sollte: In der Graswurzelrevolution findet jede Menge investigativer Journalismus statt, also jene journalistische Leistung, die mit aufw\u00e4ndiger Recherche Missst\u00e4nde und Machenschaften aufdeckt, die dahinter liegenden Strukturen \u00f6ffentlich macht und kritisiert.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Presse gegen Bedeutungslosigkeit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne es mit Studien gemessen zu haben, wage ich die These, dass ein politisches Milieu wie der Anarchismus ohne mediale Unterst\u00fctzung, ohne die Herstellung von \u00d6ffentlichkeit gesellschaftlich bedeutungslos w\u00e4re. Wer jetzt abf\u00e4llig kommentiert: Das ist der Anarchismus sowieso, weil selbst in progressiven sozialen Bewegungen das reformistische Gedankengut \u00fcberwiegt, im Zweifelsfall nach der revolution\u00e4ren Jugendphase die brave R\u00fcckkehr in den Scho\u00df der b\u00fcrgerlichen Familie und des Staates erfolgt, hat meines Erachtens ein sehr absolutes Verst\u00e4ndnis von gesellschaftlichem Fortschritt. Die Impulse f\u00fcr die emanzipatorische Entwicklung einer Gesellschaft sollten bei allen zu beobachtenden R\u00fcckschritten nicht untersch\u00e4tzt werden. Und wer wei\u00df, in welcher Barbarei wir leben w\u00fcrden, wenn es radikale progressive Gesellschaftskritik nicht g\u00e4be und diese nicht durch Medien wie die Graswurzelrevolution \u00f6ffentlich kommuniziert w\u00fcrden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Z\u00e4higkeit und Ausdauer<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es die Graswurzelrevolution bereits seit 50 Jahren gibt, grenzt in anarchistischen Kreisen an ein Wunder. Anscheinend hat die Zeitung so viel Kraft, dass sie immer wieder Impulse zur Erneuerung bekommt. Sie hat mehr Leben als die sprichw\u00f6rtlichen sieben Leben der Katze. Diese Z\u00e4higkeit und Ausdauer machen sie zu einer Ausnahmeerscheinung anarchistischer Publikationen. Das kann man gut nachlesen in Bernd Dr\u00fcckes Dissertation \u201eZwischen Schreibtisch und Stra\u00dfenschlacht?\u201c, die trotz ihres Alters (1998) von eindr\u00fccklicher Aktualit\u00e4t ist. Bernd war schlie\u00dflich selbst der langj\u00e4hrigste verantwortliche Redakteur der Graswurzelrevolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Horst Stowasser das (sein) Projekt A plante und Mitte der 1980er-Jahre als Brosch\u00fcre herausbrachte, ging es auch um die Frage, wie anarchistische Ideen verbreitet werden k\u00f6nnen. Anarchismus hat bekanntlich nicht die beste Presse, wird mit Chaos in einem Atemzug genannt, und irgendwie h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig das Bild vom Bombenleger. 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