{"id":26905,"date":"2022-02-01T13:26:16","date_gmt":"2022-02-01T11:26:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/moerderische-kontinuitaeten\/"},"modified":"2022-03-01T10:13:25","modified_gmt":"2022-03-01T08:13:25","slug":"moerderische-kontinuitaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/moerderische-kontinuitaeten\/","title":{"rendered":"M\u00f6rderische Kontinuit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wenn \u00fcber die Todesopfer rechter Gewalt gesprochen wird, denken viele Menschen verst\u00e4ndlicherweise zun\u00e4chst an die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Rund 17 Millionen Menschen ermordeten die Nazis und ihre Kollaborateur*innen damals direkt \u2013 eine schier unvorstellbare Zahl. Dutzende weitere Millionen starben in dem durch die Deutschen entfachten 2. Weltkrieg und dessen langj\u00e4hrigen Kriegshandlungen.<br \/>\nAber auch nach dem 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung, war die m\u00f6rderische Ideologie nicht verschwunden, denn schlie\u00dflich lebten ja viele T\u00e4ter*innen noch und ebenso ein gro\u00dfer Teil des Volkes, das die nationalsozialistische Gesinnung einst an die Macht hob. Bereits in den fr\u00fchen Nachkriegsjahren organisierten sich ehemalige SA- und SS-Mitglieder neu, beispielsweise in der \u201eDeutschen Friedens- und Freiheitsbewegung\u201c, welche allerdings schnell mit ihrem Treiben Aufmerksamkeit erregte und schon im April 1947 durch den General Court in der amerikanischen Besatzungszone zerschlagen wurde. Sp\u00e4ter dann, in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik, waren \u00f6ffentliche \u00c4mter durchsetzt mit alten Nazis. Ende der 1950er recherchierte der Sozialistische Deutsche Studentenbund, dass mehr als hundert Richter aus der NS-Zeit wieder in Amt und W\u00fcrden waren. T\u00e4ter, die w\u00e4hrend des Nationalsozialismus Tausende Menschen in den Tod schickten. Zeitweise hatten zudem alle damals t\u00e4tigen Oberstaatsanw\u00e4lte in ihrer Vergangenheit ein NSDAP-Parteibuch gehabt. Nein, eine Entnazifizierung fand nicht statt. Und so gab es auch kein konsequentes Engagement gegen v\u00f6lkische, antisemitische und rechte Ideologie.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Keine Dokumentation rechter Morde<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch die Aufarbeitung und Dokumentation rechter Gewalt in den fr\u00fchen Nachkriegsjahrzehnten fand nicht statt, oder allerh\u00f6chstens rudiment\u00e4r. Dass es beispielsweise Racheangriffe von Nazis gab, sei es gegen Gefl\u00fcchtete, politische Gegner*innen oder Alliierte, ist naheliegend, aber kaum dokumentiert und erforscht. Gerade Fakten und Ereignisse aus der Zeit zwischen der Kapitulation der Nazis und der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik d\u00fcrften hierbei wenig bekannt sein.<br \/>\nDie Erfassung von Todesopfern rechter Gewalt startete in der \u00f6ffentlichen Debatte oftmals noch wesentlich sp\u00e4ter. Initiativen wie die Amadeu Antonio Stiftung f\u00fchren auf ihren Gedenklisten erst die Opfer seit 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung von Bundesrepublik und DDR. Auch die Bundesregierung beginnt mit der Z\u00e4hlung auf ihrer wesentlich k\u00fcrzeren und l\u00fcckenhaften Opferliste erst ab 1990. Aber auch wenngleich der neonazistische Stra\u00dfenterror mit den fr\u00fchen Jahren der Nachwendezeit seinen H\u00f6hepunkt erlangte, fand t\u00f6dliche rechte Gewalt bereits viel fr\u00fcher statt, und je mehr Menschen sich mit alten und neuen Nazis in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg besch\u00e4ftigen oder einfach nur tiefer in die Lokalgeschichte eintauchen, umso mehr Hinweise auf \u00dcbergriffe und Todesopfer finden sich dazu.<br \/>\nDoch was genau ist rechte Gewalt, und welche unterschiedlichen Motive lassen sich darunter zusammenfassen? Rechtsextreme Gewalt resultiert, vereinfacht gesagt, aus einem unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gten ideologischen Weltbild der T\u00e4ter*innen, welches andere Menschen aufgrund von \u00e4u\u00dferen und\/oder kulturellen Merkmalen abwertet. Die meisten Todesopfer rechtsextremer Gewalt sind durch eine rassistische Tatmotivation zu erkl\u00e4ren. Danach folgen Angriffe auf echte oder vermeintliche politische Gegner*innen sowie sozialdarwinistische Motive. Bei diesem Motiv werden Obdachlose, Erwerbslose oder sozial randst\u00e4ndige Menschen von den T\u00e4ter*innen als minderwertig angesehen und angegriffen. Weitere Motive sind beispielsweise Antiziganismus, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/antisemitismus-in-deutschland-2\/\">Antisemitismus<\/a> oder der Hass gegen\u00fcber Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung bzw. ihrer sexuellen Identit\u00e4t. Eigentlich kein neues Ph\u00e4nomen, wenngleich es auch in den letzten Jahren st\u00e4rker wahrgenommen wird, sind misogyne Tatmotive. Mit dem Oberbegriff <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/wie-aus-einer-selbsthilfegruppe-eine-szene-entstanden-ist\/\">Misogynie<\/a> wird die Abwertung von Frauen bezeichnet. Eine rechtsextreme Einstellung geht untrennbar mit einem benachteiligenden Rollenbild der Frau einher. Dieses ist unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gt und f\u00fchrt in der st\u00e4rksten Form zu t\u00f6dlicher Gewalt gegen sie.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Beispiel Andreas Ostermeier<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Galt bis vor einiger Zeit noch der versuchte Mord an Rudi Dutschke 1968 als erste t\u00f6dliche rechtsmotivierte Gewalttat, haben Forschungen gezeigt, dass bereits zwei Jahre zuvor ein politischer Aktivist von einem Nazi ermordet wurde. Der 63-j\u00e4hrige Andreas Ostermeier wurde in einem Gasthaus in Dorfen (Bayern) von einem 70-J\u00e4hrigen zun\u00e4chst als \u201eKommunistenschwein\u201c beschimpft und anschlie\u00dfend erstochen. Das Opfer arbeitete in jungen Jahren in einer Ziegelei, verlor aber durch einen schweren Betriebsunfall einen Unterarm. Dadurch wurde er arbeitslos und bestritt seinen Lebensunterhalt fortan als Hausierer.<br \/>\nPolitisch engagierte er sich in der Kommunistischen Partei (KPD) und wurde Leiter der Ortsgruppe. Die Herrschaft der Nationalsozialisten \u00fcberlebte er, auch wenn er zeitweilig in so genannter Schutzhaft war und auf der st\u00e4dtischen Liste \u201eoffenkundige Staatsfeinde\u201c sogar auf dem ersten Platz stand.<br \/>\nAber den Mord an Andreas Ostermeier als erstes dokumentiertes Todesopfer rechter Gewalt zu benennen, ist zweifelsohne nur eine Momentaufnahme. Dass der Fall nach so vielen Jahrzehnten wieder seinen Weg in die \u00d6ffentlichkeit fand, ist im \u00dcbrigen der Dorfener Geschichtswerkstatt zu verdanken.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">1972: Ein antiziganistischer Mord mit R\u00fcckendeckung der lokalen CSU<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn oftmals wurden solche Hassverbrechen zum Zeitpunkt der Tat nicht als solche erkannt oder gar bewusst von Politik, Beh\u00f6rden und Medien verharmlost. So auch im Fall der 1972 ermordeten Sintiza Anka Denisov. Sie befand sich mit anderen Sinti*ze auf der Durchreise von Italien nach Skandinavien und rastete am Tatabend in einem bayrischen Dorf. Dort ging die schwangere 18-J\u00e4hrige gemeinsam mit vier M\u00e4dchen zu einem Bauernhof, um Lebensmittel einzukaufen. Als der Bauer die Sintize in seinem Haus sah, holte er sofort sein Kleinkalibergewehr und schoss das Magazin auf die Gruppe junger Frauen leer. Anka Denisov erlitt einen t\u00f6dlichen Herzschuss, eine 16-j\u00e4hrige Begleiterin wurde durch die Sch\u00fcsse schwer verletzt. War die Gewalttat bereits grausam genug, kam es nach der Tat zu weiteren unfassbaren Ereignissen. Zun\u00e4chst wurde nicht gegen den T\u00e4ter, sondern gegen drei Begleiterinnen des Opfers Haftbefehl erlassen. Dann organisierte der zust\u00e4ndige Polizei-Gruppenleiter einen quasi milit\u00e4rischen Schutz f\u00fcr die Dorfgemeinschaft, um sie vor vermeintlichen Angriffen der \u201eLandfahrer\u201c zu sch\u00fctzen und postierte \u201edrei Mann mit Maschinenpistolen, zwei Sch\u00e4ferhunde, au\u00dferdem noch n\u00e4chtliche Patrouillen\u201c im Ort. Als der T\u00e4ter Wochen nach der Tat und erst durch einen engagierten Rechtsbeistand der Sinti*ze verhaftet und schlie\u00dflich verurteilt wurde, sammelten CSU-B\u00fcrgermeister und -Landrat mit dem Aufruf \u201eBitte helfen Sie sofort!\u201c \u00f6ffentlich Gelder f\u00fcr den T\u00e4ter, damit dieser ohne finanzielles Risiko in Revision gehen k\u00f6nne.<br \/>\nAnka Denisov ist somit das aktuell erste dokumentierte Todesopfer antiziganistischer Gewalt in der BRD. Der Forschungsstand ist allerdings weiterhin extrem d\u00fcnn, und es gab bereits 1950 und 1960 mindestens drei Opfer t\u00f6dlicher Polizeigewalt, die kaum nach Motiven untersucht wurden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u00dcber 300 dokumentierte Todes-opfer in den letzten 60 Jahren<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die oftmals auftretende Frage, wie viele Todesopfer rechter Gewalt es denn nun genau in der j\u00fcngeren deutschen Geschichte gibt, l\u00e4sst sich eigentlich gar nicht exakt beantworten. Vielmehr kann nur der aktuelle Stand der bisher ermittelten und dokumentierten F\u00e4lle genannt werden. Dieser liegt zurzeit bei rund 320 Verstorbenen, inklusive 40 Opfern, die als Verdachtsf\u00e4lle gef\u00fchrt werden m\u00fcssen, da ein rechtes Motiv zwar sehr wahrscheinlich ist, dieses aber nicht hundertprozentig bewiesen werden kann. Zus\u00e4tzlich sind viele Hunderte weitere F\u00e4lle vorhanden, bei denen zumindest ein vager Anfangsverdacht vorliegt. So teilte das Bundesinnenministerium schon im Jahr 2013 mit, dass es unter allen unaufgekl\u00e4rten T\u00f6tungsdelikten etwa 750 F\u00e4lle gibt, bei denen Anfangsverdachtsmomente f\u00fcr ein rechtsextremes Motiv vorliegen.<br \/>\nZus\u00e4tzlich gibt es eine Vielzahl von Menschen mit Migrationsgeschichte, die in Polizei- oder Abschiebehaft unter dubiosen Umst\u00e4nden verstorben sind. Bei etlichen F\u00e4llen ist eine rassistisch bedingte Tatmotivation oder Tateskalation durch die Beamt*innen m\u00f6glich oder so-\u2028gar naheliegend. Eine Aufkl\u00e4rung solcher F\u00e4lle ist aber nur sehr schwer durchf\u00fchrbar. \u2028Zeug*innen, die als Dritte fungieren, sind in der Regel nicht vorhanden, ebenso wenig Ermittler*innen, die bereit sind, kritisch gegen die eigenen Polizeistrukturen und den Korpsgeist nachzuforschen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Erinnern hei\u00dft k\u00e4mpfen!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vielen Menschen, die in den letzten Jahrzehnten so sinnlos durch Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und andere Formen der Ausgrenzung get\u00f6tet wurden, d\u00fcrfen nicht vergessen werden. Sie mahnen uns zugleich jeden Tag aufs Neue, alle Anstrengungen aufzunehmen und f\u00fcr eine solidarische und freie Gesellschaft zu streiten, in der alle Menschen gleichberechtigt einen w\u00fcrdevollen Platz haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-27004\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Opferklein.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"708\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Opferklein.jpg 500w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Opferklein-300x425.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Opferklein-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Opferklein-106x150.jpg 106w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn \u00fcber die Todesopfer rechter Gewalt gesprochen wird, denken viele Menschen verst\u00e4ndlicherweise zun\u00e4chst an die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. 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