{"id":26907,"date":"2022-02-01T13:26:17","date_gmt":"2022-02-01T11:26:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/durch-systematische-vernachlaessung-ermordet\/"},"modified":"2022-02-10T15:52:52","modified_gmt":"2022-02-10T13:52:52","slug":"durch-systematische-vernachlaessigung-ermordet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/durch-systematische-vernachlaessigung-ermordet\/","title":{"rendered":"Durch systematische Vernachl\u00e4ssigung ermordet"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">An einem Herbstnachmittag des Jahres 2005 bin ich mit meiner f\u00fcnfj\u00e4hrigen Enkeltochter auf dem Kinderspielplatz hinter dem Wasserturm. Das M\u00e4dchen ist ins Spiel vertieft, ich gehe auf und ab, meine Gedanken schweifen ab. Hin zum Gel\u00e4nde hinter dem Spielplatz.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Unter Gestr\u00fcpp verborgen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Sommer 1985 betrat ich es zum ersten Mal, von der anderen Seite, der Hochstra\u00dfe aus. Mit einem vom katholischen Propsteipfarramt ausgeliehenen Schl\u00fcssel \u00f6ffnete ich das Tor. Ein Hohlweg f\u00fchrte in ein verwildertes Gel\u00e4nde. Zwischen hohem Gras und Gestr\u00fcpp lie\u00dfen sich noch Reste von Grabsteinen aus dem 19. Jahrhundert erkennen. Um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert wurde der Wasserturm gebaut und der alte Friedhof nebenan stillgelegt.<br \/>\nAb 1942 aber wurden auf dem Nikolaifriedhof wieder Menschen beerdigt. Keine deutschen KatholikInnen, sondern ausl\u00e4ndische: PolInnen, Franz\u00f6sInnen, BelgierInnen, ItalienerInnen \u2013 Menschen, die die Nazis aus ihren Heimatl\u00e4ndern deportiert und gezwungen hatten, in den R\u00fcstungsbetrieben f\u00fcr Hitlers Krieg zu arbeiten. Die polnischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden gezwungen, an ihrer Kleidung deutlich sichtbar einen Aufn\u00e4her anzubringen, auf dem auf gelbem Grund der violette Buchstabe \u201eP\u201c stand. Dieses \u201eP\u201c signalisierte Diskriminierung und unz\u00e4hlige Verbote: Gastst\u00e4tten und Friseurl\u00e4den durften nicht betreten werden, Baden an \u00f6ffentlichen Badepl\u00e4tzen, das Benutzen \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel und das Betreten der Luftschutzbunker waren verboten. Schlechte Ern\u00e4hrung und miserable hygienische Bedingungen in den Barackenlagern f\u00f6rderten Krankheiten wie TBC, eine ausreichende Krankenversorgung gab es nicht. Gestapohaft und KZ drohte denen, die versuchten, sich der Zwangsarbeit zu entziehen, und der polnische Zwangsarbeiter, der versuchte, sich einer deutschen Frau zu n\u00e4hern, kam an den Galgen.<br \/>\nIm hinteren Teil des Friedhofes und dort, wo der Friedhof an den Wasserturm angrenzt, waren unter altem Laub noch Efeureihen erkennbar. Aber nichts, kein Grabstein, kein Kreuz deutete darauf hin, dass dies die letzte Ruhest\u00e4tte von Menschen war, die in den Kriegsjahren an den Folgen von Zwangsarbeit ums Leben gekommen waren.<br \/>\nEin Bezirk des Friedhofes, der rechte hintere Teil, war abgetrennt. Hinter dem Zaun ein Sandplatz mit Spielger\u00e4ten. Anfang der 1980er-Jahre hatte die katholische Propstei dieses Gel\u00e4nde an den Waldorf-Kindergarten verpachtet. Waren hier, so fragte ich mich, unter dem Sand, 150 polnische Kinder verscharrt?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Schwangerschaft als \u201eSabotage am Arbeitseinsatz\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Weltbild der Nazis gab es Herrenmenschen und Untermenschen, rassisch hochstehende GermanInnen und rassisch Minderwertige \u2013 PolInnen, RussInnen, J\u00fcdInnen, die ausgerottet oder versklavt werden sollten. Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion sollten arbeiten, nichts als arbeiten. Dass sie auch leben wollten, Familien gr\u00fcnden, Kinder aufziehen, hatten die Nazi-Beh\u00f6rden nicht vorgesehen.<br \/>\nUnd sie hatten Verordnungen geschaffen, die es PolInnen nahezu unm\u00f6glich machten zu heiraten. Aber die jungen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wollten nicht warten, bis man es ihnen erlaubte. Sie gingen Freundschaften ein, viele schlossen ihren Ehebund vor Gott, Frauen wurden schwanger. Anfangs wurden sie als f\u00fcr den Arbeitseinsatz nicht geeignet in ihre Heimat zur\u00fccktransportiert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26931\" aria-describedby=\"caption-attachment-26931\" style=\"width: 559px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26931\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Barackeklein.jpg\" alt=\"\" width=\"559\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Barackeklein.jpg 559w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Barackeklein-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Barackeklein-150x107.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 559px) 100vw, 559px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26931\" class=\"wp-caption-text\">Die Braunschweiger Entbindungsbaracke &#8211; Foto entnommen aus dem Buch &#8222;Entbindungsheim f\u00fcr Ostarbeiterinnen&#8220;<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Zahl der Schwangerschaften weiter anstieg, mutma\u00dften die deutschen Beh\u00f6rden, die Polinnen lie\u00dfen sich schw\u00e4ngern, um nach Hause zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Die NSDAP-Gaupropagandaleitung S\u00fcdhannover-Braunschweig verbreitete gar, die Polinnen h\u00e4tten von der Kirche die Anweisung bekommen, ein deutsches Kind mit nach Polen zu bringen.<br \/>\nSchwangerschaft bedeutete im Nazi-Jargon \u201eSabotage am Arbeitseinsatz\u201c oder gar \u201eKrieg an der Geburtenfront\u201c. Ab 1943 wurde der R\u00fcckf\u00fchrerlass f\u00fcr schwangere polnische und russische Zwangsarbeiterinnen aufgehoben. Einfachste Entbindungseinrichtungen, vielfach Barackenr\u00e4ume neben den Krankenh\u00e4usern, sollten geschaffen werden. Weitere Anordnungen, die Kinder wenige Tage nach der Geburt von ihren M\u00fcttern zu trennen und in \u201eAusl\u00e4nderkinderpflegest\u00e4tten einfachster Art\u201c unterzubringen, erfolgten in der perfiden Absicht, den \u201eunerw\u00fcnschten fremdv\u00f6lkischen Nachwuchs\u201c durch primitivste Unterbringung der S\u00e4uglinge, die hohe Sterberaten garantierte, zu reduzieren. Jedoch sollte dies keine negativen Auswirkungen auf die Arbeitsleistung der Zwangsarbeiterinnen haben. Die Umsetzung dieser vagen Erlasse blieb den \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes Mal wenn ich den Friedhof betrete oder wie jetzt, vom Spielplatz aus, in ihn hineinschaue, sehe ich mich, wie ich mich das erste Mal durch das \u00fcberwucherte Gel\u00e4nde vorw\u00e4rts tastete, sehe die hohen Baumwipfel, die verwitterten Steine, den Efeu &#8230; Nun harken Kinder und Jugendliche das Laub, entfernen heruntergefallene \u00c4ste und stellen Grablichter auf. Eine Frau kommt auf mich zu, ja, sagt sie, an Allerheiligen findet eine Andacht statt, kommen Sie doch. Meine Enkeltochter rennt auf mich zu und fragt nach der gro\u00dfen Grabplatte und den Lichtern darauf. Ich erkl\u00e4re ihr, dass dies ein Friedhof ist, auf dem auch viele Kinder begraben liegen &#8230; Babys. Ich schicke das Kind zur\u00fcck zum Spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Braunschweiger NS-Stellen und Beh\u00f6rden planten akribisch: Erst wurde das \u201eRussenkrankenhaus\u201c in der Ekbertstra\u00dfe 14 (heute ein Verlagsgeb\u00e4ude) er\u00f6ffnet, dann funktionierte man Baracken an der Broitzemer Stra\u00dfe (heute: M\u00fcnchenstra\u00dfe) zum \u201eEntbindungsheim f\u00fcr Ostarbeiterinnen\u201c um. Ab Mai 1943 mussten hier polnische und sowjetische Zwangsarbeiterinnen entbinden. Acht Tage sp\u00e4ter schickte man die M\u00fctter in die Arbeitslager zur\u00fcck, die Kinder blieben in einem Barackenraum zur\u00fcck. Die meisten von ihnen wurden nur drei, vier Wochen alt. Ihr Sterben war qualvoll, Ungeziefer, Exkremente, Ausschl\u00e4ge und unzureichende Nahrung \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich an Allerheiligen auf den Friedhof komme, werde ich gebeten, nach dem Gottesdienst ein paar Worte \u00fcber die Kinder zu sagen. Ich beginne, berichte von der Kinderbaracke. Dann sehe ich in die Gesichter von Kindern in Pfadfinderuniform. Das j\u00fcngste ist kaum \u00e4lter als meine Enkelin. Ich breche ab und sage: \u201eIch kann nicht weiter sprechen, nicht vor den Kindern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1985 hatte ich in der Bibliothek ein Buch in die Hand genommen, das \u201eKinder im Krieg \u2013 Krieg gegen Kinder\u201c hie\u00df, verfasst von drei polnischen Autoren, die den Kriegsschicksalen polnischer Kinder und Jugendlicher nachgegangen waren. Hier las ich zum ersten Mal von dem S\u00e4uglingslager: \u201eEs gab keine Bettw\u00e4sche. Die Decken waren verlaust. In einer Ecke lagen schmutzige Decken mit Kotspuren von S\u00e4uglingen. Die Baracken waren dreckig und verwanzt.\u201c Ich lebte erst ein paar Jahre in Braunschweig; entsetzt fragte ich nach. Aber niemand wusste davon.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Aktenberge der Vernichtung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich begann mit einer grauenhaften Forschung. Im Stadtarchiv, im katholischen Propsteipfarramt, im Friedhofsamt und im Standesamt recherchierte ich, wie viele Kinder in der Baracke zur Welt gekommen waren und wie viele davon dort verstorben waren. Ich z\u00e4hlte 365 tote Babys und Kleinkinder. Ich fand Akten dar\u00fcber, welche Institutionen an der Planung und Einrichtung des \u201eEntbindungsheimes\u201c, das ein Todeslager f\u00fcr Babys war, beteiligt waren: Industrie- und Handelskammer (IHK), Deutsche Arbeitsfront (DAF), Gestapo, Gesundheitsamt, Arbeitsamt, Kassen\u00e4rztliche Vereinigung und R\u00fcstungskommando. Tr\u00e4gerschaft und Verwaltung des S\u00e4uglingslagers \u00fcbernahm die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK), ab Mitte 1944 die von der IHK gegr\u00fcndete Gesellschaft \u201eGemeinschaftslager der Braunschweiger Industrie\u201c. Ich las in Rechtfertigungsberichten der AOK, verfasst in den Nachkriegsjahren, um ein Untersuchungsverfahren gegen die Verantwortlichen abzuwehren. Was dennoch nicht vertuscht werden konnte: Man hatte eine B\u00fcroangestellte zur \u201eHeimleiterin\u201c ernannt, eine Frau, die keinerlei Fachkenntnisse besa\u00df. Ihr unterstellt waren ein paar ebenfalls nicht ausgebildete polnische und russische Zwangsarbeiterinnen. Ein zwangsverpflichteter Arzt sah gelegentlich nach den Kindern, aber niemand unternahm etwas gegen die ansteigenden Todeszahlen.<br \/>\nIch wusste aus der polnischen Ver\u00f6ffentlichung, dass es in Warschau, im Archiv der Hauptkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen, eine Akte \u00fcber das \u201eEntbindungsheim\u201c geben musste. Aber Mitte der 1980er-Jahre war es mit gro\u00dfen Schwierigkeiten verbunden, die Genehmigung f\u00fcr eine solche Archivreise zu bekommen. Meine Schreiben an das Archiv waren gar nicht erst beantwortet worden. Schlie\u00dflich half nur ein Beziehungsnetz: FreundInnen hatten Bekannte, die jemanden kannten. Im Herbst 1986 hatte ich schlie\u00dflich ein Visum und konnte nach Warschau reisen.<br \/>\nDie Akte enthielt das komplette Ermittlungsverfahren, das die britischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rden mit Unterst\u00fctzung der in Braunschweig stationierten polnischen Mission durchgef\u00fchrt hatten. Es enthielt auch eine Liste der polnischen Kinder, die bis Mitte 1944 aus dem \u201eHeim\u201c entlassen worden waren. Die Auswertung ergab eine grausame Bilanz: Von den 170 polnischen S\u00e4uglingen, die bis Mitte Juni 1944 \u201eunehelich\u201c im \u201eEntbindungsheim\u201c zur Welt kamen, waren 75 entlassen worden, die meisten davon wenige Tage nach der Geburt. Es waren vorwiegend Kinder, deren M\u00fctter in den Landkreisen Helmstedt, Wolfenb\u00fcttel u. a. arbeiteten. 108 Kinder starben im \u201eHeim\u201c, darunter 14, die zuvor entlassen worden waren.<br \/>\n25 sind anderenorts verstorben, die meisten in der \u201eAusl\u00e4nderkinderpflegest\u00e4tte\u201c Velpke (Landkreis Helmstedt). Es bleibt ein einziges Kind \u00fcbrig, das weder als entlassen noch als verstorben registriert ist und theoretisch im \u201eEntbindungsheim\u201c \u00fcberlebt haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Oftmals ungetauft verscharrt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Kind hatte in diesem Todeslager eine \u00dcberlebenschance, weder die polnischen noch die sowjetischen \u201eOstarbeiterkinder\u201c. Dies m\u00fcsste auch dem Zeugen, der sich wohl am h\u00e4ufigsten in der Baracke aufgehalten hat, bewusst gewesen sein, dem Pfarrer Gro\u00df von St. Joseph. Anf\u00e4nglich konnten die M\u00fctter ihre Babys in der Kirche St. Laurentius taufen lassen. Nach beh\u00f6rdlicher Anweisung durften bei Beerdigungen und Taufen von PolInnen nur die n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen und Bekannten \u2013 keinesfalls Deutsche \u2013 teilnehmen, die Feiern mussten \u201ein ganz schlichter Form\u201c durchgef\u00fchrt werden. Ab November 1943 aber fanden in den katholischen Kirchen keine Taufen von polnischen Kindern mehr statt. Die Gestapo versuchte offensichtlich auch zu verhindern, dass die Taufen nun in der Baracke selbst durchgef\u00fchrt wurden. Pastor Gro\u00df vom zust\u00e4ndigen Pfarramt St. Joseph berichtete, dass die Taufen erst auf das wiederholte Dr\u00e4ngen der Leiterin hin geduldet worden seien. Sie fanden in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden meistens sonntags statt. Aber viele Kinder konnten nicht mehr getauft werden, weil sie bereits verstorben waren, wenn der Pfarrer das n\u00e4chste Mal kam. Obwohl 1944 \u00fcber zwei Drittel der Taufen in der Pfarrgemeinde auf die polnischen Kinder entfielen, erschienen sie weder in der Taufstatistik, noch wurde der Kinder in der Kirchenchronik gedacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerheiligen 2005. Ich bin die einzige auf dem Friedhof, die nicht polnisch kann \u2013 die Sprache, in der die Predigt und die Gebete gesprochen und die Lieder gesungen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pfarrer, der 1943 und 1944 bei den Kindergr\u00e4bern ein kurzes Gebet sprach, war Deutscher, Kaplan Treuge. Ich habe mit ihm korrespondiert und den hochbetagten Mann noch kennen gelernt. Ein entsetzliches Bild ist ihm unausl\u00f6schlich im Ged\u00e4chtnis geblieben:<br \/>\n\u201eDiese toten Kinder wurden \u2013 ich wei\u00df nicht einmal von wem \u2013 zu unserem Friedhof gebracht und aufgestapelt. Ich habe nur einige Male (in) die Kartons hineingeschaut, und von daher konnte ich Ihnen schon sagen, da\u00df die Kinder ohne jede Kleidung und Bettung lagen. &#8230; Ich wei\u00df wohl, da\u00df mir aus der Kapelle, soweit man das kleine Geb\u00e4ude so bezeichnen darf, oft die W\u00fcrmer entgegengekrochen sind.\u201c<br \/>\nDie Leichen wurden von dem Bestattungsunternehmen nicht einzeln abgeholt, man sammelte sie in einem Raum der Baracke, schlie\u00dflich wurden sie in alten Pappkartons in das kleine Geb\u00e4ude auf dem Friedhof transportiert. Der Zeitraum zwischen Tod und Beerdigung betrug oftmals zwei bis drei Wochen, in einigen F\u00e4llen sogar einen Monat. Wie die Eintragungen in den Kirchenb\u00fcchern belegen, waren es Begr\u00e4bnisse 3. Klasse, die Kinder wurden \u201ein aller Stille\u201c beigesetzt. Pastor Treuge konnte sich nicht daran erinnern, dass M\u00fctter oder V\u00e4ter daran teilgenommen h\u00e4tten. Die M\u00fctter erhielten zwar eine Mitteilung, dass ihr Kind verstorben war, doch den Ort und den Zeitpunkt der Beerdigung erfuhren wohl die wenigsten.<br \/>\nAb Ende 1944 wurden die polnischen Kinder auf dem \u2013 vom katholischen Friedhof s\u00e4uberlich getrennten \u2013 Ausl\u00e4nderfriedhof am Brodweg begraben. Die katholische Kirche betreute nur die polnischen Kinder. Die Babys der \u201eOstarbeiterinnen\u201c, die orthodoxen Glaubens waren oder keiner Religionsgemeinschaft angeh\u00f6rten, wurden im Krematorium verbrannt. 1945 tragen die Ein\u00e4scherungsverzeichnisse den Hinweis: \u201eAsche verstreut\u201c. Es ist sicher kein Zufall, dass j\u00fcdische KZ-H\u00e4ftlinge und sowjetische Kinder, die als besonders \u201erassisch minderwertig\u201c betrachtet wurden, nicht einmal einen Platz unter den Toten zugestanden bekamen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Leichen wurden von dem Bestattungsunternehmen nicht einzeln abgeholt, man sammelte sie in einem Raum der Baracke, schlie\u00dflich wurden sie in alten Pappkartons in das kleine Geb\u00e4ude auf dem Friedhof transportiert.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pastor Treuge war der einzige Zeitzeuge, den ich ermitteln konnte, der h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen, wo sich die Kindergr\u00e4ber befanden. Er hat es versucht, hat sich nach Braunschweig fahren lassen und ist den Friedhof abgeschritten. Aber die Erinnerung blieb versch\u00fcttet.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Aufkl\u00e4rung trotz Schweigen und Hassbriefen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">1986 suchte ich auch einen polnischen Pfarrer in seinem B\u00fcro bei St. Cyriakus in der Weststadt auf. Es muss der verstorbene Pastor Zygmunt Supieta gewesen sein. Ich sehe noch die aufflackernde Angst in seinen Augen, als ich ihm von meinen Recherchen berichtete. Nein, sagte er, als ich ihn um Mithilfe bei der Suche nach Zeitzeuginnen bat.<br \/>\nKurze Zeit darauf sprach ich auf einer \u00f6ffentlichen Veranstaltung des Arbeitskreises Holocaust in der Evangelischen Studentengemeinde zum ersten Mal \u00fcber das S\u00e4uglingslager und den Friedhof. Die Anwesenden waren betroffen, die Presse berichtete ausf\u00fchrlich. Aber dann kamen h\u00e4ssliche, meist anonyme Briefe, und ich begann den Priester Supieta zu verstehen, auch wenn ich seine Haltung nicht billigen konnte.<br \/>\nIch verstand auch, was Pastor Treuge \u00fcber die Kriegszeit geschrieben hatte:<br \/>\n\u201eEs war ein ganz anderes Klima, das das allt\u00e4gliche Leben weithin verrohen lie\u00df. Es gab weiterhin nicht mehr den Lebensraum f\u00fcr menschliche Reaktionen. Jeder lebte mehr oder weniger unter vielerlei Bedrohungen und es gab keinen Lebensbereich, der nicht einer allgemeinen Verrohung ausgesetzt war. Jedenfalls ist mir pers\u00f6nlich sehr bewusst, dass die Zerst\u00f6rung der St\u00e4dte nichts war im Vergleich zur Zerst\u00f6rung der Menschen.\u201c<br \/>\nBesonders der letzte Satz hat mich beeindruckt und nachdenklich gemacht.<br \/>\nDoch was ich nicht verstand und auch heute noch nicht verstehe, ist das Schweigen, das sich \u00fcber das stadtbekannte Verbrechen nach dem Krieg legte. Ein Schweigen, das Mitl\u00e4uferInnen und sogar Menschen, die selbst unter der Naziherrschaft gelitten hatten, mit den T\u00e4terInnen und Mitt\u00e4terInnen verband. War dieses Schweigen Ausdruck der Scham, sich der Verrohung nicht widersetzt zu haben? Oder einer Gleichg\u00fcltigkeit, die Ergebnis dieser Verrohung war?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Entlastung der T\u00e4terInnen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pastor Gro\u00df, der wegen seiner Taufg\u00e4nge Schwierigkeiten mit der Gestapo bekommen hatte, war im September 1944 zu Schanzarbeiten nach Holland dienstverpflichtet worden. Er war der einzige Geistliche in der Di\u00f6zese Hildesheim, der zum langfristigen Notdienst herangezogen wurde. Der Propst und die Di\u00f6zese intervenierten erfolgreich, und 14 Tage sp\u00e4ter war Gro\u00df wieder in Braunschweig. Dieses Ereignis ist in der Kirchenchronik von St. Josef ausf\u00fchrlich dokumentiert. \u00dcber das \u201eEntbindungsheim\u201c und die T\u00e4tigkeit des Pfarrers dort enth\u00e4lt sie kein Wort.<br \/>\nPfarrer Gro\u00df schwieg auch nach dem Krieg. Erst 1947, als es um eine Entlastung von Frau Becker, der ehemaligen \u201eHeimleiterin\u201c ging, die seit einem Jahr in Untersuchungshaft sa\u00df, meldete er sich zu Wort:<br \/>\n\u201eEin Vorfall, der mir noch in lebhafter Erinnerung ist, zeigt, wie edel menschlich Frl. Becker dachte und wie sehr sie andererseits unter den Verh\u00e4ltnissen im Entbindungsheim litt. Als ich hinwies auf die gro\u00dfe Sterblichkeit, weinte sie und beklagte, da\u00df alle ihre Bem\u00fchungen um bessere Ern\u00e4hrungsm\u00f6glichkeiten (Lieferung von Milch und Stillung der Kinder durch die eigenen M\u00fctter) mehr oder weniger erfolglos w\u00e4ren. Ich habe immer den Eindruck gehabt, da\u00df Frl. Becker alles tat, um das harte Los der polnischen M\u00fctter ertr\u00e4glicher zu machen, sonst h\u00e4tte sie nicht regelm\u00e4\u00dfig mich durch Telefon oder per Karte zur Taufspendung ins Entbindungsheim gerufen.\u201c<br \/>\nAuch im Dezember 1986 brach Frau Becker, die ich unangek\u00fcndigt aufgesucht hatte, in Tr\u00e4nen aus, als ich ihr die Fotos aus der Warschauer Akte zeigte. Zuvor aber hatte sie mir erz\u00e4hlt, wie lustig es zum Beispiel an den Weihnachtstagen 1943 zugegangen war, als sie ein paar Soldaten vom nahegelegenen Flugplatz Broitzem eingeladen hatte &#8230; Unterdes \u2013 das belegen die nackten Daten \u2013 wurden die Kinder noch st\u00e4rker als sonst vernachl\u00e4ssigt. 14 starben zwischen dem 23. Dezember und Silvester, vier weitere am Neujahrstag. Bei vielen ist die Todesstunde nicht eingetragen, weil keine Helferin zugegen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verlasse den Friedhof, verabschiede mich von einer Frau, die ich schon bei so vielen Gelegenheiten auf dem Friedhof getroffen habe. Sie ist in dem Alter, in dem die Kinder w\u00e4ren, h\u00e4tten sie \u00fcberlebt. Es gibt ein paar, die unter schwierigsten Umst\u00e4nden gerettet wurden &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Vortrag, den ich Anfang 1987 \u00fcber das Schicksal der Kinder gehalten hatte, verebbte das \u00f6ffentliche Interesse rasch. Als mein umfangreiches Manuskript zwei Jahre sp\u00e4ter schlie\u00dflich gedruckt vorlag, blieb es weitgehend unbeachtet. F\u00fcr den Arbeitskreis Holocaust erarbeitete eine Projektgruppe an der Hochschule f\u00fcr bildende K\u00fcnste einen Entwurf f\u00fcr eine Mahn- und Gedenkst\u00e4tte auf dem Friedhof Hochstra\u00dfe. VertreterInnen der Stadt, Bedienstete des Stadtgartenamtes, lehnten ihn ab.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Z\u00e4her Kampf f\u00fcr eine Gedenkst\u00e4tte<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitte der 1990er-Jahre schien es, als seien der Friedhof und das Schicksal der Kinder wieder dem Vergessen anheimgegeben. Anl\u00e4sslich eines Vortrages in Velpke, wo 1944 in einem S\u00e4uglingslager 35 in Braunschweig geborene polnische Kinder und \u00fcber 50 weitere ums Leben gekommen waren, lernte ich den damaligen polnischen Vizekonsul kennen. Das Konsulat in Hamburg suchte nun den Kontakt mit der Stadt, um eine w\u00fcrdige Instandsetzung des Friedhofes zu erreichen. Doch die Verhandlungen dar\u00fcber verliefen mehr als besch\u00e4mend. Inkompetente Gespr\u00e4chspartnerInnen erkl\u00e4rten, es sei kein Geld da. Der polnische Rat zum Schutz des Gedenkens lie\u00df im folgenden Jahr den Entwurf f\u00fcr eine Gedenkst\u00e4tte Hochstra\u00dfe erarbeiten, der von der Stadt ebenfalls abgelehnt wurde.<br \/>\nDoch in den folgenden Jahren begann ein Prozess des Umdenkens, nicht zuletzt angesto\u00dfen durch die Debatten \u00fcber den Umgang mit dem ehemaligen KZ-Au\u00dfenlager Schillstra\u00dfe, nicht zuletzt bef\u00f6rdert durch Recherchen des Magazins \u201eStern\u201c \u00fcber die S\u00e4uglingslager. Hinzu kam, dass die Auseinandersetzung um die Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung in eine entscheidende Phase getreten war. Amerikanische Anw\u00e4lte bereiteten Sammelklagen gegen deutsche Firmen vor. Eine Kl\u00e4gerin hatte ihr Kind im VW-Kinderlager in R\u00fchen verloren. Dar\u00fcber und \u00fcber das Braunschweiger S\u00e4uglingslager berichtete ein Beitrag des ARD-Magazins Panorama, an dem ich mitgearbeitet hatte. Das, was ich nie zu hoffen gewagt hatte, fand schlie\u00dflich seinen Niederschlag im Stiftungsgesetz \u00fcber die Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung: Wer ein Kind in einem Kinderlager verloren oder als Kind in einem Kinderlager psychische oder physische Sch\u00e4den davongetragen hatte, konnte eine erh\u00f6hte Entsch\u00e4digung erhalten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26932\" aria-describedby=\"caption-attachment-26932\" style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26932\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mutter1klein.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mutter1klein.jpg 291w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mutter1klein-218x300.jpg 218w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Mutter1klein-109x150.jpg 109w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26932\" class=\"wp-caption-text\">Aufnahme aus dem Entbindungsheim &#8211; Foto entnommen aus dem Buch &#8222;Entbindungsheim f\u00fcr Ostarbeiterinnen&#8220;<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">1998 begannen ernsthafte Gespr\u00e4che zwischen der Stadt und dem polnischen Konsulat. Der von der Stadt eingesetzte Gedenkst\u00e4ttenarbeitskreis entschied sich schlie\u00dflich, den Entwurf nur unter polnischen ArchitektInnen und K\u00fcnstlerInnen auszuschreiben. Unter diesen Voraussetzungen erkl\u00e4rte ich mich bereit, bei der Erarbeitung der Texte und der Erstellung der Namenslisten mitzuarbeiten. Der pr\u00e4mierte Entwurf der Gruppe Solyga sagte mir zu. Er erstreckte sich \u00fcber das gesamte Gel\u00e4nde des Friedhofes. Der Waldorf-Kindergarten, der in den 1970er-Jahren von der katholischen Propstei einen Teil des Friedhofes erworben hatte, r\u00e4umte das Gel\u00e4nde; die Stadt stellte ein Ersatzgrundst\u00fcck bereit. Pl\u00f6tzlich ging alles reibungslos. Pl\u00f6tzlich spielten keine Kinder mehr in einer Sandkiste, unter der sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kindergr\u00e4ber befanden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der lebenslange Schmerz der M\u00fctter<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcbergabe der Gedenkst\u00e4tte Friedhof Hochstra\u00dfe am 8. Mai 2001 war eine feierliche und bewegende Veranstaltung. Auch wenn dabei Personen auftraten, die lange Jahre nichts anderes getan hatten, als ihr Desinteresse am Friedhof und damit an dem Schicksal der Kinder zu bekunden.<br \/>\nViele BraunschweigerInnen waren auf den Friedhof gekommen, wo aber waren die Angeh\u00f6rigen der Kinder? Angereist waren eine Mutter in Begleitung ihrer Tochter und zwei Halbschwestern von Kindern, die hier begraben lagen. Frau Mieczkowska hat noch jahrelang das Strampelh\u00f6schen des kleinen Robert mit sich herumgetragen. Ihr Sohn war bereits tot, als sie es ihm in die S\u00e4uglingsbaracke bringen wollte. Karl Liedke hatte sie seinerzeit interviewt; ich wollte sie nicht auch noch mit Fragen behelligen. Es gab auch nichts zu fragen. Der Schmerz der 80-j\u00e4hrigen Frau sprach f\u00fcr sich.<br \/>\nFrau Pfeiffer war gesundheitlich nicht in der Lage anzureisen. Es kam Krystyna, ihre Tochter. Erst nach der Ver\u00f6ffentlichung der Geschichte ihrer Mutter im \u201eStern\u201c hat sie von Rozalia, der Schwester, erfahren. Und von ihrem qualvollen Tod, \u00fcber den die Mutter erst nach so vielen Jahrzehnten sprechen konnte: \u201eSie bekam Bl\u00e4schen, die mit Eiter gef\u00fcllt waren. &#8230; Meine Tochter schrie, sie hat so gelitten. Das war so schrecklich, da bin ich in Ohnmacht gefallen.\u201c<br \/>\nTamaras Mutter, die bereits vor vielen Jahren verstorben ist, hatte ihrer Tochter fr\u00fch vom Schicksal des kleinen Ryszard erz\u00e4hlt. Allerdings war sie nach dem Krieg nicht nach Polen zur\u00fcckgekehrt, sondern hatte sich in Deutschland verheiratet. Jahrzehntelang hatte sie versucht, eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Zwangsarbeit und den Tod ihres Sohnes zu erlangen. Das endg\u00fcltige Aus sprach 1970 das Bundesverwaltungsamt mit folgender zynischen Begr\u00fcndung:<br \/>\n\u201eIhre Verbringung zum Arbeitseinsatz erfolgte nicht wegen ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu einem fremden Staat oder zu einem nichtdeutschen Volkstum. Sie war vielmehr eine Ma\u00dfnahme zur Beseitigung des kriegsbedingten Mangels an Arbeitskr\u00e4ften, von der Personen aller Nationalit\u00e4ten betroffen wurden. Die von der Antragstellerin vorgetragenen Umst\u00e4nde des Arbeitseinsatzes sind nach eingehender W\u00fcrdigung auf die allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen im Verlauf des Krieges zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die von Amts wegen durchgef\u00fchrten Ermittlungen haben die von der Antragstellerin vorgetragenen unmenschlichen Bedingungen w\u00e4hrend ihres Arbeitseinsatzes nicht best\u00e4tigen k\u00f6nnen. Auch die von der Antragstellerin vorgetragene auf beh\u00f6rdliche Anordnung hin erfolgte T\u00f6tung ihres Sohnes am 13.7.1944 ist nicht nachgewiesen worden.\u201c<br \/>\nOb Tamaras Mutter, Frau Pfeiffer oder Frau Mieczkowska, sie alle haben ihr Leben lang unter dem Verluste ihres Kindes gelitten. Es sind drei Frauen von mindestens 365 M\u00fcttern, die in der Braunschweiger Baracke ihre Kinder verloren haben. Viele von ihnen sind nicht mehr am Leben. All die anderen haben wohl nie \u00fcber die traumatischen Ereignisse geredet und sind nicht in der Lage, ihrem Ehemann, ihren Kindern zu erkl\u00e4ren, was damals geschah. Wenn sich die eine oder andere doch, etwa durch ver\u00e4nderte Lebensumst\u00e4nde, dazu entscheidet, ist es l\u00e4ngst zu sp\u00e4t, Entsch\u00e4digungsanspr\u00fcche zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gehe nach Hause. Es ist gut, dass der Friedhof von polnischen K\u00fcnstlerInnen gestaltet wurde, dass die polnische Gemeinde sich hier an Allerheiligen zur Andacht versammelt. Aber ich w\u00fcnsche, ich w\u00e4re in den kommenden Jahren nicht die einzige, deren Muttersprache deutsch ist, die daran teilnimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem Herbstnachmittag des Jahres 2005 bin ich mit meiner f\u00fcnfj\u00e4hrigen Enkeltochter auf dem Kinderspielplatz hinter dem Wasserturm. Das M\u00e4dchen ist ins Spiel vertieft, ich gehe auf und ab, meine Gedanken schweifen ab. Hin zum Gel\u00e4nde hinter dem Spielplatz. Unter Gestr\u00fcpp verborgen Im Sommer 1985 betrat ich es zum ersten Mal, von der anderen Seite, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/durch-systematische-vernachlaessigung-ermordet\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":26930,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Durch systematische Vernachl\u00e4ssigung ermordet - graswurzelrevolution","description":"An einem Herbstnachmittag des Jahres 2005 bin ich mit meiner f\u00fcnfj\u00e4hrigen Enkeltochter auf dem Kinderspielplatz hinter dem Wasserturm. 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