{"id":26908,"date":"2022-02-01T13:26:18","date_gmt":"2022-02-01T11:26:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/aus-sanitaeren-gruenden-vernichtet\/"},"modified":"2022-03-03T11:42:12","modified_gmt":"2022-03-03T09:42:12","slug":"aus-sanitaeren-gruenden-vernichtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/aus-sanitaeren-gruenden-vernichtet\/","title":{"rendered":"\u201e\u2026 aus sanit\u00e4ren Gr\u00fcnden vernichtet\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als im M\u00e4rz 1939 ihre christlich-deutschen Pflegeeltern die Adoption r\u00fcckg\u00e4ngig machen, muss die 19-j\u00e4hrige Julie H. wieder ihren alten, j\u00fcdisch klingenden Geburtsnamen tragen.<br \/>\nSie hat jetzt kein Zuhause mehr, findet keine Arbeit, und die Nationalsozialisten sind sehr daran interessiert, ihre genaue \u201eRassezugeh\u00f6rigkeit\u201c festzustellen \u2013 soll sie jetzt als \u201eVollj\u00fcdin\u201c, als \u201eHalbj\u00fcdin\u201c oder als \u201eMischling 1. Grades\u201c weiter verfolgt werden?<br \/>\nJulie H. steht unter Druck.<br \/>\nSie will \u00fcberleben.<br \/>\nAber wie?<br \/>\nDa verf\u00e4llt sie auf einen Trick, der ihr die R\u00fcckkehr in die vermeintlich sichere \u201eVolksgemeinschaft\u201c erm\u00f6glichen soll.<br \/>\nDoch dann greift ein Mann zur Waffe \u2013 und alles geht ganz schrecklich schief.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eSie gef\u00e4hrdet die Sicherheit\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wollen alles ganz genau wissen. Bei ihrer Verhaftung am 9. M\u00e4rz 1940 in D\u00fcsseldorf werden ihr schwerwiegende Dinge vorgeworfen: Hotelbetrug, heimliche Prostitution und Rassenschande. Und da sie eine j\u00fcdische Mutter hat, die in New York wohnt, vermutet die Gestapo sogar, sie k\u00f6nnte eine Spionin sein: \u201eSie gef\u00e4hrdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates, indem sie dringend verd\u00e4chtig ist, sich zum Nachteil des Deutschen Reiches zu bet\u00e4tigen.\u201c<br \/>\nJetzt stellt die Gestapo Julie H. viele sehr intime Fragen. Mit wie vielen M\u00e4nnern sie geschlafen habe in den letzten zw\u00f6lf Monaten, also seit sie nicht mehr zuhause wohnt? Wie hie\u00dfen die M\u00e4nner, was f\u00fcr Berufe haben sie? Wann genau hat sie mit ihnen geschlafen und wo? Hat sie etwas daf\u00fcr bekommen, vielleicht Geld? Wussten diese M\u00e4nner, dass sie J\u00fcdin ist, und haben sie sich folglich der Rassenschande schuldig gemacht? Welche Lokale hat sie besucht, welche Pensionen und Hotels aufgesucht, und wer war mit dabei?<br \/>\nJulie H. nennt unter dem Druck der Vernehmung Namen. Sie benennt einen Unteroffizier, mit dem sie ein Liebesverh\u00e4ltnis gehabt habe. Einen Arzt, einen Kellner, einen Hauptmann, einen Oberstleutnant, einen Zahlmeister, einen Leutnant, noch einen Leutnant. Sie h\u00e4tte sich all diesen M\u00e4nnern unter anderem Namen vorgestellt, es sei diesen M\u00e4nnern nicht bewusst gewesen, dass sie J\u00fcdin sei. Aller Geschlechtsverkehr habe in Pensionen und Hotels stattgefunden, einmal aber auch in einer T\u00fcrnische.<br \/>\nDie Gestapo holt sie am n\u00e4chsten Tag zu einer erneuten Vernehmung aus der Zelle. Sie sagt: \u201eIn der Zwischenzeit sind mir noch einige M\u00e4nner eingefallen, mit denen ich in der Zeit von November 1939 bis Februar 1940 noch geschlechtlich verkehrt habe.\u201c Sie benennt einen Obertruppf\u00fchrer des Reichsarbeitsdienstes, einen Brauereibesitzer, einen Landwirt (\u201eDer Landwirt wusste, dass ich J\u00fcdin bin. Im Laufe unserer Unterhaltung hatte ich ihm auf seine Frage, ich sehe aus wie eine J\u00fcdin, gesagt, dass ich in Wirklichkeit auch eine sei. Der Herr erkl\u00e4rte mir, das st\u00f6re ihn nicht, in seiner Familie sei einer seiner Gro\u00dfeltern gleichfalls nicht arisch.\u201c), einen Schneider, einen Zahlmeister vom Luftgaukommando. Da sind gef\u00e4hrlich viele Milit\u00e4rpersonen dabei, findet die Gestapo. Und ist eine J\u00fcdin, deren Mutter in den USA lebt, nicht wirklich eine geeignete Verr\u00e4terin von Milit\u00e4rgeheimnissen? Aber zumindest dieser Verdacht erh\u00e4rtet sich nicht. Julie H. beteuert, mit den M\u00e4nnern nicht \u00fcber milit\u00e4rische Angelegenheiten gesprochen zu haben. Auch in den Briefen, die ausgetauscht wurden, sei davon nie die Rede gewesen.<br \/>\nEines beunruhigt die Gestapo aber auch eindr\u00fccklich: die Gefahr der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten unter Soldaten. Denn die Nationalsozialisten brauchen gesunde Soldaten und zeugungsf\u00e4hige M\u00e4nner, die den Erhalt der \u201earischen Rasse\u201c sichern. Julie H. wird ermahnt, sich nicht mehr mit deutschen Soldaten einzulassen. Sie gibt zu Protokoll: \u201eIch sehe ein, dass mein moralischer Lebenswandel in der letzten Zeit, insbesondere der \u00fcberm\u00e4\u00dfige Geschlechtsverkehr vor allem mit Milit\u00e4rpersonen, zu verurteilen ist. Ich gebe zu, dass hierdurch die Gefahr bestand, Geschlechtskrankheiten in der Wehrmacht zu verbreiten. Nach meiner evtl. Entlassung werde ich einen andern Lebenswandel anfangen und bitte meine vorliegenden Verfehlungen milde zu beurteilen.\u201c<br \/>\nAls die Vernehmungen beendet sind, unterstreicht die Gestapo in den Protokollen die Namen von Frauen, mit denen Julie H. unterwegs war in den Lokalen und Pensionen, um M\u00e4nner kennenzulernen. Es sind die Ehefrau eines Oberfeldwebels und die Frau eines Milit\u00e4rgeistlichen, die jetzt nicht nur in Verdacht stehen, ihre M\u00e4nner zu betr\u00fcgen, sondern auch, sich heimlich zu prostituieren. Auch sie werden von der Gestapo h\u00f6ren.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Jugend als \u201eDeutsche\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Julie H. jetzt in den Vernehmungsprotokollen als \u201eJ\u00fcdin\u201c gef\u00fchrt wird, ist neu. Gerade ein Jahr zuvor galt sie noch als Deutsche. Das liegt daran, dass ihre Mutter, die mittlerweile in den USA lebende Rosa H., sie zwar geboren hat, Julie H. aber schon f\u00fcnf Tage nach der Geburt von einem als \u201earisch\u201c geltenden Ehepaar adoptiert worden ist. Sie hei\u00dfen Henriette und Heinrich Pl. und geben Julie einen neuen Namen: \u201eMargot Pl.\u201c hei\u00dft sie jetzt. Sie lebt bei ihren neuen Eltern, besucht mehrere Schulen. Danach absolviert sie das \u201eLandjahr\u201c, wird dort sogar \u201eKameradschaftsf\u00fchrerin\u201c. In den Bund Deutscher M\u00e4del soll sie eintreten \u2013 aber ihre Pflegemutter interveniert: \u201eDie anschlie\u00dfend beabsichtigte Aufnahme in den Bund Deutscher M\u00e4del wurde nicht vollzogen, weil meine Pflegemutter (\u2026) mich nicht gehen lie\u00df. Sie sagte mir, ich sollte Zuhause bleiben und sie sehe es nicht gerne, wenn ich drau\u00dfen herumliefe.\u201c<br \/>\nSie f\u00e4ngt verschiedene Ausbildungen an, bricht sie immer wieder ab \u2013 mal krankheitsbedingt, mal, weil sie es \u201enicht mehr aush\u00e4lt\u201c. Sie arbeitet hier und dort als Aushilfe, in Lebensmittelgesch\u00e4ften, bei Versicherungen, in Druckanstalten, im Gauamt, bei Kraftfahrspeditionen und Zeitungen. Aber sie geht immer wieder von dort weg, es sind viele Wechsel in kurzer Zeit. Zuletzt ist sie Stenotypistin. Manchmal wohnt sie nicht zuhause, manchmal schon \u2013 so auch von November 1938 bis Januar 1939. In dieser Zeit mischt die Pflegemutter sich in ihr Liebesleben ein \u2013 sie solle das Verh\u00e4ltnis zum bereits anderweitig verlobten Paul K. beenden. Der Streit schaukelt sich hoch, schlie\u00dflich erw\u00e4hnt die Pflegemutter gegen\u00fcber Paul K., dass ihre Tochter J\u00fcdin sei. Das Verh\u00e4ltnis besteht dennoch weiter. Im Januar 1939 verl\u00e4sst die Tochter das Elternhaus \u2013 ob sie des Hauses verwiesen wurde oder ihren Eltern wegen ihrer Arbeitslosigkeit nicht zur Last fallen wollte, dar\u00fcber besteht keine Einigkeit.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Aufl\u00f6sung des Adoptionsvertrags als Z\u00e4sur<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im M\u00e4rz 1939 aber wird der Kindesannahmevertrag aufgel\u00f6st, die Adoption r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht: \u201eauf Grund schlechten Lebenswandels haben die Adoptiveltern die Adoption r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, weswegen Julie H. ihren Namen Margot Pl. ablegen und sich jetzt wieder H. nennen lassen muss, angeblich hat sie das erst recht auf die schiefe Bahn gebracht\u201c, schreiben die Beh\u00f6rden.<br \/>\nDer Vorgang beruht auf \u00a7 12 Art. I des Gesetzes \u00fcber die \u00c4nderung und Erg\u00e4nzung familienrechtlicher Vorschriften und \u00fcber die Rechtsstellung der Staatenlosen vom 12. April 1938. Jetzt hei\u00dft Margot also nicht mehr Margot, sondern, wie bei ihrer Geburt, wieder Julie H. \u2013 und ihr Nachname ist typisch j\u00fcdisch, sie ist sofort erkennbar als eine Frau, die angeblich nicht mehr zur \u201earischen Volksgemeinschaft\u201c geh\u00f6rt.<br \/>\nSie lebt jetzt, ausgesto\u00dfen vom elterlichen Zuhause und aus der \u201esicheren Volksgemeinschaft\u201c, der sie als Margot Pl. noch angeh\u00f6rt hatte, in verschiedenen Hotels und Pensionen. Paul K. h\u00e4lt sie aus. Auch ein italienischer Stoffh\u00e4ndler namens Giovanni unterh\u00e4lt mit ihr Verkehr gegen Sachwerte: Den daf\u00fcr erhaltenen Pelzmantel setzt Julie H. in Geld um, um sich Lebensmittel zu kaufen. Dann beginnt sie, mit vielen verschiedenen M\u00e4nnern zu schlafen, um irgendwie durchzukommen. Geld bekommt sie kaum daf\u00fcr, aber Essen und ein Obdach, wie die Gestapo feststellt: \u201eAls Entgelt f\u00fcr den Geschlechtsverkehr wurde nach ihren Angaben von den M\u00e4nnern f\u00fcr sie gr\u00f6\u00dftenteils die gemeinsamen Zechen und das Hotelzimmer bezahlt.\u201c Die Gestapo befindet: \u201eBei der H. handelt es sich um eine total verdorbene Frauenperson\u201c, sie sei \u201ein ihrer sexuellen Begierde uners\u00e4ttlich\u201c \u2013 und die Beh\u00f6rden leiten Strafverfahren (u. a. Rassenschande, Kuppelei, Beamtenbestechung, Vergehen gegen die Kriegsnotverordnung) gegen viele der M\u00e4nner ein, mit denen Julie H. geschlafen hat.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Von den Nazis zur \u201eJ\u00fcdin\u201c gemacht und verfolgt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr wichtig ist f\u00fcr die Gestapo festzustellen, welcher \u201eRasse\u201c Julie H. denn nun angeh\u00f6rt. Als sie ihre Adoptiveltern noch hatte, galt sie als deutsch. Jetzt herrscht bei den Beh\u00f6rden Verwirrung. Ist Julie H. \u201eVollj\u00fcdin\u201c? Oder \u201eHalbj\u00fcdin\u201c? Oder \u201eMischling 1. Grades\u201c? Und haben sich ihre Sexualpartner denn nun der \u201eRassenschande\u201c schuldig gemacht oder nicht? Julie H. selbst bezeichnet sich als \u201eglaubenslos\u201c, sie geh\u00f6rt keiner Konfession, keiner Re\u2028ligion an. Wenn sie von den nationalsozialistischen Beh\u00f6rden als \u201ej\u00fcdisch\u201c bezeichnet wird, dann ist das also nicht religi\u00f6s gemeint, sondern beruht auf \u201eErbbiologie\u201c und \u201eRassenkunde\u201c. Die Gestapo versucht sogar, den Vater von Julie H. ausfindig zu machen, um ihren \u201eRassestatus\u201c einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Sie scheitert daran \u2013 und f\u00fchrt Julie H. zun\u00e4chst als \u201eHalbj\u00fcdin\u201c, denn die \u201eRassezugeh\u00f6rigkeit konnte nicht einwandfrei gekl\u00e4rt werden\u201c. Sp\u00e4ter wird Julie H. in den Ermittlungsakten dann nur noch als \u201eVollj\u00fcdin\u201c bezeichnet werden.<br \/>\nZun\u00e4chst wird Julie H. inhaftiert. Dass sie sich \u201eherumgetrieben\u201c hat, steht f\u00fcr die Beh\u00f6rden fest. Dass sie sich heimlich prostituiert hat, kann ihr aber nicht nachgewiesen werden. Au\u00dferdem ist Julie H. krank, sie leidet mehrfach an Mittelohrentz\u00fcndungen und an Kiefervereiterung. Sie ist nicht haftf\u00e4hig \u2013 und die Kosten f\u00fcr die Aufenthalte im Gef\u00e4ngniskrankenhaus m\u00f6chte der deutsche Staat sich gerne sparen. Also kommt Julie H. wieder frei: \u201eDie Pflegeeltern des Schutzh\u00e4ftlings haben sich bereit erkl\u00e4rt, ihre Pflegetochter wieder in die Hausgemeinschaft aufzunehmen und ihren Lebenswandel zu \u00fcberwachen\u201c \u2013 \u00fcberwacht wird Julie H. in den folgenden Monaten aber auch von der Gestapo. Die befindet, es s\u00e4he eigentlich alles ganz gut aus, und Julie H. gehe sogar wieder einer regelm\u00e4\u00dfigen Besch\u00e4ftigung nach: \u201eDie \u00dcberwachung hat bisher Nachteiliges nicht ergeben. Ihre Namens\u00e4nderung von H. auf Pl. \u2013 Namen der Adoptiveltern \u2013 ist erneut in die Wege geleitet.\u201c<br \/>\nWas die Gestapo zu diesem Zeitpunkt nicht wei\u00df: Julie H. w\u00fcnscht sich nach ihren Erfahrungen als Adoptivkind nicht nur Liebe und eine eigene Familie. Sondern sie f\u00fcrchtet sich auch schrecklich davor, als aus Familie und \u201eVolksgemeinschaft\u201c Ausgesto\u00dfene erneut schutz- und obdachlos zu sein und verfolgt zu werden. Den Status als Vogelfreie will sie nie wieder erleben. Ihre Eltern haben ihr den \u201edeutschen\u201c Namen schon einmal weggenommen. Sie k\u00f6nnten es wieder tun, auf sie ist aus ihrer Sicht kein Verlass. Wie aber kann Julie H. jetzt wieder untertauchen in der Masse der \u201eVolksgemeinschaft\u201c? F\u00fcr sie ist klar: Sie muss einen Mann mit einem deutschen Namen finden, der sie heiratet. Den Druck, der auf ihr liegt, gibt sie weiter und verlegt sich auf eine Masche: Sie beginnt Verh\u00e4ltnisse mit verheirateten M\u00e4nnern, behauptet dann, schwanger von ihnen zu sein, informiert die Ehefrauen, um eine Scheidung zu erreichen, und fordert, geehelicht zu werden.<br \/>\nDas hat Julie H. schon mehrfach versucht. Bis jetzt hatte sie damit bei keinem ihrer Verh\u00e4ltnisse Erfolg.<br \/>\nAber im November 1940 hat sie damit nicht nur keinen Erfolg mehr, sondern ihr Todesurteil unterschrieben. Denn der verheiratete Herr O., mit dem sie sich in einer Beziehung w\u00e4hnt, verliert, als er derart erpresst wird, die Nerven.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Erfundene Schwangerschaft mit fatalen Folgen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr O. ist Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter. Und dort, im Gef\u00e4ngnis, lernt er Julie H. auch kennen. Sp\u00e4ter wird er bestreiten, schon zu ihrer Haftzeit eine Aff\u00e4re mit ihr gehabt zu haben. Aber sp\u00e4testens als sie freikommt, befinden sich die beiden in einem Verh\u00e4ltnis, sie schlafen auch miteinander. Weil Julie H. damals im Prozess ist, erneut ihren deutschen Adoptivnamen tragen zu d\u00fcrfen, hat O. keine Bedenken, sich wegen \u201eRassenschande\u201c schuldig zu machen. In Zivil und in Uniform geht er mit ihr aus, sie besuchen \u00f6ffentliche Lokale. So geht das wochenlang. Seine Frau ahnt zu diesem Zeitpunkt nichts, aber dann werden die beiden durch ein anonymes Schreiben denunziert, und O. muss seiner Frau die Wahrheit sagen.<br \/>\nEs ist die Nacht vom 2. auf den 3. November 1940, als die Situation lebensgef\u00e4hrlich eskaliert. Das Ehepaar kommt nach Hause, beide alkoholisiert. Seit Wochen stehen beide unter Druck, Frau O. wird durch Anrufe terrorisiert, in denen Julie H. sie auffordert, ihren Mann endlich freizugeben, denn der habe sie geschw\u00e4ngert und m\u00fcsse sie jetzt heiraten. Die Lage sei dringlich, sie befinde sich bereits im 5. Monat, behauptet Julie\u00a0H. \u2013 Als Frau O. auf die Anrufe nicht mehr reagiert, verlegt sich Julie H. darauf, sie zu besuchen. Sie will alles tun, um diese Heirat zu erwirken \u2013 und ihr eigenes Leben vor der Verfolgung durch die Nazis zu sch\u00fctzen.<br \/>\nAuch an diesem Abend entl\u00e4dt sich der Konflikt in einem Streit zwischen den Eheleuten, es wird laut. Frau O. macht ihrem Mann Vorw\u00fcrfe, sich mit Julie H. \u00fcberhaupt eingelassen und ihr dann auch noch ein Kind gemacht zu haben. Sie f\u00fchlt sich dem Terror, den st\u00e4ndigen Anrufen und Besuchen, schutzlos ausgeliefert. Beide schreien sich an, Frau O. geht ins Schlafzimmer, knallt mit der T\u00fcr. Wenig sp\u00e4ter folgt Herr O. ihr \u2013 in der Hand hat er eine Taschenpistole. Er bringe sie jetzt alle beide um, droht er. In Todesangst flieht Frau O. aus der Wohnung, rennt halbnackt auf die Stra\u00dfe, um ihr Leben zu retten. Schlotternd h\u00e4lt sie es eine ganze Weile in der n\u00e4chtlichen Novemberk\u00e4lte aus. Doch da sie nicht wei\u00df, wohin sie gehen soll, kehrt sie schlie\u00dflich in die Wohnung zur\u00fcck. Ihr Mann wartet hinter der Haust\u00fcr auf sie. Sie bettelt und fleht, dass er von seinem Vorhaben abl\u00e4sst. F\u00fcr diesen Abend gelingt dies: Beide legen sich ins Bett, schlafen vor \u00dcberm\u00fcdung ein.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen geht Frau O. zur Polizei.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Erneute Verhaftung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die reagiert sofort. O. wird der Dienst als Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter untersagt, Uniform, Ausr\u00fcstungsst\u00fccke und Ausweise werden ihm abgenommen: \u201eDa Frau O. sich f\u00fcrchtete, dass ihr Mann wenn er wieder nach Hause k\u00e4me, seine Selbstmordabsichten durchf\u00fchren k\u00f6nnte und weil O. tats\u00e4chlich eine geladene Taschenpistole mit sich f\u00fchrte, habe ich ihn im Einverst\u00e4ndnis mit seiner vorgesetzten Dienststelle, bis zur weiteren Entscheidung in Schutzhaft genommen\u201c, schreibt der diensthabende Beamte ins Protokoll.<br \/>\nIn der Befragung versucht Herr O., seinen gewaltsamen \u00dcbergriff gegen die eigene Frau und auch seinen angedachten Suizid herunterzuspielen. Er habe lediglich die Vorw\u00fcrfe seiner Frau nicht mehr ausgehalten: \u201eUm sie einzusch\u00fcchtern und den L\u00e4rm zu unterbinden, drohte ich mit meiner Pistole. Die Absicht, mich oder meine Frau zu erschie\u00dfen, habe ich nicht gehabt.\u201c<br \/>\nDie nationalsozialistischen Beh\u00f6rden finden, der Versuch des Ehemannes, seine Frau zu t\u00f6ten und sich anschlie\u00dfend selbst das Leben zu nehmen, sei die Schuld von Julie H.<br \/>\nAm 7. November 1940 wird sie festgenommen. Es liegt sowieso noch eine vierw\u00f6chige Gef\u00e4ngnisstrafe vor ihr, weil sie zwei Pullover gestohlen hat. Zeit genug f\u00fcr die Gestapo, sich ausf\u00fchrlich mit ihrem Lebenslauf zu besch\u00e4ftigen und eine \u201eSozialprognose\u201c abzugeben. Diese f\u00e4llt denkbar ung\u00fcnstig aus. Bereits in der sp\u00e4ten Jugend sei Julie H. ein \u201everkommenes M\u00e4dchen\u201c gewesen, \u201el\u00fcgnerisch, zum Stehlen neigend und (\u2026) herumtreiberisch\u201c. Mit Soldaten habe sie Geschlechtsverkehr gepflegt, damit angeblich die Gesundheit der Wehrmacht gef\u00e4hrdet. Dass sie versucht hat, M\u00e4nner an sich zu binden, indem sie behauptet, schwanger zu sein, ist f\u00fcr die Gestapo und die Staatsanwaltschaft nicht hinnehmbar: \u201eDie H. hat durch ihr Verhalten gezeigt, dass sie nicht gewillt ist, ihren unsoliden Lebenswandel aufzugeben. Durch ihre Skrupel- und Z\u00fcgellosigkeit in sexueller Hinsicht bedeutet sie eine ernste Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung.\u201c Und da sie \u201etrotz eingehender Belehrung und Verwarnung ihr asoziales Verhalten nicht \u00e4nderte, dadurch die Volksgemeinschaft sch\u00e4digt und zu der Bef\u00fcrchtung Anlass gibt, dass sie nach Freilassung ihr Treiben fortsetzt\u201c, bleibt aus Sicht der Beh\u00f6rden nur eins: Julie H. wird zwar aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen, wird aber direkt in Schutzhaft genommen \u2013 und von da direkt ins Frauenkonzentrationslager Ravensbr\u00fcck \u00fcberwiesen.<br \/>\nJetzt sind alle Verbindungen, die Julie H. hatte und an die sie sich so verzweifelt klammerte, gekappt. Ihre Adoptivmutter geht nur noch ein einziges Mal wegen ihr zu den Beh\u00f6rden: um Papiere wie Schulzeugnis, Versicherungskarte, Landjahrbuch und Arbeitszeugnisse abzugeben. \u201eDie fr\u00fchere Stiefmutter der Julie Sara H., Frau Pl., hat die anliegenden Papiere hier abgegeben, damit sie der H. wieder zur Verf\u00fcgung gestellt werden k\u00f6nnen. Frau Pl. erkl\u00e4rt, jegliche Beziehungen zu der H. abgebrochen zu haben.\u201c Jetzt ist Julie H. durch nichts mehr gesch\u00fctzt. Kein \u201earischer\u201c Mann hat sie geheiratet, die Pflegeeltern untersagen ihr das F\u00fchren des deutschen Namens, sto\u00dfen sie aus der Familie aus, wie die \u201eVolksgemeinschaft\u201c sie ausst\u00f6\u00dft: weil sie angeblich J\u00fcdin ist, weil sie sich \u201easozial\u201c verh\u00e4lt und weil sie eine \u201esich herumtreibende\u201c Frau ist, die die deutschen M\u00e4nner mit Geschlechtskrankheiten anstecken und den \u201earischen Volksk\u00f6rper\u201c verseuchen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ermordet im KZ Ravensbr\u00fcck<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Julie H. stirbt angeblich am 9. Februar 1942 im KZ Ravensbr\u00fcck. \u201eAngeblich\u201c, weil das Todesdatum genauso gef\u00e4lscht sein k\u00f6nnte wie die angegebene Todesursache \u201eLungenentz\u00fcndung\u201c. Wann und wie genau Julie H. im KZ Ravensbr\u00fcck wirklich gestorben ist, kann nicht mit Bestimmtheit ermittelt werden. Der offizielle Schnellbrief der Kommandantur des KZ Ravensbr\u00fcck an die Gestapo D\u00fcsseldorf lautet jedenfalls so: \u201eDie seit dem 22.2.41 f\u00fcr die dortige Dienststelle hier einsitzende Schutzhaftgefangene Halbj\u00fcdin H. ist am 9.2.42 um 15:10 Uhr an einer Lungenentz\u00fcndung gestorben. (\u2026) Es wird gebeten die Pflegeeltern Heinrich Pl. (\u2026) vom Ableben der H. zu verst\u00e4ndigen und ihnen bekanntzugeben, dass die Leiche auf Staatskosten einge\u00e4schert wird. Eine Besichtigung der Leiche ist aus hygienischen Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich. Die Urne kann von der Kommandantur des KL Ravensbr\u00fcck zur \u00dcberf\u00fchrung schriftlich angefordert werden.\u201c<br \/>\nDass die in den Konzentrationslagern ermordeten Menschen aus hygienischen Gr\u00fcnden nicht mehr von ihren Angeh\u00f6rigen besichtigt werden k\u00f6nnen, ist ein Standardsatz in den Todesmeldungen der KZ-Kommandanturen an die Hinterbliebenen. Es ist eine L\u00fcge, genau wie die Todesursache gef\u00e4lscht ist, manchmal auch das Todesdatum. In den Urnen, die manche Angeh\u00f6rige auch wirklich anfordern, findet sich keinesfalls die Asche der Ermordeten. Es ist wahllos zusammengekratzte Asche aus den Krematorien der KZ.<br \/>\nDas einzige, was von Julie H. zur\u00fcckbleibt, sind die Dinge, die sie mit ins KZ genommen hat. Das KZ schickt sie in einem Paket an die Gestapo D\u00fcsseldorf. Henriette Pl. wird vorgeladen, sie hat zu unterschreiben, dass alles, was auf der Effektenliste f\u00fcr die Einlieferung steht, nach dem Tod von Julie H. auch wieder abgegeben wurde.<br \/>\nSchlie\u00dflich muss alles seine Ordnung haben.<br \/>\nEs handelt sich um: ein Nachthemd, eine wei\u00dfe Polobluse, eine blau-schwarze Strickjacke, eine lila Strickjacke, ein gestricktes Leibchen, einen Wollschal, einen Seidenschal, zwei Paar Herrensocken, f\u00fcnf Paar Str\u00fcmpfe, zwei Paar Handschuhe, ein Paar neue Hausschuhe, eine Zahnb\u00fcrste, ein St\u00fcck Seife, ein St\u00fcck Stopfgarn, ein Paar Schuhe, einen Strumpfhalter, vier Hemden, einen Rock, drei Schl\u00fcpfer, einen Mantel, zwei Unterr\u00f6cke, eine Handtasche, einen B\u00fcstenhalter und einige Papiere.<br \/>\nDie ehemalige Adoptivmutter Henriette Pl. unterschreibt, die Sachen gesehen zu haben.<br \/>\nDann wird auch das letzte Hab und Gut von Julie H. zusammengesammelt und vernichtet.<br \/>\nAus \u201esanit\u00e4ren Gr\u00fcnden\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als im M\u00e4rz 1939 ihre christlich-deutschen Pflegeeltern die Adoption r\u00fcckg\u00e4ngig machen, muss die 19-j\u00e4hrige Julie H. wieder ihren alten, j\u00fcdisch klingenden Geburtsnamen tragen. Sie hat jetzt kein Zuhause mehr, findet keine Arbeit, und die Nationalsozialisten sind sehr daran interessiert, ihre genaue \u201eRassezugeh\u00f6rigkeit\u201c festzustellen \u2013 soll sie jetzt als \u201eVollj\u00fcdin\u201c, als \u201eHalbj\u00fcdin\u201c oder als \u201eMischling 1. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/aus-sanitaeren-gruenden-vernichtet\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201e\u2026 aus sanit\u00e4ren Gr\u00fcnden vernichtet\u201c - graswurzelrevolution","description":"Als im M\u00e4rz 1939 ihre christlich-deutschen Pflegeeltern die Adoption r\u00fcckg\u00e4ngig machen, muss die 19-j\u00e4hrige Julie H. wieder ihren alten, j\u00fcdisch klingenden Gebu"},"footnotes":""},"categories":[1618,1048,1038,1032],"tags":[1624,1625],"class_list":["post-26908","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-466-februar-2022","category-der-schoss-ist-fruchtbar-noch","category-kleine-unterschiede","category-spurensicherung","tag-nationalsozialismus","tag-volksgemeinschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26908","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26908"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26908\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26908"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26908"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26908"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}