{"id":26909,"date":"2022-02-01T13:26:19","date_gmt":"2022-02-01T11:26:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/der-deserteur-muss-sterben\/"},"modified":"2022-05-04T09:48:08","modified_gmt":"2022-05-04T07:48:08","slug":"der-deserteur-muss-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/der-deserteur-muss-sterben\/","title":{"rendered":"\u201eDer Deserteur muss sterben\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wer seine Beteiligung am Krieg Nazi-Deutschlands von vornherein verweigerte oder sich im Verlauf des Krieges aus welchen Gr\u00fcnden auch immer dem Milit\u00e4rdienst widersetzte oder entzog, der riskierte sein Leben: Hitlers Parole \u201eDer Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben\u201c wurde bereits fr\u00fch mit seinem Buch \u201eMein Kampf\u201c ausgegeben, mit der Kriegssonderstrafrechtsverordnung (KSSVO) wurde sie 1938 in NS-Recht verwandelt und meist gnadenlos durchgesetzt. Jeder Anflug von Verweigerung oder gar Widerstand gegen kriegerische Gewaltanwendung war unvereinbar mit nationalsozialistischen \u201eManneszucht\u201c-Vorstellungen. Deren Gewaltphantasien und -exzesse dimensionierten bis dahin unvorstellbare Unmenschlichkeit neu.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Gewaltige Opferzahlen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie viele Urteile die etwa 3.000 Richter von rund 1.000 Wehrmachtsgerichten gesprochen haben, wird wohl kaum je herausgefunden werden. Die im Wikipedia-Beitrag zur NS-Milit\u00e4rjustiz genannte Zahl von rund 626.000 Urteilen bis zum 4. Quartal 1944 ist nur ein Anhaltspunkt, der in der einschl\u00e4gigen Literatur zum Thema bis vor wenigen Jahren ebenso wenig auftaucht wie die im Wikipedia-Beitrag quellenlos angef\u00fchrten Mutma\u00dfungen, diese Zahl bis zum Kriegsende auf 700.000 bis 1,5 Millionen Urteile hochzurechnen. Circa 18 Millionen Wehrmachtsangeh\u00f6rige haben an den verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskriegen Deutschlands teilgenommen: Doch auch die h\u00f6chste Zahl, anderenorts mit rund drei Millionen Urteilen angegeben, enth\u00e4lt nicht die gr\u00f6\u00dften Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das V\u00f6lkerrecht, mit denen Deutschland vom 1. September 1939 bis zum 8. Mai 1945 Europa und angrenzende L\u00e4nder im Mittelmeerraum \u00fcberzogen hat. Diese wurden erst Thema der N\u00fcrnberger Prozesse; die Wehrmachtjustiz wurde dort aber kaum thematisiert und kam glimpflich davon. Viele der o. a. Wehrmachtjuristen haben den Zweiten Weltkrieg nicht nur \u00fcberlebt, sondern konnten auch ihre berufliche Karriere im Nachkriegsdeutschland nahtlos fortsetzen und in hohe oder h\u00f6chste staatliche \u00c4mter gelangen. Ministerpr\u00e4sident Hans Filbinger sei als ein Beispiel genannt, das um viele weitere erg\u00e4nzt werden kann, vor allem in Westdeutschland.<br \/>\nDemgegen\u00fcber wurden die von Wehrmachtjuristen wegen Kriegsdienstverweigerung, Fahnenflucht oder Wehrkraftzersetzung h\u00e4ufig zum Tode Verurteilten ausgegrenzt und waren noch f\u00fcr Jahrzehnte verfemt. Die Gesamtzahl dieser Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz, der in zahlreichen Studien nachgegangen wurde, ist infolge kriegsbedingter Quellenverluste nicht mehr ermittelbar, substantiierte Hochrechnungen haben dennoch Zahlen von 30.000\u201350.000 Verurteilungen ergeben, davon mindestens 25.000 zum Tode, etwa 18.000\u201322.000 wurden meist zeitnah vollstreckt. ((1)) Fazit: Die Bilanz ihrer Todesurteile charakterisiert den Ort der Wehrmachtjustiz in der deutschen Strafrechtsgeschichte: In weniger als sechs Jahren das nahezu F\u00fcnfzigfache als im Zeit-\u2028raum von 1907\u20131932, d. h. einem Vierteljahrhundert, das den Ersten Weltkrieg und nachfolgende Wirren einschloss!\u00a0((2))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Systematische Ablehnung von Entsch\u00e4digungsantr\u00e4gen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was diese Ausgangslage in den 1950\/60er-Jahren f\u00fcr die wenigen \u00fcberlebenden Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz sozialpolitisch bedeutete, wurde denjenigen klar, die sich um eine Anerkennung und Entsch\u00e4digung ((3)) ihrer Haft- und Leidenszeit in Wehrmachtgef\u00e4ngnissen, in Konzentrationslagern oder in KZ-\u00e4hnlichen Einrichtungen bem\u00fcht hatten: Ihre Antr\u00e4ge waren regelm\u00e4\u00dfig abgewiesen worden, manchmal von Menschen, die etliche Jahre zuvor an ihrer Verurteilung mitgewirkt hatten. W\u00e4hrend \u201eden Funktion\u00e4ren des Dritten Reiches und ihren Hinterbliebenen eine \u00fcppige Versorgung gew\u00e4hrt (wurde)\u201c, ((4)) mussten Gegner*innen und Opfer des NS-Regimes auch lange Zeit nach dem Krieg die Ablehnung ihrer Anspr\u00fcche hinnehmen. Verwaltung und Gerichte schlossen sie weitgehend von Entsch\u00e4digungs- und Versorgungsanspr\u00fcchen aus. ((5))<br \/>\nMit Aufkommen der Friedensbewegung, die zwar die Stationierung neuer atomarer Waffensysteme nicht verhindern konnte, aber Massen bewegte, um f\u00fcr Frieden durch Entspannung und Abr\u00fcstung zu demonstrieren, konnten Anfang bis Mitte der 1980er-Jahre auch neue mentale Akzente gesetzt werden. Der Mentalit\u00e4tswandel weg vom \u00fcberkommenen Militarismus hin zu einer zivilen Gesellschaft ((6)) \u00e4u\u00dferte sich in einer wachsenden Zahl von Kriegsdienstverweigerern und warf auch Fragen auf nach dem Umgang mit jenen, die sich Hitlers Angriffs- und Vernichtungskrieg verweigert hatten. Initiativen von Verweigerern engagierten sich vielfach und phantasievoll f\u00fcr lokale Denk-Orte, ((7)) um \u2013 im Kontrast zu Kriegerdenkm\u00e4lern \u2013 derjenigen zu gedenken, die sich Kriegen widersetzt oder entzogen hatten. Bahnbrechend wirkte im Jahr 1987 eine Publikation der Autoren Manfred Messerschmidt und Fritz W\u00fcllner: \u201eDie Wehrmachtjustiz im Dienste des Nationalsozialismus \u2013 Die Zerst\u00f6rung einer Legende\u201c. Widerlegte sie doch \u00fcberzeugend die herrschende Apologie, die Wehrmachtjustiz sei unbeeinflusst vom Nationalsozialismus gewesen. Diese M\u00e4r hatten ehemalige Wehrmachtjuristen aufgebaut, die sich noch Jahrzehnte nach dem Krieg j\u00e4hrlich trafen und ein Netzwerk schufen, um sich vor Anklagen zu sch\u00fctzen und bei Bedarf gegenseitig Unschuld zu bescheinigen. ((8))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Selbstorganisierung und sp\u00e4te Erfolge<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gesellschaftliche Wandel motivierte \u00fcberlebende Wehrmachtsdeserteure, sich gemeinsam gegen Ausgrenzung zu wehren und f\u00fcr die Anerkennung und Rehabilitierung der Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz einzusetzen. Zur Gr\u00fcndung der \u201eBundesvereinigung Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz e. V.\u201c hatte im Jahr 1990 der Bremer Ludwig Baumann eingeladen; als neu gew\u00e4hlter Sprecher vertrat er fortan so engagiert wie authentisch deren Interessen in der \u00d6ffentlichkeit und gegen\u00fcber der Politik. Baumann war am 30. Juni 1942 in Bordeaux wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und nach 10 Monaten Todeszelle begnadigt worden. Lager, Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis und \u201eBew\u00e4hrungsbataillon\u201c an der Ostfront hat er \u2013 mit viel Gl\u00fcck \u2013 \u00fcberlebt.<br \/>\n1991 fand der gesellschaftliche Umbruch Resonanz in der h\u00f6chstrichterlichen Rechtsprechung: Mit Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) vom 11. September 1991 wurde der Witwe eines 1945 hingerichteten Wehrmachtsdeserteurs \u2013 abweichend von fr\u00fcherer Rechtsprechung \u2013 eine Entsch\u00e4digung als Kriegsopfer zugesprochen. Die Urteilsbegr\u00fcndung fand klare Worte, warum die Urteilspraxis der Wehrmachtjustiz \u201eoffensichtliches Unrecht\u201c gewesen sei. Dieses BSG-Urteil war politisch wegweisend, es wurde 1995 vom Bundesgerichtshof (BGH) bekr\u00e4ftigt: In seinem Urteil vom 16. November 1995 stellte der BGH fest: \u201eDas menschenverachtende nationalsozialistische Regime wurde durch willf\u00e4hrige Richter und Staatsanw\u00e4lte gest\u00fctzt, die das Recht pervertierten.\u201c<br \/>\nAuch dieses rechtliche Votum trug dazu bei, 1998 im Deutschen Bundestag eine Mehrheit f\u00fcr ein \u201eGesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege\u201c (NS-AufhG) zu erreichen. Wehrmachtsdeserteure blieben aber immer noch ausgeschlossen bzw. einer auf Antrag m\u00f6glichen Einzelfallpr\u00fcfung \u00fcberlassen. Es bedurfte weiterer politischer Aktivit\u00e4ten, bis endlich 2002 mit dem ersten Gesetz zur \u00c4nderung des NS-AufhG die pauschale gesetzliche Anerkennung und Rehabilitierung der Deserteure der Wehrmacht erreicht wurde. Erst 2009 wurden \u2013 nach zielf\u00fchrender Forschungsarbeit ((9)) \u2013 endlich auch die wegen Kriegsverrats verurteilten und meist hingerichteten NS-Opfer vom Deutschen Bundestag anerkannt und \u2013 einstimmig \u2013 rehabilitiert.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Res\u00fcmee<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kampf f\u00fcr Anerkennung und Rehabilitierung ist erst dann \u201eabgeschlossen\u201c, wenn das Erinnern und Gedenken an die Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz in der amtlichen, offiziellen Gedenkkultur fest \u201everortet\u201c sein wird. F\u00fcr diese Opfergruppe ist \u2013 abgesehen vom j\u00e4hrlichen Gedenken am 27. Januar f\u00fcr alle NS-Opfergruppen \u2013 bisher weder ein Ort noch Zeit noch Datum der kontinuierlichen W\u00fcrdigung gefunden. Daher bleibt es zivilgesellschaftlich produktiv und wichtig, an geeigneten, m\u00f6glichst authentischen Orten der Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz zu gedenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>G\u00fcnter Knebel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">G\u00fcnter Knebel, Bremen, seit 1998 ehrenamtlicher Schriftf\u00fchrer im Vereinsvorstand der Bundesvereinigung Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz e. V.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer seine Beteiligung am Krieg Nazi-Deutschlands von vornherein verweigerte oder sich im Verlauf des Krieges aus welchen Gr\u00fcnden auch immer dem Milit\u00e4rdienst widersetzte oder entzog, der riskierte sein Leben: Hitlers Parole \u201eDer Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben\u201c wurde bereits fr\u00fch mit seinem Buch \u201eMein Kampf\u201c ausgegeben, mit der Kriegssonderstrafrechtsverordnung (KSSVO) wurde sie 1938 &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/der-deserteur-muss-sterben\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eDer Deserteur muss sterben\u201c - graswurzelrevolution","description":"Wer seine Beteiligung am Krieg Nazi-Deutschlands von vornherein verweigerte oder sich im Verlauf des Krieges aus welchen Gr\u00fcnden auch immer dem Milit\u00e4rdienst wi"},"footnotes":""},"categories":[1618,1025,1032],"tags":[1628,1627],"class_list":["post-26909","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-466-februar-2022","category-die-waffen-nieder","category-spurensicherung","tag-deserteure","tag-wehrmacht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26909","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26909"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26909\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}