{"id":27076,"date":"2022-02-28T12:36:35","date_gmt":"2022-02-28T10:36:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/unbedingte-solidaritaet\/"},"modified":"2022-03-02T11:35:57","modified_gmt":"2022-03-02T09:35:57","slug":"unbedingte-solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/unbedingte-solidaritaet\/","title":{"rendered":"Unbedingte Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Solidarit\u00e4t \u2013 wer blieb von ihrer Anrufung durch das von Regierungskreisen hervorgerufene Propagandafeuer verschont? Dabei ist es durchaus befremdlich und sollte Anlass zum kritischen Nachfragen bieten, wenn dieser Begriff in Krisensituationen von politischen Eliten genutzt und damit auch den emanzipatorischen sozialen Bewegungen enteignet wird. Doch auch die Verwendung des Solidarit\u00e4tsbegriffs innerhalb der gesellschaftlichen Linken selbst ist nicht unproblematisch. Durch seinen teils inflation\u00e4ren Gebrauch wird der Begriff schnell zur sinnentleerten Phrase und symbolisiert damit vor allem die Suche nach Orientierung, eigenen Standpunkten und Best\u00e4ndigkeit in unsicheren Zeiten. Dies ist legitim und verst\u00e4ndlich, sollte allerdings reflektiert geschehen. Denn insbesondere wenn bestimmte Konzepte auf der Stra\u00dfe, in Twitterposts oder Gespr\u00e4chen vehement propagiert und eingefordert werden, l\u00e4sst sich die Frage aufwerfen, ob emanzipatorische Linke das selbst \u00fcberhaupt gut k\u00f6nnen: solidarisch sein. Denn was verstehen wir \u00fcberhaupt unter \u201eSolidarit\u00e4t\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lea Susemichel und Jens Kastner versammeln 15 unterschiedliche Beitr\u00e4ge im aktuellen Band \u201eUnbedingte Solidarit\u00e4t\u201c. Aktuell ist das Buch dabei nicht vorrangig aufgrund seines Erscheinungsdatums, sondern weil Kastner, Susemichel und die von ihnen eingeladenen Autor*innen sich mit ihren Beitr\u00e4gen auf Augenh\u00f6he und am Puls der Zeit bewegen. Den Begriff der \u201eunbedingten Solidarit\u00e4t\u201c verwenden die beiden Herausgeber*innen dabei in Anschluss an die feministische Theoretikerin Diane Elam (\u201egroundless solidarity\u201c), welche betont, dass sich Solidarit\u00e4t gerade anhand von Differenzen herausbildet. Sie besteht also weder im Gekl\u00fcngel unter Menschen in gleichen oder zumindest \u00e4hnlichen Situationen und Positionen noch in paternalistischer Wohlt\u00e4tigkeit oder sozialstaatlicher Verwaltung von Armen, Schwachen, Ausgegrenzten. Stattdessen ist es die Anerkennung der Unterschiede, welche erst ihre \u00dcberwindung erm\u00f6glicht, ohne die Anderen in die eigene soziale Gruppe integrieren zu m\u00fcssen, sondern sie anders sein l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich dieser Perspektive pers\u00f6nlich vollkommen zustimme, finde ich keine bessere Formulierung, um sie zu beschreiben, als Susemichel und Kastner es selbst tun. Mit dem von ihnen herausgebrachten Sammelband wollen sie zeigen, dass \u201eK\u00e4mpfe und Konflikte innerhalb solidarischer Allianzen nicht das Scheitern von Solidarit\u00e4t bedeuten. Ganz im Gegenteil: Nicht selten sind diese K\u00e4mpfe erst die Bedingung der M\u00f6glichkeit von Solidarit\u00e4t. Denn um Solidarit\u00e4t muss gerungen werden, sie konstituiert sich zumeist konfliktiv. Erst in diesem Prozess formiert sich auch das solidarische Kollektiv, das sich nicht zwangsl\u00e4ufig aufgrund geteilter Erfahrung (oder gar einer wie auch immer gearteten \u201aWesensverbindung\u2018) herausbildet. Unbedingte Solidarit\u00e4t beruht also auf Differenzen (und nicht auf Gleichheit), sie bedarf der Konflikte (und nicht der Konformit\u00e4t), sie hat mit Gef\u00fchlen zu tun (und nicht nur mit rationalen Entscheidungen). Unbedingte Solidarit\u00e4t ist eine \u201aKampfsolidarit\u00e4t\u2018, nicht nur im Sinne einer \u201asolidarity against\u2018, die sich nach au\u00dfen geschlossen gegen Unmenschlichkeit und Ungleichheit richtet, sondern die auch innerhalb der eigenen Reihen f\u00fcr mehr Gerechtigkeit k\u00e4mpft, wo n\u00f6tig. Unbedingte Solidarit\u00e4t ist ein reziproker Prozess des Aufbaus neuer Beziehungen, eine solidarische Praxis, die zugleich institutionalisierte Formen annehmen kann (und sollte), um gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die Solidarit\u00e4t zu verstetigen.\u201c (S. 14) Wenn unbedingte Solidarit\u00e4t auf Differenzen beruht, bedeutet dies ferner, \u201e[&#8230;] dass es gerade keinen gemeinsamen Erfahrungshorizont gibt und dass Trennendes \u00fcberwunden werden kann. Unbedingte Solidarit\u00e4t besteht nicht in der Parteinahme f\u00fcr meinesgleichen, sondern darin, mit Menschen in solidarische Beziehungen zu treten, mit denen man gerade nicht die Fabrik und das Milieu, die sexuelle Orientierung, das Geschlecht oder die ethnische Zuschreibung teilt. [\u2026] Endlos und kontingent \u2013 das macht Solidarit\u00e4t zu einer st\u00e4ndig aufs Neue zu erk\u00e4mpfenden Beziehung zwischen Menschen, die vor allem praktisch zu verwirklichen ist und deren Institutionalisierungen immer neu zu verhandeln sind.\u201c (S. 15) Dar\u00fcber hinaus verstehen die Herausgeber*innen unter der Bedingungslosigkeit von Solidarit\u00e4t, dass diese kein \u201eTauschgesch\u00e4ft von Rechten und Pflichten oder Kosten und Nutzen\u201c ist und keine Gegenleistungen erwarten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich fassen sie das \u201eUnbedingte\u201c des von ihnen dargestellten Verst\u00e4ndnisses von Solidarit\u00e4t so auf, dass es in der heutigen Zeit unbedingt und dringend notwendig erscheint, sie zu praktizieren. Worauf sich dies bezieht, daf\u00fcr bleibt ein weiter Spielraum. Er kann sich auf ausgeschlossene Migrant*innen beziehen, auf kommende Generationen, Menschen in postkolonial unterdr\u00fcckten L\u00e4ndern, aufgrund ihrer Geschlechtsidentit\u00e4t oder ihres sexuellen Begehrens marginalisierte Gruppen oder auf prekarisierte Lohnabh\u00e4ngige. Solidarit\u00e4t wird m\u00f6glich, wo diese Grenzen \u2013 die zum Teil auch durch die Herrschaftsordnung gezogen werden \u2013 \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen, ohne deswegen eine Gleichmacherei zu bewirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Solidarit\u00e4t nachzudenken, geriet in der sozialistischen Bewegung im Unterschied zu den Begriffen der Freiheit und Gleichheit meistens zu kurz. Entweder nahm man an, sie best\u00fcnde mehr oder weniger vorab in den k\u00e4mpfenden Gemeinschaften oder aber, sie k\u00f6nnte erst umfassend verwirklicht werden, wenn die sozialistische Gesellschaftsform erk\u00e4mpft worden sei. Dass sie aber Voraussetzung f\u00fcr soziale K\u00e4mpfe und deren emanzipatorische Ausrichtung ist, dass sie zu Erfahrungen inspiriert, motiviert und verbindet, wird erst in j\u00fcngerer Zeit wieder st\u00e4rker thematisiert. Dies tun im Sammelband unter anderem Rahel Jaeggi als Vertreterin einer zeitgen\u00f6ssischen Kritischen Theorie, Bini Adamczak mit ihrer besonderen beziehungstheoretischen und ge<br \/>\nschichtsphilosophischen Perspektive, Silke van Dyk mit ihrem Fokus auf die soziale Frage, Friederike Habermann, die in der feministischen \u00d6konomie bekannt ist, sowie Torsten Bewernitz, welcher sich einer Aktualisierung der gewerkschaftlichen Solidarit\u00e4t widmet. Insgesamt liefern sie damit wichtiges Handwerkszeug f\u00fcr die soziale Revolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solidarit\u00e4t \u2013 wer blieb von ihrer Anrufung durch das von Regierungskreisen hervorgerufene Propagandafeuer verschont? 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