{"id":27079,"date":"2022-02-28T12:36:37","date_gmt":"2022-02-28T10:36:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/anarchistische-geographien\/"},"modified":"2022-03-02T11:23:04","modified_gmt":"2022-03-02T09:23:04","slug":"anarchistische-geographien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/anarchistische-geographien\/","title":{"rendered":"Anarchistische Geographie(n)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Geographie ist seit jeher ein wichtiges Thema innerhalb des anarchistischen Theoriegebildes. Auf der einen Seite waren sowohl der russische Anarchokommunist Peter Kropotkin als auch der franz\u00f6sische Anarchist \u00c9lis\u00e9e Reclus renommierte Geographen, deren Bedeutung \u00fcber den anarchistischen Kosmos hinausreichte, auf der anderen Seite legte der Individualanarchist Walther Borgius in seiner Schrift \u201eDie Schule. Ein Frevel an der Jugend\u201c (1930) einen besonderen Fokus auf die Untersuchung des politisch-ideologischen Gehalts des Geographieunterrichts. In den letzten Jahren l\u00e4sst sich auch eine Renaissance der Besch\u00e4ftigung mit Geographie aus anarchistischer Perspektive \u2013 gerade im angels\u00e4chsischen Raum \u2013 feststellen. In Deutschland fristet jenes Thema nach wie vor ein Schattendasein. Umso spannender ist es, sich den vorliegenden Sammelband anzuschauen. Bereits an der unterschiedlichen Ausrichtung und Verortung der beiden Herausgeber*innen l\u00e4sst sich das Spannungsverh\u00e4ltnis des Bandes erkennen. W\u00e4hrend germaine f. spoerri einen eher subkulturellen, anti-akademischen Fokus pr\u00e4feriert, m\u00f6chte sich Ferdinand Stenglein im akademischen Bereich ansiedeln und einen Beitrag zur Anarchismusforschung leisten. Sie legen in der Form eines von Dina Bolokan moderierten Gespr\u00e4chs ihre Zug\u00e4nge dar. Ferdinand bringt die Positionen gut auf den Punkt, wenn er sagt: \u201eIch habe durchaus den Anspruch, dass er [der Sammelband] gewissen akademischen Gepflogenheiten entspricht und aktuelle akademisch-geographische Diskurse aufgreift. germaine, du m\u00f6chtest dich nicht f\u00fcr die Institution, f\u00fcr die Akademie verbiegen und hast gut begr\u00fcndete \u00dcberzeugungen, die mit diesem Anspruch [der Wissenschaftlichkeit] im Konflikt stehen\u201c (S. 10f.). Au\u00dfer dem Interview und der gemeinsamen Einleitung findet sich leider kein eigenst\u00e4ndiger Beitrag von germaine im vorliegenden Sammelband. Nach den Ausf\u00fchrungen im Interview von germaine w\u00e4re dies sicherlich spannend gewesen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weder Fisch noch Fleisch<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">So l\u00f6blich die daraus folgende Spannbreite von Beitr\u00e4gen auch ist, so sehr leidet aber auch die Qualit\u00e4t darunter. Liest man den Sammelband aus Szenesicht, ist die H\u00e4lfte plump als \u201eakademische Nabelschau\u201c abzuwerten; umgekehrt wirkt vieles aus akademischer Sicht wie \u201eunausgegorener Szenemief\u201c. Um eine h\u00e4ufig herangezogene Metapher zu benutzen \u2013 es ist weder Fisch noch Fleisch. Es gelingt den Herausgeber*innen leider nicht, den Balanceakt zwischen beiden Fraktionen ad\u00e4quat hinzubekommen. Vereinzelt verwischt auch die Grenze zu anderen Zug\u00e4ngen zur Geographie \u2013 sei es aus einer queer-feministischen oder postkolonialen Perspektive \u2013, wobei die Einbindung in einen anarchistischen Diskurs teilweise unterbleibt bzw. lediglich oberfl\u00e4chlich ist. In insgesamt 13 inhaltlichen Beitr\u00e4gen, die sich unter die vier Kategorien \u201ePositionen\u201c, \u201eK\u00e4mpfe um autonome Geographien\u201c, \u201eRebellische Lernprozesse\u201c und \u201e(Anti-)Genealogien\u201c aufgeteilt finden, werden sehr unterschiedliche Aspekte der (anarchistischen) Geographie aufgegriffen. Vor diesem Hintergrund m\u00f6chte ich nur auf einzelne Beitr\u00e4ge eingehen, die mir als besonders relevant bzw. f\u00fcr den anarchistischen Diskurs als innovativ auffielen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Gro\u00dfe Spannbreite<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Beitrag ist \u201e\u201aListen, radical geographer!\u2018: Soziale K\u00e4mpfe, Anarchismus und Geographie in Bewegung\u201c von Timo Bartholl. In dem vom Titel an einen Text Murray Bookchins angelehnten Aufsatz lotet er das \u201ew\u00fcnschenswerte Verh\u00e4ltnis von Geographie und Anarchismus\u201c (S. 58) aus. Dabei bezieht er sich auf seine Forschungserfahrungen in Rio de Janeiro (vgl. S. 59). Weiterhin von Interesse ist der Beitrag \u201eThe Roots of Radical Geography? Oder: Reclus und Kropotkin ernst nehmen\u201c von Pascale Siegrist. Sie zeichnet darin u. a. ein St\u00fcck weit die R\u00fcckbesinnung auf anarchistische Wurzeln, namentlich Kropotkin und Reclus, innerhalb der Radical Geography nach. Dabei stellt sie auch einzelne Aspekte ihres Denkens vor. Beide Beitr\u00e4ge geh\u00f6ren zur Fraktion der akademischen Beitr\u00e4ge. Die eher dem Bewegungssegment zuordenbaren Beitr\u00e4ge haben mich weniger \u00fcberzeugt. Eine Reflexion z. B. \u00fcber ein selbstorganisiertes Uniseminar habe ich schon in sehr vielen Kontexten gelesen, und da fehlt mir dann doch die fachspezifische Ausrichtung bzw. eine wirklich neue Erkenntnis oder Perspektive, die zu den Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens geh\u00f6rt. Insgesamt ist dieser Sammelband sicherlich eine gute Bestandsaufnahme des deutschsprachigen Diskurses \u2013 mit all seinen Schw\u00e4chen, auch wenn man einige Namen wie den von Simon Runkel als Beitr\u00e4ger*innen vermisst. Nach meinem Geschmack h\u00e4tte es sich allerdings f\u00fcr beide Fraktionen besser gemacht, h\u00e4tte man sie klar voneinander getrennt. Viele Beitr\u00e4ge habe ich beim ersten Lesen nach ein paar Zeilen erst einmal \u00fcbersprungen, weil sie mir f\u00fcr das von mir als Leser erwartete Themenfeld v\u00f6llig irrelevant erschienen. Manches h\u00e4tte ich eher in einem Szenebuch erwartet (z. B. der Beitrag von #besetzen \u00fcber Polizeirepressalien gegen das besetzte ZAD-Gel\u00e4nde oder \u00fcber selbstorganisierte Uniseminare), anderes hat man bereits gef\u00fchlt tausendmal gelesen bzw. fehlt ein direkter Bezug zum Metier (beispielsweise Jonathan Eibisch mit seinem Ansatz zu Postanarchismus, den GWR-Leser*innen auch bereits aus Beitr\u00e4gen kennen). Vor diesem Hintergrund droht manch ein sehr guter und wichtiger Beitrag zwischen den anderen Artikeln unterzugehen. Insgesamt w\u00fcrde ich jenen Sammelband nur unter Vorbehalt zur Anschaffung empfehlen. Pers\u00f6nlich h\u00e4tte ich mir einiges mehr davon erhofft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geographie ist seit jeher ein wichtiges Thema innerhalb des anarchistischen Theoriegebildes. Auf der einen Seite waren sowohl der russische Anarchokommunist Peter Kropotkin als auch der franz\u00f6sische Anarchist \u00c9lis\u00e9e Reclus renommierte Geographen, deren Bedeutung \u00fcber den anarchistischen Kosmos hinausreichte, auf der anderen Seite legte der Individualanarchist Walther Borgius in seiner Schrift \u201eDie Schule. 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