{"id":27080,"date":"2022-02-28T12:36:37","date_gmt":"2022-02-28T10:36:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/zwischen-begeisterung-fuer-und-kritik-an-gandhi\/"},"modified":"2022-03-02T11:15:15","modified_gmt":"2022-03-02T09:15:15","slug":"zwischen-begeisterung-fuer-und-kritik-an-gandhi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/zwischen-begeisterung-fuer-und-kritik-an-gandhi\/","title":{"rendered":"Zwischen Begeisterung f\u00fcr und Kritik an Gandhi"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mandayam Prativadi Bhayankaram Tirumal \u2013 was f\u00fcr ein Koloss an Vornamen, weshalb Acharya seine Schriften mit M. P. T. abk\u00fcrzte. Acharya geh\u00f6rt zu den transnationalen Anarchist*innen des 20. Jahrhunderts, so wie Rudolf Rocker, Emma Goldman oder Augustin Souchy, die in mehreren L\u00e4ndern, ja Kontinenten agierten und zuhause waren. Geboren 1887 in Madras\/Indien als Angeh\u00f6riger der privilegierten Brahmanenkaste, kam er schon 1908 nach London ins damalige \u201eIndia House\u201c, das indische Student*innen frequentierten, wo sie den europ\u00e4ischen Attentats-Anarchismus der \u201ePropaganda der Tat\u201c rezipierten und selbst Anschl\u00e4ge auf britische Kolonialisten durchf\u00fchrten. Acharya stand damals dem Drahtzieher der Attentate, V. D. Savarkar, zur Seite, den er sp\u00e4ter in einem Artikel von 1950 als Hindu-Nationalisten kritisierte. ((1)) Nach ersten Kontakten zur \u00e4gyptischen und indischen antikolonialen Bewegung sowohl in Istanbul als auch in New York besuchte er 1917 in Stockholm die dritte Zimmerwald-Konferenz gegen den Weltkrieg. Ab 1919 war er an W. I. Lenins Seite in Moskau, der ihn als kommunistischen Organisator in den asiatischen Bereich der Sowjetunion schickte, wo Acharya im Oktober 1920 in Taschkent die Kommunistische Partei Indiens (CPI) mitbegr\u00fcndete, aber schon im Dezember desselben Jahres austrat. Die Neue \u00d6konomische Politik (NEP) mit Wiedereinf\u00fchrung von Marktmechanismen durch Lenin kritisierte er scharf als prokapitalistisch und kehrte 1922 zusammen mit seiner russisch-j\u00fcdischen Lebensgef\u00e4hrtin Magda Nachman nach Europa zur\u00fcck, diesmal nach Berlin. Dort schloss er sich der gerade gegr\u00fcndeten Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) an und lernte Rocker, Souchy und Max Nettlau kennen, \u00fcber dessen Arbeit als Historiker er 1935 in der spanisch-anarchistischen \u201eLa Revista Blanca\u201c eine Hommage publizierte. ((2)) Ole Birk Laursen, Anarchismusforscher an den Universit\u00e4ten von London und Kopenhagen, hat nach einem rund 30-seitigen biografischen Abriss insgesamt 50 Texte dieses transnationalen Anarchisten im Buch versammelt, die sicher nicht vollst\u00e4ndig sind.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Transnational anarchistisch vernetzt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Acharya war in den 1920er-Jahren zun\u00e4chst Anarchosyndikalist, dann kommunistischer Anarchist, schrieb Analysen in der IAA-Zeitung \u201eDie Internationale\u201c, \u00fcbersetzte Texte zusammen mit Augustin Souchy, der mit dessen \u00dcbersetzungen nicht immer zufrieden war, trotzdem einen seiner Artikel 1928 separat als \u201eDer Antimilitarismus in Indien\u201c auf Deutsch herausbrachte und erw\u00e4hnte, dass dieser Text gleichzeitig bei der \u201eDeutschen Sektion der War Resisters\u2019 International\u201c eingereicht wurde. ((3)) St\u00e4ndig blieb Acharya in Kontakt zur US-amerikanischen IWW (Industrial Workers of the World) und schrieb immer wieder f\u00fcr anarchistische US-Zeitungen wie \u201eThe Road to Freedom\u201c oder \u201eMan!\u201c. In seinen \u00f6konomischen Analysen blieb er kompromissloser kommunistischer Anarchist, lehnte jede Form des \u2013 auch sozialistischen \u2013 Warentauschs ab, der nur immer wieder zu Staat und Kapitalismus zur\u00fcckf\u00fchre. Sein Schreibstil war propagandistisch, es gab in seinen Artikeln keine Quellenbelege. Die Analysen waren m. E. vereinfacht, ja manchmal sogar platt, weshalb er mitunter zu haarstr\u00e4ubenden Fehleinsch\u00e4tzungen kam; so etwa, als er noch 1938 fest \u00fcberzeugt meinte, dass \u201etrotz umfangreicher Kriegsvorbereitungen ein Weltkrieg unm\u00f6glich ist\u201c ((4)) \u2013 aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden. Trotz scharfer Kritik sowohl am Kapitalismus als auch am Staatskapitalismus, mit welchem Begriff er seit der NEP die Sowjetunion verurteilte, blieb er in Kontakt mit Einzelnen aus seiner leninistischen Zeit. Dadurch bewahrte er ein \u00f6konomisches Basis-\u00dcberbau-Denken, das den subjektiven Faktor, d. h. die Wirkungen individueller Willensst\u00e4rke, untersch\u00e4tzte, weshalb er etwa auch kaum perspektivische Einsch\u00e4tzungen sozialer Bewegungen und anarchistischer Einfl\u00fcsse darauf geben konnte.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ambivalentes Verh\u00e4ltnis zu Gandhi und Gandhianer*innen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Ausnahme stellten hierbei seine erhellenden Analysen zur indischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung und zu Gandhi dar. Zwar kritisierte er Gandhi immer wieder, deckte f\u00fcr dessen erste Kampagne 1918\/19 Widerspr\u00fcche auf, aber die Salzmarschbewegung 1930 nahm ihn dann mit und begeisterte ihn regelrecht. So schrieb er in \u201eGandhi and Non-Violence\u201c 1930: \u201eOhne Anh\u00e4nger Gandhis zu sein, bewundere ich den Gandhismus, so wie er heute in Indien praktiziert wird.\u201c Gegen die britische Propaganda, Gewaltfreiheit werde fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in Gewalt umschlagen: \u201eGewaltfreiheit ist das einzige Prinzip, das die Widerst\u00e4ndigen davon abh\u00e4lt, den Provokationen und Provokateuren der Regierung zum Opfer zu fallen.\u201c Und: \u201eGandhis Predigt der Gewaltfreiheit bedaure ich nicht. Er hat gezeigt, dass Gesetze negiert und zu toten Buchstaben werden k\u00f6nnen, wenn die Leute es so wollen.\u201c ((5)) Nach jahrelang abgelehnten Antr\u00e4gen f\u00fcr einen britischen Pass, der die Voraussetzung f\u00fcr seine Wiedereinreise in Indien darstellte, gelang ihm die R\u00fcckkehr 1935. Er begann nun, anarchistische Literatur in Indien zu verbreiten und eine erste anarchistische Gruppe aufzubauen. W\u00e4hrend der Spanischen Revolution 1936 bef\u00fcrwortete er wieder zeitweise Gegengewalt und die Milizen als Notwehr, w\u00e4hrend er vordem und nachher den B\u00fcrgerkrieg abgelehnt hatte. Trotz Kritik an den so genannten Regierungsgandhianern wie Rajendra Prasad direkt nach der Unabh\u00e4ngigkeit Indiens kam es wieder zu einer Ann\u00e4herung an Gandhi. Acharya schrieb noch 1953, ein Jahr vor seinem Tod durch Tuberkulose, Artikelserien f\u00fcr die gandhianische Zeitschrift \u201eHarijan\u201c (dt. Kinder Gottes; positiver Begriff f\u00fcr \u201eUnber\u00fchrbare\u201c), von denen hier leider nur einer abgedruckt ist. ((6)) Von 1948 bis 1953 stand er im Briefwechsel mit Boris Yelensky von der Chicagoer \u201eFree Society Group\u201c, in der auch Rocker war. Acharya schrieb Yelensky kurz vor seinem Tod aus Indien: \u201eDie einzigen Leute, die hier dem Anarchismus nahestehen, sind die Gandhianer aus der Harijan-Gruppe. Sie sind Fast-Anarchisten, weil sie f\u00fcr Dezentralisierung (unabh\u00e4ngige Dorf-Kommunen), eine Produktion f\u00fcr den Gebrauch und die direkte Aktion eintreten.\u201c ((7)) Wer es nicht \u00fcber Schottland oder die USA erwerben kann oder will: Dieses wichtige englischsprachige Buch \u00fcber einen transnationalen Anarchisten ist inzwischen vollst\u00e4ndig im Internet verf\u00fcgbar. ((8))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mandayam Prativadi Bhayankaram Tirumal \u2013 was f\u00fcr ein Koloss an Vornamen, weshalb Acharya seine Schriften mit M. P. T. abk\u00fcrzte. Acharya geh\u00f6rt zu den transnationalen Anarchist*innen des 20. Jahrhunderts, so wie Rudolf Rocker, Emma Goldman oder Augustin Souchy, die in mehreren L\u00e4ndern, ja Kontinenten agierten und zuhause waren. 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