{"id":27082,"date":"2022-02-28T12:36:38","date_gmt":"2022-02-28T10:36:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/wider-das-indianerkostuem\/"},"modified":"2022-03-02T11:02:36","modified_gmt":"2022-03-02T09:02:36","slug":"wider-das-indianerkostuem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/wider-das-indianerkostuem\/","title":{"rendered":"Wider das Indianerkost\u00fcm"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Debatte um \u201ekulturelle Aneignung\u201c, die auch die GWR k\u00fcrzlich aufgenommen hat, hat jetzt ein deutschsprachiges Referenzwerk. Der Potsdamer Sozialwissenschaftler Lars Distelhorst hat das gleichnamige Buch bei der Edition Nautilus ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Theoretische und Alltagsdebatten<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor gibt einen guten \u00dcberblick \u00fcber die theoretischen und die Alltagsdebatten zu diesem umstrittenen Ph\u00e4nomen. Er analysiert es im Kontext des europ\u00e4ischen Kolonialismus, anhaltender rassistischer Strukturen und kapitalistischer Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse (wobei er letztere eher in der Sph\u00e4re der Konsumtion sieht als in jener der Produktion). Er diskutiert Ph\u00e4nomene kolonialen Kunstraubs ebenso wie kapitalistische Konsumwelten. Wohltuend an seiner Argumentation ist die Betonung, dass bei der Betrachtung kultureller Sachverhalte nie die Dimension der Machtverh\u00e4ltnisse ausgeblendet werden sollte. Ebenso wichtig erscheint, dass er seine eigene Rolle als \u201eWei\u00dfer\u201c in diesem Problemfeld selbstkritisch reflektiert und Einblicke in seinen m\u00fchsamen Erkenntnisprozess gew\u00e4hrt. Mit Blick auf Pippi Langstrumpf und das dort verwendete \u201eN-Wort\u201c steht der wichtige Satz: \u201eWir sind heute ebenso gut antirassistisch wie Astrid Lindgren zu ihrer Zeit und haben noch einen weiten Weg vor uns, wenn wir diesen Anspruch ernst nehmen und entsprechende Wahrnehmungsmuster aufbrechen wollen.\u201c (S. 39) Aber bei jedem Aufbrechen stellt sich die Frage: Wohin? Wenn etwa \u201eCancel Culture\u201c schon immer eine Realit\u00e4t f\u00fcr Menschen gewesen ist, die von Rassismus betroffen sind, aber erst skandalisiert wird, seit sie Menschen der dominanten Kultur trifft \u2013 dann pl\u00e4diert Distelhorst entschieden daf\u00fcr, Beschr\u00e4nkungen in die Dominanzkultur einzuziehen. W\u00e4re nicht die Frage fruchtbarer, wie man die gegen Underdogs gerichtete \u201eCancel Culture\u201c aufl\u00f6sen kann?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Erst den Betroffenen zuh\u00f6ren<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um herauszufinden, ob das eine blau\u00e4ugige Frage war, k\u00f6nnte Distelhorsts guter Ansatz helfen, man solle erst mal den Betroffenen zuh\u00f6ren, statt stur auf selbstverst\u00e4ndlichen Privilegien zu beharren. Dementsprechend werden Intellektuelle mit nichtwestlichen Biografien in diesem Buch vielfach zitiert. Aber auch hier zeigt sich: \u201eDie\u201c Betroffenen sind niemals eine homogene Community. Der eine beschwert sich vielleicht \u00fcber \u201ewei\u00dfe\u201c Dreadlocks als kulturelle Aneignung; die andere freut sich \u00fcber die Hochsch\u00e4tzung ihrer kulturellen Tradition, die in der \u00dcbernahme liegt. Man sollte beide nicht in den K\u00e4fig einer gemeinsamen kulturellen Identit\u00e4t zusammensperren. Aber man sollte auch nicht gruppenbezogene Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse in einem Chaos von Individualit\u00e4ten verstecken. Distelhorst erkennt und diskutiert dieses Problem, aber ebenso wie wir alle kommt er an ad-hoc-Essentialisierungen und Stereotypisierungen nicht vorbei. Wenn er z. B. von dem \u201eUS-amerikanische[n] Kritiker Edward Said\u201c (S. 74) spricht, so ist die nationale Zuordnung nicht ganz falsch \u2013 beraubt Said aber diskursiv seiner pal\u00e4stinensischen Wurzeln, die so zentral f\u00fcr die Entwicklung seines \u201eOrientalismus\u201c-Konzepts waren. Solche Vereinfachungen des Komplexen sind okay, weil sie unvermeidlich sind. Auch wenn Distelhorst an mehreren Stellen die Hautfarbe essentialisiert, indem er z. B. alle wei\u00dfen Menschen als \u201eUrheber*innen und Profiteur*innen\u201c des Rassismus (nicht nur als in diesen Verstrickte) anspricht (S. 182), entwertet das seine Analysen kaum. Es sollte aber etwas mehr Zur\u00fcckhaltung nahelegen, wenn es um die Essentialisierungen und Stereotypisierungen geht, die anderen antirassistisch Bem\u00fchten unterlaufen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Diskriminierend oder gegenkulturell?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein \u201eIndianerkost\u00fcm\u201c, meint Distelhorst, sei geeignet, \u201eKinder auf diskriminierende Stereotype zu eichen\u201c (S. 20). Aber was f\u00fcr Stereotype sind das denn? Ist es nicht eine Ahnung von Freiheit, von Staatsfeindschaft? Ja, der \u201eedle Wilde\u201c ist zweifellos ein Stereotyp (wie \u00fcbrigens notwendigerweise jedes Kost\u00fcm und wie alles, was Kindern m\u00f6glich ist, deren Differenzierungsverm\u00f6gen ja erst langsam w\u00e4chst). Immerhin dr\u00fcckt das Karnevalskost\u00fcm des Kindes aus, dass es noch ein Mehr an M\u00f6glichkeiten gibt. Was sind denn, neben dem \u201eIndianer\u201c, beliebte Kost\u00fcme? Hexe, Pirat, Clown, auch das Z-Wort k\u00f6nnte hier fallen. Es sind alles auf ihre Weise ExponentInnen einer Gegenkultur. \u00dcberall findet man die Negation der Staatlichkeit, die Ahnung eines anderen und besseren Lebens. Wollen wir das den Kindern (bzw. dem Karneval) wegnehmen und nur noch \u201eunpolitische\u201c Verkleidungen erlauben? Oder allenfalls noch die Kost\u00fcmierung als Ritter oder Burgfr\u00e4ulein? F\u00fcr mich best\u00e4tigt Distelhorsts Buch: Alles, was an der Kritik an kultureller Aneignung richtig ist, l\u00e4sst sich zur\u00fcckf\u00fchren auf die Kritik an den Ausbeutungs- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen, unter denen kulturelle \u00dcbernahmen stattfinden. Mir scheint, man sollte \u2013 bei aller Sensibilit\u00e4t f\u00fcr kulturelle Verletzbarkeiten \u2013 kultur\u00fcbergreifend vor allem diese Verh\u00e4ltnisse bek\u00e4mpfen. Vorw\u00e4rts in eine Welt, in der man sich \u00fcber jedes Individuum und \u00fcber jede Kultur lustig machen kann, weil sie alle stark und gleichberechtigt sind und mitlachen k\u00f6nnen! Das Buch \u201eKulturelle Aneignung\u201c hat bei mir viel Zustimmung, aber auch mancherlei Widerspruch ausgel\u00f6st. Das hei\u00dft: Es ist ein gutes Buch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte um \u201ekulturelle Aneignung\u201c, die auch die GWR k\u00fcrzlich aufgenommen hat, hat jetzt ein deutschsprachiges Referenzwerk. Der Potsdamer Sozialwissenschaftler Lars Distelhorst hat das gleichnamige Buch bei der Edition Nautilus ver\u00f6ffentlicht. Theoretische und Alltagsdebatten Der Autor gibt einen guten \u00dcberblick \u00fcber die theoretischen und die Alltagsdebatten zu diesem umstrittenen Ph\u00e4nomen. 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