{"id":27084,"date":"2022-02-28T12:36:38","date_gmt":"2022-02-28T10:36:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/findbuch-zum-fruehen-anarchismus\/"},"modified":"2022-03-02T10:56:09","modified_gmt":"2022-03-02T08:56:09","slug":"findbuch-zum-fruehen-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/findbuch-zum-fruehen-anarchismus\/","title":{"rendered":"Findbuch zum fr\u00fchen Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In der Zeit, als die preu\u00dfische Hauptstadt mit ihrer Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t (heute: Humboldt-Universit\u00e4t) noch den Ruf eines Spree-Athen genoss und Studierende wie den d\u00e4nischen Existenzialisten S\u00f8ren Kierkegaard oder den russischen Anarchisten Michail Bakunin scharenweise anlockte, trafen sich regelm\u00e4\u00dfig in der Weinstube \u201eHippel\u201c in der Friedrichstra\u00dfe junge Intellektuelle, tranken und diskutierten. Sie wurden in den 1840er-Jahren bekannt als \u201eKreis der Freien\u201c. Zu seinen Mitgliedern geh\u00f6rten der als Freiwilliger dienende Friedrich Engels, der seinen Saufkumpanen mit dem Gedicht Triumph des Glaubens (1842) ein literarisches Denkmal setzte, der heutzutage wegen seines Antisemitismus avant la lettre ((1)) umstrittene Bibelkritiker Bruno Bauer und der Anarchist Max Stirner, aber auch viele emanzipierte Frauen wie Emilie Lehmann, die aus den gesellschaftlich gepr\u00e4gten Rollen ausbrachen. Letztere werden in der Forschung leider weitestgehend verschwiegen und ignoriert. Das vorliegende Findbuch beginnt mit einem einleitenden, mit gut 150 Seiten sehr umfangreich ausgefallenen Essay (\u201eVorm\u00e4rzlicher Anarchismus\u201c) von Olaf Briese, der anarchistische Aspekte innerhalb jenes Kreises in den Fokus r\u00fcckt \u2013 und einen bereits von ihm publizierten Beitrag vertieft. Dieses Vorgehen bez\u00fcglich der Zuschreibung des Anarchismus ist nicht unkritisch, weil sich zu jenem Zeitpunkt noch kein festes Gedankengeb\u00e4ude des Anarchismus herausgebildet hatte. Erst im Jahr 1840 f\u00fchrte Pierre-Joseph Proudhon einen positiv besetzten Anarchie-Begriff ein; erst knapp 50 Jahre sp\u00e4ter formierte sich eine anarchistische Bewegung in diversen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Proudhon selbst, als \u201eerster Anarchist\u201c tituliert, nimmt eine Scharnierfunktion zwischen vormarxistischem und anarchistischem Sozialismus ein. Die Junghegelianer*innen wirkten zeitlich fr\u00fcher \u2013 und k\u00f6nnen daher m. E. nur als Fr\u00fchanarchist*innen gewertet werden. Briese umrei\u00dft sein Verst\u00e4ndnis einleitend nur kurz und vermeidet eine direkte Definition. Die von ihm benannten Aspekte zur Zuordnung zum Anarchismus sind u. a. \u201eDissidenz und Bruch mit bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnissen, die Betonung der Rechte von Individuen in kooperativen und solidarischen Gemeinschaftsformen sowie das Ideal nicht nur der Minimierung von Herrschaft, sondern der Aufhebung von Herrschaft, und zwar nicht nur auf den Gebieten der \u201a\u00d6konomie\u2018 und \u201aPolitik\u2018.\u201c (S. 7) Die Aspekte k\u00f6nnen genauso von anderen politischen Str\u00f6mungen f\u00fcr sich beansprucht werden, sodass er sich hier auf politisch-philosophisch d\u00fcnnem Eis bewegt. Vor diesem Hintergrund attestiert er selbst Moses Hess, einem wichtigen und pr\u00e4genden Weggef\u00e4hrten Marx\u02bc aus dem Kreis des Bundes der Kommunisten, eine \u201eanarchistisch-kommunistische Programmatik\u201c (S. 65). Die Fremdzuschreibungen von Protagonist*innen zum Anarchismus wie im Falle der Bezeichnung der Hippel\u02bcschen Weinstube als \u201eAnarchistenclub\u201c durch einen Polizeispitzel im Jahr 1846 (vgl. S. 20) sind wohl eher im pejorativen als im ideengeschichtlichen Sinne zu verstehen und besitzen daher nur eine geringe Aussagekraft. Bei aller hier ge\u00e4u\u00dferten Kritik, die man vielleicht auch ein St\u00fcck weit auf wissenschaftliche Differenzen zwischen dem Verfasser des Essays und dem der Rezension zur\u00fcckf\u00fchren kann, ist aber auch das Positive, was bei Weitem \u00fcberwiegt, hervorzuheben. Briese geh\u00f6rt aktuell zu den wenigen Forscher*innen, die sich nicht mit einzelnen spezifischen Junghegelianer*innen besch\u00e4ftigen, sondern versuchen, die Bandbreite der Positionen und Protagonist*innen des (preu\u00dfischen) Junghegelianismus im Auge zu behalten. Das ist kein leichtes Unterfangen, da die Einordnung jenes Diskussionszirkels und Intellektuellenkreises nicht leichtf\u00e4llt. Aus soziologischer Perspektive hatte bereits Wolfgang E\u00dfbach im Rahmen seiner Habilitation mehrere Lesarten vorgestellt. Im Zuge des Essays werden auch die wichtigsten Vertreter*innen \u2013 darunter auch weniger bekannte Pers\u00f6nlichkeiten wie Emilie Lehmann oder Hermann Jellinek \u2013 kurz eingeordnet. Hierbei w\u00e4hlt Briese einen historischen Blickwinkel und verliert sich weniger in einer geistesgeschichtlichen Einordnung. Einen wichtigen Beitrag zur Forschung liefert Briese auch mit seiner Darstellung der Berliner Abend-Post, wozu er bereits im Vorfeld einen Artikel in Ne Znam \u2013 Zeitschrift f\u00fcr Anarchismusforschung publiziert hat. Schon aus der Aufz\u00e4hlung der Mitglieder des \u201eKreises der Freien\u201c ergibt sich, dass hier bereits \u2013 wie J\u00fcrgen Habermas in Drehscheibe der Moderne konstatierte \u2013 die gro\u00dfen philosophischen und politischen Str\u00f6mungen des 20. Jahrhunderts antizipiert wurden. Aus anarchistischer Sicht sind besonders Edgar Bauer, Max Stirner und das Umfeld der libert\u00e4ren Berliner Abend-Post von Interesse, auf die er im Rahmen eines Postskriptums innerhalb seines Aufsatzes n\u00e4her eingeht. Diese Zeitung gilt als stirnerianisch inspiriert. Nicht mehr direkt zu jenem Kreis, aber in den zeitlichen Kontext passend, findet auch Wilhelm Marr Eingang in das Findbuch. Dieser f\u00fchrte mit seinem Text Anarchie oder Autorit\u00e4t? den (positiv besetzen) Anarchie-Begriff in Deutschland ein \u2013 und wurde zum Gr\u00fcnder der Antisemitenliga. In akribischer Weise haben die Verfasser Best\u00e4nde aus Archiven gesichtet. Die Ergebnisse sind thematisch untergliedert in 18 Hauptpersonen, auf die sich 55 dokumentierte Akten beziehen \u2013 sowohl Personen- als auch \u201eMisch\u201cakten und auf \u00fcber 200 Seiten niedergeschrieben. Die Auff\u00fchrung der Fundstellen geht mit Ort, Zeit, Verfasser*in, Adressat*in und einer kurzen Inhaltsangabe des jeweiligen Dokuments einher. F\u00fcr die weiterf\u00fchrende historische Forschung \u00fcber den (preu\u00dfischen) Junghegelianismus und deutschsprachige Vorl\u00e4ufer*innen des Anarchismus ein sehr n\u00fctzliches Werkzeug. Allerdings ist auch klar, dass die beiden beteiligten Herausgeber eine absolute Nische bedienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Zeit, als die preu\u00dfische Hauptstadt mit ihrer Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t (heute: Humboldt-Universit\u00e4t) noch den Ruf eines Spree-Athen genoss und Studierende wie den d\u00e4nischen Existenzialisten S\u00f8ren Kierkegaard oder den russischen Anarchisten Michail Bakunin scharenweise anlockte, trafen sich regelm\u00e4\u00dfig in der Weinstube \u201eHippel\u201c in der Friedrichstra\u00dfe junge Intellektuelle, tranken und diskutierten. 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