{"id":27086,"date":"2022-02-28T12:36:39","date_gmt":"2022-02-28T10:36:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/der-kibbuz-zwei-realitaeten\/"},"modified":"2022-03-02T10:53:06","modified_gmt":"2022-03-02T08:53:06","slug":"der-kibbuz-zwei-realitaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/der-kibbuz-zwei-realitaeten\/","title":{"rendered":"Der Kibbuz: Zwei Realit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Menschen bringen den Kibbuz mit dem 1948 gegr\u00fcndeten Staat Israel in Verbindung. \u00dcber die nichtstaatliche 40-j\u00e4hrige Vorgeschichte der Kommunen ist in der Regel wenig bekannt. Hier setzt das Buch \u201eGelebte Revolution\u201c an und berichtet ausf\u00fchrlich \u00fcber die Anf\u00e4nge dieser emanzipatorischen Bewegung, ihre deutlichen Bez\u00fcge zum Anarchismus und sp\u00e4ter ihre Einbindung in autorit\u00e4r-b\u00fcrokratische Machtstrukturen von zentralistischen Institutionen und Staat.<br \/>\nVon 1880 bis 1923 wurden durch verschiedene Pogrome und ethnische S\u00e4uberungen erst hunderte, dann tausende und sp\u00e4ter sogar hunderttausende j\u00fcdische Menschen in Russland und Polen ermordet; eine halbe Million wurde obdachlos. Dies f\u00fchrte zu mehreren Flucht- und Einwanderungswellen nach Pal\u00e4stina, das zu dieser Zeit eine Provinz des Osmanischen Reiches war. Der von Theodor Herzl 1897 gegr\u00fcndete Zionistische Weltbund propagierte die Ansiedlung von J\u00fcdinnen und Juden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vision von sozialistischen Gemeinschaften<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">James Horrox stellt im ersten Teil seines Buches dar, wie ein vielf\u00e4ltiges Netzwerk von Organisationen und Einzelpersonen in Osteuropa und Deutschland aus der Not heraus, der antisemitischen Verfolgung und Diskriminierung zu entgehen, die Vision von sozialistischen Gemeinschaften in Pal\u00e4stina entwickelte. Eine besondere Rolle spielte Gustav Landauer, dessen \u201eAufruf zum Sozialismus\u201c in der j\u00fcdischen Wandervogel- und Jugendbewegung auf fruchtbaren Boden fiel. Auch die ArbeiterInnen- und PfadfinderInnenbewegung diskutierte diese Utopie von einer F\u00f6deration von Kommunen intensiv. Unterst\u00fctzt und befeuert wurde sie ebenfalls von Peter Kropotkin, Leo Tolstoi und Martin Buber, der Landauers Impulse nach dessen Ermordung 1919 weitertrug. Es ist sehr spannend zu lesen, wie aus den ersten Zeltlagern der Jugendbewegung auf den H\u00fcgeln am See Genezareth eine dynamische Bewegung f\u00fcr eine neue Gesellschaft entstand.<br \/>\nDoch neben der harten Arbeit auf dem Land warteten auch herbe Entt\u00e4uschungen auf die Neuank\u00f6mmlinge. 1910 waren die jungen MigrantInnen entsetzt, dass es beispielsweise in dem Betrieb Rishon Le-Zion ausbeuterische Verh\u00e4ltnisse in Form von j\u00fcdischen Aufsehern und hierarchischen Managerstrukturen gab, die ihren egalit\u00e4ren Bestrebungen diametral entgegenstanden. Dies f\u00fchrte zu Streikaktionen und zur Gr\u00fcndung von neuen Siedlungen, die sich auf genossenschaftlicher Basis selbst regierten und sich rasch ausbreiteten.<br \/>\nAusf\u00fchrlich und mithilfe vieler Beispiele geht Horrox auf ihre Entstehung und die damit verbundenen weltanschaulichen Diskussionen der Gr\u00fcnderInnen bei der praktischen Umsetzung ein. Ebenfalls beschreibt und analysiert er die gesamte Bandbreite, die die Organisations- und Lebensform Kibbuz ausgemacht hat: Gemeinsames Eigentum an den Produktionsmitteln, kein individuelles Einkommen, Ablehnung von Hierarchien und Zwang, direkte Demokratie von Angesicht zu Angesicht, gemeinsame Kindererziehung, aktive Beteiligung der Mitglieder an Entscheidungsprozessen, aber sp\u00e4ter eben auch B\u00fcrokratisierungstendenzen, Sozialkontrolle und Konformit\u00e4tsdruck.<br \/>\nLeider erf\u00e4hrt mensch relativ wenig von Horrox, wie sich die Beziehungen zu den pal\u00e4stinensischen NachbarInnen entwickelt haben. Beide \u00d6konomien seien \u201eim Wesentlichen miteinander verschachtelt\u201c (S. 127), schreibt er. Aber wie sich in den ersten zwei Jahrzehnten die im Binnenverh\u00e4ltnis so sehr um Gerechtigkeit bem\u00fchten Kibbuzniks gegen\u00fcber der ans\u00e4ssigen pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung konkret verhalten haben, f\u00fchrt er nicht n\u00e4her aus. Horrox verweist darauf, dass Landauer gegen\u00fcber dem politischen Zionismus zutiefst misstrauisch blieb und Bestrebungen, einen j\u00fcdischen Staat zu schaffen, ablehnte. Auch wenn Landauer und Kropotkin schon 1919 bzw. 1921 gestorben sind, kann ich nicht erkennen, wo sie sich jenseits wohlmeinender abstrakt-theoretischer Postulate wirklich intensiv damit auseinandergesetzt haben, was es konkret f\u00fcr die einheimische pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung bedeutet, wenn eine immer st\u00e4rker werdende j\u00fcdische Besiedlung sie langsam, aber absehbar verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kritischer Blick auf wichtige AkteurInnen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Horrox steht den verschiedenen AkteurInnen der Kibbuzbewegung durchaus kritisch gegen\u00fcber. Er stellt unter anderem dar, wie sich an der Einsch\u00e4tzung von Aharon David Gordon (1856\u20131922) die Geister scheiden. W\u00e4hrend die einen in ihm einen Vorl\u00e4ufer des \u00d6ko-Anarchismus sehen, beschreiben ihn andere als \u201enahezu faschistische Figur\u201c. Horrox selbst ordnet Gordon folgenderma\u00dfen ein: \u201eDie \u00dcberlappung von Romantizismus, v\u00f6lkischem Nationalismus, Anti-Kapitalismus, einem s\u00e4kularen Spiritualismus und eine Mystifizierung vom \u201aLand\u2019 als Quelle der Kreativit\u00e4t, die Gordons Denken pr\u00e4gte, war besonders f\u00fcr Landauers Denken zentral \u2013 eine \u00dcberschneidung \u00fcbrigens, die Gordon selbst best\u00e4tigte.\u201c (S. 47)<br \/>\nKeinem Geringeren als dem sp\u00e4teren Premierminister David Ben-Gurion wirft Horrox vor, bereits 1923 eine \u201egro\u00df angelegte Form des Verrats\u201c (S. 127) w\u00e4hrend der Zeit der Britischen Mandatsverwaltung begangen zu haben. Er versuchte, die verschiedenen Kibbuzim zu einer zentralisierten Machtbasis mit straff organisierten Institutionen zu machen, um die Finanzfl\u00fcsse der Zionistischen Weltorganisation unter seine Kontrolle zu bringen, und schnitt r\u00fccksichtslos unbotm\u00e4\u00dfige Kibbuzim von Unterst\u00fctzungsgeldern ab, was teilweise dort zu Unterern\u00e4hrung f\u00fchrte.<br \/>\nW\u00e4hrend idealistische Jugendliche und andere MigrantInnen Kollektive aufbauten, \u201eagierten jedoch die Institutionen des politischen Zionismus im Hintergrund, kauften Land auf und schwei\u00dften diplomatische Beziehungen mit der britischen Regierung\u201c, sodass letztendlich die Unabh\u00e4ngigkeit nicht aus dem \u201ekollektiven Willen\u201c der KommunardInnen entstand, sondern mithilfe der Vereinten Nationen. Horrox spricht in diesem Zusammenhang von \u201eBauernfiguren auf einem Schachbrett der westlichen Staaten und ihren au\u00dfenpolitischen Strategien\u201c (S. 132) und betont, dass aus diesem Grund \u201edie koloniale Dimension des Zionismus letztlich den Sargnagel f\u00fcr die urspr\u00fcngliche Gesellschaftsvision der fr\u00fchen Kibbuzpionier*innen darstellte.\u201c (S. 132)<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Innere politische Konflikte und Niedergang<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits in den 1930er-Jahren sind nach Horrox kritische Mitglieder aus den Kibbuzim ausgeschlossen worden, weil sie sich gegen den beginnenden \u201einh\u00e4renten Rassismus\u201c gegen\u00fcber Pal\u00e4stinenserInnen aussprachen. Jahre sp\u00e4ter n\u00e4herten sich die Ansichten der Kibbuzniks durch die Integration der Genossenschaften in den Staat konventionellen sozialdemokratischen Positionen an. Ab 1977 leitete die erste rechte Regierung Israels einen weiteren \u00f6konomischen Wandel ein. Durch Privatisierung, K\u00fcrzung der Gelder f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Sektor, Markt\u00f6ffnung und neoliberale Globalisierung gerieten die Kibbuzim unter Druck, gaben den letzten Rest ihrer Ideale auf und spielten eine immer kleiner werdende Rolle in Israel.<br \/>\nEs gibt zus\u00e4tzlich sehr zu denken, dass die f\u00fchrenden K\u00f6pfe der Armee und ihre \u201eber\u00fchmt-ber\u00fcchtigtsten\u201c Krieger w\u00e4hrend der ersten 30 Jahre des israelischen Staates aus den Kibbuzim stammten. Ob allerdings die wirtschaftlichen Verbindungen mit dem Staat und die Tendenz zum Konformismus in der Gemeinschaft die einzigen Ursachen hierf\u00fcr sind, w\u00e4re sicherlich eine weitere Untersuchung wert.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Bezugspunkte f\u00fcr heute<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die heute aktiven AnarchistInnen geh\u00f6ren die Kibbuzim zum Establishment und werden wegen ihrer Rolle bei der Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenserInnen abgelehnt. Horrox bewertet diese Haltung folgenderma\u00dfen: \u201eDie Kibbuzim werden von den heutigen israelischen Anarchist*innen nicht nach dem beurteilt, was sie waren, sondern nach dem, was aus ihnen geworden ist.\u201c (S. 170) Er bedauert sehr, dass sie sich nicht darauf einlassen k\u00f6nnen, Lehren aus dem umfangreichen Fundus von Erfahrungen zu ziehen, und sich weigern, zwischen einem funktionierenden libert\u00e4ren Gesellschaftsmodell und der Vertreibung und Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenserInnen zu differenzieren. Er selbst hat kein Problem damit, diese beiden unterschiedlichen Realit\u00e4ten anzuerkennen, damit nicht \u201eein ganzes St\u00fcck Sozialforschung vor die T\u00fcr gesetzt\u201c (S. 194) wird. Die Kibbuzim sind seiner Meinung nach mit ihrer \u00fcber hundertj\u00e4hrigen Geschichte nicht nur ein einzigartiges, sondern auch das dauerhafteste libert\u00e4re Gesellschaftsexperiment \u00fcberhaupt.<br \/>\nHorrox sch\u00f6pft aber auch Hoffnung, weil in den letzten Jahren kleinere Kommunen in Israel entstanden sind, die den urspr\u00fcnglichen libert\u00e4ren Impuls der Kibbuzzim wieder aufnehmen und unter ver\u00e4nderten Bedingungen weiterentwickeln, indem sie mit den Ideen der partizipatorischen \u00d6konomie (Parecon) experimentieren.<br \/>\nDieses spannende Buch bietet eine F\u00fclle von wertvollen neuen Informationen und Sichtweisen, die in manchen F\u00e4llen irritieren k\u00f6nnen, auch Fragen aufwerfen und ganz sicher f\u00fcr interessante Diskussionen sorgen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen bringen den Kibbuz mit dem 1948 gegr\u00fcndeten Staat Israel in Verbindung. \u00dcber die nichtstaatliche 40-j\u00e4hrige Vorgeschichte der Kommunen ist in der Regel wenig bekannt. 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