{"id":27088,"date":"2022-02-28T12:36:40","date_gmt":"2022-02-28T10:36:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/meilensteine-der-frauenbewegung\/"},"modified":"2022-03-01T20:09:51","modified_gmt":"2022-03-01T18:09:51","slug":"meilensteine-der-frauenbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/meilensteine-der-frauenbewegung\/","title":{"rendered":"Meilensteine der Frauenbewegung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Sammelband \u201eK\u00e4mpferinnen\u201c ist ein aufschlussreicher R\u00fcck- und \u00dcberblick \u00fcber die \u201ezweite Frauenbewegung\u201c. Die portr\u00e4tierten Frauen wurden vor Ende des Zweiten Weltkrieges geboren und haben den Feminismus im deutschsprachigen Raum wesentlich mitgepr\u00e4gt. Sie sind bis heute aktiv, und dennoch sind viele von ihnen kaum noch bekannt. Auf Basis von biografischen Interviews, die die Herausgeberinnen f\u00fchrten, schrieben \u201ej\u00fcngere\u201c Frauen Texte \u00fcber die jeweiligen Wegbereiterinnen. Dies \u2028steht im Gedanken der Vermittlung und Auseinandersetzung zwischen den Generationen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">So vielf\u00e4ltig wie die erreichten Ver\u00e4nderungen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Portr\u00e4tierten ist vieles gemeinsam. Kindheitserlebnisse in der Kriegs- und Nachkriegszeit pr\u00e4gten ihre Biografien. Viele von ihnen haben eine akademische Ausbildung durchlaufen und teilweise auch selbst an Universit\u00e4ten gelehrt. Dennoch h\u00f6ren sie nicht auf, kritisch und unbequem zu sein. Die Entstehung neuer Institute und Studieng\u00e4nge in den 1970er-Jahren bot ihnen Raum f\u00fcr Experimente und Neudefinitionen. Dennoch sind die Portr\u00e4tierten so vielf\u00e4ltig wie die Ver\u00e4nderungen, zu denen sie beigetragen haben.<br \/>\nSo folgt etwa ein Portr\u00e4t der \u2013 unter anderem durch den Roman \u201eAim\u00e9e und Jaguar\u201c und das erst 2019 erschienene Sachbuch \u201eFeminismus Revisited\u201c bekannten \u2013 Schriftstellerin Erica Fischer direkt auf einen Text \u00fcber die Unternehmerin Helma Sick. Letztere gr\u00fcndete 1987 eine Finanzberatungsfirma speziell f\u00fcr Frauen und gab sp\u00e4ter in der Zeitschrift \u201eBrigitte\u201c regelm\u00e4\u00dfig Geldanlagetipps. Denn schon fr\u00fch hatte sie erkannt, dass finanzielle Abh\u00e4ngigkeit Frauen in unertr\u00e4gliche Situationen treibt. In einer Zeit, in der M\u00e4nner in der Finanzbranche spotteten: \u201eFrauen und Geld \u2026 so was Bl\u00f6des\u201c, begann Sick, Vortr\u00e4ge zum Thema finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit zu halten.<br \/>\nDoch lange galt das Einkommen einer Frau ohnehin nur als \u201eZweiteinkommen\u201c. Umso wichtiger war es, dass Frauen wie die Wirtschaftswissenschaftlerin Elisabeth Stiefel die Unsichtbarmachung weiblicher Arbeit in der klassischen \u00d6konomie thematisierten und kritisierten. Da Carearbeit wichtig f\u00fcr den sozialen Zusammenhalt und damit auch f\u00fcr die Lebensqualit\u00e4t ist, fordert Stiefel, das Ziel der \u00d6konomie m\u00fcsse Versorgung statt Wachstum werden. Die Soziologin und Historikerin Irene Stoehr, die sich zu Beginn ihrer universit\u00e4ren Karriere in einer Kampagne f\u00fcr die Bezahlung von Hausarbeit engagierte, lieferte wichtige Beitr\u00e4ge zur Auseinandersetzung mit historischen Frauenbewegungen. Sie spricht sich gegen Abgrenzungen und \u00dcberheblichkeit gegen\u00fcber vermeintlich weniger emanzipierten Frauen aus. Unter anderem entlarvt sie den Versuch der Frauenbewegung, Fabrikarbeiterinnen zu mobilisieren, als elit\u00e4r, da zugleich die allt\u00e4glichen K\u00e4mpfe von Hausfrauen, Verk\u00e4uferinnen und Krankenpflegerinnen meist ignoriert wurden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Begleitende Aktionsforschung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spannend ist diesbez\u00fcglich auch der Ansatz der Soziologin Maria Mies, die sich f\u00fcr einen gemeinsamen Kampf mit den \u201eSoziologinnen ohne Diplom\u201c ausspricht. Sie stellte das damalige Wissenschaftsparadigma in Frage, da Frauen und Menschen aus \u201eden Kolonien\u201c im bis dahin herrschenden Diskurs nicht mitgedacht wurden. Ihr zufolge muss sich Wissenschaft solidarisch mit den Beforschten verstehen. Demzufolge f\u00fchrte eines ihrer Seminare zur Gr\u00fcndung des ersten autonomen Frauenhauses, in dem begleitende Aktionsforschung zum Thema Gewalt in Beziehungen stattfand. Einen wichtigen Bestandteil im Lebenswerk von Maria Mies stellen die sieben \u201emethodischen Postulate der Frauenforschung\u201c dar, mit denen sie Wissenschaft und Aktivismus verbindet. Neben einer gemeinsamen Sicht von unten geh\u00f6rt zu diesen auch die Beteiligung der Beforschten am Forschungsprozess und an gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung. Auch die Orientierung an den Bed\u00fcrfnissen der Frauenbewegung und die Entwicklung einer feministischen Gesellschaftstheorie sind wichtige Punkte. Mies beschreibt die Unterdr\u00fcckung von Frauen als Teil des Wachstumsparadigmas und Folge \u201epatriarchalischer Produktionsverh\u00e4ltnisse\u201c. In ihrem 1986 erschienenen Buch \u201ePatriarchat und Kapital\u201c analysiert sie historische Gesellschaftsformen in Bezug auf Arbeitsteilung. Zusammen mit Vandana Shiva ver\u00f6ffentlichte sie das Buch \u201e\u00d6kofeminismus\u201c, in dem es um die Bedeutung einer intakten Subsistenzbasis geht.<br \/>\nAuch Christina Th\u00fcrmer-Rohr, die an der TU Berlin Menschenrechte und Feministische Theorie lehrte, will mit Frauenforschung an die sozialen K\u00e4mpfe aller Frauen ankn\u00fcpfen. Spannend liest sich das Portr\u00e4t der Soziologin und kritischen Psychologin Frigga Haug. Die Filmemacherin Christina von Braun, die an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin Kulturwissenschaften lehrt, nutzte 1996 ihre Position als Professorin, um dort einen Studiengang \u201eGender Studies\u201c zu initiieren. Die Matriarchatsforscherin Heide G\u00f6ttner-Abendroth wendete sich hingegen bewusst von universit\u00e4ren Strukturen ab und gr\u00fcndete HAIGA, eine Akademie f\u00fcr Matriarchatsforschung. Mit Geschlechterfragen in der Medienwelt besch\u00e4ftigen sich die Beitr\u00e4ge \u00fcber die \u00f6sterreichische Journalistin und Medienmacherin Susanne Feigl, Marlies Hesse, die ab 1969 jahrelang als einzige Frau in der Intendanz des Deutschlandfunks arbeitete, und die deutlich aktivistischere Schauspielerin und Redakteurin Ute Remus.<br \/>\nAuch wenn die oft sehr systematisch erz\u00e4hlten Biografien etwas langatmig daherkommen und den Texten mitunter der Hauch des letzten Jahrhunderts anhaftet, ist doch erstaunlich, wie aktuell viele der diversen und teilweise bewusst widerspr\u00fcchlich ausgew\u00e4hlten Beitr\u00e4ge und Konzepte nach wie vor sind. Andere Forderungen haben l\u00e4ngst in den \u00f6ffentlichen Diskurs Eingang gefunden, sollten aber gerade deshalb nicht vergessen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sammelband \u201eK\u00e4mpferinnen\u201c ist ein aufschlussreicher R\u00fcck- und \u00dcberblick \u00fcber die \u201ezweite Frauenbewegung\u201c. Die portr\u00e4tierten Frauen wurden vor Ende des Zweiten Weltkrieges geboren und haben den Feminismus im deutschsprachigen Raum wesentlich mitgepr\u00e4gt. Sie sind bis heute aktiv, und dennoch sind viele von ihnen kaum noch bekannt. 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