{"id":27089,"date":"2022-02-28T12:36:40","date_gmt":"2022-02-28T10:36:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/hoch-der-intersektionale-feminismus\/"},"modified":"2022-03-01T20:07:45","modified_gmt":"2022-03-01T18:07:45","slug":"hoch-der-intersektionale-feminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/hoch-der-intersektionale-feminismus\/","title":{"rendered":"Hoch der intersektionale Feminismus!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Schon Anfang letzten Jahres erschien die deutsche Ausgabe von F\u00fcr eine feministische Internationale. Die Autorin Ver\u00f3nica Gago ist Professorin f\u00fcr Soziologie in Buenos Aires und nimmt eine \u00e4hnliche Rolle ein wie Alicia Garza f\u00fcr die \u201eBlack Lives Matter\u201c-Bewegung. ((1)) Bekannt ist, dass der Frauen*Streik insbesondere von Argentinien ausgehend eine neue Welle globaler feministischer Mobilisierungen angesto\u00dfen hat, deren wesentliche Forderungen \u2013 Recht auf Schwangerschaftsabbruch und sexuelle Selbstbestimmung, Beendigung patriarchaler Gewalt und der Ausbeutung unbezahlter oder schlecht bezahlter weiblicher Sorge-Arbeit \u2013 schon vorher berechtigt waren. Gerade anhand des j\u00fcngeren Feminismus, der zugleich radikal und subversiv sowie eine popul\u00e4re Massenbewegung ist, bilden sich die Konfliktlinien zwischen progressiv-emanzipatorischen und reaktion\u00e4r-konservativen politischen Lagern deutlich ab. W\u00e4hrend in Argentinien auf Druck der \u201eNi Una Menos\u201c-Bewegung im letzten Jahr Abtreibung tats\u00e4chlich legalisiert wurde, wurde sie in Polen im gleichen Zeitraum nochmals versch\u00e4rft und ist in zahlreichen anderen L\u00e4ndern aktuell umstritten. Doch in der neuen Welle feministischer Mobilisierung geht es um weit mehr \u2013 wenn man Gagos Buch folgt, darum, wie wir alles ver\u00e4ndern.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die situierte Praxistheorie des Kartografierens<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und f\u00fcr diesen umfassenden Transformationsprozess liefert die Autorin, welche die \u201eNi una menos\u201c-Bewegung selbst mitbegr\u00fcndet ((2)) und damit der feministischen Streikbewegung einen neuen Schub gegeben hat, die politische Theorie. F\u00fcr eine feministische Internationale ist ein lebendiges Beispiel daf\u00fcr, wie die Verbindung zwischen Praxis und Theorie als wechselseitiger Prozess gelingen kann. Darin wird eine involvierte und leidenschaftlich engagierte wie gleicherma\u00dfen theoretisch unterf\u00fctterte und auf verallgemeinerte Anwendung bezogene Perspektive entfaltet, die sich als Ergebnis langj\u00e4hriger feministischer Theorieentwicklung in deren Tradition stellt. Gago interpretiert die Ereignisse, Praktiken, Subjekte, Organisations-, Aktions- und Ausdrucksformen der feministischen Bewegung und verortet sie in einem gro\u00dfen Kontext, wodurch eine Reflexion und Weiterentwicklung m\u00f6glich wird. Feministische Aktivist*innen und Sympathisierende sollten sich die Zeit nehmen, ihr Buch zu lesen und miteinander zu besprechen. Es lohnt sich und verdeutlicht meiner Ansicht nach zudem, wie wichtig es ist, dass soziale Bewegungen mit politischer Theorie unterf\u00fcttert sind.<br \/>\nMit den Begriffen Kartografierung und Situiertheit beschreibt Gago eine Variante, feministische Theorie zu denken. Unter ersterem versteht sie das Sichtbarmachen \u2013 und also das Politisieren \u2013 von patriarchaler Gewalt und Sorge-Arbeit. Als situiert beschreibt sie eine Wissensform, die mit Erfahrungen, Emotionalit\u00e4t und daher auch mit K\u00f6rperlichkeit verbunden ist. Dementsprechend thematisiert sie unter der Kapitel\u00fcberschrift \u201eK\u00f6rper-Territorium: Der K\u00f6rper als Schlachtfeld\u201c, wie allt\u00e4gliche strukturelle Gewalt letztendlich immer von konkreten Einzelnen erfahren wird und sie betrifft. Daher sind umgekehrt aber auch die unterworfenen, ausgebeuteten, erniedrigten K\u00f6rper die Ausgangspunkte von Widerst\u00e4ndigkeit und Subversion. Und dar\u00fcber hinaus werden Kartografieren und Situieren f\u00fcr die feministische Sozialwissenschaft analytische Methoden, um eine politische Theorie zu entwerfen, welche von den tats\u00e4chlichen Vorg\u00e4ngen in emanzipatorischen sozialen Bewegungen ausgeht und auf diese zur\u00fcckwirkt. Gago spricht hierbei auch von einer \u201ekollektiven Intelligenz\u201c, welche in den Versammlungen entsteht und wirkt. Darin wohlwollend Potenziale zu sehen, ist begr\u00fc\u00dfenswert. Nicht vergessen werden sollte aber, dass Massen auch tr\u00e4ge und verdummend sein k\u00f6nnen &#8230;<br \/>\nDies sehen wir nicht zuletzt in der vehementen anti-feministischen Reaktion, welche durch die feministische Theorie in einem anderen Licht erscheint: Katholische und evangelikale Kirchen, neoliberale Wirtschaftseliten und nach wie vor mit den staatlichen Repressionsapparaten verbundene Faschisten verb\u00fcnden sich zum Gegenangriff auf das \u201eGespenst des Feminismus\u201c, wie dies besonders deutlich unter der Regierung Bolsonaro in Brasilien zu Tage tritt. ((3)) Mit dem neurechten Kampfbegriff der \u201eGender-Ideologie\u201c wurde der Feminismus als \u201einnerer Feind\u201c ausgemacht, den es religi\u00f6s, \u00f6konomisch und milit\u00e4risch zu bek\u00e4mpfen gelte. \u2013 Unter anderem diese Perspektive des Buchs ist es, in der eine explizit strategische Denkweise zum Ausdruck kommt, von der sich Aktive im deutschsprachigen Raum inspirieren lassen sollten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Verbinden, was zusammengeh\u00f6rt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autorin wendet marxistische Argumentationsg\u00e4nge in Hinblick auf Klassengesellschaft, Ausbeutung und Entlohnung nicht als verkrustete Doktrin, sondern als praktisches Analysewerkzeug an. Ihr Feminismus speist sich aus den Theorien von Silvia Federici, Wendy Brown und Maria Mies. Insbesondere erstere ist in der autonomen und anarchistischen Tradition zu verorten, in welcher die Kritik am Patriarchat mit der an Kapitalismus und Staat zusammen gedacht wird. Verschiedene Achsen der Unterdr\u00fcckung zusammen zu denken, entspricht der Intersektionalit\u00e4tstheorie, f\u00fcr welche auch Angela Davis und Audre Lorde stehen, welche im Buch erw\u00e4hnt werden. In der viral gegangenen, inzwischen legend\u00e4ren Performance aus Chile \u201eDer Vergewaltiger bist du\u201c kommt dieses neu erstarkte, inhaltlich anarchistische Verst\u00e4ndnis zum Ausdruck. So hei\u00dft es in einer Zeile: \u201eEl Estado opresor es un macho violador\u201c (\u201eDer Unterdr\u00fccker-Staat ist ein machistischer Vergewaltiger\u201c). ((4)) In diesem Zusammenhang lie\u00dfe sich auch gut an das politische Denken John Holloways anschlie\u00dfen, was Gago jedoch nicht tut. Sie bezieht sich allerdings auf das radikal-demokratische Demokratieverst\u00e4ndnis in der Linie von Baruch de Spinoza, Jacques Ranci\u00e8re und Ernesto Laclau, indem sie einen Gegensatz zwischen der konstituierenden Handlungsmacht feministischer Bewegung als potentia und der verfestigten Herrschaftsmacht des patriarchalen Staates aufmacht. Die Aufz\u00e4hlung erfolgte an dieser Stelle nicht, um Name-Dropping zu betreiben, sondern weil ich damit deutlich machen m\u00f6chte, dass ich F\u00fcr eine feministische Internationale als ein wichtiges Grundlagenwerk f\u00fcr die feministische politische Theorie ansehe.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus bedient sich die Autorin der Revolutionstheorie Rosa Luxemburgs, welche mit dem Konzept der revolution\u00e4ren Realpolitik eine \u00dcberwindung des vermeintlichen Gegensatzes von revolution\u00e4ren und reformerischen Strategien denkbar machte. Hierbei k\u00f6nnte Gago allerdings auch noch einen Schritt weiter gehen. Denn ebenso wie die m\u00f6gliche Verbindung von Radikalit\u00e4t und Popularit\u00e4t sozialer K\u00e4mpfe ist jene zwischen Revolution und Reform gerade ein Markenzeichen anarch@syndikalistischer Bewegungen, wie sie traditionell mit der argentinischen FORA ((5)) verbreitet war. Damit zeigt sich, dass Gago eine linke Denkerin bleibt, auch wenn die feministische Bewegung gerade in lateinamerikanischen L\u00e4ndern sehr stark anarchistisch gepr\u00e4gt ist. In der Staatskritik gehen die zeitgen\u00f6ssischen radikal-feministischen Str\u00f6mungen beispielsweise \u00fcber Luxemburg hinaus, indem sie nicht lediglich eine Verbindung zwischen parlamentarischer Parteipolitik und au\u00dferparlamentarischer Bewegung anstreben, sondern faktisch neue Versammlungsorte und Strukturen der Selbstorganisation schaffen \u2013 und damit meiner Ansicht nach auch das patriarchale Moment des Politischen untergraben, statt sich dieses lediglich feministisch anzueignen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Plurinationaler Feminismus als sozial-revolution\u00e4re Kraft des 21. Jahrhunderts<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verbindungen zu schaffen, wird von Gago auch als \u201eTransversalit\u00e4t\u201c begriffen. Damit ist nicht nur das strategische B\u00fcndnis von Frauen, Lesben, Travestis und Transpersonen im Sinne eines Zusammenschlusses von vermeintlich vorab kategorisierten sozialen Gruppen gemeint. Vielmehr geht es um die \u00dcberschreitung der jeweils zugewiesenen Positionen, um die aktive Verbindung von Menschen in verschiedenen sozialen Positionen, Lebenslagen und sexuellen Identit\u00e4ten. Gerade indem Differenzen anerkannt werden, k\u00f6nnen sie auf Augenh\u00f6he verhandelt und in einem Prozess des Streitens und Lernens vermittelt werden. So wurde und wird mit dem Frauen*Streik auch die herk\u00f6mmliche Definition von Streik und damit die traditionelle Rolle der Gewerkschaften in Frage gestellt. ((6)) Statt diesen lediglich vom sozialen Kampf innerhalb der Kategorien von Lohnarbeitsverh\u00e4ltnissen als Gegenpol zum Kapitalismus ausgehend zu denken, erm\u00f6glichen die Thematisierung der feminisierten \u201epopularen\u201c \u00d6konomie (Hausarbeit, Sorge- und Pflegearbeit, emotionale Arbeit) und eine Organisierung entlang dieser Konfliktlinie neue Formen sozialer K\u00e4mpfe. In F\u00fcr eine feministische Internationale werden Staat, Kapitalismus, wei\u00dfe Vorherrschaft und Patriarchat als miteinander verwobene Herrschaftsverh\u00e4ltnisse gedacht \u2013 welche im Prisma des Feminismus zugleich abgebaut werden sollen. Dementsprechend stellt sich der zeitgen\u00f6ssische Feminismus als pluri- und transnational heraus, da er im Nationalstaat keinen prim\u00e4ren Bezugspunkt mehr sieht. Setzen wir alles daran, den Feminismus als als sozial-revolution\u00e4re Kraft des 21. Jahrhunderts weiter zu entwickeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon Anfang letzten Jahres erschien die deutsche Ausgabe von F\u00fcr eine feministische Internationale. Die Autorin Ver\u00f3nica Gago ist Professorin f\u00fcr Soziologie in Buenos Aires und nimmt eine \u00e4hnliche Rolle ein wie Alicia Garza f\u00fcr die \u201eBlack Lives Matter\u201c-Bewegung. 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