{"id":27091,"date":"2022-02-28T12:36:41","date_gmt":"2022-02-28T10:36:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/auf-beiden-seiten-des-atlantik\/"},"modified":"2022-03-01T20:07:02","modified_gmt":"2022-03-01T18:07:02","slug":"auf-beiden-seiten-des-atlantik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/auf-beiden-seiten-des-atlantik\/","title":{"rendered":"Auf beiden Seiten des Atlantik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Anarchismus und der Syndikalismus erleben in den letzten zwanzig Jahren eine unerwartete Konjunktur in der historischen Forschung. Nicht weniger als drei Handb\u00fccher \u00fcber Anarchismus erschienen j\u00fcngst in renommierten anglo-amerikanischen Wissenschaftsverlagen. Diesem Trend folgt auch das Promotionskolleg \u201eGeschichte linker Politik in Deutschland jenseits von Sozialdemokratie und Parteikommunismus\u201c, in dem die Arbeit von Richard Stoenescu gef\u00f6rdert wurde.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Schwerpunkt auf FAUD und IWW<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit besch\u00e4ftigt sich mit der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) und den Industrial Workers of the World (IWW) als \u201ezwei ma\u00dfgeblichen syndikalistischen Organisationen und deren Beziehungen zueinander als Teil der Arbeiterbewegung\u201c (S. 19). Die Bedeutung der beiden Organisationen begr\u00fcndet er nur knapp und vage mit deren Einfluss auf \u201edie syndikalistische Str\u00f6mung\u201c und der herausragenden Rolle der FAUD in der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA).<br \/>\nDrei Fragen, \u201edie in syndikalistischen Organisationen immer wieder zur Debatte gestellt wurden\u201c (S. 27), stehen im Zentrum seiner Studie: Die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c, die Stellung zu den politischen Parteien und das Verh\u00e4ltnis zwischen F\u00fchrung und Basis. In den ersten drei Kapiteln behandelt er die Anf\u00e4nge des Syndikalismus in Deutschland und den USA sowie die Entstehung und die Entwicklung der IWW von 1905 bis 1917. Im vierten Kapitel analysiert er den Aufstieg der FAUD zur Massenorganisation nach 1918 und \u201eihre Abspaltungen im deutschen Syndikalismus\u201c. In den folgenden drei Kapiteln untersucht Stoenescu die weitere Entwicklung der FAUD und der IWW bis in die 1930er-Jahre sowie deren internationale Verbindungen. Die FAUD hatte einen starken Einfluss auf die IAA, zum einen, weil das Sekretariat bis 1933 seinen Sitz in Berlin hatte, zum anderen, weil Rudolf Rocker, der die Gr\u00fcndung der IAA organisatorisch und inhaltlich ma\u00dfgeblich beeinflusste, in der Zwischenkriegszeit zur unangefochtenen Autorit\u00e4t und Integrationsfigur des internationalen Anarchosyndikalismus avancierte. Die IWW schloss sich weder der kommunistischen Roten Gewerkschafts-Internationale (RGI) noch der IAA an; mit Ausnahme der IWW-Seeleute, der Marine Transport Workers Industrial Union (MTWIU), die in mehreren L\u00e4ndern Europas und S\u00fcdamerikas Ableger hatte und sich 1935 der IAA anschloss.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kaum neue Erkenntnisse<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ergebnisse von Stoenescus Arbeit sind insgesamt ein wenig entt\u00e4uschend. Im Wesentlichen fasst er die Literatur \u00fcber die beiden Organisationen zusammen und analysiert deren Brosch\u00fcren und Zeitungen.<br \/>\nDabei kommt er aber nicht wirklich zu neuen Erkenntnissen. Dies hat auch etwas mit seinem organisations- und ideengeschichtlichen Ansatz zu tun. Aus sozialgeschichtlicher Perspektive, d. h. von ihrer sozialen Basis und ihren Aktionsformen, unterschieden sich die IWW und die FAUD in ihrer Hochphase keineswegs so stark, wie dies aus ideologischer Perspektive erscheint. Und in einer weiten Definition des Syndikalismus, den Stoenescu in seiner Einleitung verwendet, ist f\u00fcr die Leser*innen nicht klar erkennbar, warum er seine Untersuchung weitgehend auf die FAUD konzentriert und die FAU Gelsenkirchener Richtung sowie die Allgemeine Arbeiter-Union (AAU) als \u201eAbspaltungen\u201c bezeichnet. Dies gilt nur eingeschr\u00e4nkt f\u00fcr die FAU Gelsenkirchener Richtung, aber keineswegs f\u00fcr die AAU.<br \/>\nNicht vergessen werden darf, dass der Ideentransfer zwischen den deutschen Syn-dikalist*innen und der IWW, der \u201eweitaus geringer ausfiel, als man in Bezug auf die internationale Vernetzung annehmen konnte\u201c (S. 539), vor allem \u00fcber ehemalige Migranten und Seeleute, die der AAU nahestanden, lief \u2013 wenn man von den syndikalistischen Konferenzen anl\u00e4sslich der Konferenzen der RGI und der IAA absieht. Der Hamburger Kommunist Fritz Wolffheim, der vor dem Ersten Weltkrieg als Migrant in den USA Mitglied der IWW wurde, bezog sich in einem Vortrag 1919 \u2013 entgegen Stoenescus Darstellung (S. 533) \u2013 ausdr\u00fccklich auf die IWW. Diese habe \u201eschon vor Jahren diese Form der Organisation gefunden und die Methoden (\u2026) angewandt, die uns heute als neu erscheinen\u201c ((1)). Der AAU-Aktivist Paul Mattick, der 1925 in die USA emigriert war, initiierte 1928 eine Debatte zwischen der AAU und der IWW (S. 455\u2013467). In Stettin wurde 1923 eine Seeleutegruppe der IWW gegr\u00fcndet, die sich sp\u00e4ter auf andere Hafenst\u00e4dte ausdehnte. Deren Gr\u00fcnder Otto Rieger hatte, wie nicht wenige deutsche Seeleute, vermutlich schon vor 1918 Kontakte zur IWW.<br \/>\nStoenescu geht sehr ausf\u00fchrlich auf die Arbeit des Syndikalistischen Frauenbundes ein. Es fehlt leider ein entsprechender Abschnitt \u00fcber Frauen in der IWW. Eine vergleichende Untersuchung \u00fcber Geschlecht und Syndikalismus, die in der internationalen Diskussion seit Jahren gef\u00fchrt wird, h\u00e4tte neue Perspektiven er\u00f6ffnen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anarchismus und der Syndikalismus erleben in den letzten zwanzig Jahren eine unerwartete Konjunktur in der historischen Forschung. Nicht weniger als drei Handb\u00fccher \u00fcber Anarchismus erschienen j\u00fcngst in renommierten anglo-amerikanischen Wissenschaftsverlagen. 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