{"id":27092,"date":"2022-02-28T12:36:41","date_gmt":"2022-02-28T10:36:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/dem-rassismus-den-spiegel-vorhalten\/"},"modified":"2022-02-28T19:57:24","modified_gmt":"2022-02-28T17:57:24","slug":"dem-rassismus-den-spiegel-vorhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/dem-rassismus-den-spiegel-vorhalten\/","title":{"rendered":"Dem Rassismus den Spiegel vorhalten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Bei seinem Amtsantritt als Bundeskanzler 1982 setzte sich Helmut Kohl zum Ziel, die Zahl der T\u00fcrk_innen in Deutschland zu halbieren, wie das Protokoll eines Gespr\u00e4chs mit Margaret Thatcher verr\u00e4t, das 2013 nach Ablauf der Geheimhaltungsfrist \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich wurde. Denn, so Kohl, \u201edie T\u00fcrken k\u00e4men aus einer sehr andersartigen Kultur\u201c. Die Bundesregierung versuchte diesen Plan mit einer \u201eR\u00fcckkehrpr\u00e4mie\u201c umzusetzen, aber viel weniger T\u00fcrk_innen als von der Regierung erhofft nutzten die Pr\u00e4mie. Als meine Familie kurz nach der Wiedervereinigung nach Deutschland zog (und gleich von den Nachrichten \u00fcber die Anschl\u00e4ge in Solingen und M\u00f6lln willkommen gehei\u00dfen wurde), machten auch wir offenbar Kohl einen Strich durch die Rechnung. Das und so manch anderes Interessantes \u00fcber Deutschland habe ich aus der Essaysammlung \u201eDie Erfindung des muslimischen Anderen\u201c gelernt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Rassismus als Machtinstrument<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein kleines, aber feines Buch, das in f\u00fcnf Kapiteln zu \u00fcbergeordneten Themen 27 kurze Essays sammelt. Jedes Kapitel wird eingeleitet von mehreren Seiten mit sehr sch\u00f6nen Illustrationen von Morteza Rakhtala und kurzen Texten, die das Thema zusammenfassen.<br \/>\nWie die Umschlagillustration mit einer Person, die vor ihrem Gesicht einen der_dem Betrachter_in zugewandten Spiegel h\u00e4lt, nahelegt, geht es in dem Buch darum, wie die Vorstellung vom \u201emuslimischen Anderen\u201c in Deutschland hergestellt wird und welche wichtigen Funktionen dieses \u201eAndere\u201c f\u00fcr die deutsche nationale Identit\u00e4t und die Aufrechterhaltung des herrschenden Systems tr\u00e4gt.<br \/>\n\u00d6zcan Karadeniz erkl\u00e4rt in mehreren Beitr\u00e4gen, wie Rassismus ein Instrument ist, das Macht aus\u00fcbt und Ordnung aufrechterh\u00e4lt. Er l\u00e4sst gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse mit ihren Hierarchien, Ausgrenzungen und der ungleichen Verteilung von Ressourcen berechtigt erscheinen und h\u00e4lt sie dadurch stabil. Der Rassismus l\u00e4sst sich leicht ignorieren oder wegprojizieren auf \u201eBuhm\u00e4nner\u201c (wie \u201eungebildete Prolls\u201c, \u201eantisemitische Moslems\u201c oder \u201eNazi-Ostdeutsche\u201c), weil er in das normale Funktionieren der Gesellschaft eingespeist ist und eben dadurch schwer zu erkennen ist. F\u00fcr die Aufrechterhaltung von systemischen Vorteilen ist es auch grundlegend, dass die Machtverh\u00e4ltnisse unsichtbar bleiben. Die Vorteile werden gerechtfertigt durch k\u00fcnstliches Gegen\u00fcberstellen mit dem Fantasiebild des \u201eAnderen\u201c, dem negative, unerw\u00fcnschte Eigenschaften zugeschrieben werden. Dadurch entsteht ein positives Bild des eigenen Selbst, dem \u201eselbstverst\u00e4ndlich\u201c Vorteile zustehen, die dem \u201eAnderen\u201c nicht zustehen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Grundlage kapitalistischer Ausbeutung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rassismus ist auch ein grundlegendes Element der kapitalistischen Ordnung, wie Anna Sabel in einem Beitrag zu \u201eGastarbeiter_innen\u201c beschreibt. Der Rassismus rechtfertigt niedrigeren Lohn f\u00fcr die gleiche Arbeit und schlechtere Arbeitsbedingungen und spaltet die Arbeiter_innenklasse, so dass sie weniger f\u00e4hig ist, sich f\u00fcr ihre kollektiven Interessen einzusetzen. So minimiert der Rassismus die Kosten der Produktion bzw. die Lohnkosten wie auch die Kosten, die durch Streiks, Arbeitskonflikte usw. entstehen.<br \/>\nDass der Rassismus f\u00fcr die Gesellschaftsordnung notwendige Hierarchien aufrechterh\u00e4lt, wird auch dadurch deutlich, dass das etablierte \u201eIntegrationsparadigma\u201c (dass die Migrant_innen sich doch bitte integrieren sollen, dann w\u00fcrden sie ja auch akzeptiert werden!) eigentlich v\u00f6llig verlogen ist, wie Naika Foroutan in ihrem Beitrag im letzten Kapitel schreibt. Umfragen machen deutlich, dass Migrationsfeindlichkeit bzw. Islamfeindlichkeit offenbar zunimmt, je mehr Migrant_innen und Muslim_innen sich emanzipieren und integrieren. Integration und Aufstieg von Minderheiten \u00e4ndern nichts an der stereotypen Wahrnehmung, sondern werden als \u201eStatusbedrohung\u201c gesehen. In der rassistischen Hierarchieordnung steht es ihnen ja gar nicht zu, aus ihrer untergeordneten Position aufzusteigen. Foroutan spekuliert, dass die von Minderheiten geforderte Anerkennung etablierte Privilegien infrage stellen und durch Stereotype aufrechterhaltene Ungleichheit deutlich werden lassen w\u00fcrde. Historisch gesehen muss aber, wenn der Aufstieg und die Integration einer Gruppe nicht mehr aufgehalten werden k\u00f6nnen, einfach nur eine andere Gruppe her, die weiter marginalisiert wird, w\u00e4hrend die zuvor ausgegrenzte Gruppe in einem kaum wahrnehmbaren Prozess in die privilegierte Schicht einverleibt wird. Anna Sabel erw\u00e4hnt in ihrem oben genannten Beitrag, wie Italiener_innen und Spanier_innen noch vor wenigen Jahrzehnten in der BRD der Zutritt zu vielen Lokalen wie auch Mietvertr\u00e4ge verwehrt wurden. Mittlerweile werden andere Gruppen an ihrer Stelle auf dieser Art diskriminiert. Das rassistische System \u00fcbt stets eine Hierarchisierung von Gruppen unterschiedlicher Herkunft aus \u2013 nicht nur um die Ausgegrenzten unter sich zu spalten, sondern auch, damit bei Bedarf immer eine Gruppe von \u201eAnderen\u201c zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Nicht nur inszenierte Vorurteile<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die schw\u00e4chsten Beitr\u00e4ge in diesem Buch sind einige der Texte von Anna Sabel, in denen sie im besten Fall sich selbst als \u201edurchschnittlich vorurteilsbehaftete Deutsche\u201c inszeniert, damit die als ethnisch deutsch vorgestellten Leser_innen, denen eben die von der Autorin pr\u00e4sentierten Einstellungen und Kniereflexe unterstellt werden, sich mit ihr identifizieren k\u00f6nnen, nehme ich an. Nicht nur inszenierte Vorurteile richtet Sabel nebenbei gesagt auch gegen Sachsen bzw. Ostdeutsche allgemein. In einem Buch, das sich insgesamt mit der Konstruktion und Funktion des \u201eAnderen\u201c im Rahmen eines Herrschaftssystems besch\u00e4ftigt und dies in vielen Beitr\u00e4gen auch sehr deutlich erkl\u00e4rt, ist das schon fast unfreiwilliger Humor.<br \/>\nDie schw\u00e4cheren Beitr\u00e4ge sollen aber nicht die vielen sehr guten und anregenden Texte \u00fcberschatten. Das Buch als Ganzes ist ein wichtiger und recht leicht zug\u00e4nglicher Beitrag zum Thema des antimuslimischen Rassismus in Deutschland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei seinem Amtsantritt als Bundeskanzler 1982 setzte sich Helmut Kohl zum Ziel, die Zahl der T\u00fcrk_innen in Deutschland zu halbieren, wie das Protokoll eines Gespr\u00e4chs mit Margaret Thatcher verr\u00e4t, das 2013 nach Ablauf der Geheimhaltungsfrist \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich wurde. Denn, so Kohl, \u201edie T\u00fcrken k\u00e4men aus einer sehr andersartigen Kultur\u201c. 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