{"id":27099,"date":"2022-02-28T12:36:43","date_gmt":"2022-02-28T10:36:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/heilkunst-lebt-von-begegnung\/"},"modified":"2022-02-28T19:36:20","modified_gmt":"2022-02-28T17:36:20","slug":"heilkunst-lebt-von-begegnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/heilkunst-lebt-von-begegnung\/","title":{"rendered":"Heilkunst lebt von Begegnung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die fortschreitende Privatisierung des Gesundheitswesens ist eingebettet in eine weltweite Tendenz zur \u00dcbernahme der Macht durch Konzerne, deren Stiftungen und Verb\u00e4nde. Eng damit verbunden ist das Voranschreiten einer Ideologie von Effizienz und technologischer Machbarkeit (siehe dazu meine Rezension von Fabian Scheidler: <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/der-notwendige-abschied-von-kalter-rationalitaet\/\">Der Stoff, aus dem wir sind<\/a>, GWR 463), die auch in der Medizin um sich greift. Mit zunehmender Irritation nehme ich wahr, wie wenig soziale Bewegungen dem entgegensetzen. Das war fr\u00fcher anders. Ein Blick zur\u00fcck und nach vorn, wie immer aus subjektiver Perspektive.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Aufbruch mit umfassender Kritik<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der vielen emanzipatorischen Bewegungen der 1970er-\/1980er-Jahre war die alternative Gesundheitsbewegung. Ein wichtiger Auftakt war der 1. Gesundheitstag im Mai 1980, zu dem der Berliner Gesundheitsladen eingeladen hatte. Dieser Kongress an der Technischen Universit\u00e4t war eine Gegenveranstaltung zum \u00c4rztetag. Einer der Initiator*innen war der Arzt Ellis Huber, von 1987 bis 1999 Pr\u00e4sident der Berliner \u00c4rztekammer, heute Vorstandsvorsitzender des \u201eBerufsverband der Pr\u00e4ventologen\u201c. 2015 schreibt er r\u00fcckblickend in der Zeitschrift \u201eGesundheit braucht Politik\u201c des \u201everein demokratischer \u00e4rztinnen und \u00e4rzte\u201c (vd\u00e4\u00e4): \u201eKonzentrierte Stille, aufmerksame Spannung, dichte Gemeinschaft und ernsthafte Nachdenklichkeit f\u00fcllten den Raum. Dreitausend Menschen im Audimax der TU Berlin h\u00f6rten zu und f\u00fchlten mit. Sie er\u00f6ffneten den Gesundheitstag 1980 mit der Frage: \u201aMedizin und Nationalsozialismus. Tabuisierte Vergangenheit \u2013 Ungebrochene Tradition?\u2018\u201c Er berichtet, wie gleichzeitig im Internationalen Congress Centrum \u201eein ehemaliger SA-Standartenf\u00fchrer als Pr\u00e4sident der Berliner \u00c4rztekammer den 83. Deutschen \u00c4rztetag\u201c er\u00f6ffnete und wie lange die Aufarbeitung durch die \u00c4rzteschaft dauerte. Erst 2012 habe der 115. Deutsche \u00c4rztetag in N\u00fcrnberg erkl\u00e4rt: \u201eWir erkennen die wesentliche Mitverantwortung von \u00c4rzten an den Unrechtstaten der NS-Medizin an und betrachten das Geschehene als Mahnung f\u00fcr die Gegenwart und die Zukunft.\u201c<br \/>\nWeit \u00fcber 10.000 Teilnehmende diskutierten insgesamt auf dem 1. Gesundheitstag. Weitere Gesundheitstage folgten. Es war ein Aufbruch mit umfassender Kritik, nicht nur an nationalsozialistischen Kontinuit\u00e4ten, sondern auch an karrieristischen, profitorientierten und patriarchalen Strukturen in der Medizin. Die Macht der \u201eG\u00f6tter in Wei\u00df\u201c und ihrer Standesorganisationen wurde infrage gestellt. Immer mehr Patient*innen wollten die Ursachen ihrer Leiden verstehen und bei der Behandlung mitentscheiden. Krankheiten waren kein unentrinnbares Schicksal, sondern oft durch krankmachende Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse bedingt. Die \u00fcbliche Apparatemedizin konnte bestenfalls diagnostizieren, aber keine Ursachen verstehen und beschreiben. Medikament\u00f6se Behandlungen folgten oft den Profitinteressen der Pharmaindustrie. So wurde beispielsweise bekannt, dass selbst weit verbreitete Schmerzmittel wie Aspirin schwere Nebenwirkungen haben k\u00f6nnen. Schon 1970 war gerichtlich festgestellt worden, dass das Pharmaunternehmen Gr\u00fcnenthal die Sch\u00e4digungen durch sein Medikament Contergan zu verantworten hat.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Selbstorganisierte Gegenmodelle<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gesundheitsbewegung orientierte sich stattdessen an den Bed\u00fcrfnissen der Menschen und bem\u00fchte sich um eine ganzheitliche Perspektive auf die Einheit von K\u00f6rper, Geist und Seele und nahm die Einbindung jeder*jedes Einzelnen in gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge in den Blick. Es war eine Zeit, in der \u2013 zumindest in sozialen Bewegungen \u2013 Macht- und Herrschaftskritik selbstverst\u00e4ndlich war.<br \/>\nAus dieser Kritik am Bestehenden gr\u00fcndeten sich gesundheitliche Selbsthilfegruppen und Projekte, in Berlin zum Beispiel 1981 das HeileHaus in der Kreuzberger Waldemarstra\u00dfe. Bis heute gibt es dort erfahrungs- und naturheilkundliche Angebote f\u00fcr die Nachbarschaft sowie ein Badehaus. Von Anfang an war das Projekt als Angebot f\u00fcr Benachteiligte angelegt. Als Gefl\u00fcchtete nach ihrem Marsch von W\u00fcrzburg 2012 den Oranienplatz besetzten, \u201ewurden wir an den f\u00fcr M\u00e4nner reservierten Badetagen nahezu zwei Jahre lang mit durchschnittlich 120 Badeg\u00e4sten konfrontiert\u201c (Website HeileHaus). Bis zum Umzug 2009 ins nahe gelegene Bethanien am Mariannenplatz war auch die selbstverwaltete Heilpraktikschule im HeileHaus ans\u00e4ssig.<br \/>\nDer b\u00fcrgerlichen Medizin galt seit jeher der Mann als das Ma\u00df aller Dinge, an ihm orientierte (und orientiert sich gro\u00dfteils bis heute) die Diagnostik und Behandlung, mit oft fatalen Folgen f\u00fcr Frauen. Erst seit 2018 gelten Transpersonen laut Weltgesundheitsorganisation nicht mehr als psychisch krank, und bis es einen angemessenen Umgang in der Medizin mit Menschen gibt, die sich nicht in die M\u00e4nnlich-Weiblich-Binarit\u00e4t einpassen, wird es wohl noch eine Weile dauern.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Frauengesundheitsbewegung und Selbsthilfe<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Beginn der Gesundheitsbewegung an organisierten sich Frauen, gr\u00fcndeten Frauengesundheitszentren \u2013 von denen viele bis heute bestehen \u2013 und Selbsthilfegruppen. Zwar wurden Frauenk\u00f6rper auch schon damals in der Werbung auf oft sexistische Weise eingesetzt, aber der weibliche K\u00f6rper als solcher war tabuisiert. So kamen Frauen zusammen, um das unbekannte, meist auch unbenannte \u201eDa unten\u201c zu erforschen, kollektiv und unter Anleitung mit Spekulum und Spiegel.<br \/>\nIn ihrem \u201eHandbuch Selbsthilfe\u201c schrieben Brigitte Runge und Fritz Vilmar 1988: \u201eMit etwa 6-10.000 Sozialen Selbsthilfegruppen ist der Selbsthilfe-Aktionsbereich Gesundheit einer der gr\u00f6\u00dften Teilbereiche\u201c (S. 144). Dazu z\u00e4hlten sie auch Initiativen und Organisationen von Menschen mit Behinderungen und die vielen Selbsthilfegruppen, die sich um einzelne Krankheitsbilder zusammenfanden. Sie verstanden die gesundheitliche Selbsthilfe im weitesten Sinne als Teil einer umfassenden Bewegung der Aneignung der eigenen Lebensverh\u00e4ltnisse durch Selbstorganisation.<br \/>\nDazu geh\u00f6rten sowohl die Alltagsk\u00e4mpfe gegen ausgrenzende und repressive Zumutungen als auch der Aufbau eigener Alternativen. Weitere Aktionsbereiche waren Wohnen und Umwelt, Arbeitswelt, Kultur, Benachteiligte und Diskriminierte. All dies gibt es bis heute, wenn auch mitunter in ver\u00e4nderter Form und Ausrichtung. Kollektive Selbsthilfe erm\u00f6glicht Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, die sich grundlegend von der von neoliberaler Seite geforderten Eigenverantwortung unterscheidet, die eine Kehrseite entw\u00fcrdigender Sparprogramme ist. Allerdings hat sich die gesundheitliche Selbsthilfe schon seit einiger Zeit deutlich entpolitisiert. Immer wieder gibt es auch Versuche von Pharmaunternehmen, Einfluss zu gewinnen, um ihre Produkte dort abzusetzen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Heilkunst braucht k\u00f6rperliche Begegnung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Heilkunst, die diesen Namen verdient, scheint vom Verschwinden bedroht zu sein. Das \u00e4rztliche Gespr\u00e4ch wird kaum noch finanziell honoriert und ist doch so entscheidend f\u00fcr eine fundierte Diagnostik, die nie durch digitale Hilfsmittel und K\u00fcnstliche \u201eIntelligenz\u201c ersetzt werden kann. Sicher k\u00f6nnen Ger\u00e4te einiges herausfinden, aber sie folgen einer sezierenden Logik, schauen aufs Detail und nicht auf den ganzen Menschen. Wenn \u00c4rzt*innen nur noch auf den Bildschirm starren, statt ihren Patient*innen in die Augen zu sehen, dann l\u00e4uft etwas grundlegend falsch.<br \/>\nHeilkunst beruht auf Erfahrungen und Beziehung, sie nimmt den ganzen Menschen wahr mit allen k\u00f6rperlichen Signalen des Ausdrucks, der Mimik und Gestik, ist aufmerksam f\u00fcr Blickkontakte und Sprache. Erfahrene Heilkundige ber\u00fchren den K\u00f6rper ihrer Patient*innen, riechen ihren Atem und ihre Ausd\u00fcnstungen, und mitunter kommt in dieser Resonanzbeziehung aus dem Vorbewussten eine Idee, die f\u00fcr die weitere Diagnostik hilfreich ist. Laboruntersuchungen und technische Untersuchungsverfahren sind wichtig, aber schon ihre Auswahl erfolgt aufgrund einer \u00e4rztlichen Entscheidung. Die kann zwar auch durch Vorurteile gepr\u00e4gt und verengt sein, aber Beziehungen zu wohlwollenden und erfahrenen Behandler*innen lassen sich nicht technisch nachbilden.<br \/>\nDie Technikfixierung hat lange vor der Pandemie begonnen, aber mit Corona einen Schub bekommen. Die Entk\u00f6rperlichung vieler Lebensbereiche schreitet voran. Noch ist offen, wie es ausgehen wird. Ob der patriarchale Glaube an die fast unbeschr\u00e4nkte technologische Machbarkeit hegemonial werden wird? Machtvolle Akteure aus Wirtschaft und Politik zielen nicht nur auf die Bek\u00e4mpfung von Krankheiten, sondern m\u00f6chten nahezu jedes Problem technisch angehen. Mit profitablen Scheinl\u00f6sungen soll das Fortschreiten der Klimakatastrophe verhindert werden (mehr bei <a href=\"http:\/\/www.klimascheinloesungen.de\">www.klimascheinloesungen.de<\/a>), mit digitaler Aufr\u00fcstung bedrohliche Hackerangriffe (dazu Manfred Kriener in verdi.publik 01\/2022).<br \/>\nOder ob vielleicht doch, endlich, gesellschaftliche Mehrheiten verstehen, dass weder Technik noch Kapitalismus die Welt retten werden? Vielen ist schon seit Jahrzehnten klar, dass ein paar Reformen nicht reichen, sondern dass f\u00fcr das \u00dcberleben der Menschheit ein Systemwechsel notwendig ist. Selbstverwaltete Strukturen \u201evon unten\u201c sind daf\u00fcr ebenso wichtig wie die Abwehr der \u201evon oben\u201c drohenden Gefahren.<br \/>\nDer aufstrebende Gesch\u00e4ftszweig der Telemedizin ignoriert nicht nur das Wissen um die Bedeutung von Begegnung in der Medizin, sondern droht damit auch das Erfahrungswissen in der Heilkunst zu verdr\u00e4ngen. Diese Entwicklungen hin zu totalit\u00e4ren transhumanistischen Bestrebungen halte ich f\u00fcr sehr gef\u00e4hrlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die fortschreitende Privatisierung des Gesundheitswesens ist eingebettet in eine weltweite Tendenz zur \u00dcbernahme der Macht durch Konzerne, deren Stiftungen und Verb\u00e4nde. 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