{"id":27104,"date":"2022-02-28T12:36:45","date_gmt":"2022-02-28T10:36:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/traurig-aber-wahr\/"},"modified":"2022-02-28T12:47:38","modified_gmt":"2022-02-28T10:47:38","slug":"traurig-aber-wahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/traurig-aber-wahr\/","title":{"rendered":"Traurig, aber wahr"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die kanadische Rockband Danko Jones besticht nicht gerade durch emanzipative Inhalte, ihr ist das oft patriarchale \u201eSex, Drugs and Rock\u2019n\u2019Roll\u201c-Grundmuster zu eigen, das sich in den Songtexten zumeist in einer so sexualisierten Grundstimmung \u00e4u\u00dfert, dass es durchaus an Sexismus grenzt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Zigarren, Pelzm\u00e4ntel, goldene Pools<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass das im Wesentlichen eine Rolle ist, die zum Rock\u2019n\u2019Roll-Gesch\u00e4ft geh\u00f6rt, stellt mensch aber immer wieder fest, wenn mensch vom S\u00e4nger und Songwriter gleichen Namens etwas liest, seien es Interviews (etwa das kongeniale Gespr\u00e4ch zwischen Danko Jones und Lemmy Kilmister kurz vor dem Tod des zweiten) oder aber auch Kommentare in den virtuellen, so genannten sozialen Medien. Auf Twitter \u00e4u\u00dfert sich Danko regelm\u00e4\u00dfig zu Trumpismus (\u201eKid Rock is a fascist bastard\u201c), solidarisiert sich als Songwriter of Colour mit Black Lives Matter und kommentiert die offensichtlich auch in der Rockwelt nicht un\u00fcbliche Corona-Leugnerei.<br \/>\nK\u00fcrzlich beschwerte sich Danko via Internet \u00fcber eine ungenannte schwerreiche Metal-Band, weil deren Videos eigentlich nur noch eine einzige gro\u00dfe Schleichwerbung f\u00fcr Marken-Luxus-Produkte seien. Die wissenden Follower:innen kommentierten das fast durchg\u00e4ngig mit der einfachen Floskel \u201eSad but true\u201c, einem Hit der fr\u00fchen 1990er-Jahre von Metallica, der wohl namhaftesten Metal-Band. Also, erwischt: Es sind nat\u00fcrlich Metallica, die im Dezember 2021 ihr 40-j\u00e4hriges B\u00fchnenjubil\u00e4um mit einem Konzert vor 18.000 Personen in San Francisco feierten, die dort wenig \u00fcberraschend eines unreflektierten Luxus-Konsums und der Werbung daf\u00fcr bezichtigt werden.<br \/>\nSo weit, so normal. Von den schwerreichen Heavy-Rockern (die Zeichentrickserie South Park machte sich bereits einmal dar\u00fcber lustig, dass mensch den Pool nicht weiter vergolden k\u00f6nne, wenn sich die Kids weiterhin via Napster die Songs umsonst herunterladen w\u00fcrden) ist nichts anderes zu erwarten. Trotzdem hat mich das mal wieder fragen lassen, wie das eigentlich gekommen ist.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eEs war normal, links zu sein\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn: In meiner Jugend, die eben Metallica nicht ganz unwesentlich gepr\u00e4gt haben, war Heavy Metal links. Mille Petrozza, S\u00e4nger und Gitarrist der Ruhrpott-Metal-Legende Kreator, hat das mal kommentiert mit \u201eEs war in den 1980ern einfach normal, links zu sein\u201c. Das galt auch f\u00fcr Metallica, die bis heute in der Heavy Rotation ((1)) auch vieler Linker auf und ab laufen. Lassen wir mal kurz die Themen der letzten \u201elinken\u201c Platte, \u201e\u2026 And Justice For All\u201c (1988), Revue passieren: Protest gegen den drohenden Atomkrieg (\u201eBlackened\u201c), Korruption (\u201e\u2026 And Justice For All\u201c), Verteidigung der linksliberalen Punkband Dead Kennedys (\u201eEye Of The Beholder\u201c), ein popul\u00e4r gewordenes Antikriegslied (\u201eOne\u201c) und eine Hasstirade auf das evangelikale Elternhaus des S\u00e4ngers und Gitarristen James Hetfield (\u201eDyer\u02bcs Eve\u201c) \u2013 in deren politische Fu\u00dfstapfen er sich kurz danach begibt.<br \/>\nDenn Metallica haben, ausgerechnet mit einem ihrer popul\u00e4rsten Alben, dem so genannten schwarzen Album, das 2021 sein 30-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um feierte, eine radikale Kehrtwende vollzogen: Das Cover schm\u00fcckt eine geringelte Klapperschlange, die damals in Europa mangels Internet keiner:m etwas sagte: Es handelt sich um die so genannte Gadsden Flag, Symbol der extrem neoliberal orientierten Neuen Rechten in den USA (\u201eLibertarians\u201c oder sogar \u201eAnarchokapitalisten\u201c). Die Lyrics sind entsprechend: Der Song \u201eDon\u2019t tread on me\u201c zitiert das Motto der Gadsden Flag und ist Metallicas Bekenntnis zum Patriotismus. \u201eOf Wolf and Man\u201c ist eine Lobeshymne auf die Jagdpassion Hetfields, und \u201eThe Unforgiven\u201c orientiert sich am Werk der neoliberalen Philosophin Ayn Rand.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Rechtsliberale Kehrtwende<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hat es Textschreiber Hetfield offenbar besonders angetan: Zwei Fortsetzungen hat die Ballade \u201eThe Unforgiven\u201c (Balladen sind an sich schon ein Unding f\u00fcr eine Thrash-Metal-Band) seitdem erfahren, und auf dem musikalisch als \u201eR\u00fcckkehr zu den Wurzeln\u201c (sprich: als krampfhaften Versuch, an die Erfolge der 1980er-Jahre anzukn\u00fcpfen) gefeierten Album \u201eDeath Magnetic\u201c gibt es weitere Reminiszenzen, auf dem bis dato j\u00fcngsten Werk \u201eHardwired \u2026 to Self-Destruct\u201c gar einen Song namens \u201eAtlas, rise!\u201c in Anlehnung an die Bibel der Neoliberalen, \u201eAtlas Shrugged\u201c (\u201eAtlas wirft die Welt ab\u201c) von Rand. (Da mensch keiner:m zumuten m\u00f6chte, Ayn Rand zu lesen, sei an dieser Stelle Matt Ruffs \u201eGAS: Die Trilogie der Stadtwerke\u201c empfohlen, ein Roman, der Rands Thesen kritisch auseinandernimmt und dabei auch noch lustig ist.)<br \/>\n2021 h\u00e4tten die neurechts-marktradikalen Statements von Metallica einen Aufschrei ausgel\u00f6st, den es 1991 mangels Bekanntheit von Konstrukten wie \u201eAnarchokapitalismus\u201c noch nicht geben konnte. Schlagzeuger Lars Ulrich, Sohn eines d\u00e4nischen Tennisspielers, erkl\u00e4rt die Texte Hetfields mit einer europ\u00e4isch-US-amerikanischen Differenz und setzt hinzu, er habe es lange aufgegeben, mit James Hetfield politisch zu diskutieren. Nun gut, das ist gar nicht so unnormal: Es gibt eine Legion von linken Bands, in denen eigentlich nur der:die jeweilige Lyriker:in links war oder ist. Aber so darf Ulrich sich nicht wundern, wenn er f\u00fcr das, was seine Band da so von sich gibt, in Sippenhaft genommen wird.<br \/>\nViel verwunderlicher finde ich sowieso das Schweigen des Leadgitarristen Kirk Hammet, des einzigen in der Band, dessen Familie einen proletarischen und Latino-Hintergrund hat. Aber auch das sch\u00fctzt nicht vor den Verf\u00fchrungen des autorit\u00e4ren Liberalismus, zumal wenn mensch diese Wurzeln (die ja auch schlechthin die Wurzeln des Rock\u2019n\u2019Roll sind) lange hinter sich gelassen hat \u2026<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Metal-Szene<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der inhaltliche Wandel, den Metallica durchgemacht haben, ist \u2013 so mein Eindruck \u2013 repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Metal- und Hardrock-Szene. K\u00fcchensoziologisch m\u00fcsste wohl das zunehmende Alter der Musiker:innen wie auch der H\u00f6rer:innen als Erkl\u00e4rung herhalten. Politisches Schweigen (wie etwa erst k\u00fcrzlich durch die Ruhrgebiets-Metal-Band Sodom angesichts des Line-Ups eines skandinavischen Festivals mit einer ganzen Horde von Holocaust-Leugner:innen), \u00e4sthetisches Fischen in rechten Gew\u00e4ssern (Rammstein) und zahlreiche neurechte oder mindestens problematische \u00c4u\u00dferungen von Ted Nugent (der war allerdings schon immer so), Dave Mustaine (Megadeth und ganz fr\u00fcher auch mal Metallica) oder eben Kid Rock weisen darauf hin, dass Metal von einer linken Sub- zu einer konservativen Mainstream-Kultur geworden ist. Zum Gl\u00fcck gibt es Ausnahmen: Die spanischen Angelus Apatrida z. B. lassen die Spanische Revolution hochleben oder besingen den Haymarket Riot. Und Kreator (die daf\u00fcr in Metal-Foren auch immer eine Menge Kritik der konservativeren H\u00f6rer:innenschaft einstecken m\u00fcssen) ver\u00f6ffentlichen demn\u00e4chst \u2013 so sagt das Plattenlabel \u2013 \u201eihr bis dato politischstes Album\u201c. Immerhin.<br \/>\nDabei bin ich im \u00dcbrigen gar nicht der Meinung, dass Rock politisch sein muss. Sex, Drugs and Rock\u2019n\u2019Roll \u00e0 la Danko Jones verspr\u00fcht den urspr\u00fcnglichen Geist der Rebellion genauso, auch ohne politische Texte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>T\u00f6rsten Bewernitz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die kanadische Rockband Danko Jones besticht nicht gerade durch emanzipative Inhalte, ihr ist das oft patriarchale \u201eSex, Drugs and Rock\u2019n\u2019Roll\u201c-Grundmuster zu eigen, das sich in den Songtexten zumeist in einer so sexualisierten Grundstimmung \u00e4u\u00dfert, dass es durchaus an Sexismus grenzt. 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