{"id":27106,"date":"2022-02-28T12:36:45","date_gmt":"2022-02-28T10:36:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/mensch-vater-anti-atom-aktivist-autor-anarchist\/"},"modified":"2022-02-28T12:49:49","modified_gmt":"2022-02-28T10:49:49","slug":"mensch-vater-anti-atom-aktivist-autor-anarchist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/mensch-vater-anti-atom-aktivist-autor-anarchist\/","title":{"rendered":"Mensch, Vater, Anti-Atom-Aktivist, Autor, Anarchist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Jochen habe ich Anfang der 1990er in der Anti-Atomkraft-Bewegung kennengelernt. Ich war damals aktiv im Umweltzentrum (UWZ) M\u00fcnster und in der Aktionsgruppe WigA (Widerstand gegen Atomanlagen).<br \/>\nJochen war seit 1989 regelm\u00e4\u00dfiger Autor und dann Redakteur der Graswurzelrevolution (GWR), die ich als begeisterter Abonnent seit 1986 jeden Monat aufs Neue verschlungen habe, und dadurch eine bekannte Stimme in der gewaltfreien und anarchistischen Szene und der Anti-AKW-Bewegung.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ein solidarischer Freund und Genosse<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfang 1992 wurde das UWZ mit Ermittlungsverfahren nach den Gummi-Paragrafen 111 StGB \u201e\u00d6ffentliche Aufforderung zu Straftaten\u201c, 129a \u201eWerbung f\u00fcr eine terroristische Vereinigung\u201c und 90a \u201eAnleitung zu Straftaten\u201c \u00fcberzogen und eingesch\u00fcchtert. Ich wei\u00df noch, wie sehr ich mich damals gefreut habe, als Jochen im M\u00e4rz 1992 in der GWR 164 zur \u201eSolidarit\u00e4t mit dem Umweltzentrum M\u00fcnster\u201c aufgerufen hat, nachdem BKA, LKA und Kripo eine Gro\u00dfrazzia durchgef\u00fchrt hatten und anschlie\u00dfend eine Hetzkampagne begann. Jochen stellte in seinem Artikel fest, dass mit der Repression jeder Protest im Keim erstickt werden solle. \u201eErreicht wurde mit der Durchsuchung wohl gerade das Gegenteil. Die breite Solidarit\u00e4t beweist dies.\u201c<br \/>\n1992 zog Jochen von Heidelberg ins Wendland. Dort wurde in der \u201eKurve Wustrow\u201c das neue GWR-B\u00fcro eingerichtet, in dem er als verantwortlicher Redakteur fortan die Ausgaben 168 (September 1992) bis 201 (Oktober 1995) produzierte.<br \/>\nJochen hatte eine meist freundliche, angenehme Stimme. Er war ein begnadeter Netzwerker. Seine Hartn\u00e4ckigkeit richtete sich vor allem auf den Kampf f\u00fcr den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft, und die GWR entwickelte sich zu einem wichtigen Sprachrohr der Anti-AKW-Bewegung. Andere Themen gingen zwar nicht ganz unter, aber die lachende Anti-Atom-Sonne leuchtete in der GWR-Berichterstattung wohl nie so hell wie zu Jochens Redakteurszeit.<br \/>\nIn der taz vom 2.10.1995 wurde unter dem Titel \u201eJubil\u00e4um der Gewaltfreien\u201c \u00fcber die ersten 200 GWRs berichtet und Jochen mit dem Hinweis zitiert, dass auf dem H\u00f6hepunkt der Proteste gegen die \u201eNachr\u00fcstung\u201c in den 1980ern in der Friedens- und in der Anti-AKW-Bewegung heftig \u00fcber den Sinn gewaltfreier Sitzblockaden gestritten wurde. Dass \u201eheute etwa bei den wendl\u00e4ndischen AtomkraftgegnerInnen die gewaltfreie Blockade der Castor-Transporte selbstverst\u00e4ndliche Protestform ist\u201c, wertete Jochen als \u201eErfolg der Ideen der Graswurzelrevolution\u201c.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Jochen und \u201eX-tausendmal quer\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne die bei der GWR gemachten Erfahrungen ist die Entstehung der Kampagne \u201eX-tausendmal quer\u201c nicht zu verstehen; der Grundstein daf\u00fcr wurde in der Redaktion gelegt. Mit den Castor-Transporten nach Gorleben formierte sich die Anti-Atomkraft-Bewegung Mitte der 1990er neu. Jochen war mit seinen organisatorischen, rhetorischen und agitatorischen Talenten ein Sprecher und Motor von \u201eX-tausendmal quer\u201c. Nicht zuletzt mit Hilfe der GWR mobilisierte er zu den Blockadeaktionen, darunter zur gr\u00f6\u00dften Aktion, einer mehrt\u00e4gigen Sitzblockade in Dannenberg 1997. Rund zehntausend gewaltfreie Aktivist:innen hatten sich vor dem Verladekran versammelt und \u00fcber 48 Stunden die Transportstrecke blockiert. Bis 2011 haben Jochen und \u201eX-tausendmal quer\u201c zu jedem Castor-Transport ins Wendland Tausende Menschen zu Sitzblockaden auf der Strecke zwischen L\u00fcneburg und dem Zwischenlager in Gorleben mobilisiert.<br \/>\nAnl\u00e4sslich einer Einsch\u00fcchterungskampagne gegen Jochen 2001 bot sich die Gelegenheit, mich als GWR-Redakteur f\u00fcr die 1992 von ihm ausge\u00fcbte Solidarit\u00e4t zu revanchieren. Unter dem Titel \u201eFeindbild \u201aAnarchist\u2018\u201c analysierte ich in der GWR 260, wie die Organe der Staatsgewalt aus Jochen und anderen Gewaltfreien \u201eGewaltt\u00e4ter\u201c machen. \u201eUnter dem Deckmantel der Gewaltfreiheit\u201c, so die fette \u00dcberschrift eines Artikels zum Castor-Widerstand in Deutsche Polizei Nr. 5\/2001, einer Zeitung der Deutschen Polizeigewerkschaft. Hier wurde der Boden bereitet f\u00fcr Repressionsma\u00dfnahmen gegen Jochen \u2028und andere Graswurzelrevo-\u2028lution\u00e4r:innen durch den Versuch, \u201eX-tausendmal quer\u201c, die \u201eKurve Wustrow\u201c, die Graswurzelbewegung und die GWR als \u201egewaltt\u00e4tig\u201c zu diskreditieren.<br \/>\nSeit dem Castor-Transport im M\u00e4rz 2001 hatten Polizeif\u00fchrung, BILD und Focus versucht, Jochen zu einem \u201eGewaltbef\u00fcrworter\u201c und \u201eR\u00e4delsf\u00fchrer\u201c der Anti-AKW-Bewegung zu stilisieren. Die Hetzkampagne erreichte mit diesem Artikel einen H\u00f6hepunkt, wie ich in der GWR 260 zusammenfasste: \u201eDamit alle PolizistInnen in der BRD den angeblichen \u201aGewaltt\u00e4ter\u2018 sofort erkennen k\u00f6nnen, drucken die (&#8230;) Autoren des Artikels nicht nur eine Art Fahndungsfoto des Anarchisten ab. Untertitel: \u201aIn Gewahrsam genommen und f\u00fcr die Dauer des Castor-Transports aus dem Verkehr gezogen wurde Jochen Stay, Sprecher der Initiative X-tausendmal quer. Er hatte mehrfach zu Straftaten aufgerufen.\u2018 Sie rei\u00dfen bewusst Zitate aus dem Zusammenhang und stellen sie durch Kommentare in einen anderen Sinnzusammenhang. (\u2026) Der begrenzte Horizont der Staatssch\u00fctzer hat zur Folge, dass f\u00fcr sie eine Organisationsform von unten nicht denkbar ist. (&#8230;) W\u00e4re X-tausendmal quer nicht (&#8230;) basisdemokratisch organisiert, sondern von einem \u201aR\u00e4delsf\u00fchrer\u2018 geleitet, h\u00e4tte es Ende M\u00e4rz 2001 nicht diese effektiven Anti-Castor-Aktionen von X-tausendmal quer im Wendland gegeben, w\u00e4hrend gleichzeitig der angebliche \u201aR\u00e4delsf\u00fchrer\u2018 ohne jegliche Rechtsgrundlage im Knast sa\u00df.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Konflikt um einen GWR-Artikel<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich als GWR-Koordinationsredakteur war Jochen lange Zeit eine der ersten Ansprechpersonen f\u00fcr Artikel zu den neusten Machenschaften der Atommafia. Ein Anruf bei ihm, zack, schon folgte die Zusage, und sein Artikel trudelte p\u00fcnktlich zum Redaktionsschluss ein. Jochen war eine sichere Bank.<br \/>\nDas Verh\u00e4ltnis wurde aber getr\u00fcbt, nachdem in der GWR ein Artikel abgedruckt worden war, der sich kritisch mit \u201eX-tausendmal quer\u201c auseinandersetzte. Jochen reiste daraufhin zum GWR-Herausgeber:innentreffen an, wo er als Sturkopf auftrat und durchzusetzen versuchte, dass sich die GWR \u00f6ffentlich von dem abgedruckten Artikel und seinem Autor distanziert. Das Angebot, eine Erwiderung f\u00fcr die n\u00e4chste Ausgabe zu \u2028schreiben, war ihm nicht genug. Wutschnaubend reiste er ab.<br \/>\nVermutlich haben diese ungl\u00fcckliche Auseinandersetzung und auch die oben skizzierte Medienhetze dazu beigetragen, dass er sich peu \u00e0 peu von der GWR entfernt hat. Meine Interviewanfragen an ihn liefen ins Leere. 2008 endete Jochens regelm\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeit als Autor f\u00fcr die GWR mit der Gr\u00fcndung der Nichtregierungsorganisation \u201e.ausgestrahlt\u201c, auf die er sich fortan konzentrierte und die dank seines Geschicks sehr erfolgreich war. So gelang es Jochen und \u201e.ausgestrahlt\u201c zum 24. April 2010, 24 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl, 150.000 Menschen f\u00fcr die Stilllegung aller Atomanlagen und gegen die von der CDU\/FDP-Regierung geplante Laufzeitverl\u00e4ngerung auf die Stra\u00dfe zu holen. Rund 120.000 DemonstrantInnen bildeten eine 120 Kilometer lange Menschenkette zwischen den AKWs Brunsb\u00fcttel und Kr\u00fcmmel, 20.000 umzingelten das AKW Biblis.<br \/>\nJochen hat einen gro\u00dfen Anteil daran, dass viele Atomkraftwerke inzwischen abgeschaltet sind. Das wurde in den Nachrufen auf ihn, von \u201e.ausgestrahlt\u201c bis zur BI L\u00fcchow-Dannenberg, gut herausgearbeitet.<br \/>\nSpiegel, S\u00fcddeutsche und taz haben in ihren Texten zu Jochen seine Zeit bei der GWR verschwiegen, obwohl er die Zeitung und sie ihn mitgepr\u00e4gt hat.<br \/>\nJochen war Mensch, Vater, Anti-Atom-Aktivist, aber eben auch GWR-Redakteur und Anarchist. Er war jemand, der sich auf den Weg gemacht hat, zur anarchistischen Gesellschaft.<br \/>\nLieber Jochen, wir werden dich nicht vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jochen habe ich Anfang der 1990er in der Anti-Atomkraft-Bewegung kennengelernt. Ich war damals aktiv im Umweltzentrum (UWZ) M\u00fcnster und in der Aktionsgruppe WigA (Widerstand gegen Atomanlagen). 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