{"id":27107,"date":"2022-02-28T12:36:46","date_gmt":"2022-02-28T10:36:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/jochen-stays-mitreissender-optimismus-ein-nachruf\/"},"modified":"2022-03-14T15:10:52","modified_gmt":"2022-03-14T13:10:52","slug":"jochen-stays-mitreissender-optimismus-ein-nachruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/jochen-stays-mitreissender-optimismus-ein-nachruf\/","title":{"rendered":"Jochen Stays mitrei\u00dfender Optimismus und Mensch, Vater, Anti-Atom-Aktivist, Autor, Anarchist. Zwei Nachrufe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten f\u00fcr die Graswurzelrevolution nach einem kontroversen inhaltlichen Richtungsstreit um die Zukunft der Zeitung, bei dem sich die gewaltfrei-anarchistische Str\u00f6mung durchsetzen konnte, gerade eine neue Redaktion in Heidelberg aufgemacht. Dort traf sich der neu gegr\u00fcndete Herausgeber*innenkreis der Zeitung, der nun ein autonomes Projekt, unabh\u00e4ngig von der noch bestehenden F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA) geworden war, sich letzterer aber weiter verpflichtet f\u00fchlte. Es war ein Souterrain-Stockwerk, in dem eine Initiativengemeinschaft, bestehend aus der GWR-Redaktion, dem \u00f6rtlichen Heidelberger Friedensb\u00fcro und der lokalen Videofilm-Gruppe \u201eSchr\u00e4gspur\u201c \u2013 es gab damals eine florierende linke Videofilmszene, an die im heutigen digitalen Zeitalter kaum noch erinnert wird \u2013 arbeitete.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Redaktionsarbeit in Heidelberg<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der neuen Hauptredaktion arbeitete ich zun\u00e4chst als einzelner Redakteur freiwillig, erst kostenlos, selbst finanziert durch meinen Unijob, dann gest\u00fctzt durch spontane Spenden aus unseren eigenen Reihen. Die Artikel diskutierten einige an der Zeitungsarbeit Interessierte aus der damals sehr aktiven F\u00f6GA-Ortsgruppe, der \u201eGewaltfreien Aktionsgruppe Regenbogen\u201c.<br \/>\nZur t\u00e4glichen Arbeit kamen vereinzelt auch Bewegungsaktivist*innen jeweils kurze Zeit hinzu, die von der neu eingerichteten Redaktion erfahren hatten. Eine davon sprach mir gegen\u00fcber von dem Mutlanger Langzeitaktivisten Jochen, der nun wieder in seine Geburtsstadt Mannheim zur\u00fcckgekehrt war und sich f\u00fcr die neue Redaktion interessiere, seit Anfang 1989 auch schon mal erste Artikel f\u00fcr die Zeitung beigesteuert hatte. Seine Artikel drehten sich nun aber nicht mehr um Antimilitarismus und die Atomraketen, sondern um direkte gewaltfreie Aktionen gegen die \u201ezivile Nutzung der Atomenergie\u201c, weil er sich zwischenzeitlich am Widerstand gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf beteiligt hatte, deren Bau gerade vom Konzern VEBA 1989 aufgegeben worden war. ((1)) Auf dieser Basis einer gelegentlichen Mitarbeit lernte ich Jochen in der Redaktion kennen und schnell sch\u00e4tzen, vor allem aufgrund seiner oft witzigen Bemerkungen, seiner ansteckend guten Stimmung und seines mitrei\u00dfenden Optimismus, was die Widerstandsperspektiven anbetraf. Er war eine Frohnatur \u2013 und das war damals beim kr\u00e4ftezehrenden Produktionsprozess der GWR auch sehr vonn\u00f6ten, denn in der letzten Woche vor Druck machten wir dann regelm\u00e4\u00dfig die N\u00e4chte durch, oft f\u00fcnf oder sechs am St\u00fcck. Aus der gelegentlichen wurde eine st\u00e4ndige Redaktionsarbeit.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Timeworks, durchgemachte N\u00e4chte und Massenzeitung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir befanden uns damals in der Fr\u00fchzeit des Computerzeitalters, tippten und druckten die Artikel mit der ersten Generation Atari und den Programmen Timeworks und Calamus, falls die noch jemand kennt. Mit unserer Atari-Ausr\u00fcstung r\u00fcckten wir noch 1993 nach Magdeburg zum ersten Jugendumweltfestival \u201eAufTakt 93\u201c an, dem Urknall der Jugendumweltbewegung, und machten dort die Festivalzeitung. Jochen hatte ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, was mensch mit einer Bewegungszeitung alles machen konnte und wie damit die Bewegung voranzubringen war.<br \/>\nEine fr\u00fche Umsetzung seiner geradezu sprudelnden Ideen war das von ihm stammende Konzept der GWR-Massenzeitung (sp\u00e4ter \u201eAktionszeitung\u201c) als 4- oder 8-seitige Aktionsmobilisierungszeitung im herausnehmbaren Innenteil der GWR, die wir in gro\u00dfer Extraauflage druckten, damit sie in damals noch florierenden linken Buchl\u00e4den oder Szenekneipen verteilt werden konnte. Eine erste Massenzeitung war \u201eKein Krieg am Golf\u201c in GWR 152 vom Januar 1991 zur Mobilisierung f\u00fcr die Blockade an der Frankfurter Air-Base 1991 mitsamt einer Demo von 10.000 Menschen. Die Blockade-Demo wurde zur Initialz\u00fcndung der damaligen Anti-Golfkriegs-Bewegung 1991, ((2)) an die schon niemand mehr geglaubt hatte, denn die Friedensbewegung war entschlafen und die Startbahnbewegung durch die Repression nach den t\u00f6dlichen Sch\u00fcssen gegen Polizisten vom 2. November 1987 tot. Es folgte eine Massenzeitung mit einer Auflage von 40.000 Exemplaren (die Normalausgabe der GWR lag bei 3.600 St\u00fcck) zu gewaltfreien Aktionen f\u00fcr den 6. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: \u201eTschernobyl ist \u00fcberall\u201c \u2013 als Innenteil der GWR 165 vom April 1992.<br \/>\nDamit hatte Jochen ein Mobilisierungsmodell f\u00fcr seine von ihm mitgepr\u00e4gten Kampagnen \u00fcber die n\u00e4chsten Jahre hinweg gefunden. Aus der Mutlanger Zeit hatte Jochen einen riesigen Bekanntenkreis und pers\u00f6nliche Kontakte, die er f\u00fcr seine Kampagnen mobilisieren konnte.<br \/>\nEr kam nie in unsere \u00f6rtliche F\u00f6GA-Gruppe, denn in der F\u00f6GA mit ihrem Modell von verbindlichen gewaltfreien Aktionsgruppen, Koordinierungs-Delegiertenr\u00e4ten (Ko-Rat) auf bundesweiter Ebene, die in den 1980er-Jahren sehr gut funktionierte und soziale Bewegungen beeinflussen konnte, dann aber bis zu ihrer Aufl\u00f6sung 1997 in eine Krise geriet, sah er keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr Massenmobilisierungen mehr. Sein Kampagnenmodell entwickelte er als Anschreiben seiner pers\u00f6nlichen Kontakte (manchmal despektierlich \u201eSeilschaften\u201c genannt), die dann Aufrufe zu gewaltfreien Aktionen mit Ausf\u00fcllen und Zur\u00fcckschicken von Selbstverpflichtungserkl\u00e4rungen f\u00fcr eine Blockade oder andere gewaltfreie Aktion verteilten, etwa zu einem bestimmten Zeitpunkt, einem Tag X zum Aktionscamp nach Gorleben zu kommen, wo dann vor Ort nach Trainings in gewaltfreier Aktion \u201eBezugsgruppen\u201c f\u00fcr die kommende Massenaktion gebildet wurden.<br \/>\nEs war eine sch\u00f6ne Zeit damals in Heidelberg, trotz \u2013 oder gerade wegen \u2013 der vielen durchgemachten N\u00e4chte. Ums Essen k\u00fcmmerten wir uns, wenn wir Hunger bekamen, Getr\u00e4nke besorgten wir uns in der nahe gelegenen Tanke, deren Shop die ganze Nacht aufhatte und von uns schnell hoch frequentiert wurde. Jochen kaufte sich dort pro Nacht mehrere T\u00fcten Kartoffelchips, sein damaliges Lieblingsessen, von dem er fast die ganze Woche lebte.<br \/>\nWir beide nahmen dann die ausgedruckten Spalten der Artikel im Zug mit nach Stuttgart, wo wir die n\u00e4chste Nacht in der Werkstatt von Johannes Sternstein und Maren Witthoeft verbrachten, die der GWR gerade ein neues, wundersch\u00f6nes, von Letternkunst beeinflusstes Layout verpasst hatten. ((3)) Johannes und Maren klebten die Spalten auf riesige Druckvorlagen, die wir dann noch mal Korrektur lesen mussten, denn es kam schon mal vor, dass ein Schnipsel falsch geklebt war. So verbrachten Jochen und ich noch eine zus\u00e4tzliche Nacht in Stuttgart, bevor wir heimkamen. Im Anschluss an diese durchgemachte Zeit von ca. f\u00fcnf bis sechs N\u00e4chten (und Tagen) legten wir uns schlafen und \u00fcberboten uns dann angeberisch in der Stundenzahl des langen Ausschlafens, zu dem wir endlich gekommen waren.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Gegen Atomkraft, Rassismus und Krieg<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst schrieb Jochen keineswegs nur zu seinem Schwerpunkt Anti-AKW-Bewegung, sondern auch viel \u00fcber den damaligen Pogrom-Rassismus, den wir vor allem im Vorfeld der Bundestagsblockade zur Versch\u00e4rfung des Asylrechts 1993 kritisch analysierten. Ein Pogrom fand damals auch mehrere Tage lang in Mannheim-Sch\u00f6nau statt.<br \/>\nAktuelle Kurzartikel \u00fcber Anti-AKW-Konferenzen oder die \u2013 mit unseren Massenzeitungen im Vorfeld beworbenen \u2013 gewaltfreien Aktionen zur Blockade der Castor-Transporte nach Gorleben, u. a. aus den s\u00fcddeutschen AKWs Philippsburg und Neckarwestheim, zeichnete er noch lange mit dem K\u00fcrzel \u201ejost\u201c. ((4))<br \/>\nViel sp\u00e4ter, als Jochen auch kritisiert wurde, weil er etwa pl\u00f6tzlich beim Slogan \u201eSofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke\u201c das \u201eSofortige\u201c rauslie\u00df, fragten sich einige von uns, ob er \u00fcberhaupt jemals bewusst Anarchist gewesen w\u00e4re. F\u00fcr die Zeit der Heidelberger Redaktion kann ich das klar bejahen. Er war kein anarchistischer B\u00fcchernarr, aber seine pragmatische Herangehensweise hinderte ihn nicht, sich der anarchistischen Bewegung zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Auf dem Weg zur anarchistischen Gesellschaft<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Kommentar zu den Zweiten Libert\u00e4ren Tagen 1993 (nach den Ersten 1987) mit \u00fcber 2.000 Teilnehmer*innen in Frankfurt, wo es heftige Auseinandersetzungen um sexistisches Verhalten anarchistischer M\u00e4nner gegeben hatte, schrieb der unverbesserliche Optimist Jochen eine \u201eVerteidigungsrede\u201c \u2028der Veranstaltung, in der zu lesen war:<br \/>\n\u201eMehr davon! Wie sch\u00f6n, endlich mal innerhalb kurzer Zeit verschiedenste Beispiele libert\u00e4rer Kunst erleben zu k\u00f6nnen. (&#8230;) Wie bereichernd, anarchistische Projekte und die Menschen, die dazugeh\u00f6ren, kennenzulernen. (&#8230;) Welch ein Anblick, eine mit schwarz-roten Fahnen geschm\u00fcckte Demo durch die Bankenmetropole zu erleben. (&#8230;) Da waren eine Menge Leute, die sich nicht mit den zahlreichen M\u00e4ngeln der Veranstaltung und dem Verhalten der Leute abgefunden haben. Diese Leute haben versucht, was zu ver\u00e4ndern. Die haben sich zumindest auf den Weg gemacht, zur anarchistischen Gesellschaft.\u201c ((5))<br \/>\nJochen war mit Leib und Seele dabei. Die wunderbare Zeit in Heidelberg mit ihm endete f\u00fcr mich mit dem Umzug der Hauptredaktion in die Kurve Wustrow im Wendland, wo er ab Ende 1992 eine Lebensgemeinschaft, das \u201eWendland-Projekt\u201d, aufbauen wollte. ((6)) Die Redaktion ist bis 1995 in der Kurve Wustrow geblieben. Die Heidelberger Redaktion wurde zur \u201eS\u00fcd-Redaktion\u201c, daneben gab es noch eine \u201eNord-Redaktion\u201c in Bremen. Diese Struktur mit Regionalredaktionen lie\u00df sich im Impressum der GWR noch bis 1999 wiederfinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Der Nachruf von Bernd Dr\u00fccke findet sich hier:<\/strong><\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/02\/mensch-vater-anti-atom-aktivist-autor-anarchist\/\">Mensch, Vater, Anti-Atom-Aktivist, Autor, Anarchist<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir hatten f\u00fcr die Graswurzelrevolution nach einem kontroversen inhaltlichen Richtungsstreit um die Zukunft der Zeitung, bei dem sich die gewaltfrei-anarchistische Str\u00f6mung durchsetzen konnte, gerade eine neue Redaktion in Heidelberg aufgemacht. 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