{"id":2724,"date":"1999-05-01T00:00:49","date_gmt":"1999-04-30T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2724"},"modified":"2022-07-26T14:26:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:27","slug":"medienpropaganda-instrumentalisierung-des-leides-fur-den-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/05\/medienpropaganda-instrumentalisierung-des-leides-fur-den-krieg\/","title":{"rendered":"Medienpropaganda &#8211; Instrumentalisierung des Leides f\u00fcr den Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Die Medienberichterstattung reproduziert durch selbstverst\u00e4ndliche Einigkeit in bestimmten Bereichen, bei akzeptierter Toleranz abweichender Positionen in anderen Bereichen, st\u00e4ndig den f\u00fcr den Krieg notwendigen Konsens. Dabei wird das reale Leid der kosovo-albanischen Fl\u00fcchtlinge, die Opfer der serbischen Vertreibungspolitik sind, f\u00fcr den NATO- und Bundeswehr-Krieg instrumentalisiert.<\/p>\n<p>Zum Konsens der Medienberichterstattung in der BRD geh\u00f6ren:<\/p>\n<p>1. Es gibt ein von der NATO gesteuertes, &#8222;zieharmonikaartiges&#8220; Sammeln, Zur\u00fcckhalten und Ausgeben von Informationen \u00fcber die Vertreibungspolitik der jugoslawischen Regierung. Bei Legitimationsl\u00fccken oder &#8211; krisen der NATO-Angriffe werden die Medienbeitr\u00e4ge \u00fcber Gewalttaten gegen Kosovo-AlbanerInnen tendenziell erh\u00f6ht. Auch bei der \u00f6ffentlichen Legitimation der n\u00e4chsten qualitativen Schritte, wie etwa bei Einf\u00fchrung von Bodentruppen, ist damit zu rechnen, da\u00df sie von einer Vielzahl von Berichten \u00fcber Vergewaltigungen, Hinrichtungen, Lager usw. begleitet werden, die gar nicht falsch sein m\u00fcssen, die lediglich nicht in einen zeitlichen Zusammenhang mit ihrem realen Geschehen, sondern eher in einen zeitlichen Zusammenhang mit der milit\u00e4rischen Logik und Legitimation der NATO gestellt werden.<\/p>\n<p>2. Es wird ein willk\u00fcrlicher Feindbildkanon benutzt, nach welchem die jugoslawische Regierung mal dem Kommunismus (eher BILD), mal dem Faschismus (eher Fischer) zugeordnet wird, in jedem Fall antidemokratisch und als Diktatur dargestellt wird. Real hat die Sozialistische Partei Milosevics ein sozialdemokratisches Programm, ist demokratisch gew\u00e4hlt, befindet sich aber im B\u00fcndnis mit rechtsextremen Tschetnik-Str\u00f6mungen (Seselj, Draskovic), eine national-soziale Kombination, die bald auch in Ru\u00dfland m\u00f6glich werden kann. Der Skandal ist, da\u00df eine Demokratie (jedenfalls eher Demokratie als die T\u00fcrkei) zu solch brachialer Gewalt wie der gegen die Kosovo-AlbanerInnen f\u00e4hig ist, da\u00df das aber nicht so dargestellt wird, denn der &#8222;gute&#8220; Westen mu\u00df per se eine &#8222;Diktatur&#8220; angreifen.<\/p>\n<p>3. Es wird der m\u00f6glichst konkreten, dramatisierenden Schilderung der Gewalt bei der Vertreibung die m\u00f6glichst abstrakte, nur mit fernen Bildern von den Flugzeugcomputern garnierte, Darstellung eventueller Opfer bei der Bombardierung gegen\u00fcbergestellt (mit der Ausnahme von Djakovica, dort wurde die offensichtliche Brutalit\u00e4t von Bombentoten mit einem Wechsel von Zugeben und Abstreiten verwischt und verwirrt).<\/p>\n<p>4. \u00dcber Alternativen zum Krieg, \u00fcber die antimilitaristischen, feministischen und nicht-nationalistischen Oppositionsgruppen seit 1991 in Jugoslawien wird nicht berichtet. Gleichzeitig wird tendenziell diffamierend \u00fcber Antikriegsinitiativen hier berichtet, die undifferenziert in einem B\u00fcndnis mit serbischen NationalistInnen dargestellt werden. Real aber gibt es \u00fcberall Kritik an serbisch-nationalistischen Parolen, gleichzeitig sind nicht alle serbischen ProtestiererInnen pro-Milosevic. Beispiel f\u00fcr den diffamierenden Jargon, taz, 6.4.99: &#8222;Tschetnik-Lieder wurden angestimmt &#8211; und nebenher schlenderten arglos deutsche Friedensfreunde, die sich in ihrem Willen, Gutes zu wollen, nicht irritieren lie\u00dfen.&#8220; (S.1)<\/p>\n<p>5. Es wird ein verharmlosender oder dramatisierender Sprachjargon benutzt, je nachdem, ob es den eigenen kriegsf\u00fchrenden Interessen dient oder nicht. Dadurch kommt es zu offensichtlichen Legitimationswiderspr\u00fcchen, bei denen die Regierenden und die MedienmacherInnen aber hoffen, da\u00df sie nicht direkt einander gegen\u00fcbergestellt werden, wie das hier nun beispielhaft geschieht:<\/p>\n<p>a) w\u00e4hrend einerseits weder Regierung noch Medien ernsthaft in Zweifel zogen, da\u00df es sich beim NATO- Angriff um einen V\u00f6lkerrechtsbruch &#8211; eben f\u00fcr einen &#8222;guten Zweck&#8220; &#8211; handelte, emp\u00f6rte sich Scharping bei der Gefangennahme und medienpolitischen Ausstellung der drei US-Soldaten aus Mazedonien durch jugoslawisches Milit\u00e4r sofort, es handle sich hierbei um einen Bruch des V\u00f6lkerrechts.<\/p>\n<p>b) w\u00e4hrend westliche Medien bei dem Mord an 45 albanischen ZivilistInnen am 16.1.99 in Racak sofort von einem &#8222;Massaker&#8220; sprachen, die Vorw\u00fcrfe von der finnischen Pathologin Ranta eher best\u00e4tigt wurden und Racak fortan als Begr\u00fcndung f\u00fcr die Bombardierung instrumentalisiert wurde, gilt der Bombenangriff auf Djakovica mit ca. 75 Toten (noch dazu Kosovo-AlbanerInnen, die man\/frau vorgab, sch\u00fctzen zu wollen) keineswegs als Mord oder &#8222;Massaker&#8220;. Im NATO-Jargon wird von &#8222;Unfall&#8220; gesprochen, von &#8222;Kollateralschaden&#8220;, f\u00fcr die in jedem Fall Milosevic verantwortlich sei. Zugleich wird von einem &#8222;Wunder&#8220; gesprochen, da\u00df das nicht schon fr\u00fcher passiert sei und also f\u00fcr die Zukunft Vergleichbares oder Schlimmeres angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>c) Bombenangriffe werden verharmlosend als &#8222;Luftschl\u00e4ge&#8220; bezeichnet, w\u00e4hrend bei der serbischen Vertreibungspolitik hemmungslos in Ineinssetzung mit der Nazi-Vernichtungspolitik von &#8222;Konzentrationslagern&#8220;, &#8222;Deportationen&#8220;, &#8222;Genozid&#8220;, &#8222;neues Auschwitz&#8220; geredet wird. Ein Beispiel: &#8222;Deportation&#8220; soll laut vierter Genfer Konvention als Begriff nur benutzt werden, wenn er die &#8222;erzwungene Verschleppung&#8220; von Individuen oder Bev\u00f6lkerungsgruppen zu dem Zweck, &#8222;sie in Arbeits- oder Vernichtungslagern zu internieren&#8220; bezeichnen soll. Bis zum Beweis des Gegenteils ist das im Kosovo nicht der Fall, sondern es findet eine brutale Vertreibung an die Landesgrenze statt.<\/p>\n<p>Ergebnisse dieses tendenzi\u00f6sen Sprachjargons sind sinnwidrige Schlagzeilen oder Militarismen mit diffamierender Tendenz. Zwei Beispiele aus der taz, bei der sich die Mechanismen dieser differenzierten Medienpropaganda aufgrund ihrer neuen Regierungsfunktion nachweisen lassen: \u00dcberschrift S.1 am 26.3.99: &#8222;Trotz Bomben: Kosovo leidet&#8220; (\u00dcberschrift bewegt sich im medienpolitischen Konsens, ist aber sinnwidrig: es wird als normal vorausgesetzt, da\u00df bei Bomben erstmal niemand leidet!); Artikel\u00fcberschrift taz, 8.4., S.2 unten, zum vergeblichen Versuch der &#8222;M\u00fctter gegen den Krieg&#8220;, im Kanzleramt etwas zu bewirken: &#8222;Bodenaufprall der Friedenstauben&#8220; (diffamierender Stil: Ablehnung wird militaristisch mit etwas verglichen, was nur den Tod bedeuten kann, Begriff &#8218;Friedenstaube&#8216; meint eher &#8218;Trottel&#8216;, gewendet als H\u00e4me und Zynismus!)<\/p>\n<p>Grundlage libert\u00e4rer und gewaltkritischer Medienkritik sollte sein: die Tatsachen der Vertreibung kleiner zu machen, &#8222;weil wir deren Instrumentalisierung ohnm\u00e4chtig ausgeliefert sind, w\u00e4re politisch untragbar.&#8220; (Autonome LUPUS-Gruppe)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Medienberichterstattung reproduziert durch selbstverst\u00e4ndliche Einigkeit in bestimmten Bereichen, bei akzeptierter Toleranz abweichender Positionen in anderen Bereichen, st\u00e4ndig den f\u00fcr den Krieg notwendigen Konsens. 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