{"id":2726,"date":"1999-05-01T00:00:36","date_gmt":"1999-04-30T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2726"},"modified":"2022-07-26T14:26:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:27","slug":"am-himmel-die-nato-am-boden-milosevic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/05\/am-himmel-die-nato-am-boden-milosevic\/","title":{"rendered":"Am Himmel die NATO, am Boden Milosevic"},"content":{"rendered":"<p>Seit Beginn der NATO-Bombardierungen haben sich die Bedingungen f\u00fcr die serbische Opposition massiv verschlechtert. &#8222;Die NATO-Milit\u00e4rintervention hat alles, was wir erreicht haben, untergraben, und gef\u00e4hrdet das blo\u00dfe \u00dcberleben des zivilen Sektors in Serbien&#8220;, so eine Erkl\u00e4rung 17 serbischer NGOs vom 6. April, in der unter anderem der sofortige Stopp der Bombardierungen und aller bewaffneter Aktionen gefordert wird. Die NATO-Bombenangriffe sind &#8222;ein letzter Schlag gegen die M\u00f6glichkeiten einer Demokratisierung in Serbien&#8220; res\u00fcmiert ein derzeit in Budapest lebender serbischer Kriegsgegner in einem email vom 8. April.<\/p>\n<h3>Nationalistische Mobilisierung<\/h3>\n<p>&#8222;Wenn man nach den Fernsehspots des Regimes geht, sind Singen und Schie\u00dfen die wesentlichen Entspannungen junger Menschen, insbesondere der M\u00e4nner in Serbien.&#8220; So beginnt ein Bericht einer Antikriegsgruppe aus Belgrad vom 19. M\u00e4rz, also noch kurz vor Beginn des Krieges. &#8222;Die patriotische Propaganda hat ein derartiges Niveau erreicht, da\u00df sie bis vor kurzem vollkommen widersinnig erschien. Stellungnahmen von Menschen in den unabh\u00e4ngigen Zeitungen und Medien im Februar &#8217;99 haben eine &#8218;verbl\u00fcffende Gleichg\u00fcltigkeit&#8216; gezeigt. Fast niemand dachte, da\u00df die Drohung mit Bombardierungen verwirklicht w\u00fcrde. Die Menschen auf der Stra\u00dfe waren gleichg\u00fcltig. &#8230; Es sah so aus, als ob der Fernsehsender des Regimes die Menschen nicht entsprechend vorbereitet hatte, &#8218;als ob ihnen noch nicht erz\u00e4hlt worden war, was sie denken sollen&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p>\u00dcber die milit\u00e4rische Mobilisierung wurde ebenfalls \u00e4u\u00dferst selten berichtet. Dennoch stieg seit Februar gerade im S\u00fcden Serbiens &#8211; den an das Kosovo angrenzenden Regionen &#8211; die Angst, was durch die Mobilisierung von Reserveeinheiten der jugoslawischen Armee noch gesteigert wurde. Vor allem Mitglieder der Luftabwehr wurden zun\u00e4chst eingezogen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Mobilisierung begann irgendwann nach Ende der ersten Runde der Verhandlungen in Rambouillet. Wie schon fr\u00fcher, schl\u00e4gt die Mobilisierung in den Regionen au\u00dferhalb Belgrads viel h\u00e4rter zu, als in der Hauptstadt. Schon vor dem Februar begannen sich junge M\u00e4nner in vielen St\u00e4dten in Serbien zu verstecken, wie von &#8217;91 bis &#8217;99.&#8220;<\/p>\n<p>Noch im M\u00e4rz kamen nur wenige den Mobilisierungen nach. Mitte M\u00e4rz wurde daher die Milit\u00e4rdienst f\u00fcr die noch dienenden Soldaten verl\u00e4ngert. Es kam auch zu Protesten. So demonstrierten noch am 17. M\u00e4rz in Leskovac (im S\u00fcden Serbiens, nahe dem Kosovo) 100 Reservisten: &#8222;La\u00dft diejenigen, die uns in einen Krieg f\u00fchren wollen, in den Krieg ziehen, wir werden nicht gehen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Rekrutierungsmethoden wurden immer h\u00e4rter. Autos werden angehalten und die Papiere der Insassen kontrolliert. Wer sich nicht ausweisen kann oder einberufen wurde, wird mitgenommen. Eine Zuh\u00f6rerin von Radio B92 bezeugte: &#8222;Sie nehmen Leute mit, schnappen sie w\u00e4hrend der Nacht, weil sie nicht freiwillig kommen.&#8220;<\/p>\n<h3>Die Entwicklung seit dem Beginn der Bombardierungen<\/h3>\n<p>Seit dem Beginn des NATO-Angriffs hat sich die Situation weiter versch\u00e4rft. &#8222;Der Umfang der Mobilisierung in Serbien ist ohne Beispiel und viele meiner Freunde waren unter denjenigen, die k\u00fcrzlich einberufen wurden&#8220;, hei\u00dft es am 6. April aus Budapest. &#8222;Es scheint keinen Ausweg zu geben. Jeder Einberufungsbefehl gilt als zugestellt, ob die Person zu Hause ist oder nicht. F\u00fcr diejenigen, die der Einberufung nicht nachkommen, werden Milit\u00e4rgerichte eingerichtet. Alle Strafandrohungen wurden erh\u00f6ht und einige Quellen berichten, da\u00df die Todesstrafe wieder eingef\u00fchrt wurde. Die meisten Leute kommen den Einberufungen nach, was man verstehen kann, wenn man die Umst\u00e4nde des totalen Krieges betrachtet, den die NATO im Moment gegen Serbien, nicht Milosevic, f\u00fchrt.&#8220; Flucht wird immer schwieriger, da zum einen die Grenze nach Ungarn f\u00fcr alle M\u00e4nner zwischen 18 und 60 Jahren geschlossen wurde, zum anderen alle Br\u00fccken nach Kroatien mittlerweile zerst\u00f6rt sind, das gleiche gilt f\u00fcr die Br\u00fccken nach Montenegro, wo es derzeit noch etwas sicherer ist als in Serbien selbst &#8211; wie lange noch ist allerdings offen.<\/p>\n<p>Trotzdem sind die Gef\u00e4ngnisse voll. Sch\u00e4tzungen sprechen von 50.000 Verweigerern und Deserteuren, so ein Bericht der Frankfurter Rundschau vom 23. April 1999, darunter vor allem Menschen aus Montenegro und Angeh\u00f6rige der rum\u00e4nischen und ungarischen Minderheit in der Vojvodina. Geschnappte Verweigerer werden vor die Wahl zwischen Gef\u00e4ngnis und Milit\u00e4r gestellt &#8211; die meisten w\u00e4hlen letzteres.<\/p>\n<h3>Demokratie in Serbien?<\/h3>\n<p>Die Folgen f\u00fcr eine demokratische Zukunft Serbiens sind fatal. &#8222;Mit der Verst\u00e4rkung der NATO- Bombardements verschwindet jede Hoffnung auf eine L\u00f6sung des Kosovo-Problems, f\u00fcr die Demokratisierung in Serbien, f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Wohlstand auf dem Balkan&#8220; hei\u00dft es aus Budapest. Und weiter: &#8222;Es ist kein Wunder, da\u00df sich in dieser Situation viele ehemalige Oppositionelle zu Milosevic und seiner Regierung wenden. Die gleichen Menschen, die vor nur wenigen Jahren geschlagen und inhaftiert wurden, weil sie amerikanische Flaggen getragen hatten, verbrennen diese nun.&#8220;<\/p>\n<p>Die Frauen in Schwarz, eine der couragiertesten pazifistisch-feministischen Gruppen in Serbien, berichten von einer zunehmenden nationalistischen Aufheizung, die sich u.a. in den t\u00e4glichen Konzerten auf dem Platz der Republik zeigt. Dies wirkt sich auch auf an dere Minderheiten in Serbien aus: &#8222;Wir sahen eine Gruppe von Roma, die ihre Loyalit\u00e4t zum Staat vor der US-Botschaft demonstrierten, und andere mit Slogans wie &#8218;wir werden unser Leben geben, doch Kosovo nicht aufgeben&#8216;; &#8218;Kosovo ist Serbien&#8216;, und mit Klagen \u00fcber die AlbanerInnen des Kosovoa. Hier ist die Logik der Unterdr\u00fcckten offensichtlich &#8211; sei mit den Starken. Es ist schrecklich.&#8220; Auch dies ein Unterschied zu fr\u00fcher, wie von einem Kriegsgegner aus Budapest berichtet wird: &#8222;Es gibt Geschichten von spontaner Gewalt und Angriffen auf albanische Gesch\u00e4fte, Intoleranz gegen\u00fcber Roma usw. Die Homogenisierung, Fremdenfeindlichkeit und das nationalistische Denken sind \u00fcberall pr\u00e4sent. F\u00fcr diejenigen von Euch, die sich erinnern: das war w\u00e4hrend des Krieges in Kroatien und Bosnien nicht der Fall.&#8220;<\/p>\n<p>Am 11. April wurde der prominente regimekritische Publizist Slavko Curuvija auf offener Stra\u00dfe in der Belgrader Innenstadt von zwei schwarz gekleideten M\u00e4nnern erschossen. Dieser Mord hat die Situation der KriegsgegnerInnen weiter versch\u00e4rft. Der Mord ist eine makabre Erinnerung an die Drohungen des serbischen Vizepr\u00e4sidenten Seselj vom September letzten Jahres. Damals drohte er explizit der Opposition innerhalb Serbiens f\u00fcr den Fall eines NATO-Angriffs mit Lynchjustiz und nannte namentlich u.a. das Helsinki-Komitee f\u00fcr Menschenrechte, den Belgrader Kreis und die Frauen in Schwarz. Die Gef\u00e4hrdung des &#8222;blo\u00dfen \u00dcberlebens des zivilen Sektorss mit Lynchjustiz und nannte namentlich u.a. das Helsinki-Komitee f\u00fcr Menschenrechte, den Belgrader Kreis und die Frauen in Schwarz. Die Gef\u00e4hrdung des &#8222;blo\u00dfen \u00dcberlebens des zivilen Sektors&#8220;, die die serbischen NGOs in ihrer Erkl\u00e4rung betonen, ist somit \u00e4u\u00dferst real, auch wenn noch &#8222;keine Berichte \u00fcber direkte Schikanen und Druck auf einzelne Oppositionelle des Regimes bekannt (sind), abgesehen davon, da\u00df einige Leute von der Polizei vorgeladen wurden&#8220; &#8211; und von der Erschie\u00dfung Curuvijas.<\/p>\n<p>Noch einmal die Frauen in Schwarz: &#8222;Die Sache wird permanent schlimmer, die &#8218;zweite Phase&#8216; hat begonnen, kein Kommentar! Ihr habt mehr Informationen als wir hier, doch wir wissen, da\u00df diese Verschw\u00f6rung des Militarismus &#8211; global und lokal &#8211; unseren Freiraum gef\u00e4hrlich reduziert, und bald wird es diesen Raum nicht mehr geben. (Wie den globalen Militarismus denunzieren, ohne den lokalen zu denunzieren? Wie die Bombardierungen verurteilen, ohne die Massaker, die Unterdr\u00fcckung zu verurteilen!) Mit dem Horror, den die Menschen des Kosova durch die NATO-Intervention durchleben, zahlen sie sogar einen h\u00f6heren Preis als vorher. Die NATO am Himmel, Milosevic am Boden. Im Moment funktioniert unser menschliches Ghetto gut, mittels gegenseitiger Unterst\u00fctzung. Eure Unterst\u00fctzung st\u00e4rkt uns, sie bedeutet uns wirklich viel. Ich umarme Euch in tiefster Freundschaft und Z\u00e4rtlichkeit.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Beginn der NATO-Bombardierungen haben sich die Bedingungen f\u00fcr die serbische Opposition massiv verschlechtert. &#8222;Die NATO-Milit\u00e4rintervention hat alles, was wir erreicht haben, untergraben, und gef\u00e4hrdet das blo\u00dfe \u00dcberleben des zivilen Sektors in Serbien&#8220;, so eine Erkl\u00e4rung 17 serbischer NGOs vom 6. April, in der unter anderem der sofortige Stopp der Bombardierungen und aller bewaffneter Aktionen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/05\/am-himmel-die-nato-am-boden-milosevic\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Am Himmel die NATO, am Boden Milosevic - graswurzelrevolution","description":"Seit Beginn der NATO-Bombardierungen haben sich die Bedingungen f\u00fcr die serbische Opposition massiv verschlechtert. \"Die NATO-Milit\u00e4rintervention hat alles, was"},"footnotes":""},"categories":[169,1025,1027],"tags":[],"class_list":["post-2726","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-239-mai-1999","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2726","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2726"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2726\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2726"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2726"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2726"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}