{"id":27283,"date":"2022-03-28T14:19:51","date_gmt":"2022-03-28T12:19:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/wer-bezahlt-das-alles\/"},"modified":"2022-04-19T02:55:21","modified_gmt":"2022-04-19T00:55:21","slug":"wer-bezahlt-das-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/wer-bezahlt-das-alles\/","title":{"rendered":"Wer bezahlt das alles?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vor zwei Jahren kam Kamal (Pseudonym) zum Studieren nach M\u00fcnster. Schon vor der Ankunft in Deutschland versuchte er, eine Unterkunft im Studierendenwohnheim zu finden, hatte dabei aber keinen Erfolg. Ihm wurde lediglich eine Notunterkunft vom Studierendenwerk angeboten, wof\u00fcr er sich aber erst pers\u00f6nlich in M\u00fcnster registrieren konnte. Am Ende landete er in einer zuvor als Gefl\u00fcchtetenunterkunft genutzten Notunterkunft und musste daf\u00fcr stolze 10 Euro pro Nacht bezahlen.<br \/>\nDen Raum musste er sich mit zwei anderen Bewohner*innen teilen, die sanit\u00e4ren Anlagen sogar mit dem gesamten Flur. Am Ende des Monats erh\u00e4lt das Studierendenwerk also 900 Euro pro Raum, womit sich sogar in M\u00fcnster eine ansehnliche Studierenden-WG finanzieren l\u00e4sst. Unter dem Wohnungsmangel leiden internationale Studierende besonders, da in der Regel Bewerber*innen mit deutschem Pass bevorzugt werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Katastrophale Bedingungen f\u00fcr internationale Studierende<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Tania zog vor vier Jahren zum Studieren nach Deutschland. Fast einen Monat musste sie von der Wohnung eines Freundes aus Essen nach M\u00fcnster pendeln. Das bedeutete, jeden Tag zweimal \u00fcber eine Stunde im Zug zu sitzen. Auch Tania hatte sich bereits vor der Ankunft erfolglos um ein Zimmer beim Studierendenwerk bem\u00fcht. Erst nach \u00fcber sechs Wochen erhielt sie ein Zimmer weit von der Uni entfernt in Gremmendorf, welches bei gerade einmal sechs Quadratmetern 250 Euro kostete. Schon nach drei Monaten kam die erste Mieterh\u00f6hung um 25 Euro. Tania war nicht bereit, 275 Euro f\u00fcr sechs Quadratmeter zu bezahlen, und entschied sich umzuziehen. Pl\u00f6tzlich war eine Wohnung inklusive Bad und K\u00fcche bei 17 Quadratmetern Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr 210 Euro zu haben. Wie viele andere Studierende konnte sie diese v\u00f6llig unterschiedlichen Quadratmeterpreise nicht nachvollziehen und empfand sie als willk\u00fcrlich und intransparent.<br \/>\nRams Geschichte in Deutschland begann vor f\u00fcnf Jahren \u00e4hnlich. Nach seiner Ankunft bewarb er sich bei \u00fcber 50 Wohngemeinschaften, ohne eine einzige Antwort zu erhalten. Auch er musste zun\u00e4chst in eine Notunterkunft ziehen. Diese kostete zwar mit 5 Euro nur die H\u00e4lfte von Kamals Unterkunft, das Zimmer musste aber mit sieben Menschen geteilt werden, und es gab keinen Zugang zu einer K\u00fcche. Daher musste Ram f\u00fcr fast einen Monat au\u00dferhalb in Restaurants oder Imbissen essen und einen deutlich gr\u00f6\u00dferen Betrag als geplant und eigentlich verf\u00fcgbar f\u00fcr Essen ausgeben. Aufgrund dieser Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche musste Ram \u00fcber neun Monate auf seine Frau und sein Kind warten, da die Visa erst nach offiziellem Nachweis \u00fcber eine eigene Wohnung ausgestellt werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kollektiver Protest gegen Mieterh\u00f6hungen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute wohnen Kamal, Tania und Ram alle im gleichen Wohnheim des Studierendenwerks. Mitte Februar 2022 erhielten sie einen Brief des Studierendenwerks, in welchem eine Mieterh\u00f6hung um neun Prozent ab April angek\u00fcndigt wurde. Bei nur sechs Wochen Vorlaufzeit blieb auf dem umk\u00e4mpften Wohnungsmarkt keine Zeit f\u00fcr einen Umzug. Ein gro\u00dfer Teil der internationalen Studierenden arbeitet f\u00fcr den Mindestlohn in Branchen wie der Gastronomie oder der schnell wachsenden Gig Economy, in der einzelne kleine Auftr\u00e4ge ohne dauerhafte Anstellung vergeben werden. In Verbindung mit struktureller Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt f\u00fchrt dies dazu, dass ohnehin wenige Alternativen zu einem Zimmer im Studierendenwohnheim existieren. Dazu kommt, dass internationale Studierende kaum Zugang zu finanzieller Unterst\u00fctzung durch den Staat haben und somit noch mehr auf sich allein gestellt sind.<br \/>\nAls Antwort auf diese Mieterh\u00f6hung um neun Prozent hat sich eine autonom organisierte Gruppe von Studierenden aus den Wohnheimen des Studierendenwerks gebildet. Zusammen mit der Freien Arbeiter*innen-Union (FAU), dem Fikus-Referat (Uni-Referat f\u00fcr finanziell und kulturell benachteiligte Studierende), Berg Fidel Solidarisch (einer Gruppe, die in lokale Mietk\u00e4mpfe involviert ist) und anderen Unterst\u00fctzer*innen wurden bereits zwei Protestaktionen vor dem Studierendenwerk am Aasee organisiert. Die Gruppe machte dabei klar, dass sie als letztes Glied in der Kette nicht alleine die Belastung der Preiserh\u00f6hungen tragen kann und will.<br \/>\nMit dem Motto \u201eWer bezahlt das?\u201d ordnen sie ihren Protest in den Zusammenhang der generellen Preiserh\u00f6hungen ein. Es soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass etwa die Preise f\u00fcr Energie 2021 Rekordniveau erreicht haben. Auch andere Dinge des t\u00e4glichen Bedarfs wie Mobilit\u00e4t oder Lebensmittel steigen rasant im Preis. Angesichts der Tatsache, dass das kapitalistische System zusammen mit der Coronakrise und der Inflation weiterhin zur sozialen Polarisierung beitr\u00e4gt, verlangt die Gruppe, dass der Staat sowie die finanzielle und \u00f6konomische Elite die Verantwortung \u00fcbernehmen und f\u00fcr die Preiserh\u00f6hungen aufkommen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Nur ein erster Schritt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aktionen gegen die Mieterh\u00f6hungen sollen jedoch nur der Anfang des Widerstands gegen steigende Preise sein. W\u00e4hrend anarchistische und andere antikapitalistische Gruppen zu Beginn der Coronakrise ihren Protest zu selten auf die Stra\u00dfe brachten, soll in diesem neuen Jahr voller sozialer K\u00e4mpfe verhindert werden, dass Faschist*innen erneut die Proteste zu instrumentalisieren versuchen. Daher sollen die bisherigen Aktionen der autonomen Gruppe der Studierenden nicht das Ende gewesen sein. Zusammen mit anderen Gruppen soll der Protest gr\u00f6\u00dfer und st\u00e4rker werden und somit vor allem Aufmerksamkeit f\u00fcr den Widerstand gegen das Durchreichen der Preiserh\u00f6hungen nach unten schaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwei Jahren kam Kamal (Pseudonym) zum Studieren nach M\u00fcnster. Schon vor der Ankunft in Deutschland versuchte er, eine Unterkunft im Studierendenwohnheim zu finden, hatte dabei aber keinen Erfolg. Ihm wurde lediglich eine Notunterkunft vom Studierendenwerk angeboten, wof\u00fcr er sich aber erst pers\u00f6nlich in M\u00fcnster registrieren konnte. 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