{"id":27285,"date":"2022-03-28T14:19:52","date_gmt":"2022-03-28T12:19:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/gegen-das-politische-gemetzel\/"},"modified":"2022-05-24T13:56:14","modified_gmt":"2022-05-24T11:56:14","slug":"gegen-das-politische-gemetzel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/gegen-das-politische-gemetzel\/","title":{"rendered":"Gegen das politische Gemetzel"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">Der Anarchist Putin<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr riss die Welt mit sich in ein von Angst gepr\u00e4gtes Zwischenreich, ein Nirgendwo zwischen Ordnung und Regellosigkeit. In der Nacht von Montag auf Dienstag dieser Woche hat Putin sich dann f\u00fcr einen Weltzustand entschieden: die Anarchie. Und er hat sich f\u00fcr eine Sprache entschieden: die der Gewalt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So springt uns auf Seite 1 der Zeit vom 24. Februar 2022 die Schlagzeile \u201eDer Anarchist\u201c ins Auge! Der maximale Schrecken, Chaos, Gewalt, einmal mehr aufgerufen mit der Chiffre \u201eAnarchie\u201c. Und gleichzeitig ist nun eine \u201eausgewiesene Expertin\u201c f\u00fcr Anarchismus entstanden, a star is born, so wie es seit L\u00e4ngerem in Zeiten von Krieg und Terror \u201eExpert*innen\u201c hagelt. Und wer bei der Zeit \u201eau\u00dfenpolitische Koordinatorin\u201c ist, ist ja \u201ekeine Geringere als &#8230;\u201c, wie eine andere autorit\u00e4re Phrase lautet, man braucht ja schon nicht mehr wahrzunehmen, was gesagt wird, wer es sagt, ist vielmehr entscheidend.<br \/>\nSchauen wir uns an, was Putin zum \u201eAnarchisten\u201c qualifiziert. Er \u201eerteilte [&#8230;] einen Marschbefehl\u201c (wer Anarchist*innen kennt, wei\u00df, dass das eine typische Handbewegung im heiteren Beruferaten ist); \u201ebei der Zerst\u00f6rung internationaler Vertr\u00e4ge hat Putin ganze Arbeit geleistet\u201c (ganze Arbeit ist bei den Chaot*innen sonst nicht ganz so verbreitet) &#8230;<br \/>\nDas Motiv \u201eAnarchie\u201c wird auch so erl\u00e4utert: \u201eIn jener Anarchie, die Putin dem Rest Europas aufzwingen will, h\u00e4tten das Selbstbestimmungsrecht von Staaten und ihre Souver\u00e4nit\u00e4t keine G\u00fcltigkeit mehr. Es w\u00e4re eine andere Welt. In seiner autorit\u00e4ren Anarchie ist der russische Pr\u00e4sident noch nicht ganz angekommen.\u201c<br \/>\nIch geh\u00f6re nicht zu denen, die aufschreien, wenn in irgendeiner Schlagzeile behauptet wird, dass wieder einmal irgendwo \u201eAnarchie herrscht\u201c. Man kann eben eine uralte Wort-Bedeutung nicht so festlegen, wie wir es gerne h\u00e4tten: Anarchie als Herrschaftslosigkeit, Gewaltlosigkeit. Mit solchen Ambivalenzen muss man leben, auch wenn es manchmal wehtut.<br \/>\nIch w\u00fcrde sogar zugestehen, dass gute Absichten \u2013 auch von Anarchist*innen \u2013 nicht schreckliche Wirkungen ausschlie\u00dfen. Wenn dagegen nicht bewusst gehandelt wird, kann auch aus \u201eAnarchie\u201c im Sinn von beabsichtigter Herrschafts- und Gewaltlosigkeit \u201eAnarchie\u201c im Sinn von Terror und Unterdr\u00fcckung hervorgehen (etwa durch lang dauernden B\u00fcrgerkrieg, durch B\u00fcrokratisierung politisch-sozialer Strukturen, gegen die beispielsweise auch \u201eR\u00e4te\u201c nicht gefeit sind).<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Oder der Anarchist Bakunin?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ausgerechnet Putin als \u201eDer Anarchist\u201c vorzustellen, ist schon ein starkes St\u00fcck, weil man die anarchistische Theorie und Polemik letztlich so lesen muss, als h\u00e4tte sie einen Putin schon geahnt.<br \/>\nDass einer der wirklichen Anarchist*innen \u2013 Michail Bakunin! \u2013 gerade als Gegenpol zur russischen Autokratie und allen autorit\u00e4ren, zentralistischen Bewegungen angesehen wurde, ist durch viele Beispiele aus sozialen und intellektuellen Bewegungen gut belegt.<br \/>\nAls Rudolf Bahro eine Alternative zum \u201ereal existierenden Sozialismus\u201c vorschlagen wollte, kam er auf Bakunins Marx-Kritik zur\u00fcck: \u201eMan mu\u00dfte wahrscheinlich Anarchist und Russe (!?) sein, um hinter der Autorit\u00e4t Marxens und seiner Lehre im Jahre 1873 den Schatten Stalins zu gewahren.\u201c ((1))<br \/>\nAls Lew Kopelew und Raissa Orlowa 1981 aus der Sowjetunion ausgeb\u00fcrgert wurden und im Sommersemester 1981 in G\u00f6ttingen lebten, liehen sie aus der Nieders\u00e4chsischen Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek sofort Bakunins Werke aus.<br \/>\nAuch wenn man die Details von Putins Ideologie sowie seine soziale Basis betrachtet, kann Bakunins \u201eGott und der Staat\u201c durchaus als Wegweiser dienen \u2013 man denke an die Rolle der Orthodoxie, an den Nationalismus, die gro\u00dfe Bedeutung der Staatsr\u00e4son, kurz: autorit\u00e4r-zentralistische Strukturen und krassester vulg\u00e4rster Materialismus, der sich hinter Ideen von Tradition, Gr\u00f6\u00dfe, Heroismus versteckt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Keine andere politische Str\u00f6mung und soziale Bewegung hat die Kritik der Gewaltformen und die Suche nach Alternativen so weit getrieben wie bestimmte anarchistische Bewegungen, ((10)) gegen den Staat, oft auch gegen andere politische und auch anarchistische Str\u00f6mungen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\u201eWenn Sie wollen, dass die Menschen nicht andere Menschen unterdr\u00fccken, so geben Sie ihnen nie die Macht in die H\u00e4nde. Wenn Sie wollen, dass sie die Freiheit, die Rechte, den menschlichen Charakter ihrer Mitmenschen achten, dann sorgen Sie daf\u00fcr, dass sie gezwungen sind, sie zu achten: gezwungen nicht durch den Willen oder die bedr\u00fcckende Aktion anderer Menschen, noch durch den Zwang des Staates und der Gesetze, die notwendigerweise von Menschen vertreten und angewendet werden m\u00fcssen (&#8230;), sondern durch die Organisation der Gesellschaft, die so eingerichtet ist, dass sie jedem den vollsten Genu\u00df seiner Freiheit l\u00e4\u00dft, aber keinem die M\u00f6glichkeit gibt, sich \u00fcber die anderen zu erheben &#8230;\u201c ((2))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Freiheit und Gleichheit zusammendenken<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde Bakunin vor allem als Gegenspieler von Marx gelesen, aus guten Gr\u00fcnden. Aber er ist auch der Theoretiker einer drohenden neuen Klassenherrschaft, die aus oppositionellen Bewegungen entstehen kann, wenn diese Tendenz nicht bewusst bek\u00e4mpft wird. ((3)) Bakunin hat immer Freiheit und Gleichheit zusammengedacht, nicht die liberalistische Theorie vertreten, man m\u00fcsse entweder f\u00fcr mehr Freiheit (Markt) oder mehr Gerechtigkeit (Staat) pl\u00e4dieren. Das ewige Hin und Her zwischen diesen falschen und bis heute und in alle Ewigkeit einander entgegengestellten \u201eAlternativen\u201c sichert nur, dass weder Freiheit noch Gerechtigkeit dabei m\u00f6glich sind.<br \/>\nEs geht darum, eine ganz andere Perspektive als die konformistische einzunehmen: \u201eIch meine die Freiheit eines jeden, die weit entfernt ist, vor der Freiheit anderer wie vor einem Grenzpfahl haltzumachen, in derselben im Gegenteil ihre Bekr\u00e4ftigung und unendliche Ausdehnung findet &#8230;\u201c ((4))<br \/>\nAuch das macht ihn aktuell! In meiner Kritik an Axel Honneths Sozialismus-Konzeption habe ich das so gesagt: \u201eDen Schritt, den Honneth bei Pierre-Joseph Proudhon vermisst, \u201adie Erlangung von individueller Freiheit direkt an die Voraussetzung eines solidarischen Zusammenlebens zu binden\u2018 (S. 35), hat gerade der ungenannte, \u201anicht zitierf\u00e4hige\u2018 Bakunin vollzogen.\u201c\u00a0((5))<br \/>\nEr hat auch den Zusammenhang von zentralistischer Diktatur und Paranoia gesehen, vielleicht durch seine Erfahrungen mit der Autokratie sensibilisiert. Zentralistische Herrschaft scheidet alle Korrektive aus, wird durch eine Einengung der Perspektive und die unabl\u00e4ssige Selbstbest\u00e4tigung durch Lobhudelei, Reklame und Propaganda blind f\u00fcr die Realit\u00e4t, aber auch f\u00fcr die Schrift an der Wand, die ihr das nahende Ende verk\u00fcndet. St\u00e4ndig bedroht f\u00fchlt eine solche Herrschaft sich aber doch, und so wird sie immer repressiver, sieht \u00fcberall \u201eAgenten\u201c, \u201eTerroristen\u201c und \u201eVerrat\u201c.\u00a0((6))<br \/>\nBakunin war keineswegs ein solcher Gewaltanh\u00e4nger, wie er heute gerne \u2013 etwa im Leitartikel der Zeit \u2013 dargestellt wird.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eTriumphierende Beweisf\u00fchrung mit dem Gewehr\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Staat ist die Gewalt und hat vor allem das Recht der Gewalt f\u00fcr sich, die triumphierende Beweisf\u00fchrung mit dem Z\u00fcndnadelgewehr und dem Chassepot. Aber der Mensch ist so sonderbar beschaffen, dass ihm diese Art der Beweisf\u00fchrung, so beredt sie scheint, auf die Dauer nicht gen\u00fcgt &#8230; \u201c ((7)) Das wird sich auch in Russland bald zeigen.<br \/>\nBei allen Widerspr\u00fcchen seiner Positionen, die ja oft nur aus ihren zeitlichen, regionalen und politischen Bez\u00fcgen zu verstehen sind, wusste Bakunin, \u201edass politisches Gemetzel nie Parteien get\u00f6tet hat und sich vor allem gegen die privilegierten Klassen als ohnm\u00e4chtig erwiesen hat\u201c. ((8)) Wir haben die GWR 125 (Juni 1988) mit einem Zitat aus dem gleichen Zusammenhang er\u00f6ffnet: \u201eUm eine radikale Revolution zu machen, mu\u00df man also die Stellungen und Dinge angreifen, das Eigentum und den Staat zerst\u00f6ren, dann wird man nicht n\u00f6tig haben, Menschen zu zerst\u00f6ren und sich zu der unfehlbaren, unvermeidlichen Reaktion zu verurteilen, die in jeder Gesellschaft das Massakre von Menschen stets herbeif\u00fchrte und stets herbeif\u00fchren mu\u00df.\u201c<br \/>\nDas ist auch eine Begr\u00fcndung f\u00fcr Gewaltlosigkeit, mindestens gegen verselbstst\u00e4ndigte Gewalteskalation, bei der die Mittel die Ziele deformieren. Ziele und Mittel aufeinander zu beziehen, im Mittel das Ziel aufscheinen zu sehen, war f\u00fcr Bakunins f\u00f6deralistische Konzeption zentral; und es begr\u00fcndete seine Kritik der autorit\u00e4ren Programme.<br \/>\n\u201eSobald die Revolution sozialistischen Charakter angenommen hatte, h\u00f6rte sie auf, blutd\u00fcrstig und grausam zu sein.\u201c ((9))<br \/>\nKurz: Alles, wogegen der wirkliche Anarchist schrieb und lebte, wird von Putin und der russischen Oligarchie verk\u00f6rpert. Und nicht wenig davon auch von den Liberalen, die in der Verteidigung ihrer Interessen und der Wahrnehmung von Chancen, andere zu zwingen, auch nie besonders zur\u00fcckhaltend waren.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Logiken der Gewalt \u00fcberleben<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch den Zusammenhang von Staat und Krieg hat Bakunin gesehen, von seiner Teilnahme am Kongress der Friedens- und Freiheitsliga bis zur Kritik des \u201eknutogermanischen Kaiserreichs\u201c, auch wenn er in einer Zeit lebte, in der bewaffnete Expeditionen Teil der nationalen Einigungskriege wie sozialrevolution\u00e4rer Erhebungen waren. Er hatte viele Nachfolger*innen, die \u201eDie Waffen nieder!\u201c oder \u201eKrieg dem Kriege\u201c forderten, die Verweigerung der R\u00fcstungsproduktion, Verweigerung der Zwangsdienste, gewaltlosen Widerstand, sogar gegen Putsche und bewaffnete Interventionen. Keine andere politische Str\u00f6mung und soziale Bewegung hat die Kritik der Gewaltformen und die Suche nach Alternativen so weit getrieben wie bestimmte anarchistische Bewegungen, ((10)) gegen den Staat, oft auch gegen andere politische und auch anarchistische Str\u00f6mungen. Dazu geh\u00f6ren Versuche, die Legitimation der Gewalt im Bewusstsein der Soldaten zu zerst\u00f6ren, antimilitaristische Agitation, direkte Aktionen der Behinderung, ziviler Ungehorsam. Eine Eskalation bewaffneter Gewalt bedroht heute wieder die Welt mit atomarer, chemischer, biologischer Vernichtung und mit neuartigen Formen von hybrider und Cyber-Kriegf\u00fchrung. K\u00e4mpfe f\u00fcr Freiheit, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung brauchen dagegen unbewaffnete soziale Verteidigung mit \u00f6konomischen und zivilen Mitteln.<br \/>\nDas sind keine Allheilmittel, vielmehr \u201eExperimente mit der Wahrheit\u201c und immer gef\u00e4hrdete Ans\u00e4tze von Minderheiten. Auch Mahatma Gandhi meinte, es k\u00f6nne Situationen geben, in denen gewaltsamer Widerstand besser sei, als sich geschlagen zu geben, er hoffte aber, eine Methode zu entwickeln, die jenseits von Gegenterror und Selbstaufgabe einen Weg aus der Gewalt zeigen werde. Manchmal muss Gewalt, die sozial und kulturell tief verankert ist, versagen, zu allem anderen als den versprochenen \u201eL\u00f6sungen\u201c f\u00fchren, damit sie als das einge\u00fcbte, bekannte, naheliegende Verteidigungsmittel durch \u00dcberlegungen abgel\u00f6st wird, wie ziviler Widerstand gelingen k\u00f6nnte.<br \/>\nDa sind wir immer wieder, mit vielen offenen Fragen, alten und neuen.<br \/>\nUnd da ist eine Hoffnung auf Auswege, jenseits von Nationalismus, Brutalit\u00e4t, Diktatur und Militarismus. Die Soldatenm\u00fctter, transnationale \u00dcberzeugungen und Gemeinschaften, die gro\u00dfe Weigerung. Auch wenn das heute unwahrscheinlich ist: Die transnationale Verbindung \u201evon unten\u201c gegen den Krieg und Diktatur kann aus der \u201eAnarchie\u201c brutaler Vernichtung herausf\u00fchren:<br \/>\n\u201e&#8230; Gerade diesem antiken System der Organisation durch Gewalt mu\u00df die soziale Revolution ein Ende machen, indem sie den Massen, den Gruppen, Communen, Assoziationen, selbst den Einzelpersonen, ihre volle Freiheit wiedergibt und ein f\u00fcr allemal die geschichtliche Ursache aller Gewaltt\u00e4tigkeiten, die Macht und selbst die Existenz des Staates zerst\u00f6rt.\u201c ((11))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anarchist Putin \u201eEr riss die Welt mit sich in ein von Angst gepr\u00e4gtes Zwischenreich, ein Nirgendwo zwischen Ordnung und Regellosigkeit. In der Nacht von Montag auf Dienstag dieser Woche hat Putin sich dann f\u00fcr einen Weltzustand entschieden: die Anarchie. 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