{"id":27291,"date":"2022-03-28T14:19:54","date_gmt":"2022-03-28T12:19:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/logiken-des-krieges\/"},"modified":"2022-04-28T14:39:14","modified_gmt":"2022-04-28T12:39:14","slug":"logiken-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/logiken-des-krieges\/","title":{"rendered":"Logiken des Krieges"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">Der Feind unseres Feindes ist unser Freund<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer jetzt die Schlie\u00dfung von RT (fr\u00fcher: Russia Today) bedauert, hat immer noch die junge Welt. Die Tageszeitung, nach Selbstauskunft seit 75 Jahren gegen Krieg und Faschismus, macht sich in vielen prominent platzierten Artikeln zu Putins Sprachrohr in der Linken. Von Anfang an wird darin versucht, die milit\u00e4rische Aggression Russlands als blo\u00dfe, geradezu notwendige Reaktion auf die Politik der NATO darzustellen. Die \u00dcberschrift \u201eKrieg mit allen Mitteln\u201c beschreibt nicht etwa die Brutalit\u00e4t der Invasoren, sondern zielt auf die Tatsache, dass die ukrainische Zivilbev\u00f6lkerung von ihrer Regierung zu Kombattant*innen gemacht worden sei. Unter dem Titel \u201eWer Wind s\u00e4t\u201c schreibt junge Welt-Autor Arnold Sch\u00f6lzel am Tag, bevor Putin mit Atomwaffen droht, in abstruser Verkehrung der Tatsachen: \u201eKrieg ist nie gut. Abwehr von Massenmord ist aber nicht nur elementare Pflicht, sondern hat auch das Recht auf ihrer Seite. Hinzu kommt: Kiew, das den Nazikollaborateur Bandera als Nationalhelden feiert, droht mit Atomwaffen und Raketen \u2013 und es hat das Know-how daf\u00fcr.\u201c<br \/>\nSicherlich gibt es die geostrategische Dimension des Konflikts, in der die NATO keinesfalls unschuldig ist. Dass die NATO-Osterweiterung vom russischen Establishment als Provokation aufgefasst wurde, ist sicherlich untersch\u00e4tzt worden und kommt auch in den Kommentaren zum Krieg kaum vor. Auch die Nazi-Assoziation verdiente vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges eine ordentliche Pr\u00fcfung. Nur hat Putin die Regierung in Kiew nicht nur als \u201eNazis\u201c, sondern auch als \u201eDrogenabh\u00e4ngige\u201c bezeichnet. Es w\u00e4re nur konsequent gewesen, h\u00e4tte die junge Welt noch irgendwelche Dealer-Affinit\u00e4ten Selenskyjs behauptet, um zu verschleiern, was Tatsache ist: Putins Propaganda ist Propaganda, f\u00fcr Putin ist Provokation, was er als Provokation sehen will. Dass man die Politik der NATO deshalb nicht guthei\u00dfen muss, f\u00e4llt vielen offenbar schwer zu denken. (Wie Putin von Teilen der antiimperialistischen Linken trotz offener Sympathie f\u00fcr Pinochets Chile, trotz Oligarchie, trotz der Einschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit und der Bek\u00e4mpfung von Oppositionellen \u00fcberhaupt als zu st\u00fctzender Gegenpol zum westlichen Kapitalismus wahrgenommen werden konnte, verstehe wer will.)<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Identit\u00e4tspolitischer Protest<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der ersten Woche des Krieges werden weltweit Museen und Rath\u00e4user, T\u00fcrme und Tempel in Blau-Gelb angestrahlt. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Solidarit\u00e4t wird in Nationalfarben zum Ausdruck gebracht. Die nationale Identit\u00e4t wird beschworen, weil sie bedroht ist. Am 25. Februar postet das Museum Ludwig K\u00f6ln unter dem Titel \u201eWE STAND WITH UKRAINE\u201c (inklusive Fahnensymbol): \u201eIn unserem Sammlungsbestand findet sich eine umfangreiche Anzahl von Werken der \u201arussischen Avantgarde\u2018. Der Name dieser Kunstepoche wird jedoch nicht den biografischen und historischen Fakten der K\u00fcnstler*innen gerecht \u2013 denn diese stammen mehrheitlich aus der Ukraine, Polen oder den baltischen Staaten. Einige haben im Wesentlichen zur \u201arussischen\u2018 Kunst beigetragen, ihre Eigenst\u00e4ndigkeit sollte jedoch nicht vergessen werden. Kasimir Malewitsch, in der Ukraine geboren, ist einer der wichtigsten Vertreter dieser Kunstepoche. Sein Schaffen war dabei stark von seiner ukrainischen Herkunft inspiriert. Sie zeigte sich in seiner suprematistischen Formsprache oder seinen Figuren [\u2026]\u201c.<br \/>\nEs ist auch eine identit\u00e4tspolitische Logik des Krieges, die Besonderheit des Angegriffenen zu betonen, um es vor der Vernichtung zu bewahren. Die \u201erussische Avantgarde\u201c, die eigentlich \u201eukrainisch\u201c war, wobei nicht formaljuristisch (staatsb\u00fcrgerschaftlich) und auch nicht rein geografisch argumentiert wird, sondern kulturell: Das Schaffen selbst (hier von Malewitsch) sei \u201evon seiner ukrainischen Herkunft inspiriert\u201c gewesen. Diese nationalistische Identit\u00e4tspolitik mag angesichts der Bedrohung durchaus nachvollziehbar sein, sie bleibt aber problematisch. Denn dass Malewitsch ein bedeutender K\u00fcnstler war, hat viele Ursachen und ist wohl kaum auf Landestypik zur\u00fcckzuf\u00fchren. Diese Identit\u00e4tspolitik sollte vor allem deutlich machen, was auch linke Identit\u00e4tspolitiken immer sind: Reaktionen auf Angriffe, Verteidigung gegen Vernichtungsdrohungen, Appelle des Zusammenr\u00fcckens angesichts feindlicher Attacken, Verengung komplexer Ursachenverh\u00e4ltnisse.<br \/>\nSolidarit\u00e4t nur mehr in Nationalfarben zu denken, f\u00fchrt aber auch dazu, tendenziell die einzelnen leidenden Menschen der angegriffenen Nation unterzuordnen. Die massenhafte konkrete Hilfe von und an zivilgesellschaftliche(n) Organisationen und die gro\u00dfe Spendenbereitschaft sollen damit nicht kleingeredet werden. Zur nationalistischen Identit\u00e4tspolitik geh\u00f6rt aber auch ein Wiederaufflammen des Heldenmythos, der als wertvoll nur den Menschen beschreibt, der f\u00fcr die Nation zu sterben bereit ist.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Heldenmythen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Fernsehsendung Club 3 appelliert der \u00f6sterreichische Nationalratspr\u00e4sident Wolfgang Sobotka am 26. Februar an die Ukrainer*innen, doch in ihrem Land zu bleiben und es zu verteidigen. Dass Menschen dadurch einem gewaltsamen Tod ausgesetzt sind, wird offenbar in Kauf genommen. Dass Heimatverteidigung Ehren- und Heldensache ist, soll sich wieder ganz von selbst verstehen. Gefeiert wird in den Sozialen Medien auch ein Bild, das die Fu\u00dfballmannschaft von Dynamo Kiew statt in Trikots in Uniformen zeigt. Helden verteidigen ihre Heimat statt den Strafraum. Dass M\u00e4nner zwischen 18 und 60 Jahren nicht aus der Ukraine ausreisen d\u00fcrfen, erscheint als logische Folge der Mobilmachung. Es ist eine brutale Ma\u00dfnahme, die Familien auseinanderrei\u00dft und Menschen an die Waffen zwingt. Warum nicht dem Krieg entfliehen, statt sich einer \u00fcbergro\u00dfen Milit\u00e4rmaschine entgegenzustellen? Desertion verhindert Kriege, nicht Mobilmachung.<br \/>\nDass Sobotka mit seinem Aufruf gleich einer massenhaften Flucht nach \u00d6sterreich vorbeugen will, ist sicherlich ein weiterer, moralisch nicht weniger verwerflicher Unterton des Appells. Von Wien bis zur ukrainischen Grenze ist es k\u00fcrzer als von Wien nach Ischgl, wie das Magazin Katapult postete.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wehrhaftigkeit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Heldenmythos geh\u00f6rt die Behauptung der Wirkungslosigkeit des Pazifismus wie die Butter aufs deutsche Fr\u00fchst\u00fccksbrot. Angeblich soll nach kaum einer Woche Krieg schon Konsens sein, dass eine Ablehnung von Aufr\u00fcstung und von milit\u00e4rischer Gewalt schlechthin zu nichts f\u00fchren k\u00f6nne. Unter dem Titel \u201eZeitenwende \u2013 auch f\u00fcr Pazifisten\u201c zitiert die Tagesschau den renommierten Protestforscher Dieter Rucht, er habe auf den gro\u00dfen Antikriegsdemonstrationen in Deutschland \u201ekeine Emp\u00f6rung \u00fcber die Waffenlieferungen und milliardenschweren Aufr\u00fcstungspl\u00e4ne wahrgenommen\u201c. Sie w\u00fcrden als selbstverst\u00e4ndlich akzeptiert.<br \/>\nDas ist allerdings eine eingeschr\u00e4nkte Wahrnehmung. Also sozusagen f\u00fcrs Protokoll: Linke Gr\u00fcne richteten sich in einem Offenen Brief an die Parteif\u00fchrung am 2. M\u00e4rz vehement gegen die Waffenlieferung an die Ukraine. Auch in der SPD gab es innerparteiliche Kritik an der H\u00f6he des geplanten R\u00fcstungsetats. Unter Friedensbewegten und Antimilitarist*innen war die Emp\u00f6rung ohnehin gro\u00df: Die Deutsche Friedensgesellschaft \u2013 Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), eine der langj\u00e4hrigsten und tonangebenden Institutionen der bundesdeutschen Friedensbewegungen, kritisierte die Pl\u00e4ne der Bundesregierung in einer Erkl\u00e4rung vom 2. M\u00e4rz scharf: \u201eMehr Milit\u00e4r bringe niemandem was \u2013 nur die Aktien der R\u00fcstungsunternehmen steigen\u201c. Ein \u201efurchtbarer Fehler!\u201c seien die Aufr\u00fcstungspl\u00e4ne, schreibt auch die seit 1978 bestehende Friedensorganisation Ohne R\u00fcstung Leben in einer Erkl\u00e4rung vom 3. M\u00e4rz 2022. Sie w\u00fcrden die deutsche Politik f\u00fcr \u201eJahrzehnte pr\u00e4gen\u201c.<br \/>\nWas den Pazifismus betrifft \u2013 gewaltfreie Konfliktl\u00f6sung, Sabotage von milit\u00e4rischer Infrastruktur und militaristischen Denkweisen \u2013, ist es ja auch nicht so, dass er jahrelang angewandt worden sei und nun pl\u00f6tzlich an seine Grenzen st\u00f6\u00dft. Da muss man einfach der feministischen Autorin Antje Schrupp recht geben, die am 5. M\u00e4rz 2022 trocken postet: \u201eOb Pazifismus gegen\u00fcber jemandem wie Putin funktionieren k\u00f6nnte, k\u00f6nnen wir schlicht und ergreifend nicht wissen, weil noch niemand es versucht hat.\u201c<br \/>\nIm Moment der aktuellen Kriegshandlung bringt die geplante Aufr\u00fcstung in Deutschland jedenfalls der ukrainischen Bev\u00f6lkerung \u00fcberhaupt nichts, auch langfristig nicht; es steigen nur die Aktienpreise von Firmen wie <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/rheinmetall-und-der-menschenfeindliche-grenzschutz\/\">Rheinmetall<\/a>. Das sei nur betont, weil ja dem Pazifismus immer vorgeworfen wird, er sei wirkungslos. Immerhin entzieht er sich der Logik des Krieges.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Feind unseres Feindes ist unser Freund Wer jetzt die Schlie\u00dfung von RT (fr\u00fcher: Russia Today) bedauert, hat immer noch die junge Welt. 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