{"id":27292,"date":"2022-03-28T14:19:55","date_gmt":"2022-03-28T12:19:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/sabotiert-diesen-krieg\/"},"modified":"2022-04-20T13:14:12","modified_gmt":"2022-04-20T11:14:12","slug":"sabotiert-diesen-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/sabotiert-diesen-krieg\/","title":{"rendered":"Sabotiert diesen Krieg!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Die Ereignisse haben sich im Februar \u00fcberschlagen. Kam der Angriff der russischen Armee in der Nacht zum 24. Februar f\u00fcr dich \u00fcberraschend?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja und nein. Es ist \u00e4hnlich wie zu Beginn des Ersten Weltkrieges: Einerseits war die Eskalation un\u00fcbersehbar, und eine offene milit\u00e4rische Konfrontation war eine vollkommen reale Gefahr. Alle Seiten \u2013 die NATO-Staaten, der Kreml und Kiew \u2013 dr\u00e4ngten geradezu darauf, wenngleich in verschiedener Weise. Die \u00f6konomischen, politischen und geostrategischen Widerspr\u00fcche spitzten sich sowohl im Inneren der Staaten als auch in Form imperialistischer Rivalit\u00e4ten immer mehr zu.<br \/>\nInzwischen wissen wir, dass der Kreml eindeutig gelogen hat, als er erkl\u00e4rte, es g\u00e4be keine Kriegsvorbereitungen. Solche Angriffe werden gew\u00f6hnlich lange im Voraus geplant. Wir hofften aber, dass die Politiker*innen doch genug Vernunft haben w\u00fcrden, einander nicht bis zum letzten Schritt zu provozieren. Oder zumindest, dass sie diesen letzten Schritt nicht riskieren w\u00fcrden. Unsere Hoffnungen wurden leider entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie hatte die anarchistische Bewegung in Russland in den Wochen zuvor die Lage eingesch\u00e4tzt? Und gab es Proteste gegen die Kriegsvorbereitungen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab eben diese Mischung aus Furcht und Hoffnung. Einige sagten schon damals: Man muss auf das Schlimmste gefasst sein. Die anderen glaubten, der Kreml habe in der Ukraine eigentlich schon bekommen, was er wollte, und habe deshalb kein Interesse, einen neuen, wirklich gro\u00df angelegten Krieg zu riskieren: Schlie\u00dflich waren die Chancen der Ukraine, in absehbarer Zeit Mitglied der NATO zu werden, recht gering. Wieder andere sagten, man d\u00fcrfe keine Variante der weiteren Entwicklung ausschlie\u00dfen.<br \/>\nSo oder so, bis zum Kriegsbeginn gab es keine gr\u00f6\u00dferen Proteste. Vereinzelt sah man Protestposten oder Graffiti. \u00dcbrigens sind in den meisten gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten offene Protestaktionen unter dem Vorwand der Corona-Bek\u00e4mpfung verboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie analysierte die anarchistische Bewegung in der Ukraine die Situation im Januar und Februar?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber haben wir leider nicht viele Informationen. Nach dem zu urteilen, was ukrainische Anarchist*innen damals im Internet schrieben, glaubten viele von ihnen auch nicht an den bevorstehenden Ausbruch eines offenen Krieges; zumindest hofften sie, dass es nicht dazu kommen w\u00fcrde. Dabei ist zu bedenken, dass auch die ukrainische offizielle Propaganda Tag f\u00fcr Tag erkl\u00e4rte, es bestehe noch keine unmittelbare Gefahr, und vor Panik warnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In Russland reagierte die Bev\u00f6lkerung mit Gro\u00dfdemonstrationen gegen den Krieg. Welche politischen Spektren beteiligten sich daran? Was waren die zentralen Forderungen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um diese Demonstrationen zu verstehen und richtig zu bewerten, muss man sich zun\u00e4chst einmal klar machen, wie drakonisch die russische Gesetzgebung bez\u00fcglich der Durchf\u00fchrung von Stra\u00dfenaktionen ist. Laut Gesetz muss jede Gruppenaktion auf der Stra\u00dfe im Voraus beantragt und genehmigt werden, sonst wird sie gnadenlos aufgel\u00f6st. Eine Ausnahme gibt es nur f\u00fcr individuelle Posten (Ein-Mann\/Frau-Pickets) \u2013 und eben das ist nicht immer der Fall. Derzeit wird niemandem eine Genehmigung erteilt \u2013 unter dem Vorwand der Pandemie.<br \/>\nAll diese Proteste gegen den Krieg sind also nicht legal und werden brutal aufgel\u00f6st. Trotzdem gehen die Menschen auf die Stra\u00dfe und bringen ihre Emp\u00f6rung \u00fcber den Krieg zum Ausdruck. Angesichts der schwierigen Bedingungen und Verhaftungen ist das Ausma\u00df dieser Proteste ziemlich beeindruckend. An den f\u00fcnf Tagen vor dem 1. M\u00e4rz wurden bereits 6.440 Menschen bei Protesten in 103 St\u00e4dten des Landes festgenommen, aber die Demonstrationen dauern trotzdem an. Bis zum 4. M\u00e4rz gab es schon 8.155 Festnahmen, und laut Angaben des Menschenrechtsprojekts \u201eOWD-Info\u201c stieg die Zahl bis einschlie\u00dflich 13. M\u00e4rz auf knapp 15.000. Ihnen drohen unterschiedliche Strafen: Einige erhalten eine Verwarnung, manche werden mit einer Geldstrafe belegt, andere m\u00fcssen mit schwerwiegenderen Anklagen rechnen.<br \/>\nWer daran teilnimmt? Das sind ganz verschiedene Leute. Sowohl in Bezug auf Alter und Geschlecht als auch politisch. Unter den Demonstrant*innen sind z. B. Anh\u00e4nger*innen der politischen Opposition gegen das Putin-Regime, die ein eher liberales und pro-westliches Spektrum repr\u00e4sentieren. Aber es gibt auch viele ganz normale Menschen, die \u00fcber diesen Krieg emp\u00f6rt sind. Es gibt auch Anh\u00e4nger*innen linker und anarchistischer Ansichten.<br \/>\nNat\u00fcrlich unterscheiden sich die Argumente und Slogans der verschiedenen Str\u00f6mungen. Alle fordern eine Einstellung der Feindseligkeiten und den Abzug russischer Truppen aus der Ukraine. Es wird auch die Bestrafung der f\u00fcr die Organisation des Krieges Verantwortlichen gefordert. Aber w\u00e4hrend z. B. die Mehrheit der teilnehmenden Anarchist*innen die Position \u201eKein Krieg, sondern Klassenkampf\u201c vertritt, ist es f\u00fcr liberal gesinnte Demonstrant-*innen nicht ungew\u00f6hnlich, f\u00fcr die Ukraine als Staat zu demonstrieren, ukrainische Flaggen zu hissen oder zu sagen, dass sie sich \u201esch\u00e4men, Russ*innen zu sein\u201c (als ob eine solche Kollektivschuld keine nationalistische Idee w\u00e4re!). Und einige bekunden sogar Sympathie f\u00fcr die NATO. Das alles ist jedoch nicht neu: Wir haben 2008 und 2014 die gleichen Effekte beobachtet.<br \/>\n\u00dcbrigens beschr\u00e4nkt sich die Opposition gegen den Krieg nicht auf Stra\u00dfenproteste. Vertreter*innen der Kunstwelt, Schauspieler*innen, Wissenschaftler*innen etc. unterzeichnen kollektive Protestbriefe, bereits in den ersten Tagen wurden mehr als eine Million Unterschriften f\u00fcr eine Petition zur Beendigung des Krieges gesammelt. Sogar einige Politiker*innen einer so \u201eoffiziell anerkannten\u201c Partei wie der Kommunistischen Partei der Russischen F\u00f6deration bef\u00fcrworteten eine Einstellung der Feindseligkeiten \u2013 allerdings sind sie innerhalb ihrer Partei nur eine kleine Minderheit. Auch Mitglieder verschiedener kleiner linker und sogar leninistischer Parteien sprachen sich gegen den Krieg aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie ist die Haltung der verschiedenen anarchistischen Str\u00f6mungen in Russland?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anarchist*innen in Russland sind nat\u00fcrlich alle gegen den Krieg. Sie setzen aber unterschiedliche Akzente. Wir Anarcho-Syndikalist*innen vertreten Positionen des prinzipientreuen und vollst\u00e4ndigen Internationalismus und Antimilitarismus, stellen uns gegen alle Kriegsparteien, weil sie etatistisch und kapitalistisch sind, und rufen die Einwohner*innen Russlands und der Ukraine auf, diesen Krieg zu sabotieren. Wir glauben nicht an \u201egerechte\u201c und \u201eBefreiungskriege\u201c, und wir verurteilen sowohl expansionistische Eroberungen als auch die \u201eVerteidigung des Vaterlandes\u201c. Unsere Solidarit\u00e4t gilt den Zivilist*innen, die unter dem Krieg, den gegenw\u00e4rtigen barbarischen Bombardierungen und dem Beschuss von St\u00e4dten leiden. Gleichzeitig gibt es andere Anarchist*innen, die glauben, dass man mit dem \u201eAbwehrkampf des ukrainischen Volkes\u201c sympathisieren sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Du hast vorhin die Massenverhaftungen erw\u00e4hnt, mit denen die russische Regierung gegen die antimilitaristischen Proteste vorgeht. Sind derzeit viele Kriegsgegner*innen in Haft?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bisher wurden die meisten festgenommenen Demonstrant*innen nach wenigen Stunden wieder freigelassen. Aber einige, insbesondere diejenigen, die bereits zuvor an Protesten teilgenommen hatten, werden \u00fcber Nacht inhaftiert und dann vor Gericht gestellt. Ich habe jetzt keine Daten dar\u00fcber, wie viele Menschen bereits verurteilt wurden. Die Strafen f\u00fcr die Teilnahme an \u201eunerlaubten\u201c Aktionen in Russland variieren von Zehn- oder Hunderttausenden Rubel (letzteres um ein Vielfaches h\u00f6her als der Durchschnittslohn) bis hin zu mehrw\u00f6chiger Haft.<br \/>\nDie Beh\u00f6rden sind sichtlich ver\u00e4rgert \u00fcber die anhaltenden Proteste und beabsichtigen, die Strafen zu erh\u00f6hen. Die russische Generalstaatsanwaltschaft erkl\u00e4rte, die Teilnahme an \u201eangeblich friedlichen\u201c Antikriegs-\u201eAktionen\u201c k\u00f6nne als \u201eBeteiligung an Aktivit\u00e4ten in einer extremistischen Organisation\u201c qualifiziert werden. Hierf\u00fcr sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Jahren vor. Und Abgeordnete von Wladimir Schirinowskis Partei LDPR haben dem Parlament einen Gesetzesentwurf vorgelegt, wonach Teilnehmer*innen an Antikriegsprotesten zwangsweise an die Front geschickt werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Staatsduma hat am 4. M\u00e4rz einen Gesetzesentwurf angenommen, der einen neuen Artikel in das Strafgesetzbuch einf\u00fchrt. Danach drohen den Verantwortlichen f\u00fcr die Verbreitung \u201efalscher Informationen \u00fcber das Vorgehen der russischen Streitkr\u00e4fte\u201c bis zu drei Jahre Haft. Wenn die \u201eF\u00e4lschung\u201c im Rahmen einer \u201eorganisierten Gruppe\u201c verbreitet wird oder mit einer \u201eBeweisf\u00e4lschung\u201c einhergeht, erh\u00f6ht sich die H\u00f6chststrafe auf zehn Jahre Gef\u00e4ngnis. Hat die Verbreitung unzuverl\u00e4ssiger Informationen \u201eschwerwiegende Folgen\u201c nach sich gezogen, drohen den T\u00e4ter-*innen bis zu 15 Jahre Haft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ende Februar wurde ein Video ver\u00f6ffentlicht, das die Festnahme von \u201eFood not Bombs Moscow\u201c bei einem Antikriegsprotest zeigt. Kommt es oft zu solchen spontanen und dezentralen anarchistischen Kleinaktionen gegen den Krieg?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, es gibt sie, obwohl das Ausma\u00df schwer abzusch\u00e4tzen ist Die anarchistische Bewegung in Russland ist zahlenm\u00e4\u00dfig nicht sehr stark und weit verstreut. Daher werden Informationen nicht systematisch erfasst, manchmal erfahren wir nur zuf\u00e4llig von einer Aktion. Aber wir wissen, dass Flugbl\u00e4tter aufgeh\u00e4ngt wurden, dass es zahlreiche Graffiti gegen den Krieg gibt, dass Transparente und Plakate aufgeh\u00e4ngt wurden \u2026<br \/>\nUnd nat\u00fcrlich sind Kampagnen im Internet von gro\u00dfer Bedeutung: Manchmal erreichen sie mehr Menschen als herk\u00f6mmliche Flugbl\u00e4tter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gibt es organisierte Kriegsdienstverweigerung oder Desertionen? Wie reagiert der russische Staat darauf?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt keine organisierte Bewegung von Deserteuren in Russland: Eine solche Bewegung w\u00fcrde sofort und durch die grausamsten Ma\u00dfnahmen niedergeschlagen. Es gibt Informationen \u00fcber Befehlsverweigerung, Kampfunwilligkeit, zur\u00fcckgelassene milit\u00e4rische Ausr\u00fcstung und \u00fcber russische Soldaten, die sich freiwillig in Kriegsgefangenschaft begeben. Da diese Informationen jedoch haupts\u00e4chlich von ukrainischer Seite stammen, ist es unm\u00f6glich, sie zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Unsere Solidarit\u00e4t gilt den Zivilist*innen, die unter dem Krieg, den gegenw\u00e4rtigen barbarischen Bombardierungen und dem Beschuss von St\u00e4dten leiden.\u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\nBisher werden vor allem Berufssoldaten an die Front geschickt. Das sagen zumindest die russischen Beh\u00f6rden. Aber es gibt Ger\u00fcchte, dass bereits Rekruten mobilisiert werden. Am 9. M\u00e4rz gab der Leiter der Abteilung f\u00fcr Information und Massenkommunikation des russischen Verteidigungsministeriums, Generalmajor Igor Konaschenkow, zu, es gebe \u201eeinige\u201c best\u00e4tigte F\u00e4lle, dass Wehrpflichtige in den Einheiten der russischen Streitkr\u00e4fte in der Ukraine eingesetzt worden seien. Die Beh\u00f6rden sagten, das seien Fehler gewesen, die Schuldigen w\u00fcrden bestraft, die Wehrpflichtigen seien angeblich bereits abgezogen worden. Sie stellen angeblich sicher, dass nur Freiwillige zu den Milit\u00e4rregistrierungs- und Einberufungs\u00e4mtern gehen. Wir k\u00f6nnen dies im Moment nicht \u00fcberpr\u00fcfen.<br \/>\nUnterdessen erw\u00e4gt das russische Parlament eine \u00c4nderung des Wehrpflichtgesetzes. Fr\u00fcher musste die schriftliche Vorladung zum Rekrutierungsb\u00fcro pers\u00f6nlich \u00fcberreicht werden. Viele nutzten das, um einer Einberufung zu entgehen und sich dem Wehrdienst zu entziehen. Nun wird vorgeschlagen, diesen Absatz zu streichen: Eine pers\u00f6nliche \u00dcbergabe der Vorladung soll k\u00fcnftig nicht mehr erforderlich sein.<br \/>\nAndererseits ist bekannt, dass M\u00e4nner im wehrf\u00e4higen Alter die Ukraine aufgrund beh\u00f6rdlicher Anordnung nicht verlassen d\u00fcrfen und diejenigen, die nicht k\u00e4mpfen wollen, an den Grenzen festgenommen werden. In Odessa sah man ein Plakat der ukrainischen Armee mit etwa folgendem Text: \u201eDas ist nicht dein Krieg? Dann liebst du deine Heimat nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Welche Protest- oder Solidarit\u00e4tsaktionen werden derzeit von Anarchist*innen in Russland organisiert? Wo liegen da die Schwerpunkte?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuallererst betreiben Anarchist*innen Antikriegsagitation, erkl\u00e4ren den Menschen die wahren Ziele dieses Krieges und dr\u00e4ngen die Menschen, ihn nicht zu unterst\u00fctzen, nicht dorthin zu gehen, dagegen zu protestieren. Sie gehen zu Antikriegsaktionen, manchmal mit eigenen Plakaten und Parolen. Anarchist*innen schreiben Antikriegs-Graffiti an die W\u00e4nde, stellen Antikriegsbanner auf. Wenn sie Flugbl\u00e4tter und Plakate f\u00fcr den Krieg sehen, rei\u00dfen sie sie ab. Sie sind in den sozialen Medien aktiv. Und nat\u00fcrlich sind pers\u00f6nliche Kontakte und Gespr\u00e4che mit Menschen wichtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bestehen enge Kontakte zwischen anarchistischen Strukturen in Russland und in der Ukraine, und wie haben sie sich durch den Krieg ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, die Beziehungen bestehen fort. Wir haben \u00fcber das Internet Kontakt gehalten, haben Informationen von ukrainischen Genoss*innen \u00fcber soziale und Arbeitskonflikte in der Ukraine gedruckt und verteilt.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist es zurzeit merklich schwieriger, Kontakt zu halten. Zum Beispiel haben wir in Russland keinen Zugriff mehr auf Websites ukrainischer Anarchist*innen. Aber wir versuchen, in Kontakt zu bleiben und Informationen von ihnen zu erhalten, das ist sehr wichtig. Auch dies ist Ausdruck von Internationalismus und Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die anarchistische Bewegung in der Ukraine reagiert mit unterschiedlichen Entwicklungen auf den Krieg. Dazu geh\u00f6ren auch Milizen wie The Black Headquarter. Kannst du ein paar Worte zu solchen militaristischen Gruppierungen sagen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Krieg, das lehrt die Geschichte, ist f\u00fcr Anarchist*innen eine Bew\u00e4hrungsprobe: Wie stark ist ihr Internationalismus wirklich? Wird ein*e Anarchist*in genug \u00dcberzeugungskraft und Bewusstsein haben, um nicht patriotischen Vorurteilen und Emotionen zu erliegen, um nicht im Hagel fliegender Bomben, Granaten, Raketen und Kugeln den Kopf zu verlieren? Um weiterhin alle Krieg f\u00fchrenden Staaten und ihre herrschenden Klassen zu verurteilen und den hysterischen Aufrufen zur \u201eVerteidigung der Heimat\u201c nicht zu gehorchen?<br \/>\nLeider haben \u2013 genau wie 2014 \u2013 nicht alle anarchistischen Gruppen und Aktivist*innen in der Ukraine diese Probe bestanden. W\u00e4hrend die Gruppe \u201eAssembly\u201c in Charkow ein internationalistisches Interview ver\u00f6ffentlichte, rief zum Beispiel die \u201eRevolution\u00e4re Aktion\u201c in Kiew dazu auf, die Ukraine auf der Seite des bestehenden Staates mit Waffen zu verteidigen. Einige, wie die Gruppe \u201eSchwarze Fahne\u201c in Lviv und Kiew, haben eine in sich widerspr\u00fcchliche Position: Einerseits verurteilen sie alle Krieg f\u00fchrenden Regime und sind sich der etatistischen und Klassennatur des Konflikts bewusst, andererseits rufen sie dazu auf, in die Reihen der so genannten Territorialverteidigung vor Ort einzutreten.<br \/>\nDie erw\u00e4hnten Milizen entstehen augenscheinlich aus dieser \u201eTerritorialverteidigung\u201c. Sie erhalten Waffen von den Beh\u00f6rden, gehorchen den \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden und folgen der allgemeinen offiziellen Milit\u00e4rlinie. Diese Gruppen sind nicht unabh\u00e4ngig und proklamieren keine von der Regierung getrennten Kriegsziele. Daher betrachten wir die Teilnahme von Anarchist*innen an ihnen als grundlegend falsch, als geradezu gegen die Essenz der anarchistischen Idee gerichtet.<br \/>\nDie anarchistischen Bef\u00fcrworter*innen der Milizen verweisen auf das historische Beispiel Nestor Machnos. Aber sie vergessen, dass die Machnowisten nicht \u201eihre Heimat\u201c verteidigt haben, sondern die Errungenschaften der sozialen Revolution. Nat\u00fcrlich haben wir nichts gegen eine echte Selbstverteidigung gegen das pl\u00fcndernde und vergewaltigende Milit\u00e4r, aber eine solche Selbstverteidigung muss unabh\u00e4ngig sein und darf nicht den milit\u00e4rischen Zielen eines der Krieg f\u00fchrenden Staaten dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zugleich haben sich in der Ukraine sofort anarchistische Solidarit\u00e4tsprojekte gebildet, die beispielsweise Essensausgaben und andere praktische Hilfsangebote f\u00fcr Fl\u00fcchtende organisieren. Kennst du Beispiele?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, es stimmt, es gibt mehrere Projekte solcher Art. Wir bekommen hier nat\u00fcrlich l\u00e4ngst nicht alle Einzelheiten mit. Aber solche Aktivit\u00e4ten sind enorm wichtig, gerade weil die echten Anarchist*innen eben auf der Seite der einfachen Menschen, des Humanismus und der gegenseitigen Hilfe und nicht auf der Seite der einen oder anderen Kriegspartei stehen.<br \/>\nSo beteiligen sich beispielsweise in Charkow Anarchist*innen an der Verteilung lebensnotwendiger G\u00fcter an die bed\u00fcrftigsten Nachbar*innen. Einer der Genoss*innen koordiniert die gegenseitige Hilfe bei der L\u00f6sung verschiedener Probleme durch lokale Telegram-Chats. Ein anderer lieferte mit dem Auto Lebensmittel und andere Hilfsg\u00fcter an die Menschen, bis ihm das Benzin ausging &#8230;<br \/>\nWir hoffen, dass die Aktivist*innen ihre T\u00e4tigkeit dokumentieren, um sichtbar zu machen, wie Menschen auch unter solch schrecklichen Bedingungen Menschen bleiben und gegenseitige Hilfe funktioniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie sch\u00e4tzt du die weitere Entwicklung des Kriegs ein?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versuchen wir nicht, Prophe\u2028t*innen oder Milit\u00e4rexpert*in\u2028nen zu spielen! Hauptsache, dieser Horror wird so schnell wie m\u00f6glich gestoppt und m\u00f6glichst viele Menschen \u00fcberleben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen und uns so viele wichtige Denkanst\u00f6\u00dfe und Informationen gegeben hast!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Die Ereignisse haben sich im Februar \u00fcberschlagen. 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