{"id":27293,"date":"2022-03-28T14:19:55","date_gmt":"2022-03-28T12:19:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/am-rand-einer-atomkatastrophe\/"},"modified":"2022-04-28T14:35:29","modified_gmt":"2022-04-28T12:35:29","slug":"am-rand-einer-atomkatastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/am-rand-einer-atomkatastrophe\/","title":{"rendered":"Am Rand einer Atomkatastrophe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eQuelle connerie la guerre\u201c (dt. \u201eWelch eine Dummheit ist doch der Krieg\u201c), schrieb der bekannte franz\u00f6sische Dichter Jacques Pr\u00e9vert in seinem Gedicht \u201eBarbara\u201c, in dem er die Schrecken der Bombardierung von Brest beschrieb. Das Gedicht ist universell. Jeder Krieg ist grausam. Auch der Ukraine-Krieg. Und als g\u00e4be es durch den Krieg an sich nicht genug Tote, Verletzte, zerst\u00f6rte Existenzen, zerst\u00f6rte Infrastruktur, zerst\u00f6rte Natur, kommt noch die atomare Bedrohung hinzu. Nicht nur durch den m\u00f6glichen Einsatz von Atomwaffen, sondern durch den \u201eNormalbetrieb\u201c von Atomanlagen in einem Kriegsgebiet.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Atomstreitkr\u00e4fte in Bereitschaft<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wladimir Putin droht unmissverst\u00e4ndlich mit dem Einsatz von Atomwaffen. Ihr Einsatz w\u00fcrde zu einer unkalkulierbaren Eskalation f\u00fchren, die weder Russland noch andere L\u00e4nder bef\u00fcrworten k\u00f6nnen. Auch wenn Expert*innen die Wahrscheinlichkeit ihres Einsatzes als gering einsch\u00e4tzen, traue ich Putin dies in seiner Machtbesessenheit und Kriegseuphorie zu. ((1)) Das w\u00e4re nicht das erste Mal in der Geschichte. Schlie\u00dflich wurden Atomwaffen im Zweiten Weltkrieg durch die USA in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt. Im Kalten Krieg kam es mehrfach zu einem Beinahe-Einsatz. Meldungen zufolge hat Putin die atomaren Streitkr\u00e4fte in Bereitschaft versetzt. Zum Gl\u00fcck gibt es f\u00fcr den Einsatz solcher Waffen ein Protokoll unter Beteiligung mehrerer Akteur*innen, es ist nicht mit einem einfachen Knopfdruck getan.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Nuklearer Fehler<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gefahr lauert aber nicht nur in dieser Drohung. Wahrscheinlicher ist vielmehr ein Unfall im Zusammenhang mit Kriegshandlungen bei einer Atomanlage in der Ukraine. \u201eFr\u00fcher in der Geschichte gab es keine Kriege in Gebieten, die stark von Atomenergie abh\u00e4ngig oder stark verstrahlt waren. Dies ist mit schwer vorhersehbaren Folgen verbunden \u2013 in einem Krieg kann alles passieren\u201c, warnt der russische Ecodefense-Aktivist und Tr\u00e4ger des Alternativen Nobelpreises Vladimir Slivyak. ((2))<br \/>\nEr f\u00e4hrt fort: \u201eDie Kontrolle \u00fcber ein hochradioaktives Gebiet kann dazu benutzt werden, die Regierung zu erpressen, in deren Hoheitsgebiet die Milit\u00e4roperationen stattfinden. Eine weitere unangenehme Option ist der Diebstahl radioaktiver Materialien, die dann in die H\u00e4nde von Angreifern auf der ganzen Welt gelangen k\u00f6nnen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass eine Rakete oder Bombe, die absichtlich oder versehentlich ein strahlungsgef\u00e4hrdendes Objekt trifft, zu einer neuen gro\u00dffl\u00e4chigen Kontamination relativ sauberer Gebiete mit Strahlung f\u00fchren kann.\u201c Das m\u00fcsse nicht unbedingt \u201eaus Bosheit\u201c erfolgen, erl\u00e4utert Vladimir, und erw\u00e4hnt den \u201eaus Versehen\u201c abgeschossenen Boeing-Flug \u201eMH17\u201c im Juli 2014 \u00fcber der Ost-Ukraine, den Russland f\u00fcr ein Milit\u00e4rflugzeug hielt. ((3))<br \/>\nFehler passieren. Bei Atomkraft haben sie aber sehr weitreichende Folgen. Atomanlagen sind nicht daf\u00fcr ausgelegt, dem Beschuss durch Raketen oder Abwurf einer Bombe standzuhalten. Nicht einmal gegen den Absturz gr\u00f6\u00dferer Flugzeuge seien die ukrainischen Atomkraftwerke gesch\u00fctzt, sagte Sergej Boschko, Chef der ukrainischen Atomaufsicht, 2014. ((4))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Brenzlige Situation in Tschernobyl<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Meldungen rei\u00dfen nicht ab. Selbst die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA schl\u00e4gt Alarm. Eine Beh\u00f6rde, die f\u00fcr die Nutzung der Atomkraft steht und die M\u00e4r der sicheren friedlichen Nutzung verbreitet. ((5))<br \/>\nDie russische Armee hat die Kontrolle \u00fcber die Sperrzone rund um das havarierte AKW Tschernobyl \u00fcbernommen. Dort ist seit 2000 kein Reaktor mehr in Betrieb. Es gibt allerdings jede Menge Atomm\u00fcll und den Sarkophag um das havarierte AKW. Der Atomm\u00fcll muss \u00fcberwacht werden, zahlreiche Wartungsarbeiten finden dort statt. Etwa 2.000 Menschen arbeiten dort normalerweise im Schichtbetrieb. Die russische Armee hat die Arbeiter*innen als Geiseln genommen; sie schlafen an Ort und Stelle und werden nicht mehr abgel\u00f6st. Erh\u00f6hte radioaktive Werte wurden lokal gemeldet. Sie wurden mit den Bewegungen von schweren Kriegsger\u00e4ten begr\u00fcndet. Berichten zufolge sind inzwischen die Ger\u00e4te zur Messung der Radioaktivit\u00e4t ausgeschaltet, was f\u00fcr die Arbeiter*innen die \u00dcberwachung der Anlage erschwert. Sollte es einen Zwischenfall geben, kann dieser m\u00f6glicherweise nicht rechtzeitig entdeckt werden; die Folgen k\u00f6nnen verheerend sein. Zwischendurch war der Standort au\u00dferdem ohne Strom.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Sorge um die Situation am AKW Saporischschja<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere beunruhigende Meldungen betreffen das AKW in Saporischschja im S\u00fcden des Landes. Es wurde beschossen. Ersten Meldungen zufolge ist es noch \u201egut\u201c gegangen, es hat scheinbar \u201enur\u201c einen Geb\u00e4udebrand gegeben.<br \/>\nEs braucht aber keinen Treffer auf den Reaktor selbst, um einen so genannten Atomunfall auszul\u00f6sen. Mitteilungen dar\u00fcber, dass der nukleare Teil nicht getroffen wurde, sind daher immer mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Fatal ist zum Beispiel, wenn die K\u00fchlung des Reaktors ausf\u00e4llt. Selbst abgeschaltete Reaktoren m\u00fcssen gek\u00fchlt werden. Umso ernster zu nehmen ist die Meldung vom 10. M\u00e4rz 2022, dass, anders als zun\u00e4chst gemeldet, doch Kampfhandlungen in unmittelbarer N\u00e4he der Reaktoren stattgefunden haben. Aufnahmen zeigen die Reste von Geschossen. Der ukrainischen atomaren Sicherheitsbeh\u00f6rde zufolge wurde ein Transformator besch\u00e4digt, er verliert \u00d6l, und Ersatzteile k\u00f6nnen nicht beschafft werden. Wenn ein Transformator nicht mehr funktionsf\u00e4hig ist, muss das AKW heruntergefahren und gek\u00fchlt werden. Wenn die K\u00fchlung ausf\u00e4llt, gibt es Notstromgeneratoren, diese haben aber eine begrenzte Betriebszeit, m\u00fcssen mit Sprit versorgt werden und springen oft gar nicht an. Ein Reaktor soll noch im Betrieb sein, um die K\u00fchlung der anderen vier zu gew\u00e4hrleisten. Mitten in einem Kriegsgebiet.<br \/>\nProblematisch sind zudem die Arbeitsbedingungen vor Ort. Das Personal wurde wie in Tschernobyl als Geiseln genommen. Die Kommunikation nach au\u00dfen wurde weitestgehend eingestellt. Durchsickernde Nachrichten deuten auf eine stetig zunehmende Gefahr eines GAU, eines Gr\u00f6\u00dften anzunehmenden Unfalls, hin. Die Belegschaft muss den Betrieb und die K\u00fchlung \u00fcberwachen. Die Menschen sind jedoch \u00fcberm\u00fcdet, einem enormen Stress ausgesetzt. Das alles beg\u00fcnstigt Fehler, so genanntes menschliches Versagen.<br \/>\nNeben den Reaktoren als Risikoquelle gibt es die Gefahr durch die Lagerung von Brennelementen sowohl in Abklingbecken als auch in einem Trockenlager. Der Betonschutz kann bei schwerem Beschuss versagen. Die Brennelemente im Abklingbecken w\u00fcrden bei Verlust des Wassers in Brand geraten, und da es sich um noch sehr hei\u00dfe Brennelemente handelt, w\u00fcrde dies eine gro\u00dffl\u00e4chige Freisetzung von Radioaktivit\u00e4t \u00fcber Landesgrenzen hinweg zur Folge haben. Die Situation ist selbst f\u00fcr die Beh\u00f6rden schwer einzusch\u00e4tzen, da die Kommunikation nach au\u00dfen gekappt wurde und keine Radioaktivit\u00e4tsmesswerte mehr verf\u00fcgbar sind. ((6)) Am 7. M\u00e4rz 2022 wurde au\u00dferdem gemeldet, ein Atomlabor in Charkiw sei durch Beschuss zerst\u00f6rt worden \u2013 laut IAEA ohne Freisetzung von Radioaktivit\u00e4t. Wie zuverl\u00e4ssig die Meldungen angesichts des ausgefallenen Messnetzes sind, ist fraglich. ((7)) Es bleibt nur zu hoffen, dass es nicht zu einem Unfall kommt. Sicher ist nur das Risiko.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Scheindebatte Laufzeitverl\u00e4ngerung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor diesem Hintergrund ist eine Debatte um eine AKW-Laufzeitverl\u00e4ngerung geradezu absurd. Atomkraft bringt in einer geopolitisch instabilen Welt unermessliche Gefahren mit sich.<br \/>\nPositiv zu bewerten ist, dass der Atomdeal zwischen Framatome und Rosatom um die Brennelementefabrik Lingen vorerst geplatzt ist. ((8)) Urenco, die Betreiberfirma der Urananreicherungsanlage in Gronau, verzichtet au\u00dferdem auf den Export von Uranm\u00fcll nach Russland \u2013 Transporte, gegen die es in der Vergangenheit starken Protest und Blockade-Aktionen in Deutschland gab. ((9))<br \/>\nDer Atomausstieg muss zu Ende gedacht werden: \u201eDeutschland darf die Gefahren der Atomenergie nicht l\u00e4nger exportieren. Ein zeitnaher Ausstieg aus der Brennelementefertigung in Lingen und der Urananreicherung in Gronau muss jetzt mit entsprechenden Gesetzen auf den Weg gebracht werden\u201c, erkl\u00e4rten Friedens-, Antiatom- und Umweltverb\u00e4nde am 4. M\u00e4rz 2022 in einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Heuchelei \u2013 Sanktionen gelten nicht f\u00fcr die Atomkraft<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Scharfe Kritik muss zudem an den trotz Sanktionen weiterlaufenden Atomgesch\u00e4ften zwischen Russland und europ\u00e4ischen Konzernen ge\u00fcbt werden. Es ist viel die Rede von der energetischen Abh\u00e4ngigkeit vom russischen Gas. Was selten Erw\u00e4hnung findet: Auch bei Uran und Brennelementen f\u00fcr AKW ist die EU zu einem gro\u00dfen Teil von Importen aus Russland abh\u00e4ngig. Die Uranwirtschaft bekommt im Ukrainekrieg eine Extrawurst. Am 1. M\u00e4rz 2022 erfolgte eine Brennelementelieferung aus Russland per Flugzeug (!) in die Slowakei. Der Luftraum war gesperrt, f\u00fcr den Transport gab es eine Sondergenehmigung. Solche Transporte erfolgen normalerweise nicht per Flugzeug, sondern per Zug, weil dieses Transportmittel als sicherer gilt. ((10))<br \/>\nFrankreichs staatliche Atomkonzerne Orano, Framatome und EDF unterhalten au\u00dferdem enge Beziehungen mit dem russischen Konzern Rosatom und gedenken nicht, diese zu beenden. Der ehemalige Chef von EDF, Henri Proglio, sitzt sogar im Aufsichtsrat von Rosatom. Bei den Gesch\u00e4ften geht es um Uran aus Russland, um Bauteile f\u00fcr AKW und den Export von Uranm\u00fcll nach Russland. ((11))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>F\u00fcr das Verbot von Atomwaffen und die Stilllegung aller Atomanlagen weltweit!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eQuelle connerie la guerre\u201c (dt. \u201eWelch eine Dummheit ist doch der Krieg\u201c), schrieb der bekannte franz\u00f6sische Dichter Jacques Pr\u00e9vert in seinem Gedicht \u201eBarbara\u201c, in dem er die Schrecken der Bombardierung von Brest beschrieb. Das Gedicht ist universell. Jeder Krieg ist grausam. Auch der Ukraine-Krieg. 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