{"id":2731,"date":"1999-06-01T00:00:45","date_gmt":"1999-05-31T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2731"},"modified":"2022-07-26T13:34:03","modified_gmt":"2022-07-26T11:34:03","slug":"der-siegfrieden-der-nato","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/06\/der-siegfrieden-der-nato\/","title":{"rendered":"Der &#8222;Siegfrieden&#8220; der NATO"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution: Christian, Du besch\u00e4ftigst Dich seit langem auch mit der Situation der Menschen in Jugoslawien. Wo siehst Du die Ursachen f\u00fcr das Wiedererstarken nationalistischer Bewegungen in Jugoslawien? Wo siehst Du die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Kosovo-Konflikt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sigrist:<\/strong>Ich besch\u00e4ftige mich seit 1956 mit Jugoslawien. Das Buch von Wolfgang Leonhard hat damals Furore gemacht: &#8222;Die Revolution entl\u00e4\u00dft ihre Kinder&#8220;. Er ist nach Jugoslawien gefl\u00fcchtet, das gerade von Stalin aus der kommunistischen Internationale, der KomInform, versto\u00dfen worden war. Da war das Interesse da. 1957 habe ich ein Referat im SDS gehalten, die Bedeutung des antifaschistischen Kampfes betont und welche entscheidende Rolle das im 2. Weltkrieg gespielt hat. Ich habe darauf hingewiesen, da\u00df das &#8222;f\u00f6derative Prinzip&#8220; zwar gut klingt, die &#8222;Selbstverwaltung&#8220; war damals ein neues Wort, da\u00df aber in der Praxis B\u00fcrokratisierung, de facto Zentralismus und Korruption das Ganze fragw\u00fcrdig werden lie\u00dfen. Ich habe gesagt: &#8222;Der Titoismus kann ein 3. Weg sein unter Bedingung einer st\u00e4rker werdenden Demokratisierung.&#8220; Ich glaube, das war goldrichtig gesehen.<\/p>\n<p>Du hast nach den Menschen gefragt: mich hat am st\u00e4rksten ber\u00fchrt in den letzten Wochen, als ein deutscher Staatsb\u00fcrger serbischer Herkunft gesagt hat: &#8222;Wie k\u00f6nnt ihr sowas machen? Wir haben euch die Stra\u00dfen und die Br\u00fccken gebaut. Und jetzt schmei\u00dft ihr unsere kaputt.&#8220;<\/p>\n<p>In Jugoslawien gibt es im Prinzip eine segment\u00e4re Struktur, die zentralistisch \u00fcberformt ist. Ich glaube es war eine gro\u00dfe Leistung von Tito, da\u00df er diesen Mehrv\u00f6lkerstaat geschaffen hat. Vorher war es reine serbische Ethnokratie. Er selbst war weitgehend Kroate der Herkunft nach. Er hat das aber zur\u00fcckgestellt. Es gab am Anfang eine Idee, das war Widerstand gegen Nazideutschland, das war Kommunismus und schlie\u00dflich der Widerstand gegen den Stalinismus, gegen die sowjetische \u00dcbermacht und Hegemonie. Der serbische Nationalismus ist \u00e4lter. Er hat den 1. Weltkrieg mitherbeigef\u00fchrt. Wie man das erkl\u00e4ren kann? V\u00f6lker, die Durchmarschgebiete sind, gehen entweder auf in den gr\u00f6\u00dferen Reichen oder sie entwickeln eine Identit\u00e4t im Widerstand. Die Leute lassen sich nicht auf Dauer unterdr\u00fccken und integrieren, sie wollen ihre eigene Identit\u00e4t. Da mu\u00df man ganz weit zur\u00fcckgehen. Und &#8211; jetzt geht es nicht um Rechtfertigung &#8211; &#8222;schlie\u00dflich haben nicht die Serben die Turkv\u00f6lker \u00fcberfallen, sondern es war umgekehrt&#8220; und dieses kollektive Ged\u00e4chtnis, das irrational \u00fcberh\u00f6ht ist, das spielt eine Rolle.<\/p>\n<p>Tito hat einen Fehler gemacht: Es war verboten \u00fcber die inneren Widerspr\u00fcche zu sprechen. Ethnizismus ist ein Problem und sollte nicht das Wichtigste im Leben von Menschen sein. Aber man umgeht ihn nicht, indem man nicht dr\u00fcber redet. Deswegen sage ich: Interethnischer Diskurs. Und je weniger man einen zentralistischen Staat hat, um so geringer ist der Anreiz \u00fcber ethnische Zugeh\u00f6rigkeit andere zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Kosovo-Konflikt: Kosovo ist nicht Bosnien. Zu glauben, da\u00df die serbische Regierung und die Mehrheit der Serben &#8211; es geht nicht um Milosevic &#8211; wie 1996 wegen einiger &#8222;Luftschl\u00e4ge&#8220; einknickt, das war eine Illusion. Das Kosovo kann man nicht mit Bosnien-Herzegowina vergleichen. Es hat einen emotionalen Wert: &#8222;Die Schlacht auf dem Amselfeld&#8220; (im Jahre 1389, Red.). Das kann man kritisieren. Man h\u00e4tte von vornherein wissen k\u00f6nnen, da\u00df das nicht mit ein paar Terrorangriffen getan ist. Der Ausdruck &#8222;Terrorangriff&#8220; ist richtig. Die Erfahrung, die damit gemacht wurde, war, da\u00df das die Bev\u00f6lkerung zusammenschwei\u00dft, egal welches Regime, auch in Vietnam. Diese &#8222;Luftschl\u00e4ge&#8220; haben es nicht gebracht. Da ist unabh\u00e4ngig von der Wertung ein gewaltiger Denkfehler gemacht worden. Und dann scheint mir das Problem zu sein, da\u00df Kosovaren und Albaner im Augenblick keine Perspektive haben, was jetzt nicht ihr Fehler ist. Man h\u00e4tte ganz andere Dinge machen m\u00fcssen. Der Westen hat schadenfroh, seelenruhig zugeschaut, wie Albanien runtergekommen ist. H\u00e4tte man erstmal Albanien saniert und dann mit allen Beteiligten gesprochen &#8222;wir bauen hier was auf und das kann Vorbild sein. Wie w\u00e4r&#8217;s?&#8220; Da h\u00e4tte man auch mit der serbischen Regierung verhandeln m\u00fcssen: &#8222;Die Sache mit der Autonomieaufhebung war ein Fehler. Aber wir sind bereit daf\u00fcr zu zahlen, da\u00df das r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht wird.&#8220; Mit Geld kann man auf dem Balkan viel machen. Im \u00dcbrigen sage ich das nicht hinterher. Ich habe 1993 im &#8222;Parlament&#8220; einen Artikel \u00fcber die Autonomie geschrieben. Es war ein schwerwiegender Fehler, die Aufl\u00f6sung Jugoslawiens voranzutreiben ohne Garantien. Dem Genscher kam es darauf an, da\u00df in jeder gr\u00f6\u00dferen kroatischen Stadt ein Caf\u00e9 Genscher entstanden ist. Das ist gekommen. Also: pers\u00f6nliche Eitelkeit.<\/p>\n<p>Es sind 200.000 Serben aus Ostslawonien vertrieben worden. Selbst im franz\u00f6sischen Fernsehen erf\u00e4hrt man davon; in Deutschland nichts.<\/p>\n<p>Milosevic ist ein Opportunist, der gemerkt hat, &#8222;hier ist eine nationalistische Str\u00f6mung&#8220;. Nach der Aufl\u00f6sung der Inhalte sah er &#8222;was haben wir jetzt? Jetzt bleibt vielleicht nur noch das?&#8220;<\/p>\n<p>Es gibt die Panik in der Situation des Verlusts der geopolitischen Rente. Jugoslawien wurde vorher gef\u00f6rdert, weil es eine Art Glacis gegen die Sowjetunion war. Das entfiel.<\/p>\n<p>Ein Problem ist, da\u00df in diesen Raum st\u00e4ndig von au\u00dfen hineingewirkt worden ist und es dann diese Verwerfungen gibt. Das hei\u00dft nicht, da\u00df man nichts tun kann, aber nicht mit Krieg.<\/p>\n<p><strong>Durch den Angriffskrieg und V\u00f6lkerrechtsbruch der NATO ver\u00e4ndert sich die Weltlage. Die UNO ist entmachtet, eine deutsche Armee f\u00fchrt (diesmal als Teil der NATO) zum dritten Mal in diesem Jahrhundert einen Angriffskrieg gegen Jugoslawien. Beginnt nun, nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, ein Zeitalter, in dem die NATO sich zum Kriegs-Herren der Welt macht? Welche Interessen verfolgt die NATO mit der Bombardierung Jugoslawiens?<\/strong><\/p>\n<p>Sicher wird ein Ersatzziel gesucht nach dem Ende des Kalten Krieges.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik spielt eine subalterne Rolle. Ihre 14 Tornadobomber, pro Nacht sind vier im Einsatz, das k\u00f6nnte man vergessen. Sie beteiligt sich symbolisch.<\/p>\n<p><strong>Aber die Bundesrepublik ist durch diesen Krieg zu einem &#8222;souver\u00e4nen&#8220; Teil der Alliierten geworden. Die Nachkriegszeit ist vorbei. Die Bundeswehr streift ihre Rolle als &#8222;Verteidigungsarmee&#8220; ab und wird zum Teil eines imperialistischen Angriffsb\u00fcndnisses.<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Die Bundesrepublik ist aber eine amerikanische Milit\u00e4rkolonie auf freiwilliger Grundlage. Auch wenn das jetzt unmittelbar von Italien ausgeht, die Logistik beruht nach wie vor auf der Bundesrepublik und die hat nichts zu melden, inwieweit sie benutzt werden darf.<\/p>\n<p><strong>Ich glaube aber, da\u00df die Bundesrepublik da ein Interesse hat. Sie will ein gleichberechtigtes Mitglied der NATO sein und ihre historische Verantwortung f\u00fcr die nationalsozialistischen Verbrechen in den Hintergrund dr\u00e4ngen oder relativieren. Deshalb auch die &#8222;neue Auschwitzl\u00fcge&#8220;, die ungeheuerliche Gleichsetzung der serbischen Vertreibungspolitik mit Auschwitz. Der deutsche Staat will diesmal zu den &#8222;Siegerm\u00e4chten&#8220; geh\u00f6ren, nicht mehr nur als Wirtschaftsmacht, sondern auch als wiedererwachte Milit\u00e4rmacht. Der Bundesregierung geht es auch um die Vergr\u00f6\u00dferung ihres eigenen Machtspielraumes.<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Es gibt auch den Horror Vacui der Milit\u00e4rs. Der besteht darin, da\u00df du, wenn du jahrelang keinen Krieg gemacht hast, Angst hast es nicht zu k\u00f6nnen. Und f\u00fcr die Bundeswehr gilt das. Da gibt es praktisch niemanden mehr, der die aktive Kriegserfahrung hat. Ich bin der Ansicht, da\u00df die Bodentruppen der Bundeswehr nicht viel taugen. Die k\u00f6nnen Zelte aufschlagen. Kampfkraft w\u00fcrde ich denen nicht gro\u00df zutrauen. Die Panzer funktionieren nicht. Die Bundeswehr ist kein gro\u00dfes Machtmittel. Und deswegen ist der Punkt, st\u00e4rker als jetzt gleichberechtigt zu sein, B\u00fcndnistreue. Und B\u00fcndnistreue ist ein vornehmer Ausdruck f\u00fcr den Amerikanern in den Hintern kriechen.<\/p>\n<p>Manche denken, Amerika sei liberal bis sogar libert\u00e4r, aber wenn man das auf ein Schlagwort bringen kann, dann sind die Amerikaner eine Cowboydemokratie. Und Cowboys, das sind nicht nur Cowboystiefel, Reiten, Freiheit und Abenteuer, sondern das ist der Schlachthof von Chicago, diese Bereitschaft zu einer irrsinnigen Zerst\u00f6rungswut, die rauszulassen und eben Vernichtung von Leben. McDonalds ist das Symbol der amerikanischen Kultur. McDonalds und Hiroshima, das geh\u00f6rt zusammen. Japan war bereits am Boden und verhandlungsbereit. Es ging bei Hiroshima und Nagasaki um den Showeffekt bei der Potsdamer Konferenz. Es kommt hinzu, da\u00df es nicht nur Chicago gibt, sondern auch Hollywood. Das beste Buch ist meines Erachtens Krippendorfs &#8222;Die amerikanische Strategie&#8220;. Da wird dieses Sendungsbewu\u00dftsein stark dargestellt, obwohl es im Vietnamkrieg geschrieben wurde.<\/p>\n<p>Jetzt haben wir eine Ausnahmesituation. Jeder Analytiker sagt: &#8222;Die NATO ist der zweite Sieger. Sie hat jetzt schon verloren. Selbst wenn sie es schafft, den Milosevic wegzuputzen.&#8220; Das ist so katastrophal, darauf l\u00e4\u00dft sich keine Hegemonie begr\u00fcnden. Sie versuchen es, aber sie riskieren den 3. Weltkrieg aus Versehen.<\/p>\n<p>Das ist nicht der erste out of area-Einsatz der NATO. Der Krieg Portugals gegen die antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika war ein verdeckter NATO-Krieg. Den haben die USA und die Bundesrepublik finanziert und milit\u00e4risch ausger\u00fcstet. Die Portugiesen h\u00e4tten den Krieg gar nicht so lange f\u00fchren k\u00f6nnen. 15.000 Unimogs kamen da zum Einsatz. Die Portugiesen bekamen FIAT-J\u00e4ger und so weiter von der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Out of area hei\u00dft s\u00fcdlich des Wendekreises des Krebses &#8211; so ist n\u00e4mlich eigentlich das NATO-Gebiet begrenzt. Damit waren die portugiesischen Kolonien ausgeschlossen als NATO-Operationsgebiet. De facto hat die NATO dort Krieg gef\u00fchrt und diesen verloren.<\/p>\n<p>Es ist auch diesmal nicht sicher, da\u00df die NATO gest\u00e4rkt wird. Nat\u00fcrlich besteht die Gefahr und es ist der Versuch. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr sehe ich aber nicht in der NATO-Hegemonie, sondern in einem in dieser Form nicht gew\u00fcnschten 3. Weltkrieg, durch die Entgrenzung, dadurch da\u00df sie sich Besch\u00e4ftigungsfelder sucht. Solange sie begrenzt war, konnte man noch sagen &#8222;sie hat f\u00fcr Stabilit\u00e4t gesorgt&#8220;, aber indem sie sich nun die Aufgaben beliebig sucht und definiert, ist es wirklich gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><strong>In Jugoslawien gibt es auch antimilitaristische Gruppen wie z.B. die Frauen in Schwarz (s. GWR Nr. 238 &amp; 239). Wie beurteilst Du die Entwicklung dieser antinationalistischen, au\u00dferparlamentarischen, zum Teil libert\u00e4ren Bewegungen in Jugoslawien? Wie siehst Du die Chancen der dortigen Deserteurs- und Antikriegsbewegung?<\/strong><\/p>\n<p>Meines Wissens sind die schwach. Man sollte das nicht \u00fcbersch\u00e4tzen. Man kann die Leute bewundern.<\/p>\n<p>Die NATO-Schl\u00e4ge haben zu einer nationalen Solidarisierung gef\u00fchrt. Es kann sein, da\u00df &#8211; wenn der Schaden zu gro\u00df wird &#8211; es auch zu einer Demoralisierung kommt, aber ich w\u00fcrde sagen, nur vor\u00fcbergehend. Durch diese Art der Kriegf\u00fchrung hat die Opposition keine Mittel mehr. Die kann nicht einmal mehr telefonieren. Was an Mitteln bleibt, hat die Regierung: Polizei und Armee.<\/p>\n<p><strong>Welche Perspektiven siehst Du f\u00fcr die Menschen und L\u00e4nder des Balkans?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00f6derative Strukturen. Die Staatsgrenzen entsprechen nicht den ethnischen Grenzen und das wird man nie so hinkriegen, da\u00df sich das deckt. Und was bedeutet das? Staatsgrenzen d\u00fcrfen nicht so wichtig sein. Also eine Entdramatisierung von Staatlichkeit. Abschaffung des Staates, das ist nicht realistisch im Augenblick, au\u00dfer da\u00df ich sagen w\u00fcrde, da\u00df wir neue Formen der politischen Organisation brauchen.<\/p>\n<p>W\u00fcnschenswert ist, da\u00df ein evolution\u00e4rer Proze\u00df eingeleitet wird. Wichtig ist Kommunikation, miteinander reden, all das unterst\u00fctzen. Man kann materielle Anreize geben, da\u00df das getan wird. Die Staatsgrenzen sind disfunktional und gef\u00e4hrlich und es m\u00fcssen Wege gefunden werden, da\u00df die Grenzen als solche, da\u00df Staatsgrenzen nicht der Hauptpunkt sind, sondern es m\u00fcssen Br\u00fccken gebaut werden. Das w\u00e4re die Frage einer europ\u00e4ischen Friedensordnung, Europa als Friedenszusammenhang.<\/p>\n<p>Man hatte in Rambouillet auf einmal keine Zeit mehr zum Verhandeln. Mit Milosevic verhandeln wollte ich vielleicht auch nicht, da w\u00fcrde mir vielleicht der Geduldsfaden rei\u00dfen. Aber Politik ist, da\u00df man sich die Zeit nimmt. Jetzt \u00fcberlegt man den Sicherheitsrat einzuschalten. Das h\u00e4tte man vorher tun sollen.<\/p>\n<p><strong>Im September 1998 hast Du gemeinsam u.a. mit Pit Budde (Cochise) und Michael Seligmann (Ex-GWR-Autor) einen Aufruf zur Wahl der Gr\u00fcnen unterst\u00fctzt. Wie beurteilst Du nun die Politik der rot-gr\u00fcnen Regierung?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe die Gr\u00fcnen immer unterst\u00fctzt, weil das ein wichtiges Experiment war. Ich hab auch die Gefahren fr\u00fch erkannt, wo man sehen konnte: den Leuten geht es um den Job, denen geht es ums Mandat. Um Privilegien, schlicht und einfach.<\/p>\n<p><strong>Der gr\u00fcne Bundestagsabgeordnete Winni Nachtwei hat bei Dir 1975 seine Examensarbeit geschrieben. Wie erkl\u00e4rst Du Dir seinen Wandel vom Mitglied der Friedensbewegung zum Bef\u00fcrworter des NATO-Angriffskrieges gegen Jugoslawien?<\/strong><\/p>\n<p>Nachtwei hat bei mir ein sehr gutes Examen gemacht, aber mir fiel auf, da\u00df er taktiert hat. Wer in die Politik will, mu\u00df taktieren.<\/p>\n<p>Nachtwei hat in M\u00fcnster jahrelang die Friedens AG der Gr\u00fcnen Alternativen Liste geleitet, und dann sagt so jemand &#8222;Keine Alternative&#8220;. Das ist Unsinn, Alternativen gibt es, es gibt gute, schlechte, &#8230; aber einfach dieses alternativlose Denken von Anfang an, man kann das nicht anders interpretieren, als mit &#8222;Regierungsf\u00e4higkeit&#8220;. Die Gefahr des Zerbrechens der rot-gr\u00fcnen Koalition, raus aus dem Regierungsgesch\u00e4ft, eventuell Neuwahlen und dann das Mandat weg. Es ist das Kleben an der Macht. MMB &#8211; Macht macht bl\u00f6d. Auf der unteren Stufe hei\u00dft es Mandat macht bl\u00f6d, selbst kluge Leute. So kann man das erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Bei Nachtwei ist es der Wandel vom Taktierer zum Opportunisten. Er versucht auch heute noch einerseits dazuzugeh\u00f6ren, seine Position im Verteidigungsausschu\u00df, und gleichzeitig will er sich den R\u00fcckhalt in der Basis erhalten. Das ist ein &#8218;rumeiern. Da kommen die absurdesten Argumente, die unter seinem intellektuellen Niveau sind. Ich halte den Mann nicht r\u00fcckwirkend f\u00fcr dumm, aber dieses Kleben an der Macht. Au\u00dferdem: das Leben im Bundestag, das ist eine Art Raumschiff, das ist ein Realit\u00e4tsverlust.<\/p>\n<p><strong>Hat das Hoffen auf rot-gr\u00fcn nicht auch die au\u00dferparlamentarische Bewegung geschw\u00e4cht? F\u00fchrt das &#8222;humanit\u00e4re&#8220; Image der gr\u00fcnen Regierungspartei nicht dazu, da\u00df viele Menschen die Propaganda vom &#8222;humanit\u00e4ren&#8220; Krieg akzeptieren, anstatt gegen die Kriegsverbrechen auch der rot-gr\u00fcnen Regierung zu demonstrieren? <\/strong><\/p>\n<p>Ja, das kann man nicht leugnen.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung hat deshalb noch relativ g\u00fcnstige Werte, weil sie gesagt hat &#8222;keine Bodentruppen&#8220;.<\/p>\n<p>Wir sind in einem De facto-Krieg, auch die Deutschen.<\/p>\n<p>Die Spezialit\u00e4t des US-Imperialismus sind die unerkl\u00e4rten Kriege. Der Vietnamkrieg war offiziell kein Krieg, sondern &#8222;ein Lernproze\u00df&#8220;, der f\u00fcr die Nordvietnamesen gedacht war. Die sollten solange &#8222;Luftschl\u00e4ge&#8220; kriegen, bis sie kapieren &#8222;wir d\u00fcrfen die Guerilla nicht unterst\u00fctzen&#8220;. Hat nicht geklappt, aber der Krieg war nicht erkl\u00e4rt, deshalb war er auch so schwer zu beenden. Auch dieser Krieg und auch der Golfkrieg waren nicht erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte eine eigene soziale Erfahrung ansprechen: Ich war in einem Internat. Ein Drittel der Jungen waren Bettn\u00e4sser. Kinder, die versch\u00fcttet wurden, werden fast alle Bettn\u00e4sser. Da wird jetzt eine Generation von Bettn\u00e4ssern entstehen. Mich entsetzt die Brutalit\u00e4t mit der hier vorgegangen wird.<\/p>\n<p>Es geht doch gar nicht darum, da\u00df die Verbrechen des serbischen Regimes geleugnet werden sollen, sondern da\u00df man sich rechtzeitig h\u00e4tte \u00fcberlegen m\u00fcssen, was man tun kann. Den Kosovaren wurde in Deutschland kein Asylrecht gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Die Luftwaffenindustrie verdient an dem Krieg. Da ist ein riesiger Nachholbedarf, nachdem soviel verschossen wurde.<\/p>\n<p>Was ich hasse, ist der industrialisierte Krieg, diese industrialisierten Schlachtfelder, die Luftkriege, diese schrecklichen Verw\u00fcstungen durch die Minen. Wir m\u00fcssen gegen diese Massent\u00f6tungsmaschinen sein. Diese T\u00f6tungsmaschinen h\u00e4ngen mit der Akkumulation des Kapitals zusammen. Hier ist eine Kopplung von Akkumulation und Massenvernichtung.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir hier in Westeuropa eine Antikriegsstimmung schaffen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich gebe eine historische Antwort: Es waren sicher nicht die Bombenanschl\u00e4ge der RAF, die die Niederlage der USA in Vietnam herbeigef\u00fchrt haben. Aber in Heidelberg und anderswo, da hat etwas stattgefunden: die Deserteurskampagne. Da\u00df man Deserteuren Unterschlupf geboten hat, das hat zur Demoralisierung beigetragen. Ansonsten auch Haschisch und so weiter. Zun\u00e4chst wurde das von der amerikanischen Heeresf\u00fchrung gern gesehen, weil niemand bei klarem Verstand diese Risiken auf sich nimmt.<\/p>\n<p>Eine unmittelbare \u00dcbertragung dieser historischen Reminiszenzen auf die gegenw\u00e4rtige Situation ist wegen der anders gelagerten Situation nicht ad\u00e4quat. Ich appelliere aber an die Bomberpiloten und Verantwortlichen gr\u00fcndlich dar\u00fcber nachzudenken, was sie da eigentlich tun. Es ist wichtig, die Emp\u00f6rung \u00fcber diese Verbrechen zum Ausdruck zu bringen. Keiner kann leugnen, da\u00df dieser Krieg ein Verbrechen gegen das V\u00f6lkerrecht ist. Keiner kann leugnen, da\u00df dort Kriegsverbrechen begangen werden. Und das m\u00fcssen wir wiederholen, oft und st\u00e4ndig. Ich geh nicht einfach zur Tagesordnung \u00fcber. Was mich best\u00fcrzt, ist, mit welcher Lethargie die Leute ihrem Tagesgesch\u00e4ft nachgehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Christian, Du besch\u00e4ftigst Dich seit langem auch mit der Situation der Menschen in Jugoslawien. Wo siehst Du die Ursachen f\u00fcr das Wiedererstarken nationalistischer Bewegungen in Jugoslawien? Wo siehst Du die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Kosovo-Konflikt? Sigrist:Ich besch\u00e4ftige mich seit 1956 mit Jugoslawien. 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