{"id":27449,"date":"2022-04-29T11:10:26","date_gmt":"2022-04-29T09:10:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/04\/kurzzeitige-sicherheit-in-alpes-maritimes\/"},"modified":"2022-04-30T10:50:29","modified_gmt":"2022-04-30T08:50:29","slug":"kurzzeitige-sicherheit-in-alpes-maritimes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/04\/kurzzeitige-sicherheit-in-alpes-maritimes\/","title":{"rendered":"Kurzzeitige Sicherheit in Alpes-Maritimes"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">Leider notwendige Vorrede<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum die Anf\u00fchrungszeichen bei \u201eJ\u00fcdInnen\u201c? Welche immer \u00fcber die Shoah schreiben oder reden, haben das Problem der Benennung der Verfolgten und Ermordeten. Und welche, wie ich, nicht jedes Mal bei deren Erw\u00e4hnung \u201edie von den M\u00f6rderInnen als J\u00fcdInnen Bezeichneten\u201c oder \u00c4hnliches schreiben oder sagen wollen, m\u00fcssen sich was \u00fcberlegen. Ich habe mir f\u00fcrs Schreiben die Anf\u00fchrungszeichen \u00fcberlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Begr\u00fcndung: Welche eine willk\u00fcrlich ausgew\u00e4hlte Gruppe von Menschen diskriminieren, verfolgen, ermorden wollen, haben sofort das Problem, diese Gruppe zu definieren. Die Nazis haben das am 14. November 1935 mit der \u201e1. Verordnung zum Reichsb\u00fcrgergesetz vom 15.9.1935\u201c getan: \u201e\u00a7 5. ((1)) Jude ist, wer von mindestens drei der Rasse nach vollj\u00fcdischen Gro\u00dfeltern abstammt.\u201c (Kursivsetzungen von mir, M. S.) Diese rassistische (hier stimmt einmal das Wort!) \u201eDefinition\u201c definiert aber noch gar nichts: Denn wer stellt fest, ob die jeweiligen Gro\u00dfeltern \u201ej\u00fcdisch\u201c waren und deren Gro\u00dfeltern und und und \u2026? Das war den Nazis auch klar, deshalb steht im \u00a7 2 der genannten Verordnung: \u201eAls vollj\u00fcdisch gilt ein Gro\u00dfelternteil ohne weiteres, wenn er der j\u00fcdischen Religionsgemeinschaft angeh\u00f6rt hat.\u201c (Kursivsetzungen von mir, M. S.)<br \/>\nEntgegen ihren rassistischen Ansichten (\u201eDie Religion ist einerlei, im Blute liegt die Schweinerei!\u201c \u2013 das ist von Georg von Sch\u00f6nerer) griffen die Nazis also auf eine religi\u00f6se Definition zur\u00fcck. Erkl\u00e4rten damit selbst ihre rassistische Definition f\u00fcr nicht funktional in ihrem Sinne. Und es geht noch weiter: Schon zw\u00f6lf Tage nach der \u201e1. Verordnung\u2026\u201c wurde am 26. November 1935 in einem \u201eRunderla\u00df des Reichsministers des Innern\u201c festgelegt: \u201ec) Bei der Beurteilung, ob jemand Jude ist oder nicht, ist grunds\u00e4tzlich nicht die Zugeh\u00f6rigkeit zur j\u00fcdischen Religionsgemeinschaft, sondern zur j\u00fcdischen Rasse ma\u00dfgebend. Um Schwierigkeiten bei der Beweisf\u00fchrung auszuschlie\u00dfen, ist aber ausdr\u00fccklich bestimmt, dass ein Gro\u00dfelternteil, der der j\u00fcdischen Religionsgemeinschaft angeh\u00f6rt hat, ohne weiteres als Angeh\u00f6riger der j\u00fcdischen Rasse gilt; ein Gegenbeweis ist nicht zul\u00e4ssig.\u201c (Kursivsetzungen von mir, M. S.) Also im ersten Satz wieder eine rassistische Definition, die im direkt folgenden Satz konterkariert wird durch eine religi\u00f6se Definition.<br \/>\nDa es eine \u201ej\u00fcdische\u201c \u201eRasse\u201c nicht gibt, wohl aber eine j\u00fcdische Religion, kann ich sinnvollerweise, wenn ich das Wort j\u00fcdisch\/J\u00fcdIn schreibe, nur die Religionszugeh\u00f6rigkeit meinen (mit aller Kultur, die daran h\u00e4ngt). Aber, zum Beispiel: Im Dezember 1944 waren 28 % der Gefangenen in dem Ghetto-Lager Terez\u00edn (Theresienstadt) nicht j\u00fcdischen Glaubens. Und am 20. April 1945 waren es 36 % der Gefangenen dort. Nach der rassistischen Nazi-Definition waren sie aber alle \u201eJ\u00fcdInnen\u201c. Wenn ich also in Bezug auf die Shoah von J\u00fcdInnen schreibe und eben nicht von \u201evon den Nazis als J\u00fcdInnen Bezeichneten\u201c, \u00fcbernehme ich die rassistische Zuschreibung der Nazis. Um mich von dieser zu distanzieren, setze ich \u201eJ\u00fcdInnen\u201c in Anf\u00fchrungszeichen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Les \u201eJuiVes\u201c de Saint-Martin-V\u00e9subie \u2013 Die \u201eJ\u00fcdInnen\u201c von Saint-Martin-V\u00e9subie<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir befinden uns im Jahre 58 vor der Jahrtausendwende. Ganz Gallien ist von den Germanen besetzt \u2026Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Esubianern und Jud\u00e4ern bev\u00f6lkertes und von den R\u00f6mern (!) besetztes Dorf h\u00f6rt nicht auf, dem germanischen Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht f\u00fcr die germanischen Legion\u00e4re, die als Besatzung in den befestigten Lagern Lutetia, Massilia und Lugdunum liegen \u2026<br \/>\nGanz so war es nicht, aber \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 7.\/8. November 1942 landen US-amerikanische und britische Truppen in Marokko und Algerien, die damals zu Vichy-Frankreich geh\u00f6ren. Darauf besetzt die deutsche Wehrmacht am 11. November 1942 den bisher unbesetzten Teil Frankreichs (grob: die S\u00fcdh\u00e4lfte au\u00dfer der Atlantikk\u00fcste), der von Vichy regiert wird. Im \u00e4u\u00dfersten S\u00fcdosten Frankreichs allerdings besetzt die italienische Armee am selben Tag etwa neun D\u00e9partements (etwa ein Zehntel der Gesamtfl\u00e4che Frankreichs, dazu Korsika). Eines dieser D\u00e9partements ist Alpes-Maritimes (Seealpen), wo auch \u201eunser\u201c Dorf Saint-Martin-V\u00e9subie liegt.<br \/>\nF\u00fcr die \u201eJ\u00fcdInnen\u201c in der ehemals unbesetzten Zone \u00e4ndert sich durch den deutschen Einmarsch nichts \u2013 die von der Vichy-Gendarmerie auf deutsches Verlangen hin schon vorher durchgef\u00fchrten Razzien gehen weiter. Die letzten gro\u00dfen Razzien vor der Besetzung der \u201eS\u00fcdzone\u201c hatten am 26.\/27. August 1942 stattgefunden. Dabei wurden 610 \u201eJ\u00fcdInnen\u201c aus den Alpes-Maritimes festgenommen.<br \/>\nUnd Razzia hei\u00dft: Festnahme, Drancy, Auschwitz, Ermordung. Hier will ich \u2013 auch angesichts der aktuellen Diskussion in Frankreich \u2013 darauf hinweisen, dass die Vichy-Regierung versucht hat, \u201eJ\u00fcdInnen\u201c, die sie als \u201eFranz\u00f6sInnen\u201c definiert hat, vor der Verschleppung zu bewahren \u2013 das allerdings keineswegs konsequent. Die staatenlosen bzw. \u201eausl\u00e4ndischen\u201c \u201eJ\u00fcdInnen\u201c wurden f\u00fcr die deutschen M\u00f6rderInnen gejagt und ihnen ausgeliefert. Das war der Handel von Ren\u00e9 Bousquet, dem Polizeichef Vichys, mit der deutschen M\u00f6rderbande. (Bousquet, nach 1945 unter anderem Direktor der \u201eBanque d\u2019Indochine\u201c, 1991 (!) angeklagt wegen \u201eVerbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c, wurde am 8. Juni 1993 mit 84 Jahren vor der Er\u00f6ffnung des Prozesses erschossen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch in der von der italienischen Armee (in den Alpes-Maritimes die IV. Armata) besetzten Zone \u00e4ndert sich f\u00fcr \u201eJ\u00fcdInnen\u201c \u201ealles\u201c: F\u00fcr etwa neun Monate k\u00f6nnen sie jetzt dort unbehelligt leben, sie m\u00fcssen sich lediglich zweimal t\u00e4glich bei den Carabinieri melden. In den Alpes-Maritimes sind sie oft in Hotels untergebracht, die wegen der Kriegsereignisse leerstehen, so vor allem in Nizza und Saint-Martin-V\u00e9subie, das als \u201eSommerfrische\u201c einen guten Ruf hatte \u2013 und deshalb viele Hotels. Diese Unterk\u00fcnfte werden den \u201eJ\u00fcdInnen\u201c zwangsweise zugewiesen (\u201er\u00e9sidence forc\u00e9e\u201c\/\u201eresidenza forzata\u201c). Nicht nur die deutschen M\u00f6rderInnen, auch Vichy und seine Gendarmen haben in der italienischen Zone bez\u00fcglich der \u201eJ\u00fcdInnen\u201c nichts mehr zu melden. In der ersten Zeit ist es vorgekommen, dass italienische Soldaten mit Waffengewalt \u201eJ\u00fcdInnen\u201c aus der Haft der Vichy-Gendarmen befreit haben, zum Beispiel in Annecy im Februar 1943.<br \/>\nDie deutsche Mordmaschinerie ist in der italienischen Zone so zum Stillstand gekommen. Sehr schnell spricht sich das unter den \u201eJ\u00fcdInnen\u201c in der \u201eS\u00fcdzone\u201c herum, und viele fliehen in die italienische Zone. In den Alpes-Maritimes leben so im September 1943 etwa 25.000 \u201eJ\u00fcdInnen\u201c.<br \/>\nSoweit bekannt (das best\u00e4tigt auch Serge Klarsfeld) wird von den Italienern aus den Alpes-Maritimes ein einziger \u201eJude\u201c an die deutsche Gestapo ausgeliefert: Theodor Wolff, der Ex-Chefredakteur des \u201eBerliner Tageblatts\u201c, wird am 19. Mai 1943 in Nizza von der italienischen politischen Polizei, OVRA (Opera volontaria di repressione antifascista bzw. Organizzazione di vigilanza e repressione dell\u2019 antifascismo), festgenommen und als politischer Gegner (nicht als \u201eJude\u201c) an die Gestapo ausgeliefert, was er nicht \u00fcberleben wird. Die OVRA unterh\u00e4lt in Nizza ein Folterzentrum in der \u201eVilla Lynwood\u201c; sie bek\u00e4mpft politische GegnerInnen des faschistischen Italiens (viele italienische AntifaschistInnen waren nach 1923 \u00fcber die Alpen nach Frankreich gefl\u00fcchtet, wo sie nun von der OVRA eingeholt werden).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die deutsche M\u00f6rderbande in Paris (Carl OBERG, H\u00f6herer SS- und Polizeif\u00fchrer in Frankreich; Helmut KNOCHEN, Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (Sicherheitsdienst) in Frankreich; Heinz R\u00d6THKE, Leiter des Judenreferats der Gestapo beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Frankreich) l\u00e4uft \u201eAmok\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Knochen an Heinrich M\u00fcller (Gestapo-Chef im Reichssicherheitshauptamt \u2013 RSHA \u2013 in Berlin) am 13.1.1943:<br \/>\n\u201eWenn jetzt die Italiener aber f\u00fcr alle Juden ausl\u00e4ndischer Staatsangeh\u00f6rigkeit eintreten, so macht das die Fortf\u00fchrung einer Judenpolitik in unserem Sinne unm\u00f6glich \u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Knochen an M\u00fcller am 2.2.1943:<br \/>\n\u201eDer Bericht schildert ausf\u00fchrlich, wie sich die italienischen Stellen im Departement Alpes Maritimes f\u00fcr die Juden eingesetzt haben und wie die Durchf\u00fchrung aller von der franz\u00f6sischen Regierung angeordneten Judenma\u00dfnahmen in dem von Italien besetzten Gebiet von den Italienern verhindert worden ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Knochen an M\u00fcller am 22.2.1943:<br \/>\n\u201eDurch das Eintreten der Italiener f\u00fcr die Juden ist den franz\u00f6sischen Beh\u00f6rden erneut bewiesen worden, da\u00df die deutsche und die italienische Auffassung in der Judenfrage absolut verschieden ist.\u201c<br \/>\n\u201e\u2026 ist es auf die Dauer ein unhaltbarer Zustand, da\u00df die Endl\u00f6sung der Judenfrage im neubesetzten Gebiet Frankreichs ausgerechnet von dem mit Deutschland verb\u00fcndeten Italien \u2026 teilweise sogar unm\u00f6glich gemacht wird.\u201c<br \/>\n\u201eGerade aber in dem von den Italienern besetzten Gebiet Frankreichs haben sich die Juden ganz besonders nach der Flucht aus dem altbesetzten Gebiet zusammengeballt. So ist insbesondere Lyon und die C\u00f4te d\u2019Azur geradezu von reichen und einflu\u00dfreichen Juden \u00fcberschwemmt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Kurt Lischka (Stellvertreter Knochens) \/ R\u00f6thke an das RSHA am 13.3.1943:<br \/>\n\u201eAlle Juden genie\u00dfen noch heute in der von den Italienern besetzten Zone vollste Freiheit und erhalten laufend Zuzug aus dem von den deutschen Truppen neu besetzten Gebiet Frankreichs.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Lischka \/ R\u00f6thke an das RSHA am 15.3.1943:<br \/>\n\u201eSo ist insbesondere die C\u00f4te d\u2019Azur zu einem Asyl f\u00fcr das Judentum geworden \u2026. Die Juden f\u00fchlen sich dort in v\u00f6lliger Sicherheit und gehen ihren schmutzigen Gesch\u00e4ften \u2026 v\u00f6llig ungehindert nach.\u201c<br \/>\n\u201eSolange die italienischen Beh\u00f6rden ihre bisherige Haltung zur Judenfrage beibehalten, kann eine L\u00f6sung des Judenproblems im neubesetzten Gebiet Frankreichs nicht oder nur unvollkommen herbeigef\u00fchrt werden \u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Knochen an Adolf Eichmann (Leiter des Referats f\u00fcr \u201eJudenangelegenheiten\u201c bei der Gestapo im RSHA, IV B 4) am 29.3.1943:<br \/>\n\u201e\u20062.) Weil von franz\u00f6sischer Seite st\u00e4ndig mit der Haltung der Italiener operiert wird und die Italiener erkl\u00e4ren, sie w\u00fcrden die Juden nicht behandeln wie die Deutschen, sondern sie w\u00fcrden sich dagegen stellen, da\u00df die Judenma\u00dfnahmen weiter durchgef\u00fchrt werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">R\u00f6thke, Vermerk vom 21.7.1943:<br \/>\n\u201eHaltung der Italiener nach wie vor verst\u00e4ndnislos. Italienisches Milit\u00e4r und italienische Polizei sch\u00fctzen die Juden mit allen ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln. Italienische Einflusszone, insbesondere die C\u00f4te d\u2019Azur, sind geradezu das gelobte Land in Frankreich f\u00fcr die Juden geworden. In den zur\u00fcckliegenden Monaten Massenflucht der Juden aus dem von uns besetzten Gebiet in das italienische Interessengebiet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so weiter, und so weiter \u2026<br \/>\nDas sind nur einige Ausz\u00fcge aus einer Flut beschriebenen Papiers der M\u00f6rderbande in Paris zu dem Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es bleibt nicht nur bei Papier. Ab Februar 1943 interveniert das Deutsche Reich auch direkt massiv in Rom. Es wird Druck aufgebaut durch den deutschen Botschafter Hans Georg von Mackensen, der bei Ministerpr\u00e4sident Benito Mussolini vorspricht. Sogar Au\u00dfenminister Joachim von Ribbentrop kommt am 25. Februar 1943 pers\u00f6nlich nach Rom, um Mussolini unter Druck zu setzen. Doch vergeblich. Mussolini laviert, er l\u00fcgt und weicht aus. Verbal macht er den Deutschen Zugest\u00e4ndnisse, real werden die aber nicht eingehalten. Und so geht das hin und her. Unter anderem ist am 27. M\u00e4rz 1943 der deutsche Gestapo-Chef Heinrich M\u00fcller in Rom \u2013 vergeblich.<br \/>\n\u00dcber die Frage der Motivation Mussolinis und der italienischen Generalit\u00e4t gibt es verschiedene Ansichten. Ein Motiv der italienischen Regierung war sicherlich, in \u201eihrer\u201c Zone (die sie sehr wahrscheinlich nach dem \u201eEndsieg\u201c annektiert h\u00e4tte) von Anfang an eine eigenst\u00e4ndige, vom deutschen und franz\u00f6sischen Staat strikt abgegrenzte Autorit\u00e4t und Pr\u00e4-Staatlichkeit zu behaupten. Ansonsten wird mehrheitlich vertreten, Mussolini habe den Deutschen nachgeben wollen, seine Generale in Frankreich h\u00e4tten das aber sabotiert, bzw. es h\u00e4tten einzelne italienische Offiziere entgegen Anweisungen human gehandelt. (Diese Ansichten vertritt besonders Davide Rodogno: Il nuovo ordine mediterraneo,Turin 2003.)<br \/>\nIch tendiere dazu, dass ohne Mussolinis (vielleicht stillschwei-\u2028gendes) mindestens Einverst\u00e4ndnis dieses Verhalten der italienischen Armee in Frankreich angesichts des massiven deutschen Drucks nicht durchzuhalten gewesen w\u00e4re. \u00dcbrigens hat sich die italienische Armee in weiteren Gebieten, die sie in Kroatien, Montenegro und Griechenland besetzt hatte, ebenfalls gegen erbitterten Druck der deutschen M\u00f6rderInnen als Schutzmacht f\u00fcr die dort lebenden \u201eJ\u00fcdInnen\u201c verhalten.\u00a0((1))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Leben der \u201eJ\u00fcdInnen\u201c in den Alpes-Maritimes im Fr\u00fchling und Sommer 1943 geht weiter, ohne von diesem von Fanatismus getriebenen Papierkrieg zu wissen. In Saint-Martin-V\u00e9subie, ca. 950 m hoch, idyllisch gelegen vor der Kulisse der Seealpen (bis \u00fcber 3.000\u00a0m hoch), leben bis \u2028zu 1.500 \u201eJ\u00fcdInnen\u201c in der \u201er\u00e9sidence forc\u00e9e\u201c, zusammen mit etwa der gleichen Zahl Einheimischer. Die, die in Andr\u00e9 Waksmans Film ((2)) dar\u00fcber berichten, waren damals Jugendliche und haben meist sehr sch\u00f6ne Erinnerungen an diesen Sommer in den Bergen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch in Italien wird am 24.\/25. Juli 1943 (14 Tage nach der Landung von US-amerikanischen und britischen Truppen auf Sizilien) Mussolini weggeputscht. Der neue Staatschef ist Marschall Pietro Badoglio. Und der verhandelt mit den Alliierten (was die Deutschen \u201ewissen\u201c). Am Abend des 8. September 1943 wird die Kapitulation Italiens gegen\u00fcber den Alliierten vorzeitig bekannt (unterzeichnet wurde sie schon am 3. September).<br \/>\nDie bisher von der italienischen Armee Gesch\u00fctzten stehen vor \u2028der Frage: weiterfl\u00fcchten oder bleiben. In Saint-Martin-V\u00e9subie entscheiden sich etwa 1.000 \u201eJ\u00fcdInnen\u201c f\u00fcr die sofortige Flucht \u00fcber die Alpen ins Piemont, Italien. Dabei sind zwei Wege (und jahrhundertealte Schmugglerwege) m\u00f6glich: \u00fcber die P\u00e4sse Col de Fenestre oder Col de Cerise, beide etwa 2.500 m hoch. Die Flucht beginnt ungeordnet schon morgens am 9. September. Auch die italienische IV. Armee flieht Hals \u00fcber Kopf auf denselben Wegen nach Italien. Meist nach zwei Tagen erreichen die Fl\u00fcchtenden das Piemont.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Michael Scheer, Dezember 2021<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leider notwendige Vorrede Warum die Anf\u00fchrungszeichen bei \u201eJ\u00fcdInnen\u201c? Welche immer \u00fcber die Shoah schreiben oder reden, haben das Problem der Benennung der Verfolgten und Ermordeten. Und welche, wie ich, nicht jedes Mal bei deren Erw\u00e4hnung \u201edie von den M\u00f6rderInnen als J\u00fcdInnen Bezeichneten\u201c oder \u00c4hnliches schreiben oder sagen wollen, m\u00fcssen sich was \u00fcberlegen. Ich habe mir &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/04\/kurzzeitige-sicherheit-in-alpes-maritimes\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Kurzzeitige Sicherheit in Alpes-Maritimes - graswurzelrevolution","description":"Leider notwendige Vorrede Warum die Anf\u00fchrungszeichen bei \u201eJ\u00fcdInnen\u201c? 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