{"id":27564,"date":"2022-05-24T11:50:29","date_gmt":"2022-05-24T09:50:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/denunziationen-deportationen-und-schweigen\/"},"modified":"2022-09-16T00:37:31","modified_gmt":"2022-09-15T22:37:31","slug":"denunziationen-deportationen-und-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/denunziationen-deportationen-und-schweigen\/","title":{"rendered":"Denunziationen, Deportationen \u2013 und Schweigen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Schon am 10. September 1943 kommt ein Mordkommando der Gestapo unter Alois Brunner in Nizza an und beginnt sofort die Jagd auf \u201eJ\u00fcdInnen\u201c. Die M\u00f6rder ziehen auch das Tal der V\u00e9subie hoch und erreichen am 20. September das erste Mal Saint-Martin-V\u00e9subie. So scheint der Impuls zur Flucht \u00fcber die Alpen durchaus richtig gewesen zu sein. Allerdings haben die Deutschen (wie vorbereitet) ab dem 9. September auch Norditalien besetzt \u2013 und so erwartet die erfolgreich Gefl\u00fcchteten (manche mussten zur\u00fcckbleiben oder gar umkehren, weil der Weg zu schwer war) auf Plakaten die Aufforderung, sich bis zum 18. September in einer Kaserne in Borgo San Dalmazzo nahe Cuneo einzufinden. Etwa 350 der Geflohenen k\u00f6nnen oder wollen nicht mehr weiter \u2013 sie stellen sich. Sie werden \u00fcber Nizza und Drancy nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet, zw\u00f6lf \u00dcberlebende sind bekannt. Die meisten anderen Geflohenen haben auf die ein oder andere Art \u2013 oft mit Hilfe der katholischen Kirche \u2013 in Italien \u00fcberlebt. Einige schlie\u00dfen sich der Resistenza im Piemont an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in Saint-Martin-V\u00e9subie und den Alpes-Maritimes? Das Mordkommando unter Alois Brunner richtet sich im am Hauptbahnhof Nizzas gelegenen \u201eH\u00f4tel Excelsior\u201c ein: Etwa 20 Gestapom\u00e4nner, darunter viele \u00d6sterreicher. Zuvor, seit Juli 1943, war Brunner der Leiter des Lagers Drancy bei Paris. Von dort gehen fast alle Transporte von Frankreich nach Auschwitz; vorher war das Lager von der franz\u00f6sischen Gendarmerie geleitet worden.<br \/>\nDas \u201eH\u00f4tel Excelsior\u201c wird zur \u201eAu\u00dfenstelle\u201c von Drancy erkl\u00e4rt. Auch Adolf Eichmann schaut Mitte September 1943 in Nizza vorbei: Endlich! Die C\u00f4te d\u2019Azur! Es beginnt eine gnadenlose Jagd auf \u201eJ\u00fcdInnen\u201c. Bei dieser Jagd sind die M\u00f6rder auf sich gestellt, auf die franz\u00f6sische Gendarmerie greifen sie nicht zur\u00fcck. Brunner bedient sich auch einiger \u201ePhysiognomistinnen\u201c, Frauen aus Belorussland (Wei\u00dfrussland), die u. a. auf den Stra\u00dfen Nizzas \u201eJ\u00fcdInnen\u201c aufgrund ihrer \u201ePhysiognomie\u201c rauszeigen.<br \/>\nUnter Brunners Leitung werden bis zum 15. Dezember 1943 1.820 \u201eJ\u00fcdInnen\u201c verhaftet und nach Drancy verschleppt. Danach \u00fcbernimmt Franz Eisenburger die Leitung der Jagd; und es werden vom 30. Januar bis zum 30. Juli 1944 weitere 1.129 \u201eJ\u00fcdInnen\u201c \u00fcber Drancy verschleppt. Aus Nizza werden insgesamt 1.304 \u201eJ\u00fcdInnen\u201c verhaftet und verschleppt, aus den Alpes-Maritimes 3.602; von diesen \u00fcberleben 110 das Mordprogramm. Etwa 3.000 \u201eJ\u00fcdInnen\u201c \u00fcberleben versteckt in den Alpes-Maritimes (21 in Saint-Martin-V\u00e9subie). (Generell ist allerdings bei all diesen exakten Zahlen Vorsicht geboten.)<\/p>\n<figure id=\"attachment_28440\" aria-describedby=\"caption-attachment-28440\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-28440\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Denunz1024-1820.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"889\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Denunz1024-1820.jpg 500w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Denunz1024-1820-300x533.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Denunz1024-1820-169x300.jpg 169w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Denunz1024-1820-84x150.jpg 84w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28440\" class=\"wp-caption-text\">Clos Joli &#8211; Foto: Michael Scheer<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt ein Netzwerk von HelferInnen, z. B. der \u201eR\u00e9seau Marcel\u201c (Netz Marcel) von Odette Rosenstock und Moussa Abadi in Nizza; er rettet vor allem Kinder. Auch die katholische Kirche hilft energisch. Aus M\u00f6rdersicht ist die \u201eBilanz\u201c in der ehemaligen italienischen Zone entt\u00e4uschend; sie waren jetzt auf sich allein gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es gibt auch massenweise Denunziationen durch Franz\u00f6sInnen. Ma\u00eetre Jean-Louis Panicacci, der Leiter des \u201eMus\u00e9e de la R\u00e9sistance Azur\u00e9enne\u201c, erz\u00e4hlt gerne, dass bei der Gestapo in Nizza jeden Tag hundert Denunziationen mit Bezug auf angebliche \u201eJ\u00fcdInnen\u201c eingingen.<br \/>\nUnd in Saint-Martin-V\u00e9subie und Umgebung? In Saint-Martin-V\u00e9subie leben im \u201eClos Joli\u201c etwa 15 \u201ej\u00fcdische\u201c Waisen. Anfang Oktober 1943 erscheint die Gestapo dort gezielt und verhaftet die Waisen (ein Junge entkommt, weil er sich versteckt); Ma\u00eetre Panicacci und andere sind \u00fcberzeugt, dass die M\u00f6rder aufgrund einer Denunziation Bescheid wussten. Mario Levin erz\u00e4hlt, dass seine Gro\u00dfeltern, die mit der Familie schon seit 1928 in Saint-Martin-V\u00e9subie lebten, Ende 1943 von einer Nachbarin denunziert wurden; der Gro\u00dfvater Gr\u00e9goire Dridso wird 1944 in Auschwitz ermordet, die Gro\u00dfmutter Rachel \u00fcberlebt in Nizza.<br \/>\nIn Berthemont-les-Bains, nicht weit s\u00fcd\u00f6stlich von Saint-Martin-V\u00e9subie, sind im \u201eH\u00f4tel Beau-S\u00e9jour\u201c etwa 50 alte \u201eJ\u00fcdInnen\u201c untergebracht. Am 24. September 1943 werden sie (wohl aufgrund einer Denunziation) verhaftet. Sehr bezeichnend: Ich traf einmal zuf\u00e4llig in Berthemont-les-Bains einen Korsen (!), Philippe, 50 Jahre alt, und kam auf die \u201eJ\u00fcdInnen\u201c im \u201eH\u00f4tel Beau-S\u00e9jour\u201c zu sprechen. Sofort reagierte er: Im Tal (der V\u00e9subie) seien viele \u201eJ\u00fcdInnen\u201c von Franz\u00f6sInnen denunziert worden. Auf meine Frage, woher er als Nachgeborener das wisse: Das habe er immer wieder geh\u00f6rt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong> in Saint-Martin-V\u00e9subie eine Stele zum Gedenken an \u201eunsere\u201c Episode zu errichten, erforderte einen jahrelangen Kampf<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Alpes-Maritimes werden bis September 1944 von US-amerikanischen Truppen befreit. Allerdings halten sich im Festungsgel\u00e4nde des Massivs von \u201eL\u2019Authion\u201c, s\u00fcd\u00f6stlich von Saint-Martin-V\u00e9subie, \u00fcber 2.000 m hoch, bis zum 26. April 1945 deutsche Truppen. De Gaulle entscheidet anl\u00e4sslich eines Besuchs in Nizza am 8.\/9. April 1945, dass diese Festung von franz\u00f6sischen Truppen \u201eerobert\u201c werden sollte. Und so geschieht es: vom 10. bis 26. April 1945 mit US-amerikanischen Waffen, Panzern und Ausr\u00fcstung. Die \u201eBilanz\u201c dieses symbolischen Aktes: 284 tote und \u00fcber 1.000 verwundete franz\u00f6sische Soldaten. (Von den deutschen Toten schweige ich hier.)<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Danach<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Gedenken ist es in Bezug auf \u201eunsere\u201c Erz\u00e4hlung so eine Sache \u2013 jedenfalls f\u00fcr Franz\u00f6sInnen. Allein die Tatsache, dass vom 11. November 1942 bis zum 8. September 1943 der \u00e4u\u00dferste S\u00fcdosten Frankreichs, etwa ein Zehntel der Gesamtfl\u00e4che, von der italienischen Armee besetzt war, bereitet offenbar Bauchschmerzen. Mich\u00e8le Schlanger-Merowka hat festgestellt, dass 2001 in allen drei\u00dfig franz\u00f6sischen Schulb\u00fcchern zur franz\u00f6sischen Geschichte, die sie untersucht hat, die italienische Besatzung nicht einmal erw\u00e4hnt wird ((1)). Und in der fr\u00fcher \u00e4u\u00dferst popul\u00e4ren und auch in der BRD weitverbreiteten Geschichte des II. Weltkriegs des franz\u00f6sischen Historikers Raymond Cartier (frz. 1965, dt. 1967, viele Nachauflagen) mit \u00fcber 1.000 Seiten fehlt die Tatsache der italienischen Besatzung komplett (nebenbei, die Shoah wird mit einem Satz abgehandelt).<br \/>\nUnd so k\u00f6nnte ich noch viele Beispiele bringen. Warum das alles? Andr\u00e9 Waksman, der Macher des Films \u201e1943. Le temps d\u2019un r\u00e9pit\u201c, meinte einmal in Mainz: Dass Frankreich von der \u00fcberm\u00e4chtigen deutschen Wehrmacht besetzt wurde, ist zwar schlimm, aber immerhin verst\u00e4ndlich; aber von \u201eitalienischen Operns\u00e4ngern\u201c \u2026, das geht ja gar nicht! Mensch kann es auch vornehmer und mit anderer Gewichtung ausdr\u00fccken, so Alfred Grosser (selbst 1943 in der italienischen Zone lebend) in einem Brief 2016: \u201eDieser italienische Schutz durch die Armee ist in Frankreich kaum bekannt geworden, weil man das Positive von Italien nicht wahrhaben will, weil der Vergleich mit Frankreich nicht sehr ehrenvoll ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also: W\u00e4hrend franz\u00f6sische Gendarmen noch mehr oder weniger eifrig f\u00fcr die M\u00f6rder \u201eJ\u00fcdInnen\u201c jagten, gab es in S\u00fcdostfrankreich ein Gebiet, in dem diese \u201efrei\u201c und relativ unbehelligt leben konnten; und dieses Gebiet war der deutschen und franz\u00f6sischen Jagd entzogen, von einer Besatzungsmacht, die zu dem Zeitpunkt noch enger Verb\u00fcndeter des Deutschen Reiches war.<br \/>\nZur schwierigen Gemengelage Frankreich\/Italien kommt hinzu: Bis 1860 geh\u00f6rten die heutigen D\u00e9partements Alpes-Maritimes (der fr\u00fchere Comt\u00e9 de Nice), Savoie und Haute-Savoie \u00fcber Jahrhunderte hinweg nicht etwa zu Frankreich, sondern zum Herzogtum Savoyen, dann K\u00f6nigreich Sardinien-Piemont, der \u201eKeimzelle\u201c des entstehenden italienischen Staates. (Giuseppe Garibaldi ist in Nizza geboren.) Bald bevor der \u201eendlich\u201c proklamiert wurde, fielen Savoyen und der Comt\u00e9 de Nice im Juni 1860 \u201eendlich\u201c durch Geheimvertrag an Frankreich, das \u00fcber die Jahrhunderte hinweg immer wieder in Savoyen, Sardinien-Piemont eingefallen war. (Selbstverst\u00e4ndlich auch \u201eRevolutions\u201ctruppen 1792 ff. gegen erbitterten bewaffneten Guerilla-Widerstand der \u201eBarbets\u201c in den Seealpen.)<br \/>\nUnd dann, am 21. Juni 1940, kurz vor dem Waffenstillstand zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich, der \u00fcble Angriff der italienischen Truppen auf Frankreich, auch in den Alpes-Maritimes \u2013 mit geringen Gel\u00e4nde\u201egewinnen\u201c. Und knapp zweieinhalb Jahre sp\u00e4ter die \u00fcble Besetzung und Besatzung ab 11. November 1942 (die f\u00fcr die \u201eJ\u00fcdInnen\u201c dort allerdings erst einmal lebensrettend war). Es wird immer gesagt, in den Alpes-Maritimes h\u00e4tten \u201edie Italiener\u201c einen schlechten Ruf. Ich bin nicht sicher, vermute aber, da ist etwas dran: Da ist viel Nationalismus im Spiel. Und (aus franz\u00f6sischer Sicht): wie umgehen mit einem \u00dcbel (Besetzung und Besatzung), das f\u00fcr die verfolgten \u201eJ\u00fcdInnen\u201c eine Wohltat war, w\u00e4hrend der franz\u00f6sische Staat f\u00fcr diese ein \u00dcbel war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so tun sich franz\u00f6sischer Staat und Gesellschaft schwer mit dem Gedenken an diese Episode. Es steht zwar \u201ean jeder Ecke\u201c ein Gedenkstein f\u00fcr dies und das (z. B. \u201eMorts pour la France, Avril 1945\u201c, es folgen elf Namen von Soldaten des 3. RIA; dieser Stein steht unweit von Saint-Martin-V\u00e9subie im Tal des Bor\u00e9on), aber \u2026 in Saint-Martin-V\u00e9subie eine Stele zum Gedenken an \u201eunsere\u201c Episode zu errichten, erforderte einen jahrelangen Kampf: zweieinhalb Jahre. Der Gemeinderat war immer dagegen; u. a. Serge Klarsfeld, Alberto Cavaglion ((2)) und die j\u00fcdische Gemeinde von Nizza wollten diese Stele, die die Gemeinde Saint-Martin-V\u00e9subie nichts kosten sollte. Allerdings war \u201eYad Vashem Nice\u201c dagegen, diese Stele ausgerechnet an den Rand des Platzes zu setzen, in dessen Mitte das Kriegsdenkmal f\u00fcr 1914\/18 prangt (\u201eMorts pour la Patrie\u201c). So aber geschah es: Am 10. September 1995 war die Einweihung mit etwa 200 Menschen; der B\u00fcrgermeister Gaston Franco war dabei, und auch der Pr\u00e4fekt der Alpes-Maritimes. Und dann steht im Text auf der Stele (der von Serge Klarsfeld \u201eredigiert\u201c wurde) auch noch das: \u201eIci un millier des juifs \u2026 aid\u00e9s par les organisations juives, prot\u00e9g\u00e9s par l\u2019arm\u00e9e italienne d\u2019occupation ont connu un r\u00e9pit \u2026\u201c: \u201eHier haben etwa tausend Juden \u2026 mit Hilfe der j\u00fcdischen Organisationen, besch\u00fctzt von der italienischen Besatzungsarmee, einen Aufschub erfahren \u2026\u201c (Kursivsetzungen von mir, M. S.). Genau dieser Halbsatz war es, der Andr\u00e9 Waksman zu seinem Film \u201e1943. Le temps d\u2019un r\u00e9pit\u201c angeregt hat.<br \/>\nNach vielen weiteren vergeblichen Versuchen war es dann am 25. September 2016 so weit, dass zwei weitere Stelen, neben die bereits bestehende gesetzt, eingeweiht wurden. Einige hundert Menschen waren da. Die eine Stele enth\u00e4lt die Namen der zehn \u201eJustes parmi les nations\u201c (\u201eGerechte unter den V\u00f6lkern\u201c) aus Saint-Martin-V\u00e9subie, die im Lauf der Jahre durch Danielle Baudot Laksines ((3)) eifriges Beharren und Recherchieren von Yad Vashem in Jerusalem als solche anerkannt wurden. Die zweite, sehr gro\u00dfe Stele enth\u00e4lt 261 Namen von \u201eJ\u00fcdInnen\u201c, die in Saint-Martin-V\u00e9subie in \u201er\u00e9sidence forc\u00e9e\u201c gelebt haben und \u2013 so wird suggeriert \u2013 in Auschwitz ermordet wurden. (Diese Stele ist voller nicht zu begreifender Fehler \u2013 das will ich hier nicht weiter ausf\u00fchren.) Bedingung f\u00fcr die Errichtung dieser Stele war, dass zugleich eine Stele f\u00fcr die \u201eJustes parmi les nations\u201c errichtet wird. Erneut war der Gemeinderat gegen die neuen Stelen. Erst auf Intervention \u00c9ric Ciottis wurde dann bei einer Enthaltung daf\u00fcr gestimmt.<br \/>\nHier muss jetzt \u2013 ganz aktuell \u2013 kurz auf Ciotti eingegangen werden, langj\u00e4hriger Pr\u00e4sident des Conseil G\u00e9n\u00e9ral der Alpes-Maritimes. Und Deputierter in Paris. Und bei \u201eLes R\u00e9publicains\u201c Rechtsau\u00dfen, der f\u00fcr diese als Pr\u00e4sidentInschaftskandidat aufgestellt werden wollte und erkl\u00e4rt hatte, er werde, k\u00e4me es bei den Pr\u00e4sidentInschaftswahlen 2022 zu einer Stichwahl zwischen Emmanuel Macron und dem rechten Ekel \u00c9ric Zemmour, f\u00fcr letzteren stimmen.<br \/>\nJetzt wurde aber Val\u00e9rie P\u00e9cresse in der Stichwahl gegen Ciotti Pr\u00e4sidentInschaftskandidatin der \u201eR\u00e9publicains\u201c. Und nun kommt\u2019s: Um die Einheit bei den \u201eR\u00e9publicains\u201c zu demonstrieren, treten P\u00e9cresse und Ciotti am 6. Dezember 2021 gemeinsam in \u201eunserem\u201c Dorf Saint-Martin-V\u00e9subie auf und werfen dort laut Presseberichten drei Kr\u00e4nze ab: einen f\u00fcr die Opfer der Flutkatastrophe vom Oktober 2020, die besonders das Tal der V\u00e9subie getroffen hat, einen \u2013 klar \u2013 am Kriegerdenkmal, und den dritten \u2026 an der Stele f\u00fcr die \u201eJustes\u201c. Fertig. Die Botschaft ist klar, und die Stele zur Kranzabwurfstelle\/stele degradiert. Vielleicht hatte es Ciotti ja von Anfang an so im Sinn. (Deshalb die Stele f\u00fcr die \u201eJustes\u201c als Bedingung f\u00fcr die zweite, gro\u00dfe Stele? Bis 2016 war Ciotti nicht gerade als Unterst\u00fctzer der Bem\u00fchungen um ein Gedenken der \u201eJuiVes de Saint-Martin-V\u00e9subie\u201c aufgefallen. Ciotti ist \u00fcbrigens in Saint-Martin-V\u00e9subie geboren; auch seine Mutter soll \u201eJ\u00fcdInnen\u201c geholfen haben. Und dann wagt es P\u00e9cresse laut Medien, vor der Stele f\u00fcr die \u201eJustes\u201c zu sagen, Saint-Martin-V\u00e9subie verk\u00f6rpere das mutige Frankreich, das seinen Werten treu bleibt! Wie bitte? (Von Italien selbstverst\u00e4ndlich keine Rede.)<br \/>\nNoch eine Stelle (aber keine Stele): In Berthemont-les-Bains steht an der Stelle des \u201eH\u00f4tel Beau-S\u00e9jour\u201c seit einigen Jahren ein protziges Thermalbad. Nichts erinnert an die etwa 50 alten \u201eJ\u00fcdInnen\u201c, die am 24. September 1943 dort verhaftet und dann ermordet wurden. Und ein Letztes: Am 30. Januar 2020 wird in Nizza vor dem j\u00fcdischen Friedhof auf der \u201eColline du Ch\u00e2teau\u201c u. a. in Anwesenheit der Klarsfelds eine sehr gro\u00dfe Gedenkwand eingeweiht, auf der die 3.602 Verschleppten aus den Alpes-Maritimes genannt sind.<br \/>\nUnd auch das geh\u00f6rt zum \u201eDanach\u201c: Die Gemeinde Lantosque im Tal der V\u00e9subie erh\u00e4lt \u00fcber Jahre hinweg bis mindestens 2016 jedes Jahr eine \u00dcberweisung von 2.500.- Euro von Erik Sokolower aus New York, der als Kind mit seiner Schwester in Lantosque \u00fcberlebt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun noch kurz zu den \u201eMarches de la m\u00e9moire\u201c bei Saint-Martin-V\u00e9subie ((4)). Seit 1999 findet jedes Jahr diese Marche in Erinnerung an die Flucht \u00fcber die Alpen statt. Normalerweise am zweiten Sonntag im September. Die erste Marche ist eher ein Ausflug von neun Leuten, alle aus Italien, um die \u201eAssociazione Giorgio Biandrata\u201c aus Saluzzo, Piemont. Dabei unter anderen Alberto Cavaglion und das Ehepaar Sandro und Piera Capellaro (die beiden werden auf italienischer Seite bis heute die Marche mitorganisieren). Die neun gehen von Italien aus auf den Col de Fenestre. Im n\u00e4chsten Jahr, wieder sind nur ItalienerInnen dabei, gehen sie zu vierzehnt auf den Col de Cerise. Bei diesem Wechsel bleibt es: In den \u201eungeraden\u201c Jahren geht es auf den Col de Fenestre, in den \u201egeraden\u201c auf den Col de Cerise. (Nur bei der 23. Marche, 2021, gibt es eine Ausnahme wegen der Verw\u00fcstungen durch die Flutkatastrophe.)<br \/>\nAb der dritten Marche, 2001, ist auch die franz\u00f6sische Seite eingebunden: Die ItalienerInnen hatten Kontakt zu einigen Vereinigungen auf franz\u00f6sischer Seite aufgenommen. Jetzt sind schon \u00fcber 50 Leute dabei. Die ItalienerInnen gehen immer von San Giacomo di Entracque bzw. Terme di Valdieri aus auf die Cols, die Franz\u00f6sInnen von der Madone de Fenestre bzw. Le Bor\u00e9on aus. Dabei ist zu bedenken, dass die \u201eJ\u00fcdInnen\u201c im September 1943 erst einmal von Saint-Martin-V\u00e9subie zur Madone de Fenestre \u2013 13 km \u2013 bzw. nach Le Bor\u00e9on \u2013 8 km \u2013 gehen mussten, bevor der Aufstieg auf die Cols begann. Heute werden diese Strecken mit dem Auto gefahren. Auf den Cols treffen sich dann die beiden Gruppen, und es werden Reden gehalten. Ab der vierten Marche, 2002, wird auch ein Beiprogramm organisiert, meist am Vortag bzw. Vorabend. Auf der f\u00fcnften Marche, 2003, sind schon 250 Leute da. In den folgenden Jahren werden im Durchschnitt etwa 60 Menschen kommen.<br \/>\nNoch heute ist ein \u201e\u00dcberhang\u201c der italienischen Seite deutlich. In Italien wird \u00fcber die Marche regelm\u00e4\u00dfig berichtet; in Frankreich im einzig in Frage kommenden Regionalblatt, \u201eNice-Matin\u201c, nur sporadisch, und dann kurz. Auf den Cols d\u00fcrfen \u00fcbrigens keine Gedenkstelen etc. aufgestellt werden, da das ganze Gebiet Naturschutzgebiet ist (\u201eParc National du Mercantour\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und, ganz zuletzt, vielleicht habt ihr es mitbekommen: Auch heute sind die Alpes-Maritimes Grenzgebiet. Und viele MigrantInnen, die es bis Italien geschafft haben, wollen weiter nach oder \u00fcber Frankreich. Vor einigen Jahren hat der Olivenbauer C\u00e9dric Herrou aus Breil-sur-Roya angefangen, MigrantInnen, die den \u00dcbergang \u00fcber die Alpen, oft bei Nacht, auch im Schnee, gewagt haben, mit einem Transporter aufzusammeln und auf seinem Grundst\u00fcck unterzubringen. Das wurde von der franz\u00f6sischen Justiz als \u201eBeihilfe zum illegalen Grenz\u00fcbertritt\u201c angeklagt. In zwei Instanzen wurde C\u00e9dric seit 2016 deshalb verurteilt. Erst durch eine \u2013 juristisch \u00fcberaus fragw\u00fcrdige \u2013 Entscheidung des \u201eConseil Constitutionel\u201c 2018 wurde er \u201efrei\u201cgesprochen: Er habe aus \u201eFraternit\u00e9\u201c heraus gehandelt. C\u00e9dric hilft weiter den grenz\u00fcberschreitenden MigrantInnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach ja, das \u201eDanach\u201c der M\u00f6rder: Carl Oberg und Helmut Knochen werden 1954 in Paris zum Tode verurteilt, 1958 wird die Strafe in \u201elebensl\u00e4nglich\u201c umgewandelt, 1962 werden sie \u201ebegnadigt\u201c und entlassen. Oberg \u00fcberlebt die Entlassung nicht lange (bis 1965), Knochen, der feine Dr. phil., lebt bis 2003. Heinz R\u00f6thke wird nach 1945 in Paris in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Bis zu seinem Tod 1966 lebt er unbehelligt als Rechtsanwalt bzw. Rechtsberater in Wolfsburg. Kurt Lischka wird in Frankreich in Abwesenheit zu \u201elebensl\u00e4nglich\u201c verurteilt, aber von der BRD nicht ausgeliefert. Erst 1980 wird er in K\u00f6ln zu zehn Jahren Knast verurteilt; ohne die Initiative der Klarsfelds, die 1971 versucht hatten, ihn nach Frankreich zu entf\u00fchren, w\u00e4re es nie dazu gekommen. Und Alois Brunner wird 1954 in Marseille und in Paris in Abwesenheit zum Tode verurteilt, flieht darauf aus der BRD nach Syrien, wo er dem Regime zu Diensten ist (welche Dienste wohl?).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Michael Scheer Dezember 2021<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon am 10. September 1943 kommt ein Mordkommando der Gestapo unter Alois Brunner in Nizza an und beginnt sofort die Jagd auf \u201eJ\u00fcdInnen\u201c. Die M\u00f6rder ziehen auch das Tal der V\u00e9subie hoch und erreichen am 20. September das erste Mal Saint-Martin-V\u00e9subie. So scheint der Impuls zur Flucht \u00fcber die Alpen durchaus richtig gewesen zu sein. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/denunziationen-deportationen-und-schweigen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":28438,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Denunziationen, Deportationen \u2013 und Schweigen - graswurzelrevolution","description":"Schon am 10. September 1943 kommt ein Mordkommando der Gestapo unter Alois Brunner in Nizza an und beginnt sofort die Jagd auf \u201eJ\u00fcdInnen\u201c. 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