{"id":27568,"date":"2022-05-24T11:50:32","date_gmt":"2022-05-24T09:50:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/als-wir-greenpeace-waren\/"},"modified":"2022-09-11T18:07:41","modified_gmt":"2022-09-11T16:07:41","slug":"als-wir-greenpeace-waren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/als-wir-greenpeace-waren\/","title":{"rendered":"Als wir Greenpeace waren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist nicht etwa ein Text gegen Greenpeace, eher schon ein Text \u00fcber die Vergesslichkeit sozialer Bewegungen, ihrer Verwalter*innen und Interpret*innen. Auch ein Text dar\u00fcber, wie soziale Bewegungen sich ver\u00e4ndern und eine Geschichtspolitik allzu linear Erfolgsgeschichten schreibt und abgebrochene Versuche, angeblich gescheiterte Anf\u00e4nge links liegen l\u00e4sst. Auch: Dass immer strittig bleibt, was aus einer Geschichte zu lernen w\u00e4re, ob etwas \u201egescheitert\u201c ist \u2013 und woran?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Von der \u201eHippie-Truppe\u201c ins Au\u00dfenministerium<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGreenpeace im Au\u00dfenministerium\u201c ((1)) ist heute eine typische Schlagzeile zu Greenpeace: Jennifer Morgan, \u201ebisher Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von Greenpeace International, der globalen Dachorganisation der wohl schlagkr\u00e4ftigsten \u00d6kolobbyorganisation der Welt\u201c (so der Text weiter), wurde zur Staatssekret\u00e4rin im Ausw\u00e4rtigen Amt ernannt: \u201eDie international bestens vernetzte Morgan soll f\u00fcr Deutschland Klimadiplomatie betreiben\u201c. Ein \u00e4hnlicher \u201eCoup\u201c wie gerade Annalena Baerbock sei 1990 schon Gerhard Schr\u00f6der gelungen, der die \u201eDeutschlandchefin\u201c von Greenpeace zur nieders\u00e4chsischen Umweltministerin ernannt hatte. Da es sich um eine Meldung auf der Wirtschaftsseite handelt, wird erw\u00e4hnt, dass die disruptiven Taktiken von Greenpeace der Organisation besonders in Deutschland zahlreiche Unterst\u00fctzer*innen eingebracht haben: \u201eRund 630 000 F\u00f6rdermitglieder z\u00e4hlt Greenpeace hierzulande. 2020 wurden aus Deutschland Spendeneinnahmen von 80 Millionen verbucht, ein Rekordwert und ein Zuwachs um ein Drittel binnen f\u00fcnf Jahren. Das Gesch\u00e4ft floriert.\u201c<br \/>\nF\u00fcr Investor*innen ein kleiner Warnhinweis: \u201eHervorgegangen ist Greenpeace 1971 aus einer Hippie-Truppe, die gegen Atomtests demonstrierte.\u201c Zur Beruhigung und Entwarnung: Der \u201e\u00d6kolobbykonzern\u201c sei schnell eine \u201ehierarchisch durchorganisierte Kampagnenmaschine mit straffen Entscheidungsstrukturen und weltweit 3500 Angestellten\u201c geworden, die \u201eerste Gruppe von Umweltaktivisten mit professionellen PR-Methoden\u201c.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">L\u00fccke in der Geschichtsschreibung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wurde auch schon \u00fcber den \u201eglobalen Konzern\u201c berichtet, als Greenpeace 50 Jahre alt geworden war. So gut wie alle W\u00fcrdigungen trugen Titel wie \u201eGreenpeace GmbH &amp; Co. KG\u201c ((2)) oder \u201eVon der \u00d6kobewegung zum Konzern\u201c. ((3)) In allen diesen Darstellungen hei\u00dft es: \u201eAb 1981 wird Greenpeace auch in Deutschland ein Begriff\u201c. ((4)) Auch die Organisation selbst datiert ihren Start in Deutschland ins Jahr 1980: \u201eWie alles begann: Im Jahr 1980 kennt kaum jemand in Deutschland Greenpeace. Umweltschutz ist f\u00fcr die meisten ein Fremdwort. Das \u00e4ndert sich nach der Gr\u00fcndung des deutschen Greenpeace-B\u00fcros\u2026\u201c ((5)) Dass 1980 \u201eUmweltschutz\u201c ein Fremdwort f\u00fcr die meisten Menschen in Deutschland gewesen w\u00e4re, ist schon eine sehr k\u00fchne Behauptung. Man muss nicht Graswurzelrevolution lesen, um das widerlegt zu sehen, es gen\u00fcgt etwa der \u201eSpiegel\u201c, sogar die FDP machte damals schon l\u00e4ngere Zeit in \u201eUmweltschutz\u201c, es gab schon eine entwickelte Debatte, ob \u201eUmweltschutz\u201c gen\u00fcge. Vor allem war auch Greenpeace nicht so unbekannt; die Graswurzelrevolution Nr. 6 (Oktober 1973) berichtete: \u201eIn allen Zeitungen konnte man von Mai bis September \u00fcber die weltweite Kampagne gegen die franz\u00f6sischen Atomtests im Pazifik lesen.\u201c ((6))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ein verschwiegenes Jahrzehnt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn Deutschland kam es 1980 in Nordenham zur ersten Greenpeace-Aktion. Aktivisten in Schlauchbooten protestierten gegen die Verklappung giftiger D\u00fcnns\u00e4ure in der Nordsee. Im November 1980 er\u00f6ffnete Greenpeace Deutschland seinen Hauptsitz in Hamburg\u201c. ((7)) Und \u2013 wieder nur als ein Beispiel f\u00fcr viele \u2013 man wei\u00df auch die Gr\u00fcndungsgestalten zu w\u00fcrdigen: \u201eIm Herbst 1980 z\u00e4hlte Griefahn, damals Mitte zwanzig, zu den Gr\u00fcndern von Greenpeace Deutschland. Sie war eine der pr\u00e4genden Figuren in diesen Anfangsjahren. Die junge Frau aus dem Ruhrgebiet wurde die erste Deutschland-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin &#8230;\u201c. ((8)) Auch Handb\u00fccher sozialer Bewegungen lassen Greenpeace in Deutschland 1980 starten. ((9)) Sogar im kenntnisreichsten Buch \u00fcber Greenpeace, verfasst von Frank Zelko, liest man im Deutschland-Kapitel: \u201eDie spektakul\u00e4re gewaltfreie Praxis der direkten Aktion von Greenpeace war f\u00fcr die deutschen Umweltsch\u00fctzer neu &#8230;\u201c ((10))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">1973: \u201eMomentan ist die Greenpeace Kampagne unter gro\u00dfen Anstrengungen (&#8230;) gelaufen\u201c ((11))<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird sich also um ein Fake handeln, wenn die Graswurzelrevolution 4\/5 (1973) als Titelbild Greenpeace mit dem damals charakteristischen Logo zeigt \u2013 ein Teil davon war das bekannte \u201ePeace\u201c-Zeichen der Campaign for Nuclear Disarmament (CND), das sich seitdem international in den Kampagnen f\u00fcr Abr\u00fcstung, beim Ostermarsch und den K\u00e4mpfen gegen den Vietnamkrieg verbreitet hatte. \u201eStoppt die franz. Atomtests!\u201c Ein langer Artikel mobilisiert mit Hintergrundberichten und Berichten \u00fcber Aktionen, die bis dahin in der Bundesrepublik, in Frankreich, \u00d6sterreich, der Schweiz stattgefunden hatten, zu einer zentralen Demonstration in Bonn am 1. Juni 1973.<br \/>\nDie franz\u00f6sische Regierung plante, im Sommer 1973 im S\u00fcdpazifik ihre bislang st\u00e4rkste Wasserstoffbombe zu z\u00fcnden, was zur Kontamination der Bev\u00f6lkerung Polynesiens und zu Auswirkungen auf viele Nachbarl\u00e4nder f\u00fchren musste; alle Proteste von betroffenen L\u00e4ndern (Neuseeland und Australien hatten den Internationalen Gerichtshof angerufen, den Frankreich f\u00fcr \u201einkompetent\u201c erkl\u00e4rte), aber auch der Internationalen F\u00f6deration Freier Gewerkschaften, der Weltgesundheitsorganisation WHO, von Umwelt- und Friedensorganisationen aus aller Welt waren wirkungslos. Deshalb w\u00fcrde Greenpeace mit Schiffen in die betroffenen Gebiete gewaltfrei intervenieren, \u201emit den franz\u00f6sischen Wachbooten Katz und Maus spielen\u201c. ((12))<br \/>\nDiese Aktionsform und ihre Vorgeschichte zeigen auch deutlich, dass Greenpeace eine Gr\u00fcndung aus der Friedensbewegung war: Protestfahrten in Gebiete, in denen Atomwaffen getestet wurden, waren in Deutschland eher unbekannt geblieben, aber in den englischsprachigen L\u00e4ndern hatten sie wirkungsvoll solche Tests dramatisiert: Zuerst die \u201eGolden Rule\u201c 1958 im amerikanischen Testgebiet im S\u00fcdpazifik, dann 1961 \u201ePhoenix\u201c, danach \u201eEveryman\u201c I, II und III, vom US-amerikanischen Committee for Non-Violent Action gegen amerikanische und sowjetische Tests eingesetzt. Und daneben gab es Schiffe, die Medikamente nach Vietnam brachten. An diese Interventionen kn\u00fcpfte Greenpeace an. ((13))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eFrieden mit der Umwelt\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGreenpeace\u201c muss erkl\u00e4rt werden: \u201edas gesamte Konzept einer Lebensauffassung, die in allen Bereichen des t\u00e4glichen Lebens den Frieden mit der Umwelt, besonders mit der Natur, anstrebt \u2013 und das kann man ruhig w\u00f6rtlich nehmen: denn zur Zeit leben wir im nicht erkl\u00e4rten Krieg mit der Umwelt, f\u00fchren wir einen Vernichtungsfeldzug \u2013 gegen Pflanzen und Tiere mit Waffen, die sich letzten Endes gegen uns selbst richten werden. Greenpeace \u2013 das bedeutet militanter Umweltschutz an allen Fronten, auch bei uns selbst, bedeutet, deinen Lebensstil in Einklang mit der Erde zu bringen.\u201c ((14))<br \/>\n\u201eGreenpeace\u201c wurde in den Dokumenten dieser Zeit unterschiedlich geschrieben, etwa \u201eGreenPeace\u201c oder \u201eGreen Peace\u201c! Heute wird Greenpeace eindeutig als Umweltorganisation verortet, damals wurde \u201ePeace\u201c gro\u00dfgeschrieben, wie es sich aus der Herkunft und Motivation der Gr\u00fcnder*innen erkl\u00e4rt.<br \/>\nDer spezifische \u201eGreenpeace\u201c-Stil besteht aus demonstrativen direkten Aktionen, die medienwirksam kalkuliert sind. Nicht wenige der Gr\u00fcnder*innen waren Qu\u00e4ker*innen, die ihre Tradition des \u201eZeugnisablegens\u201c mitbrachten und die in den Friedensbewegungen die gandhianischen Formen gewaltlosen Widerstands propagiert hatten. Sie waren auch universalistischer Ethik verpflichtet und Internationalist*innen. Viele dieser Z\u00fcge hat Greenpeace beibehalten, bei aller Professionalisierung.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Medienwirksame Inszenierungen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht ganz so begeistert bin ich von den journalistischen Einfl\u00fcssen, die es schon zu Anfang gab, nach Frank Zelkos Ansicht verst\u00e4rkt durch Marshall McLuhans Medientheorie, die in der Gegenkultur beliebt war und ein \u201eglobales Dorf\u201c heraufziehen sieht, stark durch Bilder bestimmt. So waren die Greenpeace-Aktionen von Beginn an auf eine Medienstrategie abgestellt (w\u00e4hrend wir in anarchistischen Traditionen eher tats\u00e4chliche Handlungen und Entscheidungen favorisierten, bei allen internen Unterschieden, die es bei uns wie bei Greenpeace von Beginn an gab).<br \/>\nAls am 15. September 1971 die \u201eGreenpeace\u201c ablegte, wurde sie von einer winkenden Gruppe auf die sechsw\u00f6chige Reise verabschiedet, das alles wurde gefilmt. In Wirklichkeit legte sie 20 Minuten sp\u00e4ter an einem anderen Ort in Vancouver wieder an. Nur f\u00fcr die Medien hatte man das Auslaufen inszeniert, noch vor der D\u00e4mmerung und den Sechs-Uhr-Nachrichten. Einige Crew-Mitglieder konnten dann in einer Kneipe \u201eihr eigenes Auslaufen in den Abendnachrichten sehen, noch ehe sie einen Fu\u00df an Bord gesetzt hatten.\u201c ((15))<br \/>\nAuf diese Weise entstehen zynische Positionen, die mit einem gewaltfreien und basispolitischen Politikverst\u00e4ndnis schwer vereinbar, aber sicherlich effektiv sind. Auf Dauer sind aber weder \u201eDie Welt will betrogen werden\u201c noch Manipulationen mit emanzipatorischer Politik vereinbar.<br \/>\nIn der \u201eprofessionellen\u201c Friedensbewegung der 1980er-Jahre gab es nicht selten Situationen, die ich immer eher absto\u00dfend fand: \u201eMachen wir noch ein Die-in?\u201c \u2013 \u201eN\u00f6, ist ja keine Presse da.\u201c Solche Praktiken gehen bis zur Simulation, um nicht Betrug zu sagen, und ich finde sie in Emanzipationsbewegungen irritierend. Aber das ist zweifellos ein ganz sektiererischer Standpunkt. ((16))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vielf\u00e4ltiges und offenes Netzwerk<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">So etwas wurde aber Anfang der 1970er-Jahre nicht bemerkt. Radikale direkte Aktion mit einem gegenkulturellen Hintergrund, die merkw\u00fcrdige Verbindung von \u00e4lteren Aktivist*innen des militanten Pazifismus mit aus der Beat-Kultur, der Neuen Linken oder auch den LSD-Kulturen stammenden Aktivist*innen ergab eine kreative und brisante Mischung. Vor allem war \u201eGreenpeace\u201c offen, jede*r konnte unter dieser Bezeichnung loslegen, ohne die Greenpeace Foundation in Vancouver zu fragen, und alles M\u00f6gliche damit verbinden, Londoner Anarchist*innen, franz\u00f6sische Atomwaffengegner*innen, Radikal\u00f6kolog*innen, Regenbogenkrieger*innen.<br \/>\nSo war das Netzwerk unter diesem Namen auch in der Bundesrepublik attraktiv f\u00fcr solche Gruppen, die von antimilitaristischen Themen bewegt wurden und sich f\u00fcr die Weiterentwicklung direkter gewaltfreier Aktionen, nicht selten mit revolution\u00e4ren Absichten, interessierten. Greenpeace bildete weltweit eine der wichtigsten \u00dcbergangsbewegungen vom Kampf gegen atomare Verseuchung durch Waffen \u00fcber die Kritik des \u201eFall-outs\u201c bei den Atomversuchen in der Atmosph\u00e4re zum Kampf gegen die \u201efriedliche Nutzung\u201c der Atomenergie. Tats\u00e4chlich steht der sp\u00e4tere Haupt-Slogan der Anti-AKW-Bewegung \u201eLieber heute aktiv als morgen radioaktiv\u201c bereits auf den Flugbl\u00e4ttern, die von den M\u00fcnchener Greenpeace-Koordinator*innen verbreitet wurden: \u201eSolidarit\u00e4t mit den V\u00f6lkern des Pazifiks, stoppt die franz\u00f6sischen Atomtests!\u201c und \u201eUnterst\u00fctzen Sie die Friedensaktion \u201agreenpeace\u2018\u201c.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weit \u00fcber M\u00fcnchen hinaus<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00fcnchener \u201eGreenpeace Koordination BRD\u201c, Petra Lotze und Elmar R\u00fcger, schrieb Leser*innenbriefe, ((17)) verschickte Flugbl\u00e4tter, Anregungen f\u00fcr Stra\u00dfentheater-Aktionen, Unterschriftenlisten, ((18)) Informationen \u00fcber Aktionen, die stattgefunden hatten und geplant waren, eine Greenpeace-Dokumentation zur Frage der Atomtests, die \u201evon der Arbeitsgruppe Greenpeace (15.3.\u201320.3.73) im Internationalen Freundschaftsheim in B\u00fcckeburg aus dem Englischen \u00fcbersetzt\u201c wurde. Daran waren neben Petra und Elmar ((19)) auch andere beteiligt, die damals in der sich formierenden Graswurzelbewegung aktiv waren, etwa Eric Bachmann und Hermann Koch, die beide zur \u201eEurop\u00e4ischen Arbeitsgruppe\u201c des Internationalen Vers\u00f6hnungsbundes in Gro\u00df Heere geh\u00f6rten, Kerstin Fischer und Ulrich Clever.<br \/>\nIm Verteiler und an den Aktionen beteiligt waren neben Leuten aus Gewaltfreien Aktionsgruppen auch Aktivist*innen des \u201eVerbandes Progressiver Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer\u201c (PPK), einer Organisation, die sich in Opposition zu gewaltaffinen und staatssozialistischen Einfl\u00fcssen in den pazifistischen Organisationen gebildet hatte und direkte gewaltfreie Aktionen propagierte. Ebenso gab es Kontakte zu einzelnen Gruppen des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer (VK), etwa in G\u00f6ttingen, wo es sogar ein sehr breites B\u00fcndnis mit AStA-Unterst\u00fctzung gab und dessen Initiator*innen Ulrike Naumann und Klaus Marquardt sp\u00e4ter lange in der Gewaltfreien Aktionsgruppe G\u00f6ttingen aktiv waren. ((20))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eDas hat doch nichts mit Umweltschutz zu tun\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eJungen Europ\u00e4ischen F\u00f6deralisten\u201c wurden sogar in der Internationalen Berichterstattung \u00fcber BRD-Aktionen erw\u00e4hnt (die Gruppe ist heute kaum noch bekannt, brachte in ihrer Zeitschrift \u201eForum E\u201c damals gute Beitr\u00e4ge mit \u00f6kologischen, antimilitaristischen und gewaltlosen Bez\u00fcgen; Petra Kelly und Jo Leinen waren dort aktiv).((21)) Dass die JEF sich beteiligten, wird mit dem zweiten Ziel der Kampagne zu tun haben: Neben der Verschmutzung des Pazifik durch Radioaktivit\u00e4t soll auch verhindert werden, dass das entstehende Europa eine hochger\u00fcstete Atommacht wird.<br \/>\nAllerdings war das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Zusammenh\u00e4nge nicht \u00fcberall ausgepr\u00e4gt. Das musste Michael Schroeren erfahren, als er die Demonstration am 1. Juni 1973 auf dem Polizeirevier anmelden wollte:<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ne Organisation demonstriert denn da?\u201c \u2013 \u201eGreenpeace.\u201c \u2013 \u201eWas ist denn das f\u00fcrn Ding?\u201c \u2013 \u201eUmweltschutzbewegung, die jetzt gegen die franz\u00f6sischen Atomtests protestiert.\u201c \u2013 \u201eAch, dann haben Sie ja gar nichts mit dem Breschnew-Besuch zu tun!\u201c<br \/>\nOder sp\u00e4ter ein anderer Polizist, der auf seine Frage nach dem Thema der Demonstration ebenfalls erfahren hatte:<br \/>\n\u201eUmweltschutz \u2013 Stoppt die franz\u00f6sischen Atomtests!\u201c \u2013 \u201eWie, das hat doch nichts mit Umweltschutz zu tun.\u201c ((22))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fche Pannen und Gegenstrategien<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man heute die Auswertungen der Aktionen liest, so muss man feststellen, dass ihnen in der Bewertung vieler Akteur*innen das gefehlt hat, was an Greenpeace sp\u00e4ter gepriesen oder kritisiert wurde: Effektivit\u00e4t, Professionalit\u00e4t, Medienpr\u00e4senz.<br \/>\nEs gab einige Pannen, beispielsweise dass f\u00fcr das Bonner Treffen Mitte Mai 1973 von M\u00fcnchen wie von M\u00f6nchengladbach aus R\u00e4ume gemietet wurden, \u201eweil der eine vom anderen annahm, er macht\u02bcs nicht.\u201c ((23))<br \/>\nWolfgang Hertle erw\u00e4hnt die minimale \u00f6ffentliche Resonanz und deprimierte Stimmung beim \u201eBeerdigungszug\u201c und der Unterschriften\u00fcbergabe in Bonn; Bonn war mit Demonstrationen und \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeits-Anl\u00e4ssen damals ges\u00e4ttigt. \u201eDas Fehlen finanzieller und organisatorischer Mittel\u201c wird ebenso erw\u00e4hnt wie die Besonderheit einer weit entfernten Gefahr, die nicht von direkt Betroffenen bek\u00e4mpft wird. Aber es lassen sich 1973 noch andere Dimensionen der Effizienzsteigerung als organisatorisch-finanzielle erkennen:<br \/>\n\u201eDie Konsequenz sollte sein, die Unterst\u00fctzung der Greenpeaceflotte zum Anla\u00df zu nehmen, in Zukunft mehr und mehr direkt gegen milit\u00e4rische Einrichtungen in der Bundesrepublik zu intervenieren. Im vergangenen Jahr erreichte die belgische gewaltfreie Bewegung, da\u00df in belgischen H\u00e4fen keine Waffen f\u00fcr Vietnam mehr verladen werden konnten; in Kiel, wohin man die Verladung daraufhin verlegte, fehlten entsprechende Aktionen gewaltfreier Gruppen. In Zukunft sollten also alliierte Waffentransporte, Man\u00f6ver, Truppen\u00fcbungspl\u00e4tze, Kasernen, Kreiswehrersatz\u00e4mter und R\u00fcstungsfabriken unsere Phantasie und den direkten gewaltfreien Einsatz herausfordern.\u201c ((24))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Nach der ersten Bl\u00fcte 1973<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie steht es mit \u201agreenpeace 74\u2018 in der BRD?\u201c fragte im Februar 1974 Karl-Heinz Seng, damals deutscher Mitarbeiter der War Resisters\u02bc International, im \u201eKomitee-Info\u201c. Das Komitee-Info versprach, Materialien aus Peace News zu \u00fcbernehmen, und hielt es f\u00fcr denkbar, die B\u00fcrgerinitiativen gegen Atomkraftwerke anzusprechen. ((25))<br \/>\nEs gab dann aber viel mehr lokale Aktivit\u00e4ten (etwa Hausbesetzungen, Jugendzentren, Anti-AKW-Arbeit) und andere Solidarit\u00e4tskampagnen, die wichtiger geworden waren: Die Unterst\u00fctzung der inhaftierten Kriegsdienstverweigerer und der gewaltlose Kampf der mexikanischen Landarbeiter*innen in den USA. Seit der Selbstt\u00f6tung von Hermann Brinkmann 1974 aus Verzweiflung \u00fcber die Ablehnung seines Antrags auf Kriegsdienstverweigerung war die Situation inhaftierter Kriegsdienstverweigerer eine wichtige Herausforderung. Und die Unterst\u00fctzung der United Farmworkers galt einer anderen Arbeiter*innenbewegung, einer gewaltlosen Massenbewegung migrantischer Arbeiter*innen.<br \/>\nBevor es 1976 zu einer starken Konzentration auf die Baupl\u00e4tze der Atomkraftwerke kam, hatten die gewaltfreien Aktionsgruppen ein sehr breites Themenspektrum, das von Kampagnen gegen R\u00fcstungsexporte \u00fcber die Verfolgung der vietnamesischen Buddhist*innen, Chile, Namibia, Griechenland bis zum Outspan-Boykott gegen das s\u00fcdafrikanische Apartheid-Regime und den R\u00fcckzug der Brit*innen aus Nordirland reichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist nicht etwa ein Text gegen Greenpeace, eher schon ein Text \u00fcber die Vergesslichkeit sozialer Bewegungen, ihrer Verwalter*innen und Interpret*innen. 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