{"id":27576,"date":"2022-05-24T11:50:35","date_gmt":"2022-05-24T09:50:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/es-ist-nicht-der-krieg-der-vergewaltigt-es-sind-konkrete-maenner\/"},"modified":"2022-09-11T18:41:23","modified_gmt":"2022-09-11T16:41:23","slug":"es-ist-nicht-der-krieg-der-vergewaltigt-es-sind-konkrete-maenner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/es-ist-nicht-der-krieg-der-vergewaltigt-es-sind-konkrete-maenner\/","title":{"rendered":"Es ist nicht der Krieg, der vergewaltigt, es sind konkrete M\u00e4nner"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich betrachte ein Bild. Es ist ein Foto, erst wenige Tage alt. Aufgenommen wurde es auf der Autobahn nach Schytomyr, einer Stadt in der Ukraine. Auf dieser Autobahn liegt ein M\u00fcllhaufen, garniert mit Autoreifen. Denke ich. Dann schaue ich n\u00e4her hin und sehe: Das ist kein M\u00fcll, das sind Leichen.<br \/>\nEs sind, stellt sich heraus, nackte, vergewaltigte, get\u00f6tete ukrainische Frauen, zwei oder drei, das l\u00e4sst sich nicht mehr genau ausmachen. Jemand hat sie aufeinandergestapelt und versucht, sie anzuz\u00fcnden. Irreal schaut das aus, absurd. Wie Teile von Schaufensterpuppen. Ich betrachte das Bild und frage mich, wozu die Autoreifen? Haben hier russische Besatzer versucht, einen M\u00fcllberg zu inszenieren, ist das ein Statement, ein politisches? Ukrainische Menschen als M\u00fcll?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vertuschte Kriegsverbrechen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann f\u00e4llt es mir wie Schuppen von den Augen. Leichen brennen schlecht. Ich wei\u00df das, denn ich bin Forscherin im Bereich sexueller Gewalt im Krieg, vor allem w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs. Immer wieder stand die Wehrmacht bei ihren R\u00fcckz\u00fcgen vor dem Problem, die vielen Leichen der Massenerschie\u00dfungen unsichtbar machen zu m\u00fcssen. Daf\u00fcr gibt es mehrere Strategien: Man kann sie zum Beispiel vergraben. Aber was einer vergr\u00e4bt, kann der andere wieder ausgraben. Also ist es besser, Leichen, die niemand mehr sehen soll, zu verbrennen.<br \/>\nNur brennen Leichen schlecht. Ohne Krematorium und mit einem normalen Feuer kommt man kaum auf die Temperatur, die es braucht, eine Leiche komplett veraschen zu lassen \u2013 es dauert Tage, bis dies auch nur im Ansatz der Fall ist. Deswegen braucht man ein Feuer, das nicht immer wieder ausgeht. Autoreifen brennen gut. Sie brennen lange. Sie schwelen vor sich hin, tagelang, wochenlang. Brennende Autoreifen sind perfekt, um sie zu Leichen zu legen, deren Identit\u00e4t und Todesursache man unkenntlich machen will. Brennende Autoreifen sind perfekt, um Kriegsverbrechen zu vertuschen: Kriegsverbrechen wie das, die Frauen eines besetzten Landes zu vergewaltigen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Sexualisierte Fortsetzung der milit\u00e4rischen Invasion<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kenne viele Theorien \u00fcber Kriegsvergewaltigungen. Viele davon sind sehr stimmig. Dass diese sexuelle Gewalt eine Kommunikation zwischen den M\u00e4nnern des besetzenden und den M\u00e4nnern des besetzten Landes ist zum Beispiel, mit der Botschaft: Ihr seid keine M\u00e4nner, denn ihr k\u00f6nnt eure Frauen nicht besch\u00fctzen, wir tun ihnen weh, wir nehmen sie sexuell in Besitz, wir hinterlassen sie euch \u201eentehrt\u201c \u2013 so die alte h\u00e4ssliche, patriarchale Sichtweise. Manchmal ist das Ziel auch die erzwungene Schw\u00e4ngerung, wie in den Vergewaltigungslagern im Kosovo. Auch dies eine Ansage an die Besetzten: Wir l\u00f6schen euch aus, wir zerst\u00f6ren euer Volk, eure Identit\u00e4t, wir dr\u00e4ngen uns euch auf, in euch hinein, setzen \u201eunsere\u201c Kinder in eure B\u00e4uche, Sch\u00f6\u00dfe, H\u00e4user, Familie, Gesellschaft. Auch dies patriarchales Denken und Handeln, auch dies ein Verfahren mit eindeutig genozidalen Z\u00fcgen.<br \/>\nL\u00e4nder werden oft weiblich gedacht. Wo die Nation ein m\u00e4nnliches Konstrukt ist, ist das Vaterland oft gar kein Vater-, sondern ein Mutterland und weiblich konnotiert. Deswegen wird Krieg auch so oft als Vergewaltigung eines Landes beschrieben, es ist eine symbolische Zeichnung: die Penetration eines Landes durch eine fremde, aktive, handelnd gedachte (ist gleich m\u00e4nnliche) Macht, das gewaltvolle Eindringen einer Armee in ein passiv gedachtes, wehrloses oder zu \u00fcberw\u00e4ltigendes, sich widersetzendes Land. Die Frau steht unter dem Mann, die andere Nation ist die Frau, sie geh\u00f6rt unterworfen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">(Wieder-)Herstellung der patriarchalen Ordnung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frauen eines besetzten Landes werden von Besatzern in mehrfacher Hinsicht symbolisch betrachtet: als Zugeh\u00f6rige zu einem zu unterwerfenden Volk und als Frau. Sie werden vergewaltigt als Besetzte, um die Ordnung, die die Besatzer sich w\u00fcnschen, zu erzeugen: Unterwerfung der besetzten Bev\u00f6lkerung und die Herstellung einer Hierarchie, in der der Besatzer das Sagen hat und die Besetzten zu erdulden und zu gehorchen haben. Und die Wiederherstellung der alten patriarchalen Machtordnung erfolgt gleich mit: Eine Frau hat sich nicht gegen einen Mann zu wehren, eine Besetzte nicht gegen einen Besatzer, schon gleich gar nicht, wenn sie weiblich ist.<br \/>\nUnd mit Vergewaltigungen durch Soldaten wird (toxische) <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/hanau-und-maenner-crash\/\">M\u00e4nnlichkeit<\/a> hergestellt. In einem Verfahren der gegenseitigen R\u00fcckversicherung, male bonding genannt, wird sich vergewissert: Schaut her, wir geh\u00f6ren zusammen, wir sind ein M\u00e4nnerbund, Kameraden sind wir, denn wir begehen gemeinsam Gewalttaten. Das schwei\u00dft zusammen. Und: Jeder einzelne von uns ist ein Mann, denn er ist gewaltt\u00e4tig und gleichzeitig sexuell aktiv und unterwerfend. Ein richtiger Mann eben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Real und konkret<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind dies Denkkonzepte, die patriarchaler und toxischer nicht sein k\u00f6nnten. Aber die Vergewaltigungen, die die Frauen und M\u00e4dchen in der Ukraine erleben, sind nicht nur Konzepte. Sie sind real. Sie sind konkret. Wir kennen sie aus dem Kosovokrieg, aus Ruanda, aus Syrien und aus fast allen kriegerischen Konflikten auf dieser Welt.<br \/>\nGerade kommt das Thema der im Krieg vergewaltigten Frauen aus der Ukraine in Deutschland an. Es wird immerhin wenigstens angedeutet, dass es das gibt: Vergewaltigungen von Frauen und M\u00e4dchen in der Ukraine. An kleinen M\u00e4dchen (drei Jahre das j\u00fcngste), an Teenies, an erwachsenen Frauen.<br \/>\nUnd dann? Dann folgt immer dasselbe. Menschen beteuern, dass sie das \u201eganz schlimm\u201c finden. Was sie nicht sagen, aber als unh\u00f6rbarer, unausgesprochener Nebensatz immer wieder mitschwingt: \u201eDa kann man nichts machen, das ist eben Krieg, es war schon immer so\u201c. Und jedes Mal, wenn ich das heraush\u00f6re, bekomme ich innerlich eine G\u00e4nsehaut. Und so eine Wut.<br \/>\nDenn erstens: Dass Frauen der besetzten L\u00e4nder vergewaltigt werden, ist doch kein Naturgesetz! Wie k\u00f6nnen wir als zivilisierte Gesellschaft so etwas formulieren! Dass so was \u201eimmer wieder passiert\u201c, \u201etypisch Krieg\u201c ist und \u201eschon immer vorkam\u201c \u2013 das ist doch blo\u00df eine Ausrede, um ERNEUT nicht handeln zu m\u00fcssen. Um auch dieses Mal nicht hinsehen und helfen zu m\u00fcssen. Denn man kann ja nichts machen, es ist ja immer so gewesen. Ja, schade aber auch!<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kein Naturgesetz<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und zweitens: Es ist nicht der Krieg, der vergewaltigt. Es liegt nicht am Krieg, dass vergewaltigt wird, \u201eDER Krieg\u201c handelt nicht, \u00fcberw\u00e4ltigt nicht, zieht keiner ukrainischen Frau die Hosen runter oder den Rock hoch, DER Krieg hat keine H\u00e4nde, um festzuhalten, hat keinen Penis, um gewaltsam einzudringen. DER Krieg vergewaltigt nicht. Sondern die M\u00e4nner in ihm sind es, die vergewaltigen. Und das sind \u00fcbrigens dieselben M\u00e4nner, die auch im Frieden existierten. Sie wurden nicht ausgetauscht, es sind noch die gleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jaja, nicht alle M\u00e4nner vergewaltigen. Das stimmt schon. Aber es sind genug, um Frauen das Leben zur H\u00f6lle zu machen. Und das Problem sind ja nicht nur die, die dann auch wirklich vergewaltigen. Sondern auch die anderen. Die, die die Taten beschweigen, die sich nicht mal dazu \u00e4u\u00dfern oder dagegen aussprechen. Die, die finden, das sei unwichtig oder lustig \u2013 wie Friedrich Merz, der neulich die Forderung Annalena Baerbocks nach einer feministischen Au\u00dfenpolitik als \u201eGed\u00f6ns\u201c bezeichnete und s\u00fcffisant l\u00e4chelte. Friedrich Merz ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, was \u201eKriegsvergewaltigungen\u201c wirklich sind.<br \/>\nWir erinnern uns: Friedrich Merz stimmte damals gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe. \u00dcberrascht es, dass jemand, der Vergewaltigung in bestimmten Kontexten nicht schlimm findet, nun auch keinen Zugzwang sieht, gegen Vergewaltigungen im Krieg, also in anderen Kontexten, vorzugehen?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Krieg als Machtraum f\u00fcr M\u00e4nner<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kriegsvergewaltigungen sind ein Ph\u00e4nomen, das aufzeigt, was in der Gesellschaft, die sie begeht, immer schon schwelt: die Bereitschaft von M\u00e4nnern, sexuelle Gewalt an Frauen und Kindern auszu\u00fcben. Krieg er\u00f6ffnet M\u00e4nnern, die dazu bereit sind, lediglich den Machtraum, den sie mit diesen ihren Gewalttaten auszuf\u00fcllen bereit sind. Es ist nicht der Krieg, der vergewaltigt. Es sind ganz konkrete M\u00e4nner, die eh schon bereit waren, sexuelle Gewalt auszu\u00fcben (und das vielleicht auch schon getan haben und weiter tun werden), und die in einer Kriegssituation einfach nur die Gelegenheit ergreifen. Es sind M\u00e4nner mit Namen und Gesichtern.<br \/>\nEs w\u00e4re sch\u00f6n, wenn die Frauen in der Ukraine, die gerade Vergewaltigungen durch die Besatzer erlebt haben, sich die Gesichter merken und die Namen erfahren k\u00f6nnten. Denn Vergewaltigungen sind ein Kriegsverbrechen, das nach Den Haag gebracht werden kann. Leider ist es so, dass daf\u00fcr das Opfer die Identit\u00e4t, die konkrete Identit\u00e4t des T\u00e4ters kennen muss. Aus der Perspektive der Frauen kommt das einer Straffreiheit f\u00fcr die Vergewaltiger gleich: Du sitzt in einem Keller in einem Vorort von Kiew, pl\u00f6tzlich ist der Keller voller Soldaten, einer packt dich und zieht dich nach nebenan. Was wei\u00dft du \u00fcber ihn? Dass er jung ist, 20, 25 vielleicht, dass er braune Haare hat, dass er Alexander, Sergej oder Dimitrij hei\u00dft m\u00f6glicherweise. Aber was willst du damit anfangen? Es ist zu wenig f\u00fcr Den Haag. Es w\u00e4re sinnvoller, die Gener\u00e4le und Offiziere, die zulassen, dass ihre Soldaten vergewaltigen, in Den Haag anzuklagen daf\u00fcr, dass sie diese sexuelle Gewalt ihrer Truppen nicht verhindert haben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Nicht mehr in Sepia<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich besch\u00e4ftige mich t\u00e4glich mit der Aufarbeitung sexueller Gewalt w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs, vor allem mit der Zwangsprostitution osteurop\u00e4ischer Frauen durch die Nationalsozialisten in den Wehrmachtsbordellen und mit den Vergewaltigungen, die vor den Massenerschie\u00dfungen stattfanden. Ich sehe t\u00e4glich h\u00e4ssliche Fotos. Ich kenne die Bilder von Gruben voller halbverscharrter, halbnackter Frauen, die Bilder von ge\u00f6ffneten Kellern mit wie hingeworfenen Frauen und M\u00e4dchen mit hochgeschobenen R\u00f6cken und zerschlagenen Gesichtern, die Bilder von gestapelten Frauenleichen. Aber normalerweise sehe ich sie in Sepia oder in Schwarz-Wei\u00df. Dass ich sie jetzt \u2013 wieder! Wie im Kosovokrieg, wie in Ruanda, wie in \u2026 so vielen Kriegen \u2013 in Farbe sehen muss, trifft mich. Als Historikerin, als Feministin, als Frau.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das Schweigen beenden!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Autobahn in Richtung Schytomyr. Ob die Frauenleichen noch dort liegen? Vielleicht hat sie endlich jemand begraben. Eventuell liegen die Autoreifen noch dort.<br \/>\nUnd dann. In unserer Mitte. Das Schweigen \u2013 vor allem der M\u00e4nner \u2013, das uns\u00e4gliche Verhalten, sexuelle Gewalt gegen Frauen und M\u00e4dchen auf den Krieg zu schieben, statt diejenigen in die Verantwortung zu nehmen, die das konkret getan haben: nicht der Krieg n\u00e4mlich, sondern M\u00e4nner. Denn das Schweigen und das Hinnehmen und das Vorgeben, Vergewaltigungen im Krieg seien ein Naturgesetz, eine unver\u00e4nderbare Folge eines jeden Krieges, das Aus-der-Verantwortung-Nehmen und Nichtbenennen der T\u00e4ter ist vor allem eins: Ein erneutes Anz\u00fcnden von Autoreifen neben Frauenleichen. Es ist: der Versuch einer Vertuschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wollen wir das tun, wieder? Vertuschen, verschweigen, achselzuckend resignieren? Ich bin mir sicher, wir k\u00f6nnen das besser. Wir k\u00f6nnen hinsehen. Wir k\u00f6nnen ehrlich benennen. Wir k\u00f6nnen Aufarbeitung. Wir k\u00f6nnen: Handeln. Wir k\u00f6nnen Solidarit\u00e4t mit Frauen \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg. Sie beginnt mit der Frage: Schwester, was brauchst du? Und mit einem Aushalten einer ehrlichen Antwort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich betrachte ein Bild. Es ist ein Foto, erst wenige Tage alt. Aufgenommen wurde es auf der Autobahn nach Schytomyr, einer Stadt in der Ukraine. Auf dieser Autobahn liegt ein M\u00fcllhaufen, garniert mit Autoreifen. Denke ich. Dann schaue ich n\u00e4her hin und sehe: Das ist kein M\u00fcll, das sind Leichen. 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