{"id":27580,"date":"2022-05-24T11:50:36","date_gmt":"2022-05-24T09:50:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/mit-indigenen-widerstands-kaempferinnen-im-polizeikessel\/"},"modified":"2022-07-06T15:20:21","modified_gmt":"2022-07-06T13:20:21","slug":"mit-indigenen-widerstands-kaempferinnen-im-polizeikessel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/mit-indigenen-widerstands-kaempferinnen-im-polizeikessel\/","title":{"rendered":"Mit indigenen Widerstandsk\u00e4mpfer*innen im Polizeikessel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eStimmung hier sehr angespannt, der Kessel ist zu, ich glaube ihr kommt nicht mehr rein!\u201c Eine Nachricht in unserer Chatgruppe am Montagmittag, dem 25. April, einen Tag nach Ende der Karawane f\u00fcr das Wasser und das Leben. Mitten in Mexiko-Stadt sprinten wir daraufhin zu zweit vom Markt zur\u00fcck zu einem Gel\u00e4nde, auf dem die indigene Gruppe der Triqui gegen ihren Willen von den Beh\u00f6rden von Mexiko-Stadt festgehalten wurde, nachdem sie wenige Stunden vorher, mitten in der Nacht, brutal aus ihrer Besetzung vor dem Kunstmuseum \u201eBellas Artes\u201c im Stadtzentrum ger\u00e4umt wurde.<br \/>\nDer Ort, an den die Triquis gebracht wurden, gleicht eher einer M\u00fcllkippe als einer sicheren Unterkunft. Durch einen Hintereingang schaffen wir es gerade noch zur\u00fcck zu unseren Compa\u00f1erxs (Genoss*innen) von der Karawane, die mit uns gemeinsam versuchen, mit Logistik und \u00d6ffentlichkeitsarbeit zu unterst\u00fctzen.<br \/>\nKurz darauf ist der Kessel tats\u00e4chlich zu. Und niemand hier interessiert sich mehr f\u00fcr die uns in Auftrag gegebenen Eink\u00e4ufe. Denn in der Zwischenzeit ist die zuvor friedliche Pressekonferenz zu einer w\u00fctenden Menschenmenge geworden, die Z\u00e4une einrei\u00dft, auf Polizeiautos klettert und lautstark ihre Freilassung fordert. Ganz vorne mit dabei sind junge M\u00e4dchen und Frauen, mittendrin die \u00c4lteren und kleine Kinder. Zugegeben, da helfen unsere Zwiebeln und Kaktusbl\u00e4tter gerade wenig weiter.<br \/>\nNur wenige Minuten sp\u00e4ter ist der Polizeikessel tats\u00e4chlich aufgebrochen, und es bildet sich eine bunte Stra\u00dfenblockade auf der angrenzenden Schnellstra\u00dfe, die zun\u00e4chst friedlich als Demozug in Richtung der n\u00e4chsten Metrostation zieht. Eigentlich ein sehr gewohntes Bild f\u00fcr uns, war doch das die letzten Wochen quasi unser Tagesgesch\u00e4ft auf der Karawane f\u00fcr das Wasser und das Leben. Es ert\u00f6nen Rufe wie \u201e\u00a1Tierra Blanca no se vende, Tierra Blanca no se van, Tierra Blanca se defiende con mucha dignidad!\u201c Frei auf Deutsch \u00fcbersetzt: \u201eTierra Blanca wird nicht verkauft, Tierra Blanca wird nicht verlassen, Tierra Blanca wird verteidigt mit viel W\u00fcrde!\u201c Tierra Blanca Copala ist das Dorf im Bundesstaat Oaxaca, aus dem die Gruppe der Triqui 2020 gewaltsam vertrieben wurde. Doch dazu sp\u00e4ter mehr.<br \/>\nMittlerweile hat sich die Situation, in der wir uns befinden, schon wieder schlagartig ver\u00e4ndert. Mehrere Hundertschaften von Polizist*innen mit Schildern und Helmen, so genannten Granaderxs, rennen am Demozug vorbei und haben die Gruppe von etwa 50 Menschen, inklusive vieler Kinder, blitzschnell mit mehreren Reihen eingekesselt. Wo kamen die auf einmal her? Ein v\u00f6llig absurdes Bild. Wir kommen uns vor wie im falschen Film.<br \/>\nVier Aktivistinnen von uns sind mit im Kessel gelandet und versuchen zu unterst\u00fctzen, unter anderem durch Live-\u00dcbertragungen auf Social Media. Vier von uns sind au\u00dferhalb als Back-Up-Support, versuchen Lebensmittel und Wasser in den Kessel zu bekommen und Aufrufe f\u00fcr Social Media rauszuschicken. Unsere Fotografin ist mit der Metro auf dem Weg zu uns. Schon jetzt \u00fcbersteigt die Situation deutlich unser zuvor f\u00fcr den Tag besprochenes Aktionslevel. \u2028Klar, Polizeikessel kennen wir aus Deutschland, aber in Mexiko ist das eine andere Nummer.<br \/>\nDoch wie kam es dazu, dass eine Delegation aus deutschen Klima-\u2028gerechtigkeitsaktivistinnen, statt in <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/05\/wie-steht-es-um-luetzerath\/\">L\u00fctzerath<\/a> in Plena zu sitzen, in Mexiko-Stadt mit einer indigenen Gruppe in einem Polizeikessel steckt?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Samen der Gira Zapatista: Von Altepelmecalli nach L\u00fctzerath und zur\u00fcck<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gira Zapatista, die Reise der Zapatistas und Compa\u00f1erxs des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI) von Mexiko nach Europa im vergangenen Sommer, wurde oft mit dem Bild des \u201eSamen-S\u00e4ens\u201c beschrieben. Tats\u00e4chlich sind dadurch viele pers\u00f6nliche Beziehungen gekn\u00fcpft worden, wodurch unter anderem eine Person aus L\u00fctzerath im Januar 2022 mehrere Wochen bei den Pueblos Unidos de Choluteca zu Gast war.<br \/>\nDieser Zusammenschluss von organisierten indigenen D\u00f6rfern rund um die Gro\u00dfstadt Puebla hat am 22. M\u00e4rz 2021, dem Internationalen Tag des Wassers, ein Wasserabf\u00fcllwerk der Firma Bonafont, Tochter des franz\u00f6sischen Konzerns Danone, besetzt. Nachdem fast 30 Jahre lang jeden Tag \u00fcber 1,5 Millionen Liter Wasser abgepumpt wurden, haben die Pueblos Unidos die Brunnen versiegelt und auf dem Gel\u00e4nde eine Art Gemeindezentrum aufgebaut. Die Landschaft drumherum ist zwar immer noch ausgetrocknet, doch langsam, aber sicher l\u00e4sst sich ein Wiederanstieg des Grundwassers verzeichnen. Das Gemeindezentrum, genannt Altepelmecalli (frei \u00fcbersetzt: Haus der Bev\u00f6lkerungen), bot Raum f\u00fcr landwirtschaftliche Selbstversorgung, Gesundheitsversorgung, eine Bibliothek, Werkst\u00e4tten, Kooperativen, eine eigene Radio- und Fernsehsendung, Sprachkurse, Kunst und vieles mehr.<br \/>\nAus dieser Situation heraus entschieden die Pueblos Unidos, im Fr\u00fchjahr 2022 eine Karawane f\u00fcr das Wasser und das Leben zu organisieren, die mehrere Ziele haben sollte: Die teilnehmenden Communities dazu zu bringen, sich selbst gut zu organisieren; sich untereinander besser kennenzulernen und zusammenzuarbeiten; die Idee von Autonomie, Selbstverwaltung und Besetzungen weiterzuverbreiten; den teilnehmenden K\u00e4mpfen gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit zu verschaffen, auch \u00fcber Mexiko hinaus; und schlie\u00dflich die internationale Zusammenarbeit mit K\u00e4mpfen aus aller Welt in die Praxis umzusetzen und zu st\u00e4rken. Hier kamen wir ins Spiel: Als Compa\u00f1erxs aus L\u00fctzerath, die gegen den Braunkohletagebau und den Kapitalismus und f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr alle k\u00e4mpfen, wurden wir \u00fcber den pers\u00f6nlichen Kontakt offiziell eingeladen, mit einer Delegation an der Karawane f\u00fcr das Wasser und das Leben teilzunehmen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>F\u00fcr einige Stunden zierte daraufhin ein sch\u00f6ner Spruch die wei\u00dfe Wand der Deutschen Botschaft: \u201eL\u00fcthserath se keda\u201c, also \u201eL\u00fctzerath bleibt\u201c.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch w\u00e4hrend der Vorbereitungen f\u00fcr die Karawane wurde in der Nacht des 15. Februar 2022 das Gemeindezentrum Altepelmecalli ger\u00e4umt. Vier Hundertschaften gegen eine Nachtwache von vier Aktivist*innen war eine klare Sache. Um weiter Aufmerksamkeit auf die K\u00e4mpfe zu lenken und Repression schwieriger zu machen, war klar, dass die Karawane trotzdem stattfinden w\u00fcrde.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Von Stra\u00dfenblockaden bis hin zu religi\u00f6sen Ritualen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas macht ihr da eigentlich genau auf eurer Karawane?\u201c, wurden wir h\u00e4ufig von interessierten Mitmenschen aus Deutschland gefragt. Das zu erkl\u00e4ren, stellte sich als schwierig und einfach zugleich heraus. Insgesamt hat die Karawane in vier Wochen neun verschiedene Bundesstaaten besucht, das bedeutet viele lange Fahrten mit unserem gemieteten Reisebus und den Pick-ups, oft auch \u00fcber Nacht. Zu Gast waren wir bei indigenen Gemeinden, organisierten Verk\u00e4ufer*innen, studentischen Gruppen, Besetzungen oder den Familien von politischen Gefangenen. Angeschaut haben wir ausgetrocknete Fl\u00fcsse und Landschaften, verschmutzte Gew\u00e4sser, M\u00fclldeponien, aber auch Gr\u00e4ber verstorbener Sprecher*innen der Bewegungen.<br \/>\nAls Verantwortliche benannt wurden in den lokalen K\u00e4mpfen je nach Situation die mexikanische Regierung auf allen drei Ebenen (Bund, Staaten, St\u00e4dte), die nationale Beh\u00f6rde f\u00fcr Wasser und Gew\u00e4sser \u201eConAgua\u201c, transnationale Konzerne wie die Deutsche Bahn, Danone, Coca-Cola, Volkswagen oder Walmart und schlie\u00dflich bewaffnete paramilit\u00e4rische Gruppen, die so genannten Narcos, die h\u00e4ufig indirekt von der Regierung unterst\u00fctzt und gedeckt werden.<br \/>\nUnsere Aktionsformen bei der Karawane waren divers. H\u00e4ufig fanden Demonstrationen statt, die mit Pressekonferenzen oder Kundgebungen verbunden waren. Mal 40 Menschen in einem kleinen Dorf, mal 400 Menschen in der Stadt. Wir blockierten au\u00dferdem Stra\u00dfen und Fabrikeinfahrten und besprayten verschiedenste Regierungsgeb\u00e4ude. Begleitet wurden unsere Tage von einer Vielfalt an kulturellen Beitr\u00e4gen wie Musik und Tanz sowie religi\u00f6sen Ritualen.<br \/>\nWie all das in vier Wochen gepasst hat? Oft sind wir morgens um vier Uhr aufgestanden, um in den Reisebus zu steigen, haben h\u00e4ufig mehrere Orte an einem Tag besucht, zwischendrin im Bus Schlaf nachgeholt und dann bis nachts um ein Uhr pleniert, weil noch irgendetwas ausdiskutiert werden musste. Angelegenheiten der Finanzen oder der Sicherheit der Karawane waren oft Thema, f\u00fcr beides gab es eine Arbeitsgruppe, genannt Kommission. Eine offizielle Kommission gegen Machismus und patriarchale Gewalt und f\u00fcr queer-feministisches Empowerment gab es hingegen nicht \u2026<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eSlumil con la Caravana\u201c ((1)): Unterst\u00fctzung aus Europa<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Osterfeiertage pausierte die Karawane, um der internationalistischen Vernetzung von K\u00e4mpfen Raum zu geben. W\u00e4hrend dieser \u201eInternationalen Tage\u201c fanden zehn von der Karawane ausgehende Veranstaltungen statt, online, hybrid oder live vor Ort. Zus\u00e4tzlich gab es Solidarit\u00e4tsaktionen und -botschaften aus vielen L\u00e4ndern Europas und Lateinamerikas.<br \/>\nDen Auftakt bildete eine Diskussionsveranstaltung zur Autoindustrie mit Teilnehmenden aus Mexiko und Deutschland. Die Veranstaltung wurde von einer deutschen Verkehrswendeaktivistin von Mexiko aus moderiert, und eine mexikanische Aktivistin, die gerade zu Besuch in L\u00fctzerath war, erz\u00e4hlte von den Folgen der Automobilindustrie von Volkswagen in Puebla. \u00dcbersetzt wurden diese und viele andere Veranstaltungen in mehrere Sprachen. Alles l\u00e4sst sich auf den Facebook- und YouTube-Kan\u00e4len der mexikanischen anarchistischen Medienplattform Techemedios nachschauen. So auch eine vier Stunden andauernde interaktive Online-Demonstration, bei der 14 K\u00e4mpfe aus acht L\u00e4ndern pr\u00e4sent waren.<br \/>\nEin weiteres Highlight war eine Stra\u00dfenblockade vor der deutschen Botschaft in Mexiko-Stadt. Bis zu 70 Menschen protestierten mit Fahrr\u00e4dern, Musik und starken Redebeitr\u00e4gen dagegen, dass die deutsche Bundesregierung sowohl durch eine rassistische Klimapolitik \u2013 gekennzeichnet etwa durch den sp\u00e4ten Kohleausstieg \u2013 als auch durch die Unterst\u00fctzung von deutschen Konzernen wie Volkswagen in Mexiko die Lebensgrundlagen der Bev\u00f6lkerungen vor Ort mutwillig zerst\u00f6rt. F\u00fcr einige Stunden zierte daraufhin ein sch\u00f6ner Spruch die wei\u00dfe Wand der Deutschen Botschaft: \u201eL\u00fcthserath se keda\u201c, also \u201eL\u00fctzerath bleibt\u201c.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Von MULT und MULTI \u2013 oder wie der Staat eine indigene Gruppe spaltete<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck zum Fall der Triquis, mit denen wir in einem Polizeikessel gelandet waren.<br \/>\nInsgesamt gibt es sch\u00e4tzungsweise 30.000 bis 40.000 Triquis, die im Westen des Bundesstaates Oaxaca ihre Territorien haben. Die Triquis haben eine lange Geschichte der Unterdr\u00fcckung: Bereits vor der Kolonialisierung durch die Spanier*innen wurden sie erst von den Mixtek*innen und dann von den Aztek*innen ausgebeutet.<br \/>\nDass eine Resolution nach den Pr\u00e4sidentschaftswahlen im Jahr 1973 ihr Territorium reduzierte, war der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Triquis, sich gezielt gemeinsam politisch zu organisieren. Morde, willk\u00fcrliche Verhaftungen und Brandstiftungen waren damals ein g\u00e4ngiges Mittel von Polizei und Milit\u00e4r, um die Triquis einzusch\u00fcchtern. Im Jahr 1982 bildete sich die Organisation MULT (Movimiento de Unificaci\u00f3n y Lucha Triqui, Bewegung f\u00fcr die Vereinigung und den Kampf der Triqui).<br \/>\nDa die MULT viel Zuspruch und Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung erfuhr, versuchte die mexikanische Regierung ab 1994, mit der Organisation UBISORT (Unidad del Bienestar Social de la Regi\u00f3n Triqui, Sozialamt der Region Triqui) die MULT zu schw\u00e4chen und zu kriminalisieren. Als dies nicht gelang, \u00e4nderte die Regierung ihre Strategie und begann, sich den Anf\u00fchrer*innen der MULT anzun\u00e4hern. Durch das Versprechen von politischen, finanziellen und pers\u00f6nlichen Vorteilen wurde die F\u00fchrung der MULT dazu gedr\u00e4ngt, immer weiter von ihren urspr\u00fcnglichen Zielen abzuweichen und mit der Regierung zusammenzuarbeiten. Finanzielle Mittel der Regierung wurden beispielsweise dazu genutzt, Waffen zu beschaffen, Grundst\u00fccke zu erwerben oder Auftragsm\u00f6rder zu bezahlen.<br \/>\nUm sich ihre M\u00f6glichkeit zur echten Selbstverwaltung zur\u00fcckzuholen, gr\u00fcndeten einige Triquis die MULTI als Gegenorganisation zur MULT, mit dem \u201eI\u201c f\u00fcr Independiente, also unabh\u00e4ngig von der Regierung. Von insgesamt 32 Triqui-D\u00f6rfern geh\u00f6ren jedoch nur f\u00fcnf D\u00f6rfer der MULTI an. Obwohl wir auf der Karawane auch viel mit den Triquis aus dem Dorf San Juan Copala Kontakt hatten und die Geschichten der D\u00f6rfer unweigerlich zusammenh\u00e4ngen, wird hier aus Platzgr\u00fcnden nur tiefer auf die Triquis aus Tierra Blanca Copala eingegangen.<br \/>\nAm 26. Dezember 2020 wurde der Compa\u00f1ero Andr\u00e9s Martinez Lop\u00e9z aus Tierra Blanca Copala brutal ermordet und seine drei Kinder mit Sch\u00fcssen verletzt. Die Tat wird der MULT zugerechnet und diente der Einsch\u00fcchterung der lokalen MULTI-nahen Bev\u00f6lkerung. Dies bildete den Auftakt der gewaltsamen Vertreibung von 144 Familien. Einige von ihnen sind in andere Bundesstaaten oder sogar die USA gegangen, um Arbeit und Obdach zu finden. Zu ihnen wird per Social Media Kontakt gehalten. Etwa 60 Triquis haben vor einem Jahr und f\u00fcnf Monaten eine Stra\u00dfenbesetzung vor dem gr\u00f6\u00dften Museum von Mexiko-Stadt aufgebaut: Dem Palacio de Bellas Artes. Dort forderten sie Gerechtigkeit f\u00fcr ihre politischen Gefangenen, die Verurteilung der Verantwortlichen f\u00fcr die Morde und vor allem eine sichere R\u00fcckkehr in ihre Territorien.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Freilassung der Triquis erst nach weiteren 24 Stunden<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sind die Triquis und wir wieder aus dem Polizeikessel herausgekommen? Erst mal gar nicht. Der Kessel wurde zwar erneut durchbrochen, jedoch f\u00fchrte dies zu einer regelrechten h\u00f6chst chaotischen Hetzjagd durch das ganze Viertel, bei der zwischenzeitlich ein kleiner Junge verlorenging, \u00e4ltere Menschen abgeh\u00e4ngt und eine solidarische Studentin der Autonomen Universit\u00e4t UNAM brutal verpr\u00fcgelt wurde.<br \/>\nNach viel Hin und Her ergaben sich drei Polizeikessel, von denen einer bald aufgel\u00f6st und der zweite nach langen Verhandlungen mit der Polizei mit dem dritten gr\u00f6\u00dften Kessel zusammengelegt wurde. Dort mussten etwa 30 Frauen und Kinder, bewacht von \u00fcber 500 Polizist*innen, noch eine ganze Nacht und einen weiteren Tag unter freiem Himmel ausharren. Die Menschen aus der indigenen Gemeinschaft der Otom\u00eds, die ebenfalls einen wichtigen Platz in der Karawane f\u00fcr das Wasser und das Leben eingenommen hatten, konnten sich durch Verhandlungen nach einigen Stunden aus dem zweiten Kessel befreien. Auch wir deutschen Aktivistinnen aus L\u00fctzerath kamen kurz nach Mitternacht an den Punkt, an dem unsere Grenzen so weit \u00fcberschritten waren, dass wir die M\u00f6glichkeit annahmen, durch den Presseausweis von befreundeten Journalist*innen den Kessel zu verlassen.<br \/>\nViele unserer Compa\u00f1erxs von der Karawane sind jedoch bis zum Schluss mit den Triquis im Kessel geblieben und haben sich dort zum Teil nachtr\u00e4glich freiwillig hineingeschmuggelt. Eine solidarische Mitgefangene der Karawane beschrieb die Situation so: \u201eDiese Belagerung hat das Gesicht einer psychischen Folter.\u201c<br \/>\nDie Stadt versuchte schamlos, den Triquis Deals anzubieten, wie z. B. dass sie mit Bussen abgeholt werden k\u00f6nnen oder dass sie freikommen, wenn sie unterschreiben, dass sie nie wieder auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen der Stadt eine Demonstration oder Besetzung machen d\u00fcrfen. Selbstverst\u00e4ndlich lie\u00dfen sich die Triquis nicht auf diese erpresserischen Angebote ein, die sie ihrer Grundrechte berauben sollten.<br \/>\nSchlussendlich wurden alle Eingekesselten in einer erneuten Hetzjagd unter massivem Polizeiaufgebot durch die Stra\u00dfen getrieben, bis zu einem Ort, den die Triquis als selbstgew\u00e4hlten sicheren Ort angegeben hatten.<br \/>\nIn den folgenden Tagen veranstalteten die Triquis weitere Pressekonferenzen, Demonstrationen und Blockaden. Dadurch erwirkten sie schlie\u00dflich ein Treffen mit dem Gouverneur des Bundesstaats Oaxaca, welches ergab, dass die ganze Gemeinde am Montag, dem 16. Mai sicher zur\u00fcck nach Tierra Blanca de Copala kehren sollte. Die Reaktion einer der Sprecherinnen der Triquis darauf war: \u201eWir trauen der Regierung nicht. Aber wir geben ihnen einen Vertrauensvorschuss, damit sie das Versprechen der R\u00fcckkehr einhalten k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_27706\" aria-describedby=\"caption-attachment-27706\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-27706\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Mexico2.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"336\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Mexico2.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Mexico2-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Mexico2-150x84.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-27706\" class=\"wp-caption-text\">Compa\u00f1erxs der Karawane, darunter eine Triqui-Frau, verleihen ihrem Protest auf dem Haupteingang zur Nationalen Wasserbeh\u00f6rde &#8222;ConAgua&#8220; Ausdruck (5. April 2022, Mexiko-Stadt) &#8211; Foto: Jana Bauch<\/figcaption><\/figure>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Internationalistische Vernetzung in der Praxis \u2013 ein Versuch<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir als deutsche Delegation haben uns vor, w\u00e4hrend und nach der Karawane fortlaufend selbstkritisch mit Rassismus und kolonialen Kontinuit\u00e4ten auseinandergesetzt. Wir haben alle individuell immer wieder unterschiedliche Positionen eingenommen, im Spannungsfeld zwischen \u201eBlo\u00df nicht einmischen, um nicht neokolonial zu handeln\u201c und \u201eIrgendwie m\u00fcssen wir auch Verantwortung \u00fcbernehmen, auch wenn es Schwierigkeiten mit sich bringt\u201c.<br \/>\nDass wir dabei Fehler machen, ist zwar vorprogrammiert, aber keine Entschuldigung. Fest steht f\u00fcr uns, dass wir unglaublich dankbar sind f\u00fcr alles, was wir lernen durften, und f\u00fcr die enorme Inspiration und Kraft, die uns durch Begegnungen mit den Compa\u00f1erxs geschenkt wurde. Gleichzeitig m\u00f6chten wir indigenen Widerstand genauso differenziert betrachten wie unseren eigenen auch. Wir m\u00f6chten nicht idealisieren, sondern gut zuh\u00f6ren und beobachten.<br \/>\nIn den Wochen nach der Karawane haben wir uns als Delegation aufgeteilt, um durch Besuche und gemeinsame Aktionen die Verbindungen zu Gruppen und Einzelpersonen der Karawane und dar\u00fcber hinaus weiter zu festigen.<br \/>\nZur\u00fcck in Deutschland machen wir uns an die Nachbereitung der Reise. Wir wollen unsere Erfahrungen und was wir gelernt haben teilen und ver\u00f6ffentlichen. Gerne nehmen wir Anfragen f\u00fcr Vortr\u00e4ge oder andere Veranstaltungen entgegen. Dar\u00fcber hinaus vernetzen wir uns mit anderen Akteur*innen wie der Recherche-AG, um eine Kampagne f\u00fcr 2022\/23 zu planen. Sie soll Kr\u00e4fte b\u00fcndeln, mehr Sichtbarkeit generieren und dadurch gezielt Druck erzeugen auf die gro\u00dfen westlichen transnationalen Unternehmen. Au\u00dferdem wird es vor dem G7-Gipfel eine Mobilisierungstour oder, in anderen Worten, eine Karawane durch Europa geben, bei der G\u00e4ste aus Widerstandsbewegungen von Mexiko bis Pal\u00e4stina eingeladen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eStimmung hier sehr angespannt, der Kessel ist zu, ich glaube ihr kommt nicht mehr rein!\u201c Eine Nachricht in unserer Chatgruppe am Montagmittag, dem 25. April, einen Tag nach Ende der Karawane f\u00fcr das Wasser und das Leben. 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