{"id":2765,"date":"1999-06-01T00:00:10","date_gmt":"1999-05-31T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2765"},"modified":"2022-07-26T13:34:03","modified_gmt":"2022-07-26T11:34:03","slug":"moderne-nationalismus-und-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/06\/moderne-nationalismus-und-krieg\/","title":{"rendered":"Moderne, Nationalismus und Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Wer die Triebkr\u00e4fte dieses Nationalismus auf deutscher, serbischer und albanischer Seite einsch\u00e4tzen will, mu\u00df sich \u00fcber die unterschiedlichen Voraussetzungen und Strukturen des Nationalismus klar sein.<\/p>\n<h3>Moderne und zwei Formen des Nationalismus<\/h3>\n<p>Im folgenden soll Modernisierung im Anschlu\u00df an die Theorieans\u00e4tze der N\u00fcrnberger Krisis-Gruppe (Robert Kurz, Ernst Lohoff usw.) als historischer \u00dcbergang von einer agrarisch strukturierten, auf Schatten- und Subsistenzwirtschaft basierenden Produktionsstruktur zu einer industriellen, waren- und geldf\u00f6rmigen, auf ausgedehnter Lohnarbeit basierenden, sozialstaatlich-b\u00fcrokratischen Produktionsstruktur charakterisiert werden. Wahlweise k\u00f6nnte auch auf das Theorem der Durchkapitalisierung, Regulation und Produktion f\u00fcr den Massenkonsum (Joachim Hirsch, Roland Roth und ihr Fordismus-Theorem) zur\u00fcckgegriffen werden. Die zugrundeliegende Theorie ist nicht so wichtig, bedeutend ist, ob eine staatlich verfa\u00dfte Gesellschaft den &#8222;take off&#8220; zu einer industriellen Dienstleistungsgesellschaft geschafft hat oder nicht. Da\u00df solch ein &#8222;take off&#8220; nicht ohne Gewalt und Ausbeutung vonstatten geht, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht kann gesagt werden, da\u00df Deutschland diesen \u00dcbergang schon im ausgehenden letzten Jahrhundert vollzogen hat &#8211; und vielleicht war das autorit\u00e4r verfa\u00dfte Bismarckreich eine Bedingung daf\u00fcr -, w\u00e4hrend der Staat Jugoslawien in seinen zwei Spielarten K\u00f6nigreich (1918-41) und Titoismus (1945-1991) diesen \u00dcbergang im Grunde nie wirklich vollzogen hat.<\/p>\n<p>Um letztere Behauptung anhand der fallspezifischen Untersuchung von Ernst Lohoff f\u00fcr Jugoslawien ((1)) zu erl\u00e4utern: Lohoff sieht in den osteurop\u00e4ischen Staatskapitalismen nur alternative Modernisierungsversuche im Vergleich zu den westeurop\u00e4ischen Kapitalismen. Im Falle des titoistischen Modernisierungsversuches mu\u00dfte der &#8222;take off&#8220; nach Lohoff sehr fr\u00fch scheitern, weil Tito angesichts der kleinparzelligen Agrarstruktur Jugoslawiens auf gro\u00dfr\u00e4umige Zwangskollektivierungen nach sowjetischem Muster im wesentlichen verzichtete. Damit sei einerseits auf einen ungeheuren Gewaltakt verzichtet worden, f\u00fcr eine programmatische Industrialisierung Jugoslawiens seien allerdings auch keine l\u00e4ndlichen Arbeitskr\u00e4fte freigesetzt worden. Die zweite Ursache des Scheiterns einer Modernisierung in Jugoslawien sieht Lohoff in der sich gegenseitig schw\u00e4chenden Dreierkonstellation einer \u00d6konomie der Selbstverwaltung, der Parteiherrschaft und planwirtschaftlichen Rahmensetzung und einer zunehmenden Zulassung kapitalistischer Marktmechanismen. Weil sich in dieser von gesamtgesellschaftlichen Entscheidungskompetenzen abgekoppelten &#8222;Selbstverwaltung&#8220; ein reiner Betriebsegoismus breitmachte, sind die betrieblichen Gewinne und zugeteilten Kredite eher vor Ort konsumiert worden, als da\u00df Betriebsgewinne abgef\u00fchrt worden w\u00e4ren und die Investitionsmasse f\u00fcr die Industrialisierung gebildet h\u00e4tten. Ergebnis waren eine Staatsverschuldung, die durch fr\u00fche Inanspruchnahme westlicher Kredite m\u00fchsam bis zum Tode Titos (1980) kaschiert werden konnte, und die Verst\u00e4rkung der bereits seit Habsburger Zeiten vorhandenen regionalen Diskrepanzen zwischen relativ industrialisierten Republiken im Norden (Slowenien, Kroatien) und armen, l\u00e4ndlichen Republiken und Gebieten im S\u00fcden (Serbien, Kosovo, Montenegro, Mazedonien). Die in den 80er Jahren entstehenden Nationalismen innerhalb Jugoslawiens erkl\u00e4rt Lohoff damit, da\u00df die n\u00f6rdlichen Republiken angesichts inflation\u00e4rer Tendenzen nicht mehr willens waren, die Investitionsruinen Serbiens, des Kosovo usw. zu finanzieren, w\u00e4hrend Serbien &#8211; mit Blick auf die Verfassung von 1974, die den Republiken mehr Macht gab &#8211; darin eine Entmachtung und Unterdr\u00fcckung der Stellung Serbiens innerhalb Jugoslawiens erblickte. Die Aufhebung der Autonomie des Kosovo 1989 brachte Serbien Stimmen im Republikrat und sollte diese Entmachtung gerader\u00fccken. So trieben sich die Nationalismen gegenseitig zur inneren Zerst\u00f6rung Jugoslawiens, zu neuen Nationalstaaten und in den Krieg.<\/p>\n<p>Anders Deutschland im 20. Jahrhundert: der \u00dcbergang zur Moderne, zur Industriegesellschaft war bereits vollzogen. Die Gesellschaft verkehrte warenf\u00f6rmig, war durchkapitalisiert. Die staatliche B\u00fcrokratie erfa\u00dfte die letzte Ecke des Landes. Der darauf basierende moderne deutsche Nationalismus im 20. Jahrhundert war ein Mobilisierungsnationalismus nach innen und ein imperialistischer Nationalismus mit Weltmachtanspr\u00fcchen nach au\u00dfen &#8211; beides zusammen so verheerend wie nichts, was dieses Jahrhundert sonst hervorgebracht hat. Jedenfalls konnte der moderne deutsche Nationalismus die ganze Gesellschaft f\u00fcr den Krieg mobilisieren, die Wehrpflicht wurde vollst\u00e4ndig durchgesetzt. Die verlorenen Kriege haben der Modernit\u00e4t Deutschlands nicht wirklich geschadet. Das moderne Deutschland konnte sich noch jedes Mal neu berappeln. Die Teilung nach 1945 war jedoch eine reale Machtbeschneidung.<\/p>\n<h3>Postmoderner Nationalismus versus vormoderner Nationalismus<\/h3>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte des Jahrhunderts setzte nun eine widerspr\u00fcchliche Entwicklung ein: das moderne Deutschland schlitterte einerseits ab Ende der 70er Jahre mit in die strukturelle, \u00f6kologische und sozialstaatliche Krise des globalen Kapitalismus. Hirsch\/Roth machen zu dieser Zeit den \u00dcbergang von Fordismus (Massenkonsum, Sozialstaat) zu Postfordismus (Marginalisierung, Sozialstaatabbau) fest. Es begann die bis heute zunehmende Phobie deutscher Wohlstandsb\u00fcrgerInnen, Armut und ungesch\u00fctzte Besch\u00e4ftigung wie in der sogenannten &#8222;Dritten Welt&#8220; k\u00e4men langsam wieder in die Metropolen zur\u00fcck. Andererseits fiel nur 10 Jahre sp\u00e4ter via Sturz des Staatskapitalismus die DDR-Konkursmasse an die BRD und setzte Deutschland erneut in den Stand einer \u00f6konomischen Weltmacht. Die 90er Jahre wurden damit verbracht, dieser Weltmacht eine Bundeswehr an die Hand zu geben, die ohne inneren Widerstand wieder weltweit einsatzf\u00e4hig wird. Au\u00dfenpolitisch wurde mit der Anerkennungspolitik f\u00fcr Kroatien und Slowenien bereits gezeigt, da\u00df mit der neuen Weltmachtrolle auch \u00f6konomische Einflu\u00dfsph\u00e4ren verfolgt werden. Die deutsche \u00d6konomie ist nach wie vor expansiv: Auch in Bosnien und in Serbien 1994 wurde bei W\u00e4hrungsreformen die Landesw\u00e4hrung an die Parallelw\u00e4hrung D-Mark gekoppelt.<\/p>\n<p>Nach Lohoff ist der industrielle take off nie gelungen, Serbien wie auch der Kosovo sind heute sogenannte &#8222;Modernisierungsruinen&#8220; und fallen in die Vormoderne zur\u00fcck. Die Realeinkommen gingen in den 80er Jahren und ganz besonders nach Kriegsbeginn 1991 drastisch zur\u00fcck, der Schuldendienst fra\u00df alle Devisen, das \u00dcberleben konnte durch Lohnarbeit nicht mehr gesichert werden. Es folgte der R\u00fcckgriff auf alle Arten von Schattenwirtschaft, Subsistenz\u00f6konomie, Schmuggelwirtschaft (Drogen, Zigaretten usw.). Die jugoslawische Armee ver\u00f6ffentlichte schon Ende der 80er Jahre, da\u00df 40 % des ben\u00f6tigten Gem\u00fcses f\u00fcr die Soldaten aus kaserneninternem Gartenanbau bestritten w\u00fcrde. Leider blieb es nicht bei diesen idyllischen Formen der Subsistenz: die freigesetzten Arbeitslosen gingen massenhaft in die Milizen, weil das Sozialsystem zusammengebrochen war. Im Krieg entstand eine von Lohoff sogenannte &#8222;Pl\u00fcnderungswirtschaft&#8220; oder &#8222;Raub\u00f6konomie&#8220;. Diese bedingt eine spezielle Form der Kriegsf\u00fchrung: es gibt keine geregelte Front und kein schnelles Erreichen milit\u00e4rischer Ziele. Vielmehr werden D\u00f6rfer oder St\u00e4dte lange umstellt, um beim Durchlassen von Personen oder Hilfsg\u00fctern Steuern oder Naturalien zu erheben. Nach der nach nationalistischen Kriterien durchgef\u00fchrten Vertreibung wird die Offensive nicht selten gestoppt, um den Ort zun\u00e4chst zu pl\u00fcndern: K\u00fchlschr\u00e4nke, Hifi-Anlagen usw. werden auf LKWs ger\u00e4umt, um die Pl\u00fcnderungswaren an miliznahe Zwischenh\u00e4ndler zu bringen, die sie gewinnbringend verh\u00f6kern. Entweder flie\u00dft das Geld zur\u00fcck an die Soldaten und erzeugt eine hohe Bindung zwischen Kriegsgewinnlern und Milizsoldaten, wobei enorme Brutalit\u00e4t dann von oben gesch\u00fctzt wird (so etwa bei den Arkan-Milizen Serbiens) oder es gibt Kriegsgewinnler bei den Zwischenh\u00e4ndlern, die anstatt durch Steuern und Abgaben ihre Soldaten mit geringen Spenden bei Stange halten wollen (so etwa viele Parlamentsabgeordnete der serbischen Republik Bosniens, was 1993 zur Soldatenmeuterei von Banja Luka und 1995 zu Desertionen und Zwangsrekrutierungen f\u00fchrte). Nur durch die Pl\u00fcnderungs\u00f6konomie ist das lange Hinziehen und der chaotische Verlauf, sind die wechselnden Loyalit\u00e4ten etwa im bosnisch-kroatischen Kriegsverlauf zu erkl\u00e4ren. Vorteile im pl\u00fcnderungs\u00f6konomischen Kriegsverlauf hat immer die milit\u00e4risch offensive Miliz oder Armee. Die anf\u00e4nglich weitgehend aus mafiosen Milizen entstehende bosnische Armee &#8222;verteidigte&#8220; Sarajewo anf\u00e4nglich auch durch Pl\u00fcnderungen in den eigenen Stadtvierteln oder durch Schutzgelderpressungen. Sogar nationalistische Loyalit\u00e4ten k\u00f6nnen aus pl\u00fcnderungs\u00f6konomischen Gr\u00fcnden ge\u00e4ndert werden: In Westbosnien, in der lange von serbischen Milizen umstellten Enklave Bihac wechselte die Loyalit\u00e4t des Milizchefs Fikret Abdic zwischen serbischen und kroatischen Milizen. Abdic unterhielt mit &#8222;Agrokomerc&#8220; einen Konzern und machte Gesch\u00e4fte sowohl mit Kroatien als auch mit bosnischen Serben. Als die bosnisch-muslimische Armee durch US-Hilfe zu Milit\u00e4roffensiven f\u00e4hig war, wurde zuerst Bihac erobert &#8211; gegen den Widerstand Abdic&#8217;s. \u00dcberhaupt ist der Kriegsverlauf im Bosnien-Krieg uneinheitlich und hat die bosnische Armee serbische Gebiete dort zuerst angegriffen, wo noch keine Pl\u00fcnderungen stattgefunden hatten ((2)).<\/p>\n<p>Wer auf die Erfahrungen der bisherigen Kriege blickt, wei\u00df leider nur zu gut, da\u00df Aussagen fl\u00fcchtiger Kosovo-AlbanerInnen, wonach ihnen bei jeder Flucht, bei jedem Kontrollposten Geld abgekn\u00f6pft wird und die Strafe f\u00fcr Nichtbezahlung oft Vergewaltigung oder Mord ist, keineswegs erfunden sind, sondern zum pl\u00fcnderungs\u00f6konomischen Alltag im Krieg geh\u00f6ren. Das bedeutet \u00fcbrigens nicht, da\u00df die U\u00c7K im Falle eigener milit\u00e4rischer Offensiven auch nur irgendwie anders vorgehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Was sich in diesem Krieg in Form des deutschen (und US-) Nationalismus und des serbischen (vice versa des kosovo- albanischen) Nationalismus gegen\u00fcbersteht, ist ein postmoderner und ein vormoderner Nationalismus. Die Ergebnisse sind konvergent, nur die Mittel sind qualitativ verschieden: die deutsche Bombenkriegsf\u00fchrung mittels High-Tech-Flugzeugen und nationalistisch-rassistischer \u00dcberh\u00f6hung der eigenen Soldaten, die im Krieg nicht get\u00f6tet werden sollen, ist klares Kennzeichen einer Kriegsf\u00fchrung der Moderne bzw. Nachmoderne (jedenfalls auf der Basis moderner M\u00f6glichkeiten); die serbisch\/kosovo-albanische Kriegsf\u00fchrung mittels vormoderner Brutalit\u00e4t und beiderseitiger Bereitschaft zu hohem &#8222;Blutzoll&#8220;, wie das genannt wird, ist Kennzeichen vormoderner Kriegsf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Da\u00df weder der deutsche noch der serbische bzw. kosovo-albanische Nationalismus zu genuin &#8222;moderner&#8220; Kriegsf\u00fchrung greifen, beweist zweierlei: weder im einen noch im anderen Fall wird die ganze Gesellschaft f\u00fcr den Krieg mobilisiert, wie das f\u00fcr die moderne Kriegsf\u00fchrung der vom deutschen modernen Nationalismus angezettelten Kriege im 20. Jahrhundert typisch war. Die deutsche Kriegsf\u00fchrung gegen Jugoslawien basiert auf der Aufteilung der neuen Bundeswehr in Wehrpflichtigen-Verteidigungskr\u00e4fte und Berufssoldaten- Eingreiftruppen. Das &#8222;Hinterland&#8220;, die bundesrepublikanische Gesellschaft im Innern, wird keineswegs vollst\u00e4ndig in den Krieg eingebunden, sondern soll geradezu &#8222;zivilgesellschaftlich&#8220; &#8211; als wenn nichts geschehen w\u00e4re &#8211; weiter funktionieren. Das steht im Gegensatz zur modernen Kriegsf\u00fchrung und ist typisch f\u00fcr postmoderne Formen des Krieges, mit denen KriegsgegnerInnen in Zukunft immer wieder konfrontiert werden. Hierzu geh\u00f6rt, da\u00df Aufrufe zur Desertion so lange scheitern werden wie sie die postmoderne Wandlung zum Berufsheer und die \u00dcberfl\u00fcssigkeit der Wehrpflichtigen f\u00fcr die Kriegsf\u00fchrung nicht reflektieren. Aber auch in Serbien wird keineswegs die ganze Gesellschaft f\u00fcr den Krieg mobilisiert. Nach Lohoff ist die pl\u00fcnderungs\u00f6konomische Grundlage viel zu prek\u00e4r dazu: wo gute Bezahlung und sozialstaatliche Absicherung und Versorgung der Familien von regul\u00e4ren Soldaten kaum gew\u00e4hrleistet werden k\u00f6nnen, wie heute in der jugoslawischen Armee, ist weder die Motivation in der Armee durchg\u00e4ngig vorhanden, noch ist die fl\u00e4chendeckende Rekrutierung im ganzen Land ohne Probleme m\u00f6glich. Nationale Minderheiten wie die Muslime oder die Ungarn verweigern kollektiv, Soldatenm\u00fctter rufen ihre S\u00f6hne heim &#8211; auch weil sie sie f\u00fcr ihre Subsistenzwirtschaft brauchen. Der Krieg ist deswegen nicht weniger brutal, denn tendenziell bestimmen Milizen und nicht disziplinierte, regul\u00e4re, moderne Armeen den Kriegsverlauf. Die Chancen, da\u00df Desertionen trotzdem zum sozialen Machtfaktor im Krieg werden, sind hier jedoch ungleich gr\u00f6\u00dfer als in der postmodernen Kriegsf\u00fchrung: wenn Milizsoldaten das Gef\u00fchl haben, sie bekommen vom Kuchen nichts ab und werden von Kriegsgewinnlern um ihr Raubgut gebracht, ist die Motivlage f\u00fcr Meuterei und Desertion da. Auch sinkt die Kriegsmotivation bei milit\u00e4rischen Pattsituationen oder der Aussicht, da\u00df sich der Rahmen f\u00fcr den Pl\u00fcnderungskrieg nicht mehr weiter ausdehnen l\u00e4\u00dft. Im Gegenzug ergibt sich &#8211; wie schon am Ende des Bosnien-Krieges 1995 bei der durch den Westen aufger\u00fcsteten kroatischen Armee &#8211; in solchen Situation die Gefahr eines Rachefeldzuges etwa der dann ebenfalls vom Westen aufger\u00fcsteten U\u00c7K.<\/p>\n<h3>Albanien, die U\u00c7K und deutsche Interessen<\/h3>\n<p>Kurz m\u00f6chte ich auf zwei Thesen \u00fcber das deutsche Interesse und die deutsche Strategie innerhalb der NATO beim Jugoslawien\/Kosovo-Krieg eingehen. Von antiimperialistischen Kreisen, aber auch vom &#8222;Konkret&#8220;-Autor J\u00fcrgen Els\u00e4sser wird die These vertreten, die deutsche Regierung habe das Interesse, \u00fcber seinen Geheimdienst BND und albanische Verbindungsstellen um die fr\u00fchere Berisha-Regierung (1992-1997) die U\u00c7K zu finanzieren und mit Waffen zu versorgen, um Jugoslawien zu destabilisieren. Strategisches Ziel der BRD sei dabei, da\u00df Bonn bzw. Berlin in \u00dcbereinstimmung mit den fr\u00fcheren Kriegszielen der Nazis &#8222;seinen &#8218;Lebensraum&#8216; auf den Balkan&#8220; ausdehnen wolle, zumindest wirtschaftlich. Da\u00df die mit der BRD befreundeten L\u00e4nder von Kroatien bis Albanien dieselben sind wie damals bei den Nazis, und da\u00df Serbien ebenso heute wie damals der Feind ist, k\u00f6nne kein Zufall sein. Unter italienisch-faschistischer und ab 1943 deutscher Besatzung war damals Albanien mit dem Kosovo zusammengeschlossen worden. Mit Bezug auf die Organisation &#8222;Geopolitical Drug Watch&#8220; sollen sowohl die BRD als auch die USA auch heute auf die Schaffung eines Gro\u00dfalbanien hinsteuern ((3)).<\/p>\n<p>Nach dieser These ist es kein Zufall, da\u00df die Guerilla U\u00c7K in den deutschen Medien seit zwei Jahren so positiv dargestellt wird. 75 % des nach Westeuropa gelangenden Heroins kommt aus der T\u00fcrkei, wovon ein Gro\u00dfteil durch den Balkan transportiert werde. Des weiteren machen die kosovo-albanischen Fl\u00fcchtlinge nach BKA-Angaben inzwischen die st\u00e4rkste Gruppe beim Vertrieb von Heroin in westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern aus. Die Gewinne aus dem albanischen Drogenhandel w\u00fcrden entweder direkt \u00fcber Banken oder mit der Mafia in Verbindung stehende Finanzinstitutionen &#8222;gewaschen&#8220; und wandern \u00fcber Entwicklungsinvestitionen nach Albanien oder direkt zur Finanzierung von Waffenk\u00e4ufen der U\u00c7K. 1992-1997 hat die Berisha-Regierung in Albanien f\u00fcr ihren ultraliberalen Privatisierungskurs viele Investitionen von deutschen und italienischen Geldgebern, angeblich auch aus der italienischen Drogenmafia, erhalten. Damit habe Berisha seine &#8222;Pyramidenfirmen&#8220; (Investmentfonds zum \u00d6l-, Drogen-, Waffen- und Prositutionshandel) geschaffen, die zudem vom bis 1996 dauernden Embargo gegen Jugoslawien und vom \u00f6konomischen Kollaps im Kosovo 1990 (mit bis zu 60% Arbeitslosen) profitierten. Aus Deutschland hatten Adenauer-Stifung und Preussag in Albanien investiert, \u00d6lgesellschaften wie Shell und BP spekulierten auf unerforschte albanische \u00d6lvorr\u00e4te. Nach Angaben der englischen Wochenzeitung &#8222;The European&#8220; vom Sept. 1998 (dokumentiert auch in einer ARD-Monitor-Sendung vom gleichen Monat) arbeitete der BND \u00fcber den albanischen Geheimdienst sehr fr\u00fch bei Ausbildung, Ausr\u00fcstung und Bewaffnung der U\u00c7K zusammen. Dar\u00fcber sei es sogar zu Differenzen mit dem CIA gekommen. Gegen die gr\u00f6\u00dfte Berisha-Pyramide VEFA wurde 1997 in Italien ein Verfahren wegen Verbindungen zur italienischen Mafia gef\u00fchrt ((4)).<\/p>\n<p>Auch liberale Albanien-Autoren wie Peter Schubert sprechen von offizieller BRD-Entwicklungshilfe f\u00fcr Berisha in H\u00f6he von 300 Mio. DM seit 1990, mehr als jedes osteurop\u00e4ische Land in dieser Zeit an Bonner Mitteln erhalten habe. Noch 1996 sei ein 87-Mio.-Projekt zur technischen Aufr\u00fcstung des Flughafens Tirana unterzeichnet worden. Hinzu kommt die Eingliederung einer Gruppe von 40 albanischen Milit\u00e4rs in das deutsche IFOR- Kontingent als Beginn enger Milit\u00e4rkooperation ((5)).<\/p>\n<p>Der Schmuggel nach Jugoslawien \u00fcber die Berisha-Pyramiden und die offiziellen Investitionserwartungen brachen 1997 zusammen, als infolge des Dayton-Abkommens das Embargo gegen Jugoslawien wegfiel und die Importe wieder legal &#8211; und damit an Berisha vorbei &#8211; abgewickelt werden konnten. Das Pyramiden-System kollabierte, es gab die albanische Revolte 1997. Die Bundeswehr holte in ihrer Finanzierungsruine Flughafen Tirana mit ihrer ersten Milit\u00e4raktion out-of-area deutsche Botschaftsangeh\u00f6rige raus &#8211; wir erinnern uns an diesen dreisten Akt. Doch Berisha konnte sich im Norden Albaniens halten und finanziert dort weiterhin den Aufbau der U\u00c7K &#8211; so die Gesamtargumentation dieser, sagen wir mal verk\u00fcrzt &#8222;Drogenthese&#8220;.<\/p>\n<p>Unter denjenigen, die dieser Drogenthese anh\u00e4ngen, gibt es unterschiedliche Ausrichtungen: w\u00e4hrend der Antinationalist Els\u00e4sser die Unterst\u00fctzung der CIA f\u00fcr die U\u00c7K herunterh\u00e4ngt oder gar bestreitet und alle Schuld der BRD gibt, die somit die USA quasi in diesen Krieg hineingezwungen habe, vertreten klassische AntiimperialistInnen im Gegensatz dazu die These, da\u00df die Drogenmafia sehr wohl im Sinne der US- Regierung gearbeitet habe. Daf\u00fcr spr\u00e4chen Gelder, die die U\u00c7K direkt von der CIA \u00fcber das Genfer Kosovo-B\u00fcro erhalte. Daf\u00fcr spr\u00e4chen auch elektronische Ausr\u00fcstungen der U\u00c7K, mit der sie serbische Truppenbewegungen \u00fcber NATO-Satelliten beobachten k\u00f6nne und umgekehrt Objekte f\u00fcr Luftangriffe bezeichnen k\u00f6nne. Au\u00dferdem ist das Diktat von Rambouillet und die Aufwertung der U\u00c7K dort eindeutig von US-Strategen formuliert worden, der deutsche Einflu\u00df darauf war relativ gering.<\/p>\n<p>An dieser Drogenthese ist bestimmt nicht alles falsch. Im Kosovo nach 1990 und in Albanien 1997 sind infolge einer prokapitalistischen Crashkurs-Liberalisierung ganze \u00d6konomien zusammengebrochen. Im Strudel der ruckartig einsetzenden Massenarbeitslosigkeit gibt es sicher gro\u00dfe Sektoren einer Untergrund\u00f6konomie, die mafia\u00e4hnliche Z\u00fcge tr\u00e4gt. Im \u00fcbrigen pa\u00dft dieser Ansatz gut ins Bild der binnenkriegerischen, pl\u00fcnderungs\u00f6konomischen Strukturen, die sich schon im Bosnien-Krieg zeigten. Andererseits sind bis auf den ARD-Monitor-Beitrag, wonach milit\u00e4rische Ausr\u00fcstung im Wert von zwei Mio. DM nach Albanien und von dort an die U\u00c7K gelangt seien, die Quellen f\u00fcr diese These, zumal sie ins Geheimdienstmilieu f\u00fchren, kaum nachpr\u00fcfbar und leicht verschw\u00f6rungstheoretisch interpretierbar. Der These der Berisha-Connection widerspricht auch die Tatsache, da\u00df acht von zw\u00f6lf Untergrundorganisationen der Kosovo-AlbanerInnen der 90er Jahre, die in der U\u00c7K aufgegangen sind (aktiv ist die U\u00c7K erst ab Mitte &#8217;97), maoistischen Ursprungs sind und damit mit Liberalisierungsgewinnlern wie Berisha sicherlich einige Schwierigkeiten h\u00e4tten. Es war schlie\u00dflich Rugovas LDK, die lange Zeit die besten Kontakte zu Berisha hatte. Au\u00dferdem mu\u00df ber\u00fccksichtigt werden, da\u00df die Massenunterst\u00fctzung f\u00fcr die Guerilla erst nach dem Dayton-Abkommen einsetzte, wo bewaffnete Politik belohnt worden war und die kosovo-albanischen Forderungen leer ausgingen, was zum Scheitern der gewaltfreien Strategie Rugovas beitrug. Ohne Massenunterst\u00fctzung w\u00e4re aber die ganze bewaffnete U\u00c7K ein Papiertiger geblieben. Hinzu kommt, da\u00df der Hauptanteil ihrer Bewaffnung sicherlich aus einer Selbstbedienung im Anschlu\u00df an die Pl\u00fcnderung der Waffenlager nach dem albanischen Aufstand 1997 herr\u00fchrt.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sind kosovo-albanische Fl\u00fcchtlinge in der BRD von BKA und offizieller Seite noch bis 1998 als illegale Drogendealer rassistisch diskriminiert und zur Abschiebung vorbereitet und abgeurteilt worden, wie etwa auch illegale Fl\u00fcchtlinge aus z.B. afrikanischen L\u00e4ndern. Die Drogenthese nimmt nicht nur die BKA-Berichte diffamierend f\u00fcr bare M\u00fcnze, sondern reproduziert diese Rassismen noch.<\/p>\n<p>F\u00fcr noch immer plausibler als die These handfester deutscher \u00f6konomischer Interessen angesichts des gescheiterten Berisha-Imperiums halte ich die These, da\u00df es der BRD nicht platt um neuen &#8222;Lebensraum&#8220; auf dem Balkan geht, sondern zun\u00e4chst um eine Etablierung als ordnungspolitische Macht in dieser Region. Zur ordnungspolitischen Funktion eines BRD-Interesses z\u00e4hlt vor allem die Verhinderung neuer Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me in die BRD. Nachdem trotz des gewaltlosen Widerstands der LDK um Rugova in den 90er Jahren ca. 200.000 kosovo-albanische Fl\u00fcchtlinge in die BRD gekommen sind, k\u00f6nnen die Aufr\u00fcstung der U\u00c7K und die BRD-Beteiligung an den Bombardements auf Jugoslawien als Versuche gedeutet werden, neue Fl\u00fcchtlingswellen zu verhindern. Da\u00df genau das Gegenteil eingetreten ist, z\u00e4hlt wiederum zu den unvorhergesehenen Folgen auch der deutschen Allmachtsvisionen in der Weltpolitik.<\/p>\n<p>Somit ergibt sich eine weitere Konvergenz des deutschen postmodernen Nationalismus mit dem serbisch vormodernen Nationalismus: das Ziel ist die rassistische Schaffung &#8222;ethnisch&#8220;-sauberer Gebiete. Nur die Mittel sind unterschiedlich: brutale Vertreibung mittels vormoderner Kriegsf\u00fchrung auf serbisch-nationalistischer Seite, modern-polizeiliche Abschiebepolitik in Verbindung mit modernster Kriegsf\u00fchrung zur Eroberung von Territorien f\u00fcr die Wiederansiedlung vertriebener Fl\u00fcchtlinge und zur Verhinderung neuer Fl\u00fcchtlingswellen in die BRD auf Seiten des deutschen Nationalismus. Zynisch und brutal ist der eine wie der andere Nationalismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die Triebkr\u00e4fte dieses Nationalismus auf deutscher, serbischer und albanischer Seite einsch\u00e4tzen will, mu\u00df sich \u00fcber die unterschiedlichen Voraussetzungen und Strukturen des Nationalismus klar sein. Moderne und zwei Formen des Nationalismus Im folgenden soll Modernisierung im Anschlu\u00df an die Theorieans\u00e4tze der N\u00fcrnberger Krisis-Gruppe (Robert Kurz, Ernst Lohoff usw.) als historischer \u00dcbergang von einer agrarisch strukturierten, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/06\/moderne-nationalismus-und-krieg\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Moderne, Nationalismus und Krieg - graswurzelrevolution","description":"Wer die Triebkr\u00e4fte dieses Nationalismus auf deutscher, serbischer und albanischer Seite einsch\u00e4tzen will, mu\u00df sich \u00fcber die unterschiedlichen Voraussetzungen u"},"footnotes":""},"categories":[172,1025],"tags":[],"class_list":["post-2765","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-240-sommer-1999","category-die-waffen-nieder"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2765","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2765"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2765\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2765"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2765"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2765"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}