{"id":2830,"date":"1999-09-01T00:00:22","date_gmt":"1999-08-31T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2830"},"modified":"2022-07-26T14:17:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:00","slug":"nehmen-wir-einmal-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/09\/nehmen-wir-einmal-an\/","title":{"rendered":"Nehmen wir einmal an&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Nehmen wir einmal an, ich habe eine Liebesbeziehung mit Astrid. Vielleicht seit so ein bis zwei Jahren. Wir wohnen nicht zusammen, weil jede ihren Freiraum und die R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeit sch\u00e4tzt und glaubt, da\u00df das der Beziehung besser tut als zusammenzuwohnen. Jede hat ihren eigenen Freundinnenkreis und wir kletten nur selten symbiotisch aneinander, weil wir glauben, da\u00df selbst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeiten beziehungsf\u00e4higer sind.<\/p>\n<p>Nehmen wir zus\u00e4tzlich an, da\u00df unser beider Freiheitsdrang so ausgepr\u00e4gt ist, da\u00df wir vielleicht sogar eine &#8222;offene&#8220; Beziehung vereinbart haben. Allerdings sind wir noch nicht so lange zusammen, da\u00df sich ein ernsthafter Testfall ergeben h\u00e4tte. Sex haben wir also bislang nur miteinander gehabt; die Beziehung ist eher theoretisch offen als praktisch.<\/p>\n<p>Nehmen wir des weiteren an, da\u00df wir beide ziemlich zufrieden sind mit diesem Arrangement und im gro\u00dfen und ganzen unsere wichtigsten Bed\u00fcrfnisse in dieser Beziehung erf\u00fcllt werden. Wir k\u00f6nnen uns lieben, wir k\u00f6nnen uns streiten, wir k\u00f6nnen uns wiedervert\u00f6chtern. Wir k\u00f6nnen uns einig und uneinig sein, uns zusammen oder getrennt engagieren, sogar zusammen an Projekten arbeiten. Gemeinsame Wege gehen, eigene Wege gehen, in wohltuender Balance.<\/p>\n<p>Alles entwickelt sich sehr vielversprechend bis zum Tag X, an dem der Testfall eintritt. Ich beginne eine Liebesbeziehung mit Birgit. Diesmal nicht nur theoretisch, sondern durch und durch praktisch. Was wird wohl passieren?<\/p>\n<p>Ja, genau! Astrid flippt aus. Aber warum?<\/p>\n<p>&#8222;Ist doch logisch,&#8220; wirst du sagen, &#8222;du hast sie betrogen.&#8220; &#8211; &#8222;Nein,&#8220; antworte ich, &#8222;habe ich nicht. Ich habe mich genau an unsere Vereinbarung gehalten. Also habe ich sie weder angelogen noch ihr etwas vorgemacht, sondern bin der Basis unserer Beziehung treu geblieben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Naja, dann halt nicht betrogen,&#8220; wirst du einwerfen, &#8222;aber sie ist eben eifers\u00fcchtig. Ist doch logisch!&#8220; &#8211; &#8222;Wieso?&#8220; &#8211; &#8222;Na, sie dachte halt erst, da\u00df sie das kann, mit offener Beziehung und so, und hat dann gemerkt, da\u00df sie das doch nicht packt. Ist doch verst\u00e4ndlich! Ist doch ganz normal!&#8220; &#8211; So, findest du? Ich verstehs nicht. Und \u00fcberhaupt, was ist das f\u00fcr eine sonderbare Normalit\u00e4t?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und au\u00dferdem,&#8220; setzt du noch eins drauf, &#8222;du hast ja leicht reden! Was h\u00e4ttest duu denn gemacht, wenn Astrid ein Techtelmechtel angefangen h\u00e4tte, hm?!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Mich f\u00fcr sie gefreut.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Glaube ich nicht!&#8220;<\/p>\n<p>Was sind das f\u00fcr eigenartige Spielregeln, nach denen Beziehung, nach denen Eifersucht funktioniert, und denen sich so viele so widerstandslos unterordnen?<\/p>\n<h3>Die Treue als Liebesbeweis<\/h3>\n<p>Sexualit\u00e4t als das intimste N\u00e4heerlebnis zwischen zwei Frauen (bzw. Menschen) soll noch aufgewertet werden durch den Status des Besonderen und der Einzigartigkeit.<\/p>\n<p><em>Mit keiner anderen sollst du dieses sch\u00f6ne Erlebnis teilen,<\/em>so lautet Gebot Nr. 1. Liebe ist nur echte und wahre Liebe, wenn sie exklusiv ist &#8211; wenigstens in ihrem k\u00f6rperlichen Ausdruck (platonische Freundinnen sind erlaubt!). Aber warum?<\/p>\n<p>Hat es Liebe n\u00f6tig, aufgewertet zu werden? Kann sie nicht f\u00fcr sich selbst stehen, genauso wie die Sch\u00f6nheit erotischer Zweisamkeit? Warum soll sie erst durch diese Exklusivit\u00e4t zur echten Liebe werden? Welch ein Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber einem unserer grundlegendsten Gef\u00fchle, dieser elementaren Sehnsucht und Antriebskraft!<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hat die Exklusivit\u00e4t ihren Preis. Sie kann nur unter Aufgabe eines Teils meiner Selbst gelebt werden. Ich mu\u00df mir erotische Gef\u00fchle zu anderen Frauen verkneifen, oder zumindest deren Ausdruck. Ich mu\u00df mich selbst beschneiden, zensieren, unterdr\u00fccken. Au\u00dfer ich habe keine erotischen Gef\u00fchle zu anderen &#8211; in dem Fall kommt die &#8222;Treue&#8220; ganz nat\u00fcrlich wie von selbst und ist v\u00f6llig in Ordnung. Aber das ist meist nur ein vor\u00fcbergehender Zustand. Um meine Liebe (zu einer) zu leben, soll ich meine Liebe (zu anderen) verdr\u00e4ngen, verhindern, abw\u00fcrgen, einschr\u00e4nken, kanalisieren, sublimieren&#8230; m\u00fcssen? Meine Liebesf\u00e4higkeit beschneiden, um sie leben zu k\u00f6nnen? Was f\u00fcr eine Unlogik!<\/p>\n<p>Es ist wie auf dem Warenmarkt: f\u00fcr Exklusivit\u00e4t zahle ich einen hohen Preis. Erst dieser Preis macht Liebe wertvoll ?!?<\/p>\n<h3>Mit Treue hinter Schlo\u00df und Riegel<\/h3>\n<p>Gebot Nr. 2 hei\u00dft: mit keiner anderen sollst du diese intime Zweisamkeit erleben, au\u00dfer mit mir; die geh\u00f6rt mir allein! Besitzanspruch. Ein Teil von mir beschlagnahmt. Verhaltensvorschrift: tu das mit keiner anderen!<\/p>\n<p>Wie k\u00e4me ich dazu, einem anderen Menschen eine solche Einmischung in mein Leben zu gestatten? Ist es nicht eigenartig: w\u00fcrde ich im trauten Freundinnenkreis erz\u00e4hlen, &#8222;meine Liebste versucht mir vorzuschreiben, welche Arbeit ich tun, was ich anziehen, was ich essen&#8230; soll,&#8220; so w\u00fcrden alle entsetzt aufschreien ob dieser unversch\u00e4mten Einmischung in mein Leben, in meine Selbstverantwortlichkeit und Privatsph\u00e4re. W\u00fcrde ich hingegen erz\u00e4hlen &#8222;Meine Liebste will nicht, da\u00df ich mit einer anderen Frau schlafe,&#8220; so f\u00e4nden das die meisten wohl v\u00f6llig in Ordnung. Verr\u00fcckte Welt!<\/p>\n<p>Es ist wie auf dem Warenmarkt: Menschen sind Dinge, die besessen werden k\u00f6nnen. Nicht eigenst\u00e4ndige Subjekte mit Menschenw\u00fcrde, die Achtung verdienen.<\/p>\n<h3>Treue als Sicherheitsluftschlo\u00df<\/h3>\n<p>Sexuelle Exklusivit\u00e4t und gegenseitiger Besitzanspruch sollen Sicherheit gew\u00e4hrleisten. Wenn du mir geh\u00f6rst, bleibst du bei mir, bist du mir sicher, l\u00e4ufst du zu keiner anderen davon. Wenn unsere Liebe exklusiv ist, dann ist sie so besonders, da\u00df keine von uns sie leichtfertig aufgeben wird. Je h\u00f6her der Preis, umso sicherer &#8211; Grundregel Nr. 3! Egal, ob wir uns irgendwann an\u00f6den oder auf die Nerven gehen, egal ob wir uns denn noch gut tun &#8211; das ist nicht die Frage. Was z\u00e4hlt, ist einzig die Dauer der Beziehung: die Quantit\u00e4t, nicht die Qualit\u00e4t. Und wenn uns der lesbische Bettentod erwischt, so hei\u00dft es eben leiden, leiden, leiden, wenn ich die Sicherheit nicht verlieren will. Ob unsere Beziehung aberwitzigerweise zuletzt genau daran zerbricht, am Leiden der Sexlosigkeit, spielt keine Rolle. Hauptsache treu geblieben! Wenigstens dir, wenn schon nicht mir selbst.<\/p>\n<p>Es ist wie auf dem Warenmarkt: wof\u00fcr ich bezahlt habe, das geh\u00f6rt mir, das ist mir sicher, das kann mir niemand mehr wegnehmen. Egal wie hoch der Preis. Egal, ob das, was ich gekauft habe (die Katze im Sack?), \u00fcberhaupt das ist, was ich will. Hauptsache HABEN.<\/p>\n<h3>Treue als Sieg \u00fcber die Konkurrenz<\/h3>\n<p>Spielregel Nr. 4 ist besonders eigenartig: die \u00dcbertragung bestimmter Erlebnisse von einer auf eine ganz andere Beziehung, die damit nichts zu tun hat. Wenn ich mit Birgit schlafe, f\u00fchlt Astrid sich abgewertet. Meine Liebe kommt ihr besudelt vor. Sie macht wahlweise mich oder sich selbst herunter.<\/p>\n<p>Hielte ich mit Birgit ein Festmahl, w\u00fcrde dann Astrid wohl empfinden, da\u00df ich ihre Kochk\u00fcnste mi\u00dfachte? Ginge ich mit Birgit ins Kino, w\u00fcrde Astrid sich dann weigern, mit mir noch einmal im Leben fernzusehen? K\u00f6nnte Birgit gut massieren, w\u00fcrde Astrid mir dann vorwerfen, ihre Z\u00e4rtlichkeit nicht zu sch\u00e4tzen zu wissen? H\u00f6chstens im Endstadium krankhafter Eifersucht &#8211; aber \u00fcblicherweise doch eher nicht!<\/p>\n<p>Warum wird beim Sex sofort verglichen, gewertet, \u00fcbertragen, gewogen und hierarchisiert? Warum mu\u00df sofort Sex mit einer besser oder schlechter sein als mit einer anderen? Warum kann es nicht gleichwertig sein, unterschiedlich, unvergleichbar, ungewertet? So jedenfalls empfinde ich. Und was hat meine sexuelle Begegnung mit Birgit \u00fcberhaupt mit Astrid zu tun? Eigentlich erstmal nichts.<\/p>\n<p>Oh, nat\u00fcrlich kenne ich den Proteststurm der Ungl\u00e4ubigen, die an dieser Stelle rufen: Da machst du dir was vor! Das ist Flucht vor N\u00e4he! Bestimmt willst du Astrid unbewu\u00dft etwas heimzahlen! Du agierst Probleme in eurer Beziehung auf der sexuellen Ebene aus! In Wirklichkeit bist du beziehungsunf\u00e4hig! Und \u00fcberhaupt: wie war deine Mutterbeziehung?<\/p>\n<p>Seltsamerweise fragen sich diese Ungl\u00e4ubigen nie, welcher unterbewu\u00dfte Masochismus sie zum klaglosen Erleiden einer sexlosen Langzeitbeziehung treibt; welche Vertrauens- und Liebesunf\u00e4higkeit sie eher auf ein verbales oder gar schriftlich besiegeltes Treueversprechen bauen l\u00e4\u00dft als auf lebendige Zuneigung zwischen zwei Frauen; welche Kontaktunf\u00e4higkeit sie dazu bringt, sich um jeden Preis an eine einzige Frau zu klammern; und wie \u00fcberhaupt ihre Vaterbeziehung war.<\/p>\n<p>Ja, es ist wahr, was Louise Aston schon vor \u00fcber einem Jahrhundert schrieb: Wahre Liebe, eine Liebe in W\u00fcrde, braucht Freiheit. Aber Liebe in Freiheit setzt einiges voraus: Vertrauen statt Besitz und Kontrolle. Selbstvertrauen statt Eifersucht. Solidarit\u00e4t statt Konkurrenz.<\/p>\n<p>Jedoch, was haben wir gelernt? Wir Kinder einer Warengesellschaft, in der mit allem gehandelt wird, einschlie\u00dflich menschlicher Gef\u00fchle. Wir T\u00f6chter eines Patriarchats, das unsere Selbstachtung untergr\u00e4bt. Was haben wir gelernt?<\/p>\n<p>Menschenhandel statt Zuneigung. Besitz statt Vertrauen. Ellenbogenkampf und Konkurrenz, jede f\u00fcr sich und alle gegen mich. So vergiftet der Kapitalismus unsere Liebe. L\u00e4\u00dft du dir das gefallen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nehmen wir einmal an, ich habe eine Liebesbeziehung mit Astrid. Vielleicht seit so ein bis zwei Jahren. Wir wohnen nicht zusammen, weil jede ihren Freiraum und die R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeit sch\u00e4tzt und glaubt, da\u00df das der Beziehung besser tut als zusammenzuwohnen. 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