{"id":2844,"date":"1999-09-01T00:00:35","date_gmt":"1999-08-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2844"},"modified":"2022-07-26T14:17:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:00","slug":"revolution-oder-platzregen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/09\/revolution-oder-platzregen\/","title":{"rendered":"Revolution oder Platzregen?"},"content":{"rendered":"<p>Christliche Idealvorstellungen mit sozialistischen Ideen verbinden &#8211; waren das nicht schlechthin die idealen Intentionen einer Demokratie? Ist das nicht selbstverst\u00e4ndlich, wenn sich Menschen mit ethischer, moralischer, kultureller Bildung um ein Miteinander bem\u00fchen, das allen Identit\u00e4t und bewu\u00dftes Dasein erm\u00f6glicht? Bedarf es dazu in unserem fortgeschrittenen Zeitalter einer Revolution?<\/p>\n<p>Es gab eine Zeit im Osten Deutschlands, die auf diese Fragen t\u00e4glich Antworten gab. Menschen mit christlichen Idealvorstellungen und sozialistischen Ideen forderten diese Antworten heraus &#8211; mit ihrem pers\u00f6nlichen Einsatz, mit ihrem Mut, ihren \u00c4ngsten, ihrer Intelligenz. Und die Antworten wurden immer schwieriger, problematischer, gef\u00e4hrlicher. Ja, es bedarf einer Revolution &#8211; einer Revolution ohne historisches Beispiel, die jedermanns Lebensqualit\u00e4t das Wort spricht ohne vordergr\u00fcndige Machtanspr\u00fcche, einer Revolution ohne Blut und Tod, ohne Fenstersturz und Angstgeschrei!<\/p>\n<p>Das Land sollte bleiben, die Menschen sollten bleiben und sich entfalten d\u00fcrfen, Individualit\u00e4t sollte Platz bekommen, Gerechtigkeit sollte \u00fcber allem walten. Gerechtigkeit und Ehrlichkeit &#8211; diese Begriffe dominierten die Ideen der Menschen f\u00fcr Ver\u00e4nderung in jener Zeit im Osten Deutschlands, die t\u00e4glich ihre Antworten gab.<\/p>\n<p>Es war eine gute Zeit, aufregend. Die war dr\u00e4ngend unbequem. Wie konnten pl\u00f6tzlich die vielen Ideale, Visionen, W\u00fcnsche \u00f6ffentlich werden? Wie konnte es passieren, da\u00df sich pl\u00f6tzlich so viele Menschen dazu bekannten? Da\u00df sich die Massen fanden und gemeinsam handelten? Da\u00df sie nicht den n\u00e4chstliegenden Weg gingen, den mit historischem Beispiel: Gewalt, Massenwut? Das liegt mehr als zehn Jahre zur\u00fcck.<\/p>\n<h3>Erfurter R\u00fcckblicke<\/h3>\n<p>Eine kleine Gruppe von Menschen sitzt im Sommer 99 in Erfurt beisammen und res\u00fcmiert: Bernd, Knopf, Harald, Carsten, Ilona, Wolfgang, Chris. Andere, die damals mitmachten, fehlen heute. Ihre Gedanken gehen in die Gespr\u00e4che der Gruppe ein &#8211; sie repr\u00e4sentiert jene Kraft und Zuversicht, jenen Optimismus und Aufwind, womit damals in Erfurt der Massenbewegung zu historischer Wirkung verholfen wurde. Es wird wohl niemals ersch\u00f6pfend in Worte zu fassen sein, was diese Menschen damals zu bewegen vermochten. Und es werden immer nur kleine Gruppen sein, die heute dar\u00fcber res\u00fcmieren. Denn sie sind nicht zusammen gewachsen zu einer m\u00e4chtigen Kraft. Sie finden sich heute kaum noch, haben sich verloren in den Str\u00f6men der Zeit, mitgerissen, aktiv und passiv. Ihren Erinnerungen und Erfahrungen ist weniger ein &#8222;heureka&#8220; eigen, als eher ein &#8222;quo vadis&#8220;.<\/p>\n<p>Die &#8222;Offene Arbeit der Evangelischen Kirche&#8220; hat damals den Proze\u00df mit ausgel\u00f6st. Sie war im Zuge ihrer &#8222;ganz normalen Arbeit&#8220; mit den verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen &#8211; vor allem auch mit denen ohne Lobby &#8211; da hineingewachsen. Einem Aufruf von gleichgesinnten &#8222;Freunden der Demokratie&#8220; aus Berlin folgend wurden zur Kommunalwahl im Fr\u00fchjahr &#8217;89 in Erfurt 36 der insgesamt \u00fcber 70 Wahlb\u00fcros \u00fcberpr\u00fcft. Allein dabei wurden mehr Nein-Stimmen festgestellt, als das &#8222;Neue Deutschland&#8220; f\u00fcr die gesamte Stadt offiziell bekanntgab. Der &#8222;Kirchenkreis Erfurt&#8220; hat sich darauf hin entschlossen, mit der Gruppe zusammen zu gehen. Man\/frau erstattete Strafanzeige wegen Wahlbetrugs. Am 40. &#8222;Jahrestag der Republik&#8220;, dem 7.10.89, bot der Kirchenkreis Erfurt einen Gottensdienst in der Kaufmannskirche an, der so stark besucht war, da\u00df er wiederholt werden mu\u00dfte. In diesem Gottesdienst wurde der Gedanke an gemeinsame friedliche Aktionen f\u00fcr Ver\u00e4nderung gest\u00e4rkt. Bereits 14 Tage danach begannen die Demos, die fortan Massen vereinten und das Gef\u00fchl der Kraft der Menge vermittelten. Friedensgebete brachten allw\u00f6chentlich Gleichgesinnte zusammen. Die Kraft wuchs: am 4. Dezember 89 war Erfurt die erste Stadt in der DDR, in der die Bezirkszentrale des &#8222;Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit&#8220; (MfS) besetzt wurde. Abh\u00f6ranlagen wurden demontiert, Akten konfisziert, Waffen gesichert. In der Folge wurden 1900 Leute der Stasi entlassen. Erfurt machte von sich reden. Die Basis war eine Gruppe von ChristInnen und Nicht-ChristInnen, die sich offen engagierte. Schon zu DDR-Zeiten waren diese Leute f\u00fcr ihre kritisch-aufrichtigen Mitspracheversuche bekannt und nicht immer beliebt.<\/p>\n<h3>&#8222;Reinste Anarchie&#8220;<\/h3>\n<p>Der &#8222;Herbst 89&#8220; &#8211; wie sie heute zusammenfassend sagen &#8211; brachte folgerichtig das Mitwirken der Gruppe im &#8222;B\u00fcrgerkomitee&#8220; der Stadt, im &#8222;B\u00fcrgerrat&#8220;, in &#8222;Kommissionen des Parlaments&#8220;, am &#8222;Runden Tisch&#8220;. Die Aufl\u00f6sung der Stasi und die Mitsprache in der Kommunalpolitik waren erste Schritte aus der Vision in die Zukunft.<\/p>\n<p>Aus der kleinen Erfurter Gespr\u00e4chsgruppe meint eine Person dazu: &#8222;Es gab keinen Plan, es wurde getan, wie es sich ergab &#8211; man war zur Stelle, bereit, ebnete Wege. Es gab immer \u00dcberraschungen, immer nur ganz kurzfristig wurde klar, wie alles l\u00e4uft. Entdeckungen, Enth\u00fcllungen \u00fcberraschten, entsetzten. Es gab Stimmungen zwischen Optimismus und Resignation. Die Wahl im M\u00e4rz 90 brachte Ern\u00fcchterung und die Einsicht, da\u00df manches, was wir wollten, \u00fcberhaupt nicht gehen w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p>Eine andere Person: &#8222;Unsere Ziele waren viel \u00e4lter als zehn Jahre. Wir wollten unser Leben darauf ausrichten, mit dieser Welt zurechtzukommen, auch mit der DDR. Erfahrungen mit Einmischung hatten wir reichlich. Wir verhandelten beispielsweise in Umwelt-, Demokratie- und Friedensfragen mit den &#8218;Offiziellen&#8216; der DDR bis auf Regierungsebene. Wir wollten Mitspracherecht und weg von der Scheindemokratie. Ein geh\u00f6rter Vortrag Heino Falckes in G\u00f6rlitz \u00fcber &#8222;Verbesserlichen Sozialismus&#8220; best\u00e4rkte uns. Wir haben darauf gesetzt, dieses Land zu ver\u00e4ndern. Wir haben Menschen Kraft gegeben, M\u00f6glichkeiten der Selbstverwirklichung aufgezeigt, haben ihnen Themen er\u00f6ffnet und ihre Interessen an die Verantwortlichen herangetragen. Wir haben uns ziemlich weit vorgewagt. Niemand sonst hat diese Arbeit f\u00fcr die Menschen geleistet. Deswegen waren wir mutig genug, die Wende direkt mitzumachen.&#8220;<\/p>\n<p>Bis Oktober 89 habe sich kaum jemand in der Gespr\u00e4chsgruppe vorstellen k\u00f6nnen, da\u00df die DDR verschwindet. Gerechtigkeit, Mitsprache seien das Ziel gewesen. Sie wollten das Machtmonopol der SED brechen; sie wollten einen Sozialismus, in dem sich jede\/r aktiv beteiligen kann. &#8222;Zur\u00fcckgekehrt nach l\u00e4ngerer Abwesenheit erfuhr ich, was hier vorgegangen war. Begeisterung und Angst mischten sich in mir. Die Offene Arbeit erlebte ich als Beraterin und Helferin. Die tollen Tage habe ich nicht miterlebt.&#8220;<\/p>\n<p>Eine andere Person direkt darauf: &#8222;Es waren eigentlich keine tollen Tage, es war viel mit Angst und Unsicherheit besetzt.&#8220; Anfangs habe man\/frau Angst vor der DDR gehabt, dann, als es sich mit dem Westen vermischte, vor dummen Leuten, die an den Demos teilnahmen und dummes Zeug gr\u00f6lten. &#8222;Auf der Demo mit Helmut Kohl verteilten wir uns in der Menge und warnten: &#8218;La\u00dft euch nicht einkaufen f\u00fcr einen Appel und ein Ei!&#8216; Es war eine aggressive Stimmung.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Zweitversion des Satzes von &#8218;Wir sind das Volk&#8216;, n\u00e4mlich &#8218;Wir sind ein Volk&#8216;, haben wir mit Bedenken geh\u00f6rt. Bis zur Volkskammerwahl waren wir immer noch optimistisch, da\u00df etwas losgehen w\u00fcrde. Die Zeit der Runden Tische, wo die alten und die neue Macht zusammensa\u00df, war die kurze Zeit eines richtigen Aufbruchs. Es war eine tolle Zeit, als das Volk wirklich als Souver\u00e4n erschien. Einige Zeit nach der Volkskammerwahl jeoch kam die Ern\u00fcchterung, da\u00df andere Kr\u00e4fte m\u00e4chtiger waren als wir.&#8220;<\/p>\n<p>Die Intellektuellen-Demo am 4.11.89 in Berlin hatte jemand aus der Gespr\u00e4chsgruppe besucht. Die sei wunderbar gewesen. Doch: &#8222;Als dann die Grenzen aufgingen, habe ich gesagt: das war es, ich hatte das Gef\u00fchl, es ist gelaufen.&#8220;<\/p>\n<p>Von dem &#8222;Interrims-Parlament&#8220; in Erfurt erz\u00e4hlt eine andere Person: &#8222;Von allen existierenden Gruppen des B\u00fcrgerkomitees waren f\u00fcnf Vertreter darin. Das alte Parlament wurde abgesetzt. In der Michaeliskirche gab es ein &#8218;Gorbatschow-Zimmer&#8216;. Hunderte von Leuten kamen in die Stadtmission. Da wurde abends festgelegt, da\u00df am n\u00e4chsten Tag das Stadtparlament aufgel\u00f6st wird. Und dann haben wir uns in den Stadtverordneten-Sitzungssaal gesetzt &#8211; reinste Anarchie! Dann gingen Wortgefechte los: Wie geht es weiter? In dem Interrims-Parlament konnte man lernen, was parlamentarische Demokratie kann oder nicht kann. Dann kamen &#8218;geschicktere Leute&#8216;, ich bin ab April 90 nicht mehr hingegangen. Ich hatte keine Kraft mehr, hatte immer das Gef\u00fchl, hinterher zu hinken. Dabei war ich mittendrin. Ich war von der Stadtmission extra freigestellt.&#8220;<\/p>\n<p>Auch vom Konsumrausch ist die Rede: &#8222;Im ersten Jahr habe ich noch Schokolade gestapelt und Pfirsiche eingelagert.&#8220; Politisch habe es gro\u00dfartige H\u00f6hepunkte gegeben: &#8222;Vor tausenden Menschen auf dem Domplatz zu reden! Herausforderung und Emotionen trieben mich an, ohne die Zeit zu haben darauf zu schauen, was da mit mir abging. Ich lebte etwas aus, was als unbekannte Energie in mir war: Wolf Biermann auf den Domplatz zu holen, in die Andreasstra\u00dfe hineinzugehen und Stasi-Tore zu \u00f6ffnen. Die eigenen Stasi-Leute haben da mitgemacht.&#8220;<\/p>\n<p>Als in Berlin am 15. Januar 90 die &#8222;Nasi&#8220; (Nachfolgeorganisation der Stasi) gegr\u00fcndet werden sollte, seien pl\u00f6tzlich alle Taxis der Stadt um den Palast der Republik gefahren und h\u00e4tten gehupt. Und in Erfurt? &#8222;Als ein Regierungsvertreter im Landtag ein Vier-Augen-Gespr\u00e4ch mit mir f\u00fchrte, um meine Sympathie zu gewinnen, sagte ich ihm: &#8218;Ihre Zeit ist vorbei!'&#8220;<\/p>\n<p>Eine andere Person aus der Gespr\u00e4chsgruppe: &#8222;Die sch\u00f6nste Zeit war, als das Land regierungslos war, als einfach nur engagierte Menschen handelten. Aber viele konnten damit gar nicht umgehen, das Vorbild war weg.&#8220;<\/p>\n<h3>Nach der Euphorie<\/h3>\n<p>Was war es nun: Revolution oder Platzregen? &#8222;Wir waren stolz. Aber das Resultat hat nicht unseren Vorstellungen entsprochen.&#8220; Es sei alles ziemlich leicht gegangen: &#8222;H\u00e4tten wir das vorher gewu\u00dft, w\u00e4re es l\u00e4ngst passiert. Die viele Angst war gar nicht n\u00f6tig. Im Herbst &#8217;89 habe ich einen Themenabend \u00fcber Revolutionsgeschichte gehalten. Ich habe damals die eigene Zeit nicht einordnen k\u00f6nnen. Es lief in einer solchen Geschwindigkeit ab, die konnte man gar nicht fassen. Es war ein gro\u00dfer Moment der Bewegung, positiver Bewegung. Die Zeit war spannend. Es war mehr drin.&#8220;<\/p>\n<p>Da widerspricht jemand: &#8222;Es war nicht mehr drin. Mehr war nicht leistbar. Es war ein riesiges Arbeitsfeld zu bew\u00e4ltigen. Leute sind auch aus Angst vom B\u00fcrgerkomitee abgesprungen.&#8220;<\/p>\n<p>Manchmal sei es auch kritisch geworden. Da sei die Gewaltfreiheit fast den Bach runter gegangen. Die Gruppe habe manche bremsen m\u00fcssen. Empork\u00f6mmlinge h\u00e4tten andere Ziele gehabt: den Wechsel von einem System ins andere. &#8222;Tief entt\u00e4uscht nach der Wahl 90 mu\u00dften wir feststellen, da\u00df es nicht dahin ging, wohin wir wollten, nicht zum verbesserten Sozialismus. Ich habe die Entt\u00e4uschung \u00fcberwunden, als ich erkannte, da\u00df die Perspektive eine bessere Entwicklung zul\u00e4\u00dft. Das unersch\u00fctterlich Positive ist, da\u00df es Menschen geschafft haben, einen Geheimdienst aufzul\u00f6sen, Grenzen zu \u00fcberschreiten, sich zu trauen.&#8220; Das d\u00fcrfte auch anderen Geheimdiensten zu denken geben.<\/p>\n<p>Nach der M\u00e4rz-Wahl sei den Aktiven die Gestaltungskraft entzogen worden: &#8222;Es haben andere die Sachen geregelt und nicht mehr die, die mit mir gemeinsam engagiert waren in dieser Stadt. Ich akzeptiere das, weil ich Realist bin. Mit meinen Erfahrungen aus einer zu engen Gesellschaft und einer freiz\u00fcgigen, offenen, unverbindlichen Gesellschaft kann ich in beiden das Negative sehen. Ich warte darauf, da\u00df es wieder losgeht.&#8220;<\/p>\n<p>Entt\u00e4uschend sei gewesen, da\u00df es pl\u00f6tzlich hie\u00df: &#8222;Ihr m\u00fc\u00dft es so machen und wir haben es uns gefallen lassen.&#8220; Aber, so eine andere Person: &#8222;Unsere Kraft hat nicht mehr ausgereicht, um auf die neuen Verh\u00e4ltnisse immer aktiv einwirken zu k\u00f6nnen. Es waren viele auf der Stra\u00dfe, weil wir da waren. Ein Teilziel war erreicht, dann war kein Interesse mehr da. Als es vorbei war, war ich nur noch ein einfacher Kerl, kam \u00fcberhaupt nicht mehr ins Rathaus rein. Rathaus besetzen hat seine Zeit, Stasi aufl\u00f6sen hat seine Zeit!&#8220;<\/p>\n<p>Einer anderen Person schien es zun\u00e4chst wie ein Traum, wie eine vollendete Revolution. Nach 1990 aber kam ein neues System: &#8222;Daran hatten wir uns alle zu gew\u00f6hnen. Manche sind aus diesem Gew\u00f6hnungsproze\u00df nicht mehr herausgekommen. Anfang der 90er Jahre wurden die politisch Aktiven immer weniger, bis heute. Ich w\u00fcnschte mir nochmal eine solche Situation, auf die wir uns besser vorbereiten k\u00f6nnten. Heute ist es anders schlecht. Man bewegt heute wenig, auch wenn man noch so aktiv ist. Die Zeit dieses Systems wird auch mal zuende sein.&#8220;<\/p>\n<p>Alles, was einst hoffnungsvoll gewesen sei, sei mittlerweile abgeschafft worden. Nur vier Stasi-Leute aus Erfurt h\u00e4tten sich schuldig bekannt. Es entbrennt eine Kontroverse in der Gespr\u00e4chsgruppe, ob pers\u00f6nliche Freiheit erk\u00e4mpft worden sei. Einer Stimme, die das bejaht, wird sofort entgegen gesetzt: &#8222;Wir sind heute nicht frei, zu entscheiden! Freiheit ist immer relativ!&#8220;<\/p>\n<p>Eine andere Person \u00fcber die pers\u00f6nliche Situation: &#8222;Ich habe nur eine Zehnklassen-Schulbildung, nicht studiert, war nicht in der NVA (Nationale Volksarmee, Red.), aber ich konnte in der DDR trotzdem bestehen. Meine Verweigerungen in der DDR treffen mich heute schlimm. Ich m\u00fc\u00dfte aufholen, was gar nicht zu schaffen ist und was ich wahrscheinlich auch gar nicht will. Ich w\u00fcrde mich heute nicht mehr so engagieren. Ich habe heute das Empfinden, daf\u00fcr bestraft zu werden. Ich komme jetzt schlecht zurecht, habe auch das R\u00fcckgrat nicht mehr.&#8220;<\/p>\n<p>In der DDR habe aus Mangel immer Kraft gezogen werden k\u00f6nnen. Heute st\u00f6rten nur die grellen Farben: &#8222;In der DDR habe ich so gelebt, wie ich \u00fcberall lebe. M\u00e4ngel regen Kreativit\u00e4t an. Der Kontrast zum \u00dcberangebot ist in meinem Leben wichtig. Das \u00dcberangebot finde ich pervers.&#8220; Und Leute, mit denen man\/frau auf der Stra\u00dfe stand, stehen pl\u00f6tzlich in der Regierung.<\/p>\n<p>Eine andere Person meint: &#8222;In DDR-Zeiten war es einfacher, weil ich streiten konnte. Himmlische Formen auf die Erde bringen, nicht ins Jenseits; Menschen aufrichten, mit Zivilcourage durchs Leben gehen &#8211; daf\u00fcr setze ich mich damals wie heute ein. Ich w\u00fcnsche mir einen gesellschaftlichen Aufschwung, bei dem sich Menschen engagieren. F\u00fcr mich kann ich sagen, da\u00df es nicht umsonst war, wenn es auch nicht das brachte, was ich wollte. Ich mu\u00df in der &#8218;Offenen Arbeit Erfurt&#8216; heute genauso politisch bewu\u00dft denken, um die Gesellschaft grundlegend zu hinterfragen.&#8220;<\/p>\n<p>Eine gerechte Gesellschaft sei damals wie heute das Anliegen gewesen. Die Aktiven von &#8217;89 h\u00e4tten heute ihre Nische, w\u00fcrden toleriert. Aber je mehr sich die Widerspr\u00fcche versch\u00e4rften, desto sch\u00e4rfer w\u00fcrde die Reaktion, das sei heute wie damals so. Und eine Person aus dem Gespr\u00e4chskreis formuliert das Schlu\u00dfwort: &#8222;Wir haben Geschichte geschrieben. Wir d\u00fcrfen hoffen, da\u00df andere daraus etwas \u00fcbertragen und mitnehmen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christliche Idealvorstellungen mit sozialistischen Ideen verbinden &#8211; waren das nicht schlechthin die idealen Intentionen einer Demokratie? Ist das nicht selbstverst\u00e4ndlich, wenn sich Menschen mit ethischer, moralischer, kultureller Bildung um ein Miteinander bem\u00fchen, das allen Identit\u00e4t und bewu\u00dftes Dasein erm\u00f6glicht? Bedarf es dazu in unserem fortgeschrittenen Zeitalter einer Revolution? 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